{"id":3588,"date":"2022-05-14T23:25:15","date_gmt":"2022-05-14T21:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3588"},"modified":"2024-02-12T00:03:40","modified_gmt":"2024-02-11T23:03:40","slug":"zeitmarken-ein-romantisches-buch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3588","title":{"rendered":"\u201eZeitmarken\u201c der Nuba \u2013 F. Kramer und G.Marx wurden Zeugen der verlorenen \u201eFeste von Dimodonko\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<em>Fritz W.Kramer und Gertraud Marx : \u201aZeitmarken \u2013 die Feste von Dimodonko\u2019 in der Reihe \u201aSudanesische Marginalien\u2019 im Trickster Verlag, 189 Seiten, M\u00fcnchen 1993<\/em><\/p>\n<p>Upload: 22.Aug. 2015 &#8211; <span style=\"color: #ff0000;\">\u00fcberarbeitet 14. Mai 2022<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3602\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"469\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/P1400997-Nuba-Karte.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde ein Denkmal f\u00fcr die Leute von &#8218;Dimodonko&#8216;, den &#8218;Kodenko&#8216; oder &#8218;Kronko&#8216; im S\u00fcden des Berglands von Kordofan. \u201aS\u00fcdliche Nuba\u2019 war die mir durch h\u00e4ufige Wiederholung auffallende Bezeichnung in seiner <em>Jensen-Ged\u00e4chtnisvorlesung<\/em> an der Frankfurter Universit\u00e4t 2009 und bereits ein Kompromiss mit dem Sprachgebrauch in Deutschland, wo &#8218;die Nuba\u2019 seit langem ein Begriff sind. Im Grunde meinte aber Kramer als pr\u00e4ziser Ethnologe immer nur &#8218;die Leute von Dimodonko&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren entschuldigen sich f\u00fcr einen philologischen Zugang \u2013 er pr\u00e4gt besonders die Einleitung in lexikalischem Stil, die Anmerkungen und die lange Literaturliste. Sie lassen bereits im ersten Kapitel ahnen, wie sch\u00f6n das Buch h\u00e4tte werden k\u00f6nnen, dessen breit angelegten Fundamente wir hier bewundern. So ist ein wissenschaftliches Taschenbuch entstanden, mit Kartenskizzen in irritierend gro\u00dfer Aufl\u00f6sung, aber ohne Bilder.<\/p>\n<p>Es ist ein intimes Buch, anr\u00fchrend in der Ank\u00fcndigung, fortan das grammatische Pr\u00e4sens f\u00fcr vergangene Verh\u00e4ltnisse zu verwenden. Wie gerne h\u00e4tten Fritz Kramer und Gertraud Marx den ganzen Jahreszyklus, den sie in der Erz\u00e4hlung vor uns erstehen lassen, selber durchlebt, ebenso wie die gro\u00dfen und unbeschwerten Feste, von denen man ihnen erz\u00e4hlte, als man sie 1987 zu etwas wie Notausgaben einlud. Die Intensit\u00e4t der Darstellungen wie der Er\u00f6rterungen l\u00e4sst vermuten: Diese Zeit klassischer Feldforschung zwischen zwei Akten des B\u00fcrgerkrieges im s\u00fcdlichen Sudan wurde trotz des vorzeitigen Endes eine pr\u00e4gende Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren hielten sich 1987 zu intensiverer Forschung bei den Leuten auf, aber der erste pr\u00e4gende Eindruck der Autoren datierte von 1974. Damals, in diesen beiden Jahrzehnten war die Bereitschaft zur Idealisierung alternativer Lebensformen in Westdeutschland bekanntlich gro\u00df. Das Buch wurde 1993 publiziert. Heute f\u00e4llt es mir schwer, das schmale Buch in einem St\u00fcck durchzulesen, ich ertrage Sozialutopien seit langem nicht mehr. Jeglicher Utopismus ist mir ausgetrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die notgedrungen skizzenhafte Darstellung bietet ein Gesellschaftsmodell und suggeriert in der Summe einen \u201aparadiesischen\u2019 Zustand \u201aedler Wilder\u2019 oder mit Karl Marx eine \u201aUrgesellschaft\u2019, welche die verf\u00fcgbaren Ressourcen in einer kleinen \u00f6kologischen Nische &#8211; an den H\u00e4ngen von Tafelbergen inmitten der weiten sudanesischen Ebenen &#8211; optimal nutzte. Einbettung in die Natur \u2013 auch wenn \u201aHunger\u2019 oder \u201aMalaria\u2019 im Jahreskreis ihren Platz hatten &#8211; \u00fcberhaupt der kreisf\u00f6rmige Charakter herrschte in allem. Gemeinschaftliches Arbeiten und Genie\u00dfen, die Institution der \u201aTreuh\u00e4nderschaft\u2019 und schlie\u00dflich eine institutionalisierte \u201aFreundschaft\u2019 auf Grund der Neigung von Individuen, generell die R\u00fccksicht auf die menschliche Natur, insbesondere das Geschlecht und das Bed\u00fcrfnis nach Rausch oder die Kanalisierung kreativer und aggressiver Impulse im Wettstreit. Wie h\u00e4lt man junge Leute mit beschr\u00e4nkten Mitteln besch\u00e4ftigt und bei Laune? Eine \u00fcberall zentrale Frage! Alle Widrigkeiten des Lebens, alle menschlichen Leidenschaften und Eigenheiten sollten Sinn erhalten, verst\u00e4ndlich werden. Alle m\u00f6glichen Konflikte sollten wenn nicht vermieden, so doch eingebettet werden. Das gab eine Menge Gespr\u00e4chsstoff. Das Leben wurde nie langweilig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab keine formellen Hierarchien, auch keine auf individueller Leistung basierende. Es gab keine mehr oder weniger zentrale Herrschaft. Es war eine Kultur, in der man die Jahreszeiten mit Festen als \u201aZeitmarken\u2019 ehrte und so die sozialen Bindungen periodisch erneuerte. Entsprechende Motive wirken in \u201aZeitmarken\u2019 wie Beschw\u00f6rungen: \u201e<em>&#8230;und feiern ihre Feste, auf denen sie Wettk\u00e4mpfe im Ringen abhalten, trommeln oder auf der Leier spielen, tanzen und Lieder singen.<\/em>\u201c (78). Doch es gab Nestfl\u00fcchter, Nachbarn und schlie\u00dflich \u00fcberregionale \u201amoderne\u2019 Konflikte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Gesellschaft untergehen zu sehen, w\u00e4hrend man sich um Zugang und Verstehen bem\u00fchte, musste sehr wehtun. Nach einem Zwischenaufenthalt bei in Khartum gestrandeten \u201aNuba\u2019-Fl\u00fcchtlingen machte man sich &#8211; auf den Schultern weniger Informanten &#8211; an die wissenschaftliche Rekonstruktion, im Hinterkopf die gesamte einschl\u00e4gige Literatur. F\u00fcr das &#8218;Making-of&#8216; fand das Taschenbuch zu wenig Platz. Durch die Publikationsreihe war ein karger Rahmen vorgegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den folgenden zwei Jahrzehnten hat Fritz Kramer die Kultur der Leute von Dimodonko in den Publikationen immer neu beleuchtet und reflektiert, doch aus eher zunehmender Distanz, so auch in seiner j\u00fcngsten Buchpublikation: <em>Kunst im Ritual \u2013 Ethnographische Erkundungen zur \u00c4sthetik<\/em>\u201c, der Ausarbeitung der Vorlesung von 2009, im Reimer Verlag 2014.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dokumentarische Fotos aus Dimodonko fehlen in &#8218;Zeitmarken&#8216;. Bilderfahrungen muss man sich anderswo holen (Literaturliste), sie sind aber dann auch von anderswoher. Auch eine eindringliche literarische Prosa kann sie nicht ersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren vermeiden damit ein Dilemma, wenn sie allein in starken Metaphern den Kult athletischer geschmeidiger K\u00f6rper und unverkrampfter Sinnlichkeit unter den Leuten von Dimodonko vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen attraktive Fotos sich \u00fcberhaupt erfolgreich absetzen vom Verdacht des \u201avoyeuristischen\u2019 Blick oder eines als faschistoid etikettierten K\u00f6rperkults einer Leni Riefenstahl (\u201a<em>Nuba<\/em>\u2019)? Ich hielt deren \u00f6ffentliche Skandalisierung vor drei\u00dfig Jahren (&#8222;SPIEGEL&#8220;,&#8220;STERN&#8220;) f\u00fcr \u00fcbertrieben und war gespannt auf die Fotos von George Rodger, auf die im Literaturverzeichnis von \u201aZeitmarken\u2019\u00a0 verwiesen wird.<\/p>\n<p><em>Abb. aus G. Rodger, Le Village des Noubas, Paris 1955, Robert Delpire Editeur<\/em><\/p>\n<p><em>Vgl.\u00a0 George Rodger: &#8222;Unterwegs 1940-1949 &#8211; Tagebuchaufzeichnungen eines Fotografen und Abenteurers&#8220;, Hatje-Cantz 2009<\/em><\/p>\n<p><em>Vgl. &#8222;Magnum Opus&#8220;, Nishen 1987, Colin Osman (Hrsg.)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2557.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3655\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2557.jpg\" alt=\"IMG_2557\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2557.jpg 1000w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2557-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2557-624x468.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2558.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3656\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2558-300x225.jpg\" alt=\"IMG_2558\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2558-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2558-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_2558.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich vermag an den Fotografien nicht wirklich einen relevanten Unterschied abzulesen, abgesehen vom ungeheuren Entwicklungsschritt von Fototechnik und Drucktechnik zu gro\u00dfformatigen farbigen Bildb\u00e4nden. Die Bildtechnik ist sowohl generell &#8222;voyeuristischer&#8220; und &#8222;stylish&#8220; geworden. Wie weit h\u00e4ngt unser Urteil von der Auf- oder Abwertung der Fotografen ab?<\/p>\n<p>Bei Leni Riefenstahl, der skrupellosen Perfektionistin, die mit ihrer &#8211; f\u00fcr Hitlers Propaganda inszenierten &#8211; Maximierung sinnlicher Effekte weltweit re\u00fcssierte, und die als achtzigj\u00e4hrige Fototouristin \u00fcber &#8222;Nuba&#8220; nur Plattheiten ge\u00e4u\u00dfert hat, liegt eine Abwertung nah. Demgegen\u00fcber hat der Dokumentarfotograf von &#8222;Life&#8220; und\u00a0 Mitgr\u00fcnder der Fotoagentur &#8222;Magnum&#8220; (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fotojournalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) Rodgers unsere Sympathie, der nach 1945 inneren Abstand suchte von traumatisierenden Begegnungen wie der mit den Opfern des KZ\u00a0 &#8222;Bergen-Belsen&#8220;, als er eine lange Abenteuerreise mit seiner Frau 1949 durch Afrika unternehm, wovon seine Tageb\u00fccher offenherzig erz\u00e4hlen. Wer w\u00fcrde bei seinen Aufnahmen auf &#8222;Voyeurismus&#8220; kommen?<\/p>\n<p>Das Buch von Fritz Kramer und Gertraud Marx ist drei\u00dfig Jahre alt. Sie schreiben in ihrem Vorwort: &#8222;<em>Der\u00a0 Zustand, in dem wir die Kodonko zuletzt sahen, war der eines beklommenen Abwartens, in dem die Hoffnung auf eine R\u00fcckkehr des Friedens \u00fcberwog. (&#8230;.) Denn die Kodonko unterschiedene zwischen guten und schlechten Zeiten, die sich abwechseln, und f\u00fcr sie war der gegenw\u00e4rtige Krieg\u00a0 nicht das einmalige Ereignis, das ihrer Welt vielleicht ein Ende setzt, sondern ein Moment in der Wiederkehr des Gleichen.\u00a0 Die gute Zeit,war die Zeit in der man die Feste feiert, wie sie fallen, die schlechte ihre erzwungene Aussetzung.<\/em> &#8230;.&#8220; (S.9, Januar 1993)<\/p>\n<p>George Roger zeigt und beschreibt eine lokale Katastrophe im Dorf\u00a0 einer benachbarten Nuba-Gruppe: ein Feuer, durch einen umgesto\u00dfenen Kochtopf verursacht, das durch Funkenflug binnen drei\u00dfig\u00a0 Minuten zweihundertdrei\u00dfig H\u00e4user in einen Haufen verkohlten Ruinen verwandelte und die Getreidevorr\u00e4te f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr vernichtete. (&#8222;Unterwegs&#8230;&#8220; S.105, 3. M\u00e4rz 1949, Kau)<\/p>\n<p>Die Verbindung zu den Menschen der Nuba-Berge ist lange abgerissen. Ihr Zustand &#8222;erzwungener Aussetzung&#8220; dauert an. Selbst nachdem der &#8222;S\u00fcdsudan&#8220; nach zwanzig Jahren Krieg 2015 seine Abl\u00f6sung vom &#8222;Sudan&#8220; erzwungen hat, herrscht in den Nuba-Bergen n\u00f6rdlich der neuen Staatsgrenze immer noch Krieg. Diese Geschichte verbrannter D\u00f6rfer, Umsiedlungen und gewaltsamer Vertreibungen wird in Wikipedia <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nuba\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Nuba&#8220; <\/a>zusammengefasst und in einem Interview aktuell beschrieben, in der katholischen Wochenzeitung f\u00fcr das Bistum Berlin mit dem auff\u00e4lligen Namen &#8222;Tag des Herrn&#8220; (<em>https:\/\/www.tag-des-herrn.de<\/em>) vom 2. Januar 2019 (<a href=\"https:\/\/www.tag-des-herrn.de\/print\/40958\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>)<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Textauszug :<\/span><\/h3>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h4>Interview mit Mediziner und Missionar Tom Catena &#8211; Der vergessene Konflikt im Su\u0308den Sudans<\/h4>\n<p>Konflikte nach allen Seiten, doch international vergessen: Die Menschen in den Nuba-Bergen im Su\u0308den Sudans sind arm, ihre No\u0308te bekommen international kaum Aufmerksamkeit. Hilfsorganisationen wagen sich selten in die Region. Der Mediziner und Missionar Tom Catena hat dort vor rund 10 Jahren ein Krankenhaus aufgebaut. Im Interview spricht der mehrfach ausgezeichnete Arzt aus den USA u\u0308ber die schwierige Lage und die Gesundheitsversorgung in der Region.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>Herr Catena, Ihr Krankenhaus liegt in den Nuba-Bergen im Su\u0308den Sudans an der Grenze zum Su\u0308dsudan. Wie ist die Lage dort?<\/em><\/p>\n<p>Offiziell geho\u0308ren die Nuba-Berge zum Sudan. Aber das Gebiet wird von Rebellen kontrolliert, der sudanesischen Befreiungsarmee. Die ka\u0308mpfen gegen die sudanesische Regierung in Khartum und fordern Unabha\u0308ngigkeit. Wir in den Nuba-Bergen leben in der Schwebe. Aktuell ist es zwar ruhig, aber niemand wei\u00df, in welche Richtung sich die politische Situation entwickelt und ob es wieder zu Ka\u0308mpfen kommt. (&#8230;.)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>Das Krankenhaus ist das einzige fu\u0308r rund eine Million Menschen.<\/em><\/p>\n<p>Ja. Unser Einzugsgebiet hat in etwa die Fla\u0308che von O\u0308sterreich. Manche Patienten kommen aus Flu\u0308chtlingslagern im Su\u0308dsudan, andere verstreut aus den Bergen. Viele sind mehrere Wochen unterwegs, um uns zu erreichen.<\/p>\n<p><em>Sudan ist eines der a\u0308rmsten La\u0308nder der Welt. Ko\u0308nnen die Menschen sich u\u0308berhaupt eine Behandlung leisten?<\/em><\/p>\n<p>Die Patienten zahlen einen symbolischen Beitrag von 45 Cent. Das ist quasi eine Flatrate fu\u0308r die gesamte Behandlung. Allerdings deckt das nicht ansatzweise die Kosten. Zum Vergleich: Ein HIV-Test kostet allein 60 Cent. Das meiste wird u\u0308ber Spenden abgedeckt. Die Betriebskosten fu\u0308r das Krankenhaus liegen bei rund 660.000 Euro. Wir bescha\u0308ftigen 230 Mitarbeiter, davon 80 Krankenschwestern. Viele von ihnen haben keine richtige Ausbildung, sondern wurden &#8222;on the Job&#8220; angelernt.<\/p>\n<p><em>Woher beziehen Sie Medikamente und was Sie sonst brauchen?<\/em><\/p>\n<p>Das ist kompliziert. Aber immerhin erreichen uns seit dem Friedensschluss zwischen Sudan und Su\u0308dsudan 2015 einigerma\u00dfen verla\u0308sslich Gu\u0308ter. Die Medikamente kaufen wir in Nairobi in Kenia ein. Sie werden dann in den Su\u0308dsudan gefahren. Dort gibt es eine einzige Stra\u00dfe, u\u0308ber die alles, Gu\u0308ter, Lebensmittel oder Medikamente, zu uns in die Berge kommt. Wenn es dort A\u0308rger gibt, sind wir von der Versorgung abgeschnitten.<\/p>\n<p><em>Fu\u0308hlen Sie sich vergessen oder allein gelassen?<\/em><\/p>\n<p>Sudan und die Nuba-Berge, das ist quasi ein vergessener Konflikt. Die Vereinten Nationen haben die Region verlassen und keinen Fu\u00df mehr in der Tu\u0308r. Aber wenn Regierungen und Institutionen scheitern, mu\u0308ssen Einzelpersonen die Lu\u0308cken fu\u0308llen und sich um die Menschen ku\u0308mmern. Genau das ist in Nuba passiert. Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe, nicht nur medizinisch zu helfen, sondern auch Aufmerksamkeit auf den Konflikt zu lenken. Die Menschen dort haben ansonsten niemanden, der fu\u0308r sie spricht und sich fu\u0308r sie einsetzt.<\/p>\n<p><em>Warum nicht? In Zeiten von Migration spielt Afrika fu\u0308r Europa strategisch schon eine Rolle &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Sudan war lange international verteufelt, galt als Terroristenstaat. Die Migrationskrise in Europa hat das zwar gea\u0308ndert, aber einseitig. Viele Flu\u0308chtlinge aus Eritrea ziehen u\u0308ber den Sudan nach Libyen und wollen von dort Richtung Europa. Die EU bezahlt dem Sudan viel Geld, um Migranten auf dem Weg zu stoppen. Dabei geht das Regime oft brutal vor.<\/p>\n<p><em>Was erwarten Sie von der EU?<\/em><\/p>\n<p>Die EU sollte daru\u0308ber nachdenken, an welchen Stellen sinnvoll Geld eingesetzt werden kann. Denn bei den Menschen selbst kommt in weiten Teilen des Sudan derzeit nichts an. Die meisten Menschen dort kennen seit Jahren nur Krieg und haben die Nase voll davon. Ihnen wu\u0308rde ein Friedensabkommen zwischen Sudan und den Rebellen in den Bergen helfen. Dafu\u0308r sollte man sich auch international einsetzen.<\/p>\n<p>Der Sudan ist offiziell ein muslimischer Staat und Sie geho\u0308ren zur christlichen Minderheit &#8211; beeinflusst das Ihre Arbeit?<br \/>\nDas Zusammenleben von Muslimen und Christen in den Nuba-Bergen ist einzigartig. Christen bilden dort eine ziemlich gro\u00dfe Minderheit. Eine religio\u0308se Kluft gibt es nicht wirklich. Manche Muslime sind mit Christen verheiratet und umgekehrt. Fu\u0308r Fundamentalisten im Norden gelten die Muslime in den Nuba-Bergen deshalb aber als Ungla\u0308ubige. (&#8230;.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h6><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Fritz W.Kramer und Gertraud Marx : \u201aZeitmarken \u2013 die Feste von Dimodonko\u2019 in der Reihe \u201aSudanesische Marginalien\u2019 im Trickster Verlag, 189 Seiten, M\u00fcnchen 1993 Upload: 22.Aug. 2015 &#8211; \u00fcberarbeitet 14. 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