{"id":3494,"date":"2015-08-12T22:18:38","date_gmt":"2015-08-12T21:18:38","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3494"},"modified":"2020-05-21T11:34:29","modified_gmt":"2020-05-21T09:34:29","slug":"china-die-neue-supermacht-auf-arte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3494","title":{"rendered":"\u201eChina, die neue Supermacht\u201c auf ARTE"},"content":{"rendered":"<h4>Zur Dokureihe von Jean-Michel Carr\u00e9, ARTE F 2012 dreimal 60\u2019: <em>China erwacht, holt auf, triumphiert.\u00a0\u00a0 <\/em><strong>Betrachtung zu unseren Wahrnehmungen und Erwartungen, zum Beispiel &#8218;Demokratie&#8216; und &#8218;Menschenrechten&#8216;<\/strong> <!--more--><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\">\u201e<em>Ob der wirtschaftliche Aufschwung den Wunsch nach Demokratie zum Schweigen bringt<\/em>?\u201c<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Ob der wirtschaftliche Aufschwung den Wunsch nach Demokratie zum Schweigen bringt<\/em>?\u201c \u2013 So etwa formulierte die Anmoderatorin. Meine Frau w\u00fcrde sie mit der Frage \u00fcberzeugen. Die denkt dabei vor allem an die Verletzung der Menschenrechte. Sie hat sich gerade wieder mit Tibet besch\u00e4ftigt. Wir haben gestern abend zusammen den ersten Teil gesehen, so dicht gewebt, wie es einem geschriebenen Text besser anst\u00fcnde, aber \u201e7 Tage\u201c sind die drei Folgen noch im Netz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um wessen Wunsch geht es beim <em>Wunsch nach Demokratie<\/em>? Zuallererst um eine von chinesischen Dissidenten in\u00a0 unsere Medien \u00fcbernommene und unerm\u00fcdlich wiederholte Forderung. Ich erinnere mich: So moralisch ist die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit bereits den Taliban begegnet, Saddam Hussein, Gaddhafi, Assad u.s.w..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ARTE organisiert sich nach dem wo immer entstandenen politischen \u00dcber-ich. Ich h\u00e4tte immer gerne gewusst, wie in dieser franz\u00f6sisch-deutschen Blackbox Diskussionen und Entscheidungen ablaufen. Doch darin waren sie noch nie transparent, boten nur eine Bedieneroberfl\u00e4che. Von seinem Erscheinungsbild her wirkt ARTE auf mich mehr als fr\u00fcher ideologisch, als propagandandistisches Patchwork der gerade aktuellen, immer politisch korrekten Ideen. Doch ist ARTE noch durchl\u00e4ssig f\u00fcr widerst\u00e4ndige Informationen. Oder eben Gegenpropaganda. Dieser Film bewegt sich direkt an der Grenze, was nicht \u00fcberrascht, denn Thema ist ein ganzes System in seiner Entwicklung, und die Menschen, die im Feature f\u00fcr den dramaturgisch notwendigen Mann auf der Stra\u00dfe stehen, sind profilierte Vertreter der chinesischen Gesellschaft und sie argumentieren gegen die \u00fcbliche Erwartung differenziert, keineswegs als Sprachrohr von irgendwem. Von manchem w\u00fcrde ich gern mehr erfahren &#8211; die Namen werde ich mir noch heraus schreiben und googeln. Drei Jahre wurde am Film gearbeitet. Ein <em>Making of<\/em> w\u00e4re nat\u00fcrlich interessant, etwa, was die hohe Protektion f\u00fcr den Film und den allt\u00e4glichen Kleinkrieg mit den Beh\u00f6rden angeht. Selbst Liao Yi-wu durfte (2012!) ein paar S\u00e4tze im Film reden, im ersten Teil aber ganz harmlose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich versuche mir immer wieder vor Augen zu f\u00fchren, dass die VRC die politische und gesellschaftliche Ordnung f\u00fcr ein F\u00fcnftel der Menschheit darstellt. \u00dcber ein solches unerh\u00f6rtes, ja monstr\u00f6ses Gebilde soll man sich \u201aein politisches Urteil\u2019 bilden? Und das aufgrund der wenigen doch recht subjektiven Signale, die Dichter, Dissidenten und Korrespondenten senden? Man hat auch noch anderes zu tun und will sich einen \u00dcberblick verschaffen. Daf\u00fcr ist der Film richtig. Da er Chinas Wiederaufstieg zum Thema nimmt, sind die Verlierer dieser Geschichte freilich auch hier wieder die Verlierer. Ein mutiges Ehepaar aus der Arbeiterschaft und sonst hier und da ein Satz m\u00fcssen reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir, meine Frau und ich, haben uns 1988 einmal gut sechs Wochen durchs Land geschlagen, von Guangzhou \u00fcber Y\u00fcnnan, Sichuan, Shaanxi, wieder Sichuan, Hunan nach Hongkong, ganz auf uns gestellt, und die Freundlichkeit der Menschen. Ich selber habe seit f\u00fcnfzig Jahren zahllose B\u00fccher gelesen, Features gesehen, mich an der Sprache abgearbeitet, in den siebziger Jahren in einer Freundschaftsorganisation engagiert, in diesem Kontext 1973 eine Delegationsreise mitgemacht und, und, und&#8230; Ich reise nicht mehr ins heutige China, weil ich mich partout nicht entscheiden kann, wen ich heute \u00fcberhaupt sprechen, welche Weltsicht und welchen Standpunkt ich n\u00e4her kennen lernen m\u00f6chte. Die Menschen aus dem Volk oder erst recht die Arrivierten und Profiteure, die ich vorgef\u00fchrt bekomme, will ich gar nicht mehr treffen, ich meine sie genug zu kennen. Mir reicht auch der Anblick solcher Menschen in meinem eigenen Land. Ich f\u00fcrchte also, ich w\u00fcrde mich blo\u00df ma\u00dflos langweilen. Und &#8211; ausgew\u00e4hlte K\u00fcnstler und Dissidenten werden ja von den Medien breitgetreten. Was g\u00e4be es bei ihnen noch Neues zu erfahren? Nur Details k\u00f6nnten mein Interesse wecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen wohl realisieren, dass Maos totalit\u00e4re Exzesse seit bald vierzig Jahren \u201aGeschichte\u2019 sind. \u201aHitlerdeutschland\u2019 ist gerade mal siebzig Jahre \u201aGeschichte\u2019!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und diese Menschen sind in einer Situation, die nicht so verschieden von der eines B\u00fcrgers anderer Staaten, zumal von Diktaturen, ist. Die \u201aneuen Bundesl\u00e4nder\u2019 waren dies auch noch vierzig Jahre lang. Dabei hinken nat\u00fcrlich solche Vergleiche \u00fcber Kontinente und Kulturen hinweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entscheidungen und Abw\u00e4gungen politischer Eliten sind au\u00dfer in ein paar Zwergstaaten nirgends transparent. F\u00fcr Deutschland und andere westliche \u201aparlamentarische Demokratien\u2019 zweifle ich, ob unsere politische Verfassung komplexe und gleichwohl schl\u00fcssige Konzepte \u00fcberhaupt erlaubt. Zust\u00e4ndigkeitsgrenzen, Verfahrensregeln, Au\u00dfenwirkung und Wahltermine \u00fcberformen das politische Handeln in der Demokratie bis zur Unkenntlichkeit. Die akademischen Experten haben gut reden ohne \u201aVerantwortung\u2019. Luhmann winkt her\u00fcber: Politiker in parlamentarischen Demokratien haben schlicht andere Probleme und Priorit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u201atotalit\u00e4ren\u2019 China sind im Grunde viel mehr politische und b\u00fcrokratische Ebenen miteinander verflochten als in unserer freiheitlich f\u00f6deralen Bundesrepublik samt der \u00fcbergest\u00fclpten Union. Und das trotz der \u201aAlleinherrschaft\u2019 der KPCh. Wer ist die \u00fcberhaupt? 90 Millionen ausgebildete Menschen sind in der KP. Sie sollen sich konfuzianisch als Elite verstehen und betragen. Doch, wie ein \u201aParteihistoriker\u2019 formuliert: Sie tragen die W\u00fcnsche und Interessen ihrer sozialen Gruppe in \u201adie Partei\u2019. Und nach alledem soll \u201aDemokratie\u2019\u201aden Chinesen\u2019 fehlen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend meiner kurzen Lebenszeit haben wir uns von einem autorit\u00e4ren antikommunistischen und post-diktatorischen Zustand in die beste aller f\u00fcr Europa denkbaren Welten entwickelt. Warum habe ich in all dieser Zeit von Willy Brandts mitrei\u00dfender Parole \u201eMehr Demokratie wagen\u201c so wenig gesp\u00fcrt? Au\u00dfer im Morgenrot von Basisbewegungen, die \u00fcbrigens meist sehr beschr\u00e4nkte Sichtweisen pflegen. Der Vergleich Chinas mit unserem reichen und kleinen Land \u2013 wir g\u00e4ben gerade mal eine Provinz ab &#8211; ist ohnehin unfair. Asien, Afrika &#8211; und die Amerikas m\u00fcssen schon der Ma\u00dfstab sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben bereits gemerkt: Mich fasziniert an der VR China die F\u00e4higkeit, Konzepte zu entwickeln und durchzusetzen. Doch mit der Durchsetzung sind wir bei \u00e4sthetisch-moralischen Fragen. Die sind f\u00fcr einen Westeurop\u00e4er schwer zu verdauen. Zum Beispiel &#8218;Propaganda&#8216;: Wir sind ja daran gew\u00f6hnt, auch vom \u201aseri\u00f6sen Journalismus\u2019 ein gewisses Quantum davon verabreicht zu bekommen. Propaganda in China ist seit jeher plump und &#8211; bezogen auf die Realit\u00e4t &#8211; direkt dreist. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts \u00e4ndern. Sie geh\u00f6rt zum \u201eGesicht\u201c des Landes, das strahlende Weltmacht werden will. Dazu geh\u00f6ren auch Gr\u00fcnderfiguren wie Mao.\u00a0 Mit einer prozentualen Skalierung \u00e0 la Mao (\u201aLeistungen\u2019, \u201aFehler\u2019) kann ich seit gestern besser leben als auch schon. Reaktionen wie Ekel, Abscheu und Verachtung sind heute unproduktiv. Wir werden viel zu gut \u00fcber die Schweinereien \u00fcberall auf der Welt ins Bild gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mikrophon und Kamera werden in der westlichen Welt zur Falle f\u00fcr Besonnenheit und Vernunft. Als ob nicht jede Entscheidung Opfer und Profiteure h\u00e4tte. Falsche Richtungsentscheidungen sind aber immer viel \u201ateurer\u2019 als die \u00fcblichen Missbr\u00e4uche! (Beispiel*)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ketzerischer Verdacht (\u201aVerschw\u00f6rungstheorie\u2019?): Geschehen Moralisierung und Emotionalisierung etwa in den Medien mit Konzept? Will man uns f\u00fcr die autorit\u00e4re, aber effektive chinesische L\u00f6sung sturmreif machen oder l\u00e4uft sich tats\u00e4chlich der mediale Furor tot?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chinas Elite hat ihr Konzept in Jahrtausenden nicht gewechselt. Auch Mao hat \u2013 wenn das nicht eine politische L\u00fcge war \u2013 die klassischen Romane gelesen. Europa und sein Ableger Amerika brauchten zweihundert Jahre struktureller Gewalt und gewaltt\u00e4tiger Konvulsionen, um eine noch ganz junge Phase zu erleben, in der manchmal vorstellbar wird, was die im 18. Jahrhundert proklamierten \u201aMenschenrechte\u2019 sein k\u00f6nnten. China war ein Jahrhundert Opfer westlicher \u201aVolkserziehung\u2019. Sollten die chinesische Eliten deren Bedeutung nicht realistisch einsch\u00e4tzen?<\/p>\n<p><em>11.-12.8.15 Erste Blog-Fassung<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* <strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Ein Artikel der Badischen Zeitung vom 5.Juni , der eine furchtbare Tragik vermittelt, kann diese Einsch\u00e4tzung illustrieren. Die \u00dcberschrift lautet: <em>China h\u00e4tte auch ohne Ein-Kind-Politik die <\/em><em>Bev\u00f6lkerungsexplosion in den Griff bekommen. <\/em>(Siehe: <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/China-EinKindPolitik-4.6.15-BZ.pdf\">China-EinKindPolitik 4.Juni.15 BZ)<\/a><\/p>\n<p>Doch die &#8211;\u00a0 &#8218;chinesische&#8216; wissenschaftlichen Ergebnisse kommentierende &#8211; Redaktion f\u00e4hrt fort: <em>China h\u00e4lt an seiner Ein-Kind-Politik fest, obwohl dem ostasiatischen Land <\/em><em>statt einer \u00dcberbev\u00f6lkerung \u00dcberalterung droht. Die Zahl der Chinesen im <\/em><em>arbeitsf\u00e4higen Alter schrumpft. <\/em><\/p>\n<p>Diese Schlussfolgerung scheint bereits nach wenigen Monaten \u00fcberholt.\u00a0 Tiefgreifende Korrekturen gehen Deutschland bekanntlich im Handumdrehen vonstatten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Dokureihe von Jean-Michel Carr\u00e9, ARTE F 2012 dreimal 60\u2019: China erwacht, holt auf, triumphiert.\u00a0\u00a0 Betrachtung zu unseren Wahrnehmungen und Erwartungen, zum Beispiel &#8218;Demokratie&#8216; und &#8218;Menschenrechten&#8216;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[221],"tags":[],"class_list":["post-3494","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-china-herrschaft-und-gesellschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3494","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3494"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3494\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3960,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3494\/revisions\/3960"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3494"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3494"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3494"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}