{"id":3453,"date":"2023-01-01T16:16:31","date_gmt":"2023-01-01T15:16:31","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3453"},"modified":"2023-01-05T13:08:38","modified_gmt":"2023-01-05T12:08:38","slug":"der-flohmarkt-als-kunstmarkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3453","title":{"rendered":"Der Flohmarkt als Kunstmarkt &#8211; 2023 immer noch aktuell!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\">Vor \u00fcber sieben Jahren hochgeladen &#8211; am 25. Juni 2015 &#8211;\u00a0<\/span><span style=\"color: #333399;\"> h\u00e4tte der Artikel mehr als die 62 Klicks verdient.<\/span><span style=\"color: #333399;\"> Inzwischen scheint der\u00a0 &#8218;b\u00fcrgerliche&#8216; Kunstmarkt in Deutschland am \u00dcberangebot zu kollabieren.\u00a0 Die \u00fcberschaubar wenigen Restitutionsforderungen aus Afrika, zu denen Sammler von Laien stets zuerst\u00a0 befragt werden, haben das Sammelgebiet als Ganzes auch noch in die Schmuddelecke gedr\u00e4ngt<\/span><span style=\"color: #333399;\">.\u00a0\u00a0\u00a0 2.1.23<\/span><\/p>\n<p>Der Kommentar von Hartmut Brie zum Beitrag \u201e<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3030\">Mit Lega-Figuren im Sinkflug<\/a>\u201c regte <span style=\"color: #ff0000;\">damals <\/span>folgende Gedanken an.<!--more--><\/p>\n<p>Brie beginnt mit dem sch\u00f6nen Satz: \u201eAm Marktstand an der Mainbr\u00fccke \u201aLega\u2019 zu kaufen und sie dann zuzuordnen, halte ich nicht f\u00fcr sinnvoll\u201c \u2013 Richtig, das ist nicht oder kaum jemandem zu empfehlen. Doch was ist schon empfehlenswert? Soll man \u00fcberhaupt \u201aalte\u2019 (oder weniger alte) Objekte aus Afrika erwerben, bei dem undurchschaubaren Weg, den sie hinter sich haben, bei der traditionellen Verschwiegenheit aller Akteure in der Handelskette, die Betr\u00fcgern ein ideales Umfeld bietet?<\/p>\n<p>Sammler sind auch Gl\u00fccksspieler, aber keineswegs nur Sammler auf Flohm\u00e4rkten. Das ist eher eine Stilfrage. Betr\u00fcger von Rang kommen nicht auf den Flohmarkt. Die zu erzielenden Preise lohnen doch nicht. Provenienzen werden erst gar nicht angeboten, die Legenden der St\u00fccke sind einfach gestrickt. Die Objekte m\u00fcssen f\u00fcr sich sprechen. Der Kunde hat jede Illusion sich selber zuzuschreiben. Was f\u00fcr eine reizvolle Herausforderung, die eigene Begehrlichkeit, das Wunschdenken unter Kontrolle zu bekommen, mit dem eigenen l\u00fcckenhaften Hintergrundswissen realistisch umzugehen, aber auch die Grenzen wissenschaftlicher Autorit\u00e4t und kommerzieller Expertise zu realisieren, bei der man Hilfe sucht. Auktionskataloge zitieren immer wieder dieselben Handb\u00fccher und Kataloge. Will man Genaueres wissen, muss man sich in wissenschaftlichen Bibliotheken auf die widerspr\u00fcchlichen Informationen mehr oder weniger professioneller Zeugen (Kolonialpersonal, Missionare, Reisende, Gelehrte der Vergangenheit) einlassen. Gl\u00fcck hat man, wenn moderne wissenschaftliche Autoren im Rahmen ihrer eigenen Forschungen solche Quellen aufbereitet, zitiert und zusammengefasst haben.<\/p>\n<p>Es geht schlie\u00dflich um einen Bereich \u00e4sthetischer Produktion, der, wenn er auch nicht wirklich seit einem Jahrhundert &#8218;ausgestorben&#8216; ist, so doch seit der Kolonialisierung und Mission (auch islamischer) verarmte,\u00a0durch \u00c4chtung von Traditionen, durch Marginalisierung handwerklicher Kunst, durch Verelendung der Lebensbedingungen und Krieg.<\/p>\n<p>Auf dem Flohmarkt treffen wir selbstverst\u00e4ndlich auf viele \u201aKopien\u2019 verschiedenen Charakters und Qualit\u00e4t, doch auch auf Alltagsgegenst\u00e4nde, Tanzmasken oder Figuren, die irgendwann einmal als magisch aufgeladene Nothelfer gewirkt haben, und die es nicht oder nicht mehr in die Museen (wegen deren chronischer Verstopfung) geschafft haben, und nicht in Galerien (weil nicht sauber und nicht \u201aMeisterwerk\u2019 genug oder einfach \u201apeanuts\u2019).<\/p>\n<p>Man muss seinen Blick f\u00fcr die verborgenen Seiten des Kandidaten sch\u00e4rfen \u2013 fr\u00fchere Irrt\u00fcmer k\u00f6nnen dazu sehr n\u00fctzlich sein \u2013 und \u00fcberhaupt neugierig sein. Manche H\u00e4ndler dort tragen ebenso viel kulturelles Erbe in sich wie ihre daheim gebliebenen Landsleute oder in den Kunsthandel geschleuste afrikanische K\u00fcnstler, welche die Dokumentas und Biennalen bev\u00f6lkern. Doch das ist ein anderes Feld.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die ethnologischen Museen ihren Reichtum hinter Glas und in Tresoren bunkern und die Galerien sich als \u201aJuweliere\u2019 stilisieren \u2013 beide gew\u00e4hren streng reglementierten und privilegierten Zugang und geizen mit Information, von der sie oft auch nicht viel haben &#8211; ist der Flohmarkt ein \u00f6ffentlicher Ort, wo wir Objekten direkt begegnen ist, freilich ungesch\u00fctzt. In der Praxis hilft es mir,\u00a0 mich am Stand hinzusetzen, eine Zigarette zu rauchen, mir das St\u00fcck eine Stunde reservieren zu lassen, ein paar Schritte zu gehen oder mit Bekannten zu reden. &#8218;Stammkunden&#8216; sollte auch die Mitnahme zur Probe m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Ich flaniere gelegentlich im Netz am PC. Hier triumphiert der zeitgem\u00e4\u00df grenzenlose \u201aFlohmarkt\u2019. Hier entfaltet der Einfallsreichtum der Kopierwerkst\u00e4tten erst richtig sein farbenfrohes Angebot. Wir betreten eine international aufgestellte Parallelwelt vollmundiger Versprechungen f\u00fcr jede Preisvorstellung. Seri\u00f6se Angebote wirken darin eigent\u00fcmlich blass und abgenutzt. Denn in diesem Medium muss man dick auftragen, auch die Schminke. Ist dagegen ein Flohmarkt, bei jedem Wetter unter freiem Himmel und improvisiert wie der legend\u00e4re\u00a0<em>March\u00e9 au Puces <\/em>im Paris der Vorkriegszeit<em>, <\/em>nicht die pure Nostalgie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Wozu \u00fcberhaupt? Mit welchen Anspr\u00fcchen? Die Antwort gibt sich jeder Sammler selbst.<\/p>\n<p>Ich zum Beispiel suche den Kontakt mit fremden Menschen \u00fcber ihre materielle Kultur &#8211; nachdem ich bis 1990 Reisen den Vorzug gab. Ich hielt mich die ersten Jahre an H\u00e4ndler, die selber Afrika bereisten, vor allem Westafrika. Um angebliche Rarit\u00e4ten machte ich einen gro\u00dfen Bogen, h\u00f6rte dann weg. Mit pers\u00f6nlichem Arbeitsger\u00e4t, Schreinfiguren und Miniaturen aus dem zwanzigsten Jahrhundert legte ich den Grundstock meiner Sammlung. Ich lie\u00df mich von den Zuf\u00e4llen des Angebots leiten und betrieb schon in der Zeit der Berufst\u00e4tigkeit einen betr\u00e4chtliche Aufwand an Recherche.<\/p>\n<p>Seit dem Margarinealbum der Kindheit hatte &#8218;der Kongo&#8216; bei mir einen besonderen Ruf, aber ich hielt Abstand. Nach langer Abstinenz mache ich nun auch hier meine Entdeckungen. Auch jetzt sind f\u00fcr mich weltber\u00fchmte Namen wie eben \u201aLega\u2019, oder auch \u201aLuba\u2019, \u201aKuba\u2019, \u201aTschokwe\u2019\u201a \u201aKongo\u2019&#8230; nicht die erste Wahl. Doch in meiner eigenen &#8218;Universit\u00e4t des dritten Lebensalters\u2019 schlie\u00dfen sich endlich auch im Kongo Kunst- und Religionsgeschichte mit der politischen Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre zusammen. Ja, die Menschheitsgeschichte ist pr\u00e4sent: V\u00f6lkerwanderungen verbinden sich mit Mittelalter. Und nach au\u00dfen finden sich die konfliktreichen Beziehungen von \u201aBarbaren\u2019 und \u201aHochkulturen\u2019 in denen der Afrikaner zu Arabern und Europ\u00e4ern wieder. Die \u201eHundred Peoples of Zaire\u201c (Marc Leo Felix) differenzieren sich in der Wahrnehmung immer weiter aus und gehen wiederum ineinander auf. Wenn es um Wanderungen, Siedlung und gegenseitige Beeinflussung geht, l\u00f6sen sich Grenzen mehr oder weniger auf. Felix hat in seine Kurzportr\u00e4ts die Kategorie der \u201arelevant peoples\u2019 aufgenommen: das sind Nachbarn, die sich die \u00e4sthetische Produktion manchmal so stark einmischen, dass sie theoretische Konstruktionen wie <em>Stammeskunst<\/em> und <em>Stil\u00a0<\/em>L\u00fcgen strafen. Selbstverst\u00e4ndlich nehme ich dankbar an, was ich an Kategorisierungen, erst recht an Schilderungen, Abbildungen von Objekten und Feldfotos in Fachb\u00fcchern und Katalogen finde. Die aus Steuern finanzierten, aber chronisch unterbesetzten Museen fallen ja als Gespr\u00e4chspartner weithin aus, zumindest in Deutschland. Schade, denn der Flohmarkt bietet \u2013 im Grunde wie die Belle Etage des Kunstmarkts &#8211; ein un\u00fcbersichtliches, ja chaotisches Bild. Und wir Sammler? Helfen wir einander, indem wir uns zu Wort melden, Ratschl\u00e4ge versuchen, diskutieren und argumentieren? Ein frommer Traum.<\/p>\n<p>25.6.2015\/ 4.1.2023<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor \u00fcber sieben Jahren hochgeladen &#8211; am 25. Juni 2015 &#8211;\u00a0 h\u00e4tte der Artikel mehr als die 62 Klicks verdient. 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