{"id":340,"date":"2024-06-24T00:21:09","date_gmt":"2024-06-23T22:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=340"},"modified":"2024-06-24T03:09:18","modified_gmt":"2024-06-24T01:09:18","slug":"die-philosophie-des-metzgers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=340","title":{"rendered":"Die Philosophie des chinesischen Metzgers"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Geschrieben am 26. Nov. 2009, hochgeladen irgendwann nach\u00a0 Oktober 2013;\u00a0 22 Views dokumentiert; der Nachfrage muss nachgeholfen werden, auch mit dem Zusatz &#8222;chinesisch&#8220;. 24.6.2024<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Voraus ging ein Film \u00fcber Tod und Leben bei englischen Bauern. Wie viel Traurigkeit. Wie viel Rechtfertigungsdruck. Wie viel Puritanismus.<\/p>\n<p>Von den Chinesen m\u00fcssen wir das Schlimmste bef\u00fcrchten \u2013 wenn sie es nicht mehr f\u00fcr sich behalten wie traditionell. <!--more-->Sie zeigen jedoch alle Zeichen von Hybridisierung, wie sie im Maoismus schon einmal \u2013 damals auf die Dritte Welt fokussiert und eher symbolisch \u2013 in Erscheinung traten. Sie wollen ihren kulturspezifischen Kannibalismus anerkannt wissen. Und wir sollten als <i>wei\u00dfe Schweine<\/i> und\u00a0 <i>Langnasen<\/i> immer daran denken.<\/p>\n<p>Wieso mag ich dieses Wort <i>Kannibalismus<\/i>? Warum ziehe ich es anderen vor? Es ist dieser exotische Anteil daran, dieses phantasiert Lustvolle, das sich im Essen wie im Zubereiten zeigt, das den Kern der Sache trifft.<\/p>\n<p>Zum Beispiel ein Kochwettkampf im Zentrum Chinas \u2013 Es geht nicht um raffinierte Kompositionen, um Gaumenfreuden, es geht um Geschwindigkeit und um Grenzleistungen: einen lebenden Fisch binnen einer Minute gegrillt auf die Platte zu legen. Oder sich noch windende Schlangenabschnitte garniert zu\u00a0 servieren. <i>Eine Minute achtzehn Sekunden. Ach, jetzt ist er tot, aber der nach Sauerstoff schnappende Kopf ist ein K\u00e4mpfer<\/i>. Je schneller man der Ente das Herz aus dem angebohrten Brustkorb herausrei\u00dft, desto schneller stirbt sie. <i>Eigentlich logisch<\/i>. Selbst beim buddhistischen Ritual der <i>Freilassung <\/i>einer symbolischen Menge von Schlachttieren werden einige Leichen zu Wasser gelassen.<\/p>\n<p>Lu Xuns Ausruf \u201e<i>Sie essen Menschen! Rettet die Kinder<\/i>\u201c in der Erz\u00e4hlung <i>Tagebuch eines Wahnsinnigen<\/i>, 1921 ist unabweisbar. Das <i>Gesicht <\/i>\u00a0dar\u00fcber oder davor, die Maske nannte er <i>Konfuzianismus<\/i>. Auch den <i>dokumentiert <\/i>der Film, als kindliche Piet\u00e4t der kleinen K\u00fcchenhilfen zum Beispiel, und als l\u00fcgenhafte Propaganda der Unternehmerin, die \u2013 ungebildet wie sie ist \u2013 skrupellos sich am sozialrhetorischen Arsenal des Maoismus bedient.<\/p>\n<p>Dabei tragen die Serviererinnen, welche die Durchhalteparolen wiederholen, die Verantwortung f\u00fcr ganze Familien und werden sehr kurz gehalten. Die Angestellten des gr\u00f6\u00dften Restaurants der Welt\u00a0 essen aus dem Blechnapf. Erst wenn zu viele k\u00fcndigen, muss man ein wenig am System \u00e4ndern. Mit dem Aufwand, den das <span style=\"text-decoration: underline;\">drei<\/span>j\u00e4hrige Jubil\u00e4um des Restaurants verschlingt, w\u00e4ren sie ihre Sorgen mit einem Schlag los.<\/p>\n<p>Ihre Ausbeuter haben nat\u00fcrlich <i>eine schwere Jugend\u00a0 <\/i>hinter sich. Man denkt an den amerikanischen Tellerw\u00e4scher. Und sie sorgen daf\u00fcr, dass es dabei bleibt.<\/p>\n<p>Die Chinesen sind abergl\u00e4ubische Materialisten, ohne sich daf\u00fcr zu sch\u00e4men.\u00a0 Sie finden, dass die Tatsachen des Lebens: Geburt, Heirat, Alter, Tod (im Film ausgelassen) einer aufwendigen, ja ruin\u00f6sen konsumistischen Bearbeitung bed\u00fcrfen, bei der man seine <i>Schriftkultur <\/i>unter Beweis stellt: Alle Homonymen von Gl\u00fcck, Kinderreichtum, langem Leben und Reichtum werden kulinarisch-symbolisch abgehakt: Ohne Schlangen, Schildkr\u00f6ten, Fische und die eher symbolisch repr\u00e4sentierten Fr\u00fcchte oder noch fleischloseren Symbole geht nichts. Es wird aufgefahren. Es wird auch abger\u00e4umt. Diesen Aspekt ersparte uns der Dokumentarfilm.<\/p>\n<p>Wir sollten als Westler die Verschwendung nicht selbstgerecht verurteilen, denn sie ist auch unserem System inh\u00e4rent. Die Chinesen m\u00fcssen einfach als bodenst\u00e4ndige Menschen, wenn auch entwurzelt, alle wichtigen <i>Zeichen<\/i> materialisieren, ausagieren. Und wir?\u00a0 Wie oft h\u00f6ren wir, dass <i>\u00a0<\/i>Politiker kostspielige <i>Zeichen<\/i> auf Kosten des Steuerzahlers setzen oder setzen wollen, ohne Unrechtsbewusstsein \u00fcbrigens.<\/p>\n<p>Immer wieder dachte ich im Film an die Fassungskraft der M\u00e4gen der armen Verwandten an den \u00fcberreichen Tafeln. W\u00fcrden sie sich nicht gern die Reste einpacken lassen?\u00a0 Es muss wohl weggeschmissen werden, eben um <i>ein<\/i> <i>Zeichen <\/i>der Wertsch\u00e4tzung zu setzen. Beziehungen laufen \u00fcber Potlatch.<i><\/i><\/p>\n<p>Doch warum soll uns das bedrohen? Weil wir nach 1945 Hemmungen eingebaut bekommen haben. Doch unsere nachfolgenden Generationen zeigen schon, zu welchem funktionalen Kannibalismus sie f\u00e4hig sind. Die alten Eliten der Bonner Republik, erst recht Amerikas, waren aber\u00a0 auch nicht ohne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschrieben am 26. Nov. 2009, hochgeladen irgendwann nach\u00a0 Oktober 2013;\u00a0 22 Views dokumentiert; der Nachfrage muss nachgeholfen werden, auch mit dem Zusatz &#8222;chinesisch&#8220;. 24.6.2024 &nbsp; Voraus ging ein Film \u00fcber Tod und Leben bei englischen Bauern. Wie viel Traurigkeit. Wie viel Rechtfertigungsdruck. Wie viel Puritanismus. 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