{"id":329,"date":"1994-03-18T20:31:21","date_gmt":"1994-03-18T19:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=329"},"modified":"2020-05-22T11:08:11","modified_gmt":"2020-05-22T09:08:11","slug":"dumme-gedanken-zu-lehrer-mao","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=329","title":{"rendered":"Dumme Gedanken zu Lehrer Mao"},"content":{"rendered":"<p>Rede zum 20. Jubil\u00e4um der Gesellschaft f\u00fcr deutsch-chinesische Freundschaft Frankfurt\u00a0am 18. M\u00e4rz 1994<\/p>\n<p>Ich habe f\u00fcr den heutigen Abend alte Texte und Notizen wieder gelesen und stelle fest: meine \u00dcberzeugungen und Ansichten von damals erscheinen mir \u00fcberhaupt nicht peinlich oder l\u00e4cherlich, sie haben auch heute noch nichts zu tun mit Rotem Osten und Gro\u00dfem Steuermann. Doch sind die siebziger Jahre sehr weit weg, <!--more-->MAO und sein Reich liegen unheimlich weit entfernt in einem Jenseits, wohl auch, weil ich mich 1977 total abgewandt hatte, und\u00a0das erst 1988 wiederentdeckte China bereits alles Jenseitige abgestreift hatte: Wenn sich schon spontan historische Bez\u00fcge herstellten, dann waren es eher die Zwanziger und Drei\u00dfiger Jahre.<\/p>\n<p>Wie lautet noch der Satz von Victor Zorza, der mich 1969 furchtbar aufregte? &#8222;Der Kommunismus ist eine kurze Episode, die einen Teil der Menschheit vom Lauf der Geschichte getrennt hat.&#8220; Mao war einer meiner Lehrer und jene Jahre meine politische Lehrzeit. Ich verdanke Mao Erfahrungen, zu denen ich ohne &#8222;ihn&#8220;, &#8222;seine&#8220; Lehre nicht den Mut, nicht den Optimismus aufgebracht h\u00e4tte. Ich habe nie wieder so viel nachgedacht, beobachtet und engagiert politisch gehandelt. lch erfuhr im &#8222;Maoismus&#8220; die erste Religion mit mobilisierender Wirkung nach einem sauren b\u00fcrgerlich-protestantischen Moralismus und dem Pessimismus der Frankfurter Schule. Heute ist meine Tatkraft erdr\u00fcckt von der Last des Wissens, des ungeschminkten Wissens .\u00a0 &#8222;Selig sind die, die nicht wissen und doch glauben&#8220; war mein Konfirmationsspruch.<\/p>\n<p>Ich kann den Moment der gr\u00f6\u00dften Seligkeit genau bezeichnen: jener Mittag am 3. September 1973, als ich die Br\u00fccke zwischen Hongkong, und dem Gelobten Land \u00fcberschreiten durfte; drei\u00a0 vier Jahre lang versuchte ich noch etwas davon festzuhalten, umsonst, der Traum zersetzte sich unaufhaltsam. Die &#8222;Enth\u00fcllungen&#8220; \u00dcber das sp\u00e4t-maoistische Regime ber\u00fchrten mich am wenigsten, und auch heute nicht: Deprimierendes und Grauenvolles nistet \u00fcberall, hinter Wohnungst\u00fcren, in unseren Krankenh\u00e4usern und Gef\u00e4ngnissen, hinter dem Horizont der Urlaubsgebiete, in jedem &#8222;Tag der Befreiung&#8220;. \u00dcber Chinas Vergangenheit machte ich mir nie lllusionen, blo\u00df da\u00df die von Lu Xun angeprangerte &#8222;Barbarei&#8220; aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte, war Illusion! Das menschliche Ungl\u00fcck scheint nicht abzunehmen, die von Marx prognostizierte Alternative zum Sozialismus zeichnet sich ab.<\/p>\n<p>Im Unterschied zum modernen Gr\u00f6\u00dfenwahn war der &#8222;maoistische&#8220; von einem optimistischen Grundgef\u00fchl getragen. Maos Name stand f\u00fcr mutige Spr\u00fcnge, f\u00fcr heroische Befreiungsversuche. Maos Geschichte zeigte List, Klugheit und Stolz, barg Stoff f\u00fcr gro\u00dfe Epen. Der &#8222;Lange Marsch&#8220;*. ein &#8222;Alexanderzug&#8220;! Ich sehe darin nichts Pathologisches: Der Kult des au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen ist ein Element menschlicher Gesellschaft, weit \u00e4lter als die griechische Antike und nicht auszurotten, nur zu korrumpieren. Wir deutschen Maoisten ( so wie man einmal Jakobiner sagte) haben nicht die H\u00e4rte seiner direkten Herrschaft erfahren, wir wurden nicht zu Verbrechen gezwungen oder verf\u00fchrt, wir entdeckten im Gegenteil trotz kapitalistischer Umgebung soziale Werte neu, f\u00fcr die wir uns sicher sonst wie die j\u00fcngere Generation zu schade gewesen w\u00e4ren. Die Funktion\u00e4re, die Sektierer waren bei uns unangenehme Erscheinungen, aber doch harmlos; es gibt keine &#8222;Kirche&#8220; ohne solche Gestalten.<\/p>\n<p>Der Kopierladen wartet nicht! &#8211; \u00a0Zum Schlu\u00df noch ein Satz, zu dem ich etwas improvisieren m\u00f6chte: &#8222;Der Intellektuelle ist der Bruder des Tyrannen&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede zum 20. Jubil\u00e4um der Gesellschaft f\u00fcr deutsch-chinesische Freundschaft Frankfurt\u00a0am 18. M\u00e4rz 1994 Ich habe f\u00fcr den heutigen Abend alte Texte und Notizen wieder gelesen und stelle fest: meine \u00dcberzeugungen und Ansichten von damals erscheinen mir \u00fcberhaupt nicht peinlich oder l\u00e4cherlich, sie haben auch heute noch nichts zu tun mit Rotem Osten und Gro\u00dfem Steuermann. 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