{"id":270,"date":"2010-08-01T17:09:21","date_gmt":"2010-08-01T16:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=270"},"modified":"2016-02-13T17:49:11","modified_gmt":"2016-02-13T16:49:11","slug":"theoretisieren-und-wer-behaelt-das-letzte-wort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=270","title":{"rendered":"Theoretisieren. Und wer beh\u00e4lt das letzte Wort?"},"content":{"rendered":"<p>Am 10. Juli 2010, irgendwo in Frankfurt. Wir lauschen einer lebhaften Diskussion zwischen zwei Grauk\u00f6pfen.<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Wo du bereits deine Schw\u00e4chen eingestanden hast, geh zu dem, was du f\u00fcr deine St\u00e4rken h\u00e4ltst: deinem theoretischen Sinn. \u00a0<!--more--> Du hast heute Fritz Kramer mit Roland Barthes \u201everkn\u00fcpft\u201c und im Grunde immer auch mit Flusser und anderem Angelesenen mehr. Doch wen soll das interessieren au\u00dfer dir selbst? Vielleicht die Erben, die an deinem verwinkelten Nachlass verzweifeln? Es ist eine Passion, dieses Verkn\u00fcpfen. Du hast dem Conrad von H\u00f6tzendorf in Wien vor f\u00fcnfundvierzig Jahren boshaft angemerkt, dass er die B\u00fccher seiner Bibliothek mit pers\u00f6nlichen Anstreichungen verziert\u00a0 hat. Und was tust du?<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Ich suche eine f\u00fcr die menschliche Praxis taugliche Theorie, Theorie f\u00fcr Menschen.<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Du vermischst den Begriff\u00a0 mit \u201eLiteratur\u201c und berufst dich auf l\u00e4ngst kanonisierte Ahnen,\u00a0denen man bekanntlich nicht folgen soll.<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Aber was soll man denn mit ihnen?<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Gar nichts \u00fcber den Bereich der weltanschaulichen Freiheit hinaus, und du schon gar nicht. Werde selig. Die kompetente Behandlung erfahren sie im\u00a0 wissenschaftlichen Apparat, dem du nicht angeh\u00f6rst und nie angeh\u00f6rt hast. Damit du es besser ertragen kannst, sind Autoren wie Flusser f\u00fcr dich erschwinglich. Du hast auch entsprechende S\u00e4tze bereits angestrichen, aber ohne Erfolg wie es scheint.<\/p>\n<p>Schau in den Literaturbetrieb. Er ist voller Leute, denen es nicht viel anders geht als dir, die aber einen Vertriebsweg f\u00fcr ihre Erg\u00fcsse gefunden haben. Viele k\u00f6nnen sogar davon leben. Sie halten sich allerdings an gewisse Regeln, wozu du dir aber zu gut bist. Du lieferst ein tr\u00fcbes Gebr\u00e4u. Schreibprogramme sind geduldig. PCs haben f\u00fcr deinesgleichen eine Menge Speicherplatz.<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Mir dr\u00f6hnt der Kopf von unterdr\u00fcckten Stimmen, die Fragen stellen, auf die niemand eine L\u00f6sung hat. Theorie ist ruhiger. Was soll die kompetente Behandlung denn sein?<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Schon einmal von der Urwaldapotheke geh\u00f6rt? von Bionik? Man sammelt s\u00e4mtliche Problemstellungen und (vermeintliche) L\u00f6sungen der Menschheit und ruft sie ab. Das ist deren Gesch\u00e4ftsidee.<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Das Ged\u00e4chtnis funktioniert doch anders!\u00a0 Spontan.<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Doch nicht in der \u00d6ffentlichkeit!<\/p>\n<p>Ihr seid eine hemmungslos nostalgische \u201everlorene Generation\u201c, die jetzt endlich abtritt. Bei den Gr\u00fcnen versp\u00e4tet sich der Prozess, die haben in den Achtziger\u00a0 Jahren noch einmal kr\u00e4ftig Holz nachgelegt. Doch das gro\u00dfe sozial\u00f6kologische Feuer qualmt nur noch vor sich hin. Hinter seinem Rauchvorhang k\u00e4mpfen die Funktionseliten um Macht und Geld. Dabei haben selbst wir kleinen Leute eine beispiellose Wahlfreiheit: eine Konsumwahl, Angebot an Markenprodukten f\u00fcr jedermann, auch wenn es gar keine Markenprodukte im Sinne des 19.Jh. mehr gibt&#8230; F\u00fcr uns sind Kombinationen sind zul\u00e4ssig. Das Material f\u00fcr Modewechsel, Normenauffrischung, Legitimationsreserven liegt in Form von Optionen bereit.<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Das kann doch nicht alles sein. Ich sehe jedenfalls auch Zeichen von Subversion und anderen Formen des Widerstands. Vil\u00e9m Flusser sprach nicht umsonst vom Anhalten, von der R\u00fcckwendung, vom Aussteigen aus einem Zug<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>Er tr\u00e4umte aber auch vom Cockpit. Hatte er nicht Angst vor dem Aussteigen? Er hat es nicht so weit kommen lassen. Er hat sich in seiner Hektik den Kopf eingerannt.<\/p>\n<p>Zur Orientierung in dem gro\u00dfen Chaos gibt es doch <i>Scouts.<\/i><\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>Man muss die Menge der immer unanschaulicheren Analysen wieder auf ein menschliches Ma\u00df und in eine <span style=\"text-decoration: underline;\">menschliche<\/span> Form zur\u00fcck zwingen, in mehreren Schritten. Ich eigne mir selber gro\u00dfe Schritte durch Lekt\u00fcre an! Und f\u00fcge noch spielerisch einen kleinen Schritt dazu. Ganz nah beim <i>Truism<\/i>, aber nicht identisch! Um diese geringe Differenz geht es mir.<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>?<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>z.B. bei: \u00dcberheblichkeit macht blind<\/p>\n<p>K<\/p>\n<p>na und?<\/p>\n<p>D<\/p>\n<p>aber auch dort, wo ich, vielleicht auch \u201ewir\u201c, gar nicht daran denken!<\/p>\n<p><i>Die beiden Kontrahenten lassen f\u00fcr heute kopfsch\u00fcttelnd voneinander ab, lassen den Dissenz \u201eim Raum stehen\u201c, wie man zu Zeiten des Ausdiskutierens zu sagen pflegte, und mancherorts in den Familien oder bei vereinzelten unqualifizierten P\u00e4dagogen immer noch<\/i>)<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Fortsetzung am 1. August. D am PC, allein.<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Er ist aus dem Urlaub zur\u00fcck, aber K hat Wichtigeres zu tun als fruchtlose Diskussionen zu f\u00fchren. D hat bei seiner Lekt\u00fcre Entdeckungen gemacht, die ihn aufgeschreckt haben.Er notiert f\u00fcr sich:<\/p>\n<p>Wir, ein Teil von uns jedenfalls, waren die letzte Generation des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Nachdem in Europa Demagogen im Zeichen einer Restauration wie die Nazis die Modernisierung vorangetrieben hatten, sogar gewaltige Abbrucharbeiten \u2013 \u00e4hnlich den Bolschewiken in Russland, aber weniger elegant als die Amerikaner &#8211; waren unsere Eltern sozusagen die erste desorientierte Generation der neuen Zeit, \u201eWunderkinder\u201c des Wirtschaftswunders.<\/p>\n<p>Wir haben noch einmal das Rad zur\u00fcck zu drehen versucht, unter Beachtung s\u00e4mtlicher Tabus der Nachkriegszeit, also moralisch, idealistisch in jeder Bedeutung, theoretisch (im Sinne des 19.Jh.) und im Grunde idyllisch. Wir haben uns mit der modernen Arbeitsteilung im Grunde nie abgefunden, belegten sie mit dem Schimpfwort \u201eentfremdet\u201c, verweigerten uns &#8211; wenigstens in der Jugend zentralen Schl\u00fcsselqualifikationen der modernen Zivilisation, denn wir meinten mit Rhetorik und Verhandlungsf\u00fchrung auszukommen, selbstverst\u00e4ndlich nicht auf empirischer Grundlage. Der Lehrer- und Erzieherberuf war unser Schl\u00fcsselberuf, ein wenig auch noch der Jurist. Von dort aus dr\u00e4ngten wir in die Politik, wo unsere Berufsvertreter sich heute vor allem als sozialrhetorische Kulissenschieber bet\u00e4tigen. Ihre alte Liebe zur Gewaltenteilung und anderen theoretischen Konstrukten praktizieren sie als Kompetenzgerangel, Stichwort: \u201eF\u00f6deralismus\u201c.<\/p>\n<p>Wie komme ich \u00fcbrigens darauf?<\/p>\n<p>Ach ja: ich bewundere die Gelassenheit, mit der sich j\u00fcngere Generationen den Konsequenzen der galoppierenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung \u00fcberlassen k\u00f6nnen, ohne Angst zu bekommen. W\u00e4hrend wir noch dem Zeitalter der Mechaniker und B\u00fcrokraten nachtrauern, wollen sie nur ihren pers\u00f6nlichen Einsatz im chaotischen Spiel optimieren. Sind wir doch alle mit Haut und Haaren unserer Gesellschaft ausgeliefert, die uns zu hundert Prozent alimentiert, doch halt! Nicht so wie der moderne Dienstherr seine Beamten, berechenbar und rechtsf\u00f6rmig, nein, wie eine Spielbank, eine Lotterie, &#8230; allerdings mit sozialem Netz, wenigstens im Raum der EU.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. 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