{"id":2553,"date":"2014-11-25T23:00:47","date_gmt":"2014-11-25T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2553"},"modified":"2020-10-20T23:32:56","modified_gmt":"2020-10-20T21:32:56","slug":"alexandra-und-arthur-heilige-und-hexer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2553","title":{"rendered":"Alexandra und Arthur, Heilige und Hexer"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<h6><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2588\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S-300x212.jpg\" alt=\"David-Neel S\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S-300x212.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S-1024x723.jpg 1024w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S-624x440.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-S.jpg 1299w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-2-300x212.jpg\" alt=\"David-Neel 2\" width=\"300\" height=\"212\" \/><\/a><\/b><\/b><\/h6>\n<h6><\/h6>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>klicken = vergr\u00f6\u00dfern \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcberblick\u00a0 in &#8222;Love Affair&#8220; <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(LINK<\/a>)<\/em><b><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/David-Neel-2.jpg\"><br \/>\n<\/a><\/b><\/b><\/p>\n<h3>Alexandra David-N\u00e9el: Heilige und Hexer (Tibet 1911-25)<!--more--><\/h3>\n<p><b>\u00a0<\/b>Das Narrative \u00fcberw\u00e4ltigt, Geschichten, die eine Pointe haben, die Bibliotheken \u00fcberfl\u00fcssig machen. Alexandra\u00a0ist f\u00fcr mich \u00fcberhaupt nicht \u201ahistorisch\u2019.\u00a0Sie war eine eine emanzipierte Frau, eine\u00a0\u201aIntellektuelle\u2019,\u00a0die mit 43 Jahren (1911)\u00a0im Land selbst\u00a0das Studium des lamaistischen Buddhismus aufnahm und die selbstbewusst und mit Lebenserfahrung den Kontext ihrer Beobachtungen und Ergebnisse darstellte. Ihr trockener Humor gewinnt sofort mein Vertrauen. Sie verallgemeinert nicht, aber sie erlaubt die Verallgemeinerung.\u00a0Ihr geb\u00fchrt ein Ehrendoktor der Ethnologie.\u00a0Aber eine &#8218;Heilige&#8216;?\u00a0Warum nicht? Die stehen doch stets im Verdacht, Agnostiker zu sein.<\/p>\n<p>Wenn ich \u201adie M\u00f6nchlein\u2019 in meinem Regal betrachte, denke ich an die in ihrem Buch. Wenn sie die geistigen Winkelz\u00fcge tibetischer \u201aDorfpfarrer\u2019 &#8211; ein Ausdruck Paul Feyerabends &#8211; referiert, wird mir die Distanz der \u201aHeiligen\u2019 oder nur \u201aGeistesf\u00fchrer\u2019 zu den \u201aGl\u00e4ubigen\u2019 wieder deutlich, ob das nun kongolesische \u201aHeiler\u2019 sind oder \u201aMarabouts\u2019. \u00a0So\u00a0schwingen f\u00fcr mich im Hintergrund die unscheinbaren Objekte (und die damit verkn\u00fcpften absurden Prozeduren) Afrikas und Nepals mit, die mir der Flohmarkt in die H\u00e4nde sp\u00fclt.<\/p>\n<p>Donnerstag findet wieder der \u201aJour Fixe\u2019 in der Schopenhauer-Gesellschaft statt. Ich lese das von Th. Regehly angegebene Kapitel \u00a7 68 am Ende im 4. Buch \u00fcber \u201aBejahung und Verneinung des Willens\u2019 im 1.Teil von Arthurs Hauptwerk, worin der Philosoph in jugendlich hoch gestimmtem Ton den Wassertr\u00e4ger der heiligen Asketen jeder Couleur gibt. Wassertr\u00e4ger? &#8211; Was kann er ihnen\u00a0denn anbieten, der nur zur Theorie Begabte? Fromme Bauern in Tibet oder anderswo ern\u00e4hren schlie\u00dflich die Asketen. H\u00e4tten die sich f\u00fcr seinen altdeutschen Hymnus interessiert?<\/p>\n<p>Die ersten zehn Seiten lese ich noch mit gesteigertem Interesse, von Alexandras Zeugenberichten befl\u00fcgelt, dann erm\u00fcden wieder Arthurs inbr\u00fcnstig wiederholte Anl\u00e4ufe, dieses Auf- und Ab zwischen Verhei\u00dfung und Warnung, ja Widerruf. War das bereits als stilisierte Nachahmung asketischen Lebens gedacht? Immerhin erm\u00f6glicht die Lekt\u00fcre eine interessante Perspektive auf beide Autoren.<\/p>\n<p>Alexandra hat keine pers\u00f6nlichen Probleme mit der praktischen Seite der Askese, anders als der &#8211; als verk\u00f6rperter &#8218;Wille\u2019 &#8211; ansehnliche und ehrgeizige Arthur. Als Gespr\u00e4chspartner w\u00e4hlt sie sich \u201aHeilige, Hexer\u2019 und gew\u00f6hnliche Sterbliche, wie sie unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten, auf jeden Fall keine philosophische Fakult\u00e4t in Deutschland. Was sie an Aussagen und Praktiken sammelt, findet sich auch in Arthurs Abhandlung, aber ohne die Kniffe des dramatisch begabten Philosophen aus dem 19. Jahrhundert. Rein theoretisch h\u00e4tte sie \u00fcbrigens seine Enkelin sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00dcber ihre eigenen (mangels eines besseren Wortes) spirituellen Erfahrungen ist sie in diesem Buch jedenfalls \u00e4u\u00dferst diskret. An manchen Stellen frage ich mich, was sie denn an den kolportierten Krudit\u00e4ten des Lebens und Mittelm\u00e4\u00dfigkeiten wirklich interessierte. Da kam wohl neben ihrem &#8218;positivistischen&#8216; Ethos ein staubtrockener, ein voltairescher <i>Esprit<\/i>\u00a0ins Spiel. Oder war das bereits die gutm\u00fctige Gelassenheit einer \u201aLebensverneinung\u2019 (Arthur)? Worauf ihre immer wieder bewiesene Askese wirklich zielte, wage ich nicht zu beurteilen, das soll sogar in Tibet Privatsache jeder der Heiligkeit verd\u00e4chtigen Person sein.\u00a0War sie vielleicht blo\u00df unb\u00e4ndig neugierig, extrem n\u00fcchtern und im Alter von \u00fcber vierzig Jahren erfahren genug, um zu wissen, dass sie als Frau und Ausl\u00e4nderin nur so diese Neugierde stillen konnte?\u00a0 War das etwa auch bei ihr vor allem die ethnologische Technik der teilnehmenden Beobachtung, die bekanntlich die Beobachter nicht unbeeinflusst l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Arthur h\u00e4tte sie gewiss in seinem Hauptwerk als Informantin respektiert und als Informationsquelle zitiert, doch auch\u00a0beargw\u00f6hnt\u00a0als Karikaturistin so manches \u201aedlen Charakters\u2019 (Haffmans-Ausgabe Bd.1, 509). \u00a0Scheint er doch selbst \u00a0\u201aschlecht geschriebenen\u2019 (ebd. 494) Hagiographien den Vorzug gegeben zu haben,\u00a0aus erzieherischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Alexandra vermittelt aus dieser abgeschiedenen Region im Himalaya einen gro\u00dfen Reichtum an Handlungen, Haltungen und einen oft dissonanten Chor von Erkl\u00e4rungen. Da finden sich egoistische Schlauheit, aber auch kasuistische Umst\u00e4ndlichkeit &#8211; und unvermutet eine spekulative Eleganz, auf die sich der urdeutsche Philosoph wohl nicht mehr eingelassen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Empfehlung: Diverse deutsche Ausgaben von &#8218;Heilige und Hexer&#8216; aus dem Brockhaus Verlag zwischen 1936 und 1995 sind im Netz ab etwa 12\u20ac zu finden.<\/p>\n<p>25.11.\/25.12.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 klicken = vergr\u00f6\u00dfern \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcberblick\u00a0 in &#8222;Love Affair&#8220; (LINK) Alexandra David-N\u00e9el: Heilige und Hexer (Tibet 1911-25)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,208],"tags":[],"class_list":["post-2553","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair","category-indien-nepal-afghanistan"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2553"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12213,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2553\/revisions\/12213"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}