{"id":2526,"date":"2014-10-08T23:39:12","date_gmt":"2014-10-08T22:39:12","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2526"},"modified":"2016-08-09T17:21:20","modified_gmt":"2016-08-09T16:21:20","slug":"maengelexemplar-eine-unendliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2526","title":{"rendered":"M\u00e4ngelexemplar, Investitionsstau, Drogen"},"content":{"rendered":"<p><em>Hochnebel &#8211; du h\u00e4ltst es f\u00fcr die Grenzen des Himmels<\/em>. &#8211; Wollte ich titeln, aber soll ich das, was mich ankotzt, auch noch zelebrieren? Da m\u00fcsste ich ja religi\u00f6s sein. Es bleibt also bei drei Glossen! 24.2.15<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>MI 8.10.2014 \u00a0 \u00a0<\/strong>Bei der Buchhandlung Ypsilon ist der W\u00fchltisch vor der T\u00fcr voller gestempelter B\u00fccher.\u00a0Ich war f\u00fcr Remittenden von Liao Yi-wu gekommen.\u00a0<em><strong>M\u00e4ngelexemplar <\/strong><\/em>steht jetzt schon anderthalbfach und un\u00fcbersehbar auf dem Sch\u00e4del jedes Buches. Das Todesurteil, an gelegentlichen Wiederverkauf ist nicht mehr zu denken. Die H\u00e4ndlerin ist gelassen:\u00a0<em>Die machen es wie sie wollten, und wir suchen uns schon die besten Exemplare aus.<\/em>\u00a0Ich habe nur eine Erkl\u00e4rung: Mindestlohn und Hass auf\u00a0<em>B\u00fccher<\/em>. Aber auch \u00e4sthetische Ignoranz wirkt bei der Verunstaltung mit, die ich mir so nur in Deutschland vorstellen kann.<\/p>\n<p>\u00a0<strong>MI 8.10.2014 \u00a0\u00a0<\/strong>Der<strong>\u00a0<\/strong><em><strong>Investionsstau in der Verkehrsinfrastruktur\u00a0<\/strong><\/em>wird in der <em>dlf-L\u00e4nderzeit<\/em> diskutiert. Anderthalb Stunden lang mit kostenfreier H\u00f6rerbeteiligung. Die Diskussion beleidigt die Intelligenz, denn das Problem scheint aber auch allen Beteiligten klar zu sein, allein es\u00a0fehlt der Wille. Andere Ressort-Egoismen haben dem Verkehr die Maut-Einnahmen vom Etat abgezogen. Zudem sind von Bundesstra\u00dfen und PKW \u00a0weit weniger Einnahmen als von der LKW-Maut auf den Autobahnen zu erwarten und die Organisationskosten erheblich. Von der fl\u00e4chendeckenden Mobilit\u00e4ts-\u00dcberwachung redet schon keiner mehr. Am ende wird im Kreis einm\u00fctig\u00a0<em>eine breite gesellschaftliche Debatte\u00a0<\/em>gefordert. Was gibt es denn zu\u00a0<em>debattieren<\/em>? Vor die herrschaftlichen Geb\u00e4ude zu ziehen und Fenster einzuschmei\u00dfen wie in den 1970er Jahren oder mit Kleinlastern und dem PKW Blockaden zu errichten wie irgendwann Bauern mit ihren Traktoren, das w\u00e4re die richtige Sprache f\u00fcr diese <i>Debatte<\/i>. Doch wagt das niemand\u00a0bei den st\u00e4ndigen Man\u00f6vern, die die Ordnungskr\u00e4fte schon bei Kleindemos \u00a0und Volksl\u00e4ufen abhalten.<\/p>\n<p><strong>DI 21.10.2014 <\/strong>\u00a0&#8222;<strong>Drogen und Finanz<\/strong>&#8220; bei ARTE &#8211; Gestern war es der wirklich teure Kunsthandel mit geraubten Antiquit\u00e4ten auf einem anderen Kanal. Die letzten Zuckungen &#8222;\u00f6ffentlich-rechtlicher&#8220;, wenn schon nicht \u00f6ffentlicher Debatten. Nischen. Und du f\u00fcrchtest bereits mit den Informanten um ihr Leben, mit dem amerikanischen <em>whistle-blower<\/em> im Schneegest\u00f6ber vor dem B\u00fcrotrakt, den bereits die Schneer\u00e4umer in seinem R\u00fccken terrorisieren, mit dem mexikanischen Farmer, dem seine zwei S\u00f6hne entf\u00fchrt wurden, oder dem als Schatten kaum getarnten libanesischen Grandseigneur. Du vergegenw\u00e4rtigst dir den drei\u00dfigj\u00e4hrigen\u00a0vergeblichen Kampf von Ermittlern und hast die Zeitspanne deiner Berufszeit <em>auf dem Schirm<\/em>, wie man heute sagt. Die h\u00f6rst von einem Ruhest\u00e4ndler, der als <em>Berater<\/em> t\u00e4tig ist, dass &#8222;die Politik&#8220; grunds\u00e4tzlich ein halbes Dutzend Jahre zu sp\u00e4t reagiert, genau wie eine sprichw\u00f6rtlich korrupte Polizei. Und solche Leute betreiben momentan ein amerikanisch- europ\u00e4isches &#8222;Freihandelsabkommen&#8220;.<\/p>\n<p>Du hast in den letzten Tagen &#8211; ausnahmsweise &#8211; in ein paar deutsche Polizeifilme hineingeschaut und fragst dich, welche Absicht hinter diesem \u00dcberangebot kleiner privater Perversionen wohl steckt, aber das ist unterkomplex. Schau lieber in die v\u00f6llig neuen Gesichter dieser vielen integren, beschr\u00e4nkten oder bauernschlauen, eher schlitzohrigen (?) Menschen, die vor der Kamera sprechen. Manchmal freust du dich mit ihnen, dass sie endlich ein Publikum haben, das &#8211; als scheinbar willf\u00e4hrig &#8211; du als Lehrer gratis bereit gestellt bekamst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hochnebel? Bis auf extreme F\u00e4lle hieltest du ihn f\u00fcr die himmlische Wolkendecke, aber er ist viel weniger. Ein Gang durch die Schluchten der Bankent\u00fcrme belehrt dich. Du hast dich nur noch nie gefragt, wie die oberen Etagen mental ihren Nebel verarbeiten. Wie G\u00f6tter eben oder wie Zombies. Gibt es diese Horrorfilme bereits, die mit arbeitsteilig <em>banalen<\/em> (Hannah Arendt, aber \u00a0im vollen Sinne) T\u00e4ter, die jede zivilisierte Strafjustiz unterlaufen und nur f\u00fcr Lynchmord erreichbar sind?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl Marxens Klassentheorie ist zeitweise unsichtbar geworden. Du notorischer Optimist hast dich gefreut. Dabei fehlten dir blo\u00df das Sensorium. Du w\u00fcrdest ja auch ins Tschernobyler Land schlurfen, die Landschaft w\u00e4re dir blo\u00df langweilig. Ohne <em>Statistik<\/em>\u00a0(Vers\u00e4umnis der Studienzeit), ohne Finanzmathematik, ohne Informatik bist du nicht viel mehr als ein ans Licht gezogener Maulwurf, blind. Nun sollen dich, kraft ARTE und ihrer Filmautoren &#8211; die Kameraleute und Komponisten z\u00e4hlen nicht &#8211; Features <em>urteilsf\u00e4hig<\/em>\u00a0machen, aber nicht zum Einsatz von Pflastersteinen oder &#8211; in Amerika &#8211; von Schnellfeuergewehren verleiten. Das w\u00e4re ja Maschinenst\u00fcrmerei! Und was w\u00fcrde der Einsatz greller Sprayer gegen Luxusg\u00fcter &#8211; auch Kulturg\u00fctern &#8211; bewirken? Schadensersatzanspr\u00fcche und ein paar Schlagzeilen. Du h\u00e4ttest auch selber die M\u00f6glichkeit, deine billigen traditionellen Objekte zu verunstalten und so zu exponieren! Dir fehlt einfach das Vertrauen und die Risikobereitschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Klassengesellschaft<\/em> &#8211; Ich bekomme die Schatten der Bewegungen des Gro\u00dfen Geldes vor Augen gef\u00fchrt und komme mir vor wie gefesselt in Platos H\u00f6hle. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, das bereits als Widerstand gegen das Sterben oder die Einschl\u00e4ferung zu werten. Die Entscheidung \u00fcber den physischen, also gattungsm\u00e4\u00dfigen Tod nimmt man mir in Deutschland aus der Hand, wenn ich nicht ganz radikal bin, den geistigen Selbstmord <em>des B\u00fcrgers<\/em>\u00a0hat man l\u00e4ngst billigend in Kauf genommen. Warum sollte man dann noch dem <em>Warentest<\/em>-h\u00f6rigen Konsumenten Selbstbestimmung gew\u00e4hren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor drei\u00dfig Jahren erschreckte mich das Diagramm einer\u00a0<em style=\"font-style: italic;\">exponentiell<\/em>en Zunahme individueller, also auch meiner Inkompetenz. Ich habe nicht die praktische Konsequenz daraus gezogen, wenigstens meine pers\u00f6nliche Macht\u00a0<em>exponentiell\u00a0<\/em>zu steigern. Dies Vers\u00e4umnis teile ich mit Milliarden anderen Menschen. Ein wenig aus Einsicht: Die <em>Dividende\u00a0<\/em>daraus ist l\u00e4cherlich. Ohne kreative Menschen aus allen Jahrtausenden w\u00e4re sie nicht mehr als der Speck unter dem Fell und das Potenzial der Hoden. Nun gut: auch Immobilien, Inseln, Jagdreviere. Aber &#8222;das Kapital&#8220; \u00fcberw\u00f6lbt all die Deppen oder Schlaumeier oder &#8222;Funktion\u00e4re&#8220; (V. Flusser). &#8222;Der Engel der Geschichte&#8220; (W. Benjamin) hat seinen Regenschirm l\u00e4ngst eingezogen, sonst ginge der auch noch kaputt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die naturw\u00fcchsige Geschichte (Marx\/Habermas) \u00a0&#8211; Was uns da geschieht, ist nicht besser als &#8222;Natur&#8220;. Der ganze &#8222;Fortschritt&#8220; war f\u00fcr&#8217;n Arsch (Aber muss ich hier wirklich ordin\u00e4r werden?). Die Rotlintstra\u00dfe und die Zeil sind friedlich, noch warnt uns das Radio, der Volksempf\u00e4nger, unter g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden auch das Fernsehen. Ist es unfair, wenn ich in einer solchen Situation mein eigenes Verfallsdatum (&#8222;best before&#8220;) anklingen lasse?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber du hast doch &#8222;Nuss&#8220; getitelt! &#8211; Ja klar, es ist die Nuss, die schreibt. Ist sie gesund und h\u00e4lt sie sich noch eine Weile? Dass sie austreiben w\u00fcrde, w\u00e4re schon Utopie. (Pfui!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hochnebel &#8211; du h\u00e4ltst es f\u00fcr die Grenzen des Himmels. &#8211; Wollte ich titeln, aber soll ich das, was mich ankotzt, auch noch zelebrieren? Da m\u00fcsste ich ja religi\u00f6s sein. 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