{"id":2518,"date":"2020-11-18T12:00:53","date_gmt":"2020-11-18T11:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2518"},"modified":"2024-02-12T21:47:13","modified_gmt":"2024-02-12T20:47:13","slug":"ruth-klueger-weiter-leben-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2518","title":{"rendered":"Ruth Kl\u00fcger weiter &#8230;. und dann?"},"content":{"rendered":"<p>Ruth Kl\u00fcger ist am 2. Oktober 2020 in Kalifornien gestorben. Als <em>Literaturwissenschftlerin und Autorin <\/em>wird sie in Nachrufen erinnert, vor allem aber als\u00a0<em>Holocaust-\u00dcberlebende<\/em>, eine immer seltener werdende Menschengattung. Als solche durfte sie im Januar 2016 als <em>Festrednerin im Deutschen Bundestag zum 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau nicht nur ihr Leid von damals schildern,<\/em> sondern sich auch <em>vor der gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen herrschenden deutschen Willkommenskultur<\/em><em> verbeugen<\/em> . (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/autorin-ruth-klueger-ist-gestorben-16990449.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a> FAZ Nachruf 7.10.) Das war sicher eine gelungene Gedenkfeier. Ob sie auch in fr\u00fcheren Jahren wohl bereit gewesen w\u00e4re, an dem Ritual der neuerdings immer gedenkw\u00fctigeren politischen Klasse in Deutschland eine tragende Rolle zu \u00fcbernehmen??<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte anl\u00e4sslich ihres Todes mit achtundachtzig Jahren noch einmal auf ihre B\u00fccher aufmerksam machen.\u00a0 18.November 2020\u00a0 (Urspr\u00fcnglicher Upload am 22.August 2014)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Ruth Kl\u00fcger &#8211; Weiter leben und dann?<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201e<span style=\"color: #ff0000;\"><em>unterwegs verloren \u2013 Erinnerungen<\/em><\/span>\u201c, Zsolnay Verlag, Wien 2008<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich werde einige Szenen in\u00a0 \u201e<i>Weiter leben \u2013 eine Jugend<\/i>\u201c (Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 1992) nie vergessen. Die Dreizehnj\u00e4hrige mit der Mutter auf dem Treck von Auschwitz-Birkenau nach Deutschland, Niederbayern 1945. In seiner &#8218;banalen&#8216; Brutalit\u00e4t staubtrocken geschildert im Stil eines Grimmelshausen. Sie war das Kind, das sp\u00e4t in die Katastrophe geboren wurde, aber nicht sp\u00e4t genug. Sie wurde Fl\u00fcchtlingskind und dann Jugendliche in den USA.<\/p>\n<p>Ich gebe zu, ich mag sie.Sie liest Texte reflektiert und perspektivisch, <i>\u00e4hnlich wie ich<\/i> (ich benutze hier ihre Formulierung,188). Sie schreibt mit Herzblut und Selbstironie. Genau wie man die Kl\u00fcger kennt, wie sie redet.\u00a0Mich interessiert, was aus ihr nach ihrer Jugend wurde , daher lese ich die Fortsetzung von 2008, \u201e<i>unterwegs verloren \u2013 Erinnerungen<\/i>\u201c.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die knapp 240 Seiten bieten eine Autobiografie ohne spektakul\u00e4re Ereignisse &#8211; die Katastrophe war schon \u2013 mit einer grauen Ehe und einer Karriere im akademischen Lehrbetrieb irgendwo in Amerika. Was sollen da <i>Erinnerungen<\/i>? Ein Beharren auf der eigenen, subjektiven Sicht auf die Welt und die Zeitgenossen. Und weil es ein Altersbuch ist, auch ein Abrechnungsbuch, beides mit dem Programm <i>unbedingter Aufrichtigkeit<\/i> (L\u00f6ffler, Klappentext).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Redigieren meiner Notizen kommt die inzwischen verharmloste pers\u00f6nliche Sch\u00e4rfe ihres Tons wieder direkt in den Blick. Alle Spiegelungen sind ja nur Abschw\u00e4chungen des Originals.\u00a0Also wenigstens \u00a0eine Leseprobe (S.56f.):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich schreibe keine Witzb\u00fccher, und nur der erw\u00e4hnten Verwirrung halber lohnt es sich, diese Szene aufzuf\u00e4chern. Mir war zu Ohren gekommen \u2013 von wem wei\u00df ich nicht mehr &#8211; , dass mein Kollege S., ein amerikanischer Jude, ein fauler aber gescheiter Kafka-Forscher, dazu ein Gewohnheitsl\u00fcgner und Aufschneider, mit dem ich gut auszukommen meinte, behauptet habe, antisemitische Bemerkungen aus meinem Munde geh\u00f6rt zu haben. Ich lachte und schob diese idiotische \u2013 wie mir schien \u2013 Unterstellung beiseite. Ich als Antisemitin. Sonst noch was? An dem Abend war S. bei einem kleinen Umtrunk zugegen, und ich sagte ihm, was ich geh\u00f6rt hatte, eigentlich in der Erwartung, dass er es abstreiten oder erkl\u00e4ren w\u00fcrde. Ja, sagte er, das sei wahr, ich h\u00e4tte ihn doch mit judenfeindlichen Ausdr\u00fccken beschimpft. Ich fing an zu zittern, eine total k\u00f6rperliche Reaktion, ich war einem Zorn ausgesetzt, der mich hilflos machte. Wei\u00df der nicht, mit wem er spricht? Wo ich herkomme? Eine Wiener J\u00fcdin, die um ein Haar als Kind in Birkenau vergast worden w\u00e4re? Nat\u00fcrlich wei\u00df er es, wir sind doch befreundet, was man in Amerika befreundet nennt, sprechen uns mit Vornamen an, er sa\u00df oft in meinem B\u00fcro und hat die indiskretesten Intimit\u00e4ten aus seinem Privatleben zum besten gegeben, die ich wei\u00df Gott nicht h\u00f6ren wollte. Er war auch oft bei mir im Haus, ich sehe ihn noch, wie er auf dem Fu\u00dfboden mit meinem Hund Bella und meinem Sohn Dan Allotria treibt, alle drei darauf aus, ihre Unschuld und ihren Spieltrieb zur Schau zu stellen, und wie ich n\u00fcchtern zu dem Schlu\u00df komme, S. sei ein Narr, aber ein herziger; (&#8230;) Da hat er den Wein in die Schnauze bekommen, und seither serviert er deutschen G\u00e4sten sicher ein seichtes Ges\u00f6ff \u00fcber dieses Abendteuer, das Anla\u00df zum Schmunzeln gibt. Man merkt: Schon die Erinnerung daran erh\u00f6ht die literarische Temperatur dieser S\u00e4tze.\u00a0 Ich kann \u00fcber Probleme mit meinen Kollegen<\/em> (als Ordinaria in Princeton 1980-86, DvG) <em>auch nicht mit einem Anflug von Objektivit\u00e4t nachdenken. Ich merke das beim Schreiben: Wenn ich mich \u00e4rgere, ist es aus mit der Ausgewogenheit. Triviale Anl\u00e4sse bauschen sich auf.<\/em> (&#8230;.) Darauf folgt der Versuch einer Analyse des Konflikts mit dem Kollegen. &#8211; Gegen Unterlassungsklagen der immerhin identifizierbaren Personen, die sie in ihrem Buch pers\u00f6nlich angreift,\u00a0 sch\u00fctzt sie paradoxer ihr tabuierter Hintergrund \u2013 oder ist es nur der r\u00e4umliche und zeitliche Abstand?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie klagt sp\u00e4ter, dass der Suhrkamp-Verlag <span style=\"text-decoration: underline;\">ihr erstes Buch \u201e<i>Weiter leben<\/i><\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">\u201c<\/span> ablehnte. Auch ich kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Zwar benennt der erfolgreiche Suhrkamp-Erz\u00e4hler Martin Walser in einem (S.165 zitierten) Brief eine angebliche Schw\u00e4che<i> <\/i>der Kl\u00fcger: <i>Bei dir dominiert immer das, &#8230; was Du zum Erinnerungsstoff zu sagen hast. Du wirst dabei vehement und unbequem<\/i>. Man kann es auch anders formulieren, selbstbewusst: <i>Eigentlich war es ein essayistisches Buch, mehr Kommentar als Handlung.<\/i> (sie selbst, ebd.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist n\u00f6tig, dass erinnerte Vergangenheit gerade auch die Wahrnehmung der gegenw\u00e4rtigen Verbrechen sch\u00e4rft. Das ist etwas anderes als Suhrkamps \u00fcblicher Theoriezirkus, in dem ein Auftritt den anderen jagt! Was wei\u00df der Erz\u00e4hler Walser davon? Obwohl, als Tagebuchschreiber hat er mir imponiert, schien er mir unbestechlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kl\u00fcgers Erinnerungen steckt auch ein vers\u00f6hnliches Moment, wenn sie am Ende von <i>unterwegs verloren <\/i>im <i>Epilog, Kreuzfahrt<\/i> sagen kann: <i>Es ist uns schon schlechter gegangen<\/i>. Wie kommt es am Ende dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erf\u00e4hrt <i>sp\u00e4ten Ruhm<\/i> (167f.), und auf der Folie des ungeliebten amerikanischen Campus-Milieus folgenderma\u00dfen: &#8230;<i>dass sich dir die Welt gewisserma\u00dfen ge\u00f6ffnet hat, w\u00e4hrend sie sich ihnen im Alter mehr und mehr verschloss. (&#8230;) Wem eine breite \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung steht, der ist gesellschaftlich in einer anderen Lage als die, die nur auf ihr Privatleben angewiesen sind<\/i>. Nun m\u00f6chte sie beides haben, <i>aber es gelingt mir nicht immer. Die Leute, mit denen ich heute in Deutschland und \u00d6sterreich verkehre, habe ich fr\u00fcher nicht gekannt, es ist meine Alterswelt, nicht eine, in die ich hineingewachsen bin.<\/i> Vorher ging es ihr gegen\u00fcber Walser zum Beispiel nicht anders als jedem Unbekannten: <i>Walser stand oft im Kreuzfeuer, und ich habe oft auf der anderen Seite gestanden, nur waren meine Ansichten damals unwichtig und privat.<\/i> Unwichtig, weil privat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Ruth Kl\u00fcger ist keine selbstverliebte eitle alte Dame geworden, wie sie die\u00a0 Feuilletons bev\u00f6lkern. Sie verliert nicht die Bodenhaftung. Mich vers\u00f6hnt sie wieder einmal mit <i>den Juden<\/i> als einer vertrackten Kategorie. So, wenn ihr etwa Walsers t\u00f6richte Bosheiten in \u201e<i>Der Tod eines Kritikers<\/i>\u201c ebenso wie Reich-Ranicki <i>in die Knochen fahren. Denn das Jude sein ist kein Klub, aus dem man austreten kann.<\/i> (176) Wann wird das wieder m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Februar 2009\/August 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruth Kl\u00fcger ist am 2. Oktober 2020 in Kalifornien gestorben. Als Literaturwissenschftlerin und Autorin wird sie in Nachrufen erinnert, vor allem aber als\u00a0Holocaust-\u00dcberlebende, eine immer seltener werdende Menschengattung. Als solche durfte sie im Januar 2016 als Festrednerin im Deutschen Bundestag zum 71. 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