{"id":2502,"date":"2014-08-22T09:42:28","date_gmt":"2014-08-22T08:42:28","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2502"},"modified":"2016-02-13T15:30:37","modified_gmt":"2016-02-13T14:30:37","slug":"hans-georg-gadamer-und-die-stauungen-des-unbewussten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2502","title":{"rendered":"H.-G. Gadamer im Dritten Reich"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eIhr habt, scheint mir, zweimal versagt, nicht nur unter Hitler, sondern vor allem danach.\u201c (Hannah Arendt 1965 an Benno von Wiese)<\/em><\/p>\n<p>\u201ePlatonische Gewalt \u2013 Gadamers politische Hermeneutik der NS-Zeit\u201c von Teresa Orosco (Argument Verlag 1995).<!--more--><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Hans-Georg Gadamer und die Stauungen des Unbewussten<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war einmal ein sympathischer Hundertj\u00e4hriger, der bed\u00e4chtig in Interviews wenige, aber hochkonzentrierte S\u00e4tze formulierte. Zu deren Verst\u00e4ndnis musste man sein Werk gar nicht kennen. Das war mein Bild des Menschen und Philosophen Hans-Georg Gadamer, bis ich im Juli 2010 in einem Berner Antiquariat auf ein schmales Buch stie\u00df: <strong>\u201ePlatonische Gewalt \u2013 Gadamers politische Hermeneutik der NS-Zeit\u201c von Teresa Orosco (Argument Verlag 1995)<\/strong>. Ich war schockiert, ja, es verdarb mir die Ferienstimmung. Meine Frau h\u00e4tte es bald am liebsten versteckt. Ich schrieb dann Frau Orosco einen aufgeregten Brief, so etwas zwischen einem Dankesbrief und einem Kommentar zur Studie. Nur eine Frau, schien mir, konnte das f\u00fcr diese Studie n\u00f6tige Ma\u00df an Takt und Geduld, Scharfsinn und Umsicht aufbringen! Sie hat nicht geantwortet. Ich recherchierte, dass sie l\u00e4ngst das Arbeitsgebiet Philosophie gegen das der Iberoamerikanistik eingetauscht hatte, dass das Buch kaum Reaktionen ausl\u00f6ste und kaum noch irgendwo zu erwerben war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sollte alles gewesen sein, eine Fu\u00dfnote \u201aOrosco\u2019 in einer endlosen Sekund\u00e4rliteratur zu F\u00fc\u00dfen der etablierten Geistesgr\u00f6\u00dfe? Frau Orozco hatte sich angesichts Gadamers \u201eWirkungsgeschichte\u201c vorsorglich bereits im Buch f\u00fcr ihr Unterfangen entschuldigt. \u201aCaptatio benevolentia\u2019 nennt man das wohl, aber Wohlwollen konnte sie nicht erwarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas hindert mich bisher daran, meinen Text von 2010 in den Blog aufzunehmen, der Mangel an Belegen f\u00fcr den eiligen Leser. Ich ziehe also Oroscos Taschenbuch wieder zwischen den angestaubten B\u00fcchern von Gadamer heraus und suche nach Zitaten. Doch Tereza Orosco argumentiert feinmaschig in fachphilosophischem Kontext. Das alles zu ber\u00fccksichtigen, \u00fcbersteigt meine M\u00f6glichkeiten. Mit Gadamers Originalschriften will ich mich jetzt nicht besch\u00e4ftigen, mich nicht seinem \u201akonzilianten Denken\u2019 (Zitat Henning Ritter in der Einleitung auf S.12) aussetzen, nicht mit seiner Akzentverschiebung von der Doktrin zwangsl\u00e4ufigen Irrtums von Individuen \u201eauf einen umfassenderen Begriff von \u201aVorverst\u00e4ndnis\u2019, das jedem Verstehensakt voraus liege\u201c herumschlagen, auch nicht mit heutigen \u201eselektiven, zuweilen auch kritischen Lekt\u00fcren\u201c (S.13).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also gebe ich nun doch meine Eindr\u00fccke von 2010 wieder, in sehr gestraffter Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Semur en Auxois, 20.8.14<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0\u00a0<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">\u00a0<em style=\"font-style: italic;\">Ich war geschickter. Die anderen haben, weil sie anders nicht durchkamen, Konzessionen machen m\u00fcssen. Ich hab&#8217;s nicht machen m\u00fcssen. die Geschicklichkeit bestand darin, da\u00df man diejenigen, die Nazis waren, aber echte, vern\u00fcnftige Wissenschaftler, weiter als Kollegen ernst nahm, unter Vermeidung politischer Gespr\u00e4che nat\u00fcrlich.<\/em>\u00a0(Gadamer, Gespr\u00e4ch 1999, Argument 182,552, zitiert S.91, Anm.2)<\/span>\u00a0<\/b>Er \u00fcbernahm aber 1935 als Privatdozent nacheinander die &#8218;Vertretung&#8216; zweier &#8218;entjudeter&#8216; Lehrst\u00fchle. Ob politische &#8218;Konzessionen&#8216; n\u00f6tig waren, war auch eine Frage der Auffassungen, die man vertrat.\u00a0Gadamer hat rechtzeitig\u00a0\u00a0eine passende Plato-Interpretation entwickelt &#8211; die B\u00fccherverbrennungen 1933 eingeschlossen. Auch am Bild Johann Gottfried Herders im Sinne des siegreichen (1940) v\u00f6lkischen F\u00fchrerstaats hat er gearbeitet.\u00a0Eine Sentenz kommt mir in den Sinn (von wem eigentlich?): \u201aDer Intellektuelle ist der Bruder des Tyrannen\u2019. Die sogenannten Konservativen stehen den \u201aLinken\u2019 darin in nichts nach. In die Nachkriegszeit rettete er, wie Orosco schreibt, einen \u201adeutschnationalen\u2019 Blick, etwa im Ressentiment gegen \u201ePsychologisierung\u201c und andere Aspekte der Modernisierung, als Schritte zum ber\u00fcchtigten \u201eVerlust der Mitte\u201c (Sedlmayr). Ein paar Korrekturen der Schriften der Jahre nach 1933 mussten in sp\u00e4teren Auflagen allerdings schon sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So also hat sich der listige Gadamer durch den Nationalsozialismus geschl\u00e4ngelt und in Position gebracht! Ich bin leider jedes Mal wieder \u00fcberrascht und emp\u00f6rt, wenn ich von der intimen Beziehung zwischen Gelehrsamkeit und primitiver Anwendung erfahre, und von der Verf\u00fchrbarkeit von Philosophen, welche ihre Wahrheitsliebe in Form von Karrieren privatisieren und kapitalisieren.Was unterscheidet eigentlich Hans-Georg Gadamer von Josef Neckermann, der \u201eunbedingt ein Kaufhaus f\u00fchren wollte\u201c (Originalzitat aus einem sp\u00e4ten Interview)?\u00a0 Sympathisch sind beide Profiteure &#8211; im fortgeschrittenen Alter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich meine inzwischen sogar, den hochbetagten Gadamer im Buch von Tereza Orosco wiederzuerkennen: Er konnte wohl schon damals Menschen f\u00fcr sich gewinnen und \u00fcberzeugen. Doch dass er im Nationalsozialismus so scharf auf eine Ordentliche Professur war, hei\u00dft, dass sich sein \u00e4sthetisches und moralisches Sensorium nicht gut ausgebildet war. Im Anblick Hitlers und seiner Horden konnte er sich eine \u201eZukunft\u201c vorstellen? Sie waren ihm nur eklig oder unangenehm, bei der pers\u00f6nlichen Begegnung Hitler vielleicht gar eine Entt\u00e4uschung. Er lebte wie die sprichw\u00f6rtliche Made im Speck. Von der Welt drau\u00dfen nahm er wahr, was seinem D\u00fcnkel, den Karrierepl\u00e4nen und professoraler Standespolitik bedrohlich oder n\u00fctzlich sein konnte. Orosco zeigt Gadamer in dreist fordernder Haltung noch in den schwierigsten Situationen. Hat er sich in Wirklichkeit nicht tiefer mit dem Regime eingelassen als Heidegger, der geniale Junge aus dem Schwarzwald? Und weil er politisch \u201aunbescholten\u2019 war, blieb er unbehelligt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das 7. Kapitel zeigt Gadamer nach Kriegsende w\u00e4hrend einer kurzen Episode an der Universit\u00e4t in Leipzig unter der sowjetischen Besatzungsmacht, und zwar bei einem Vortrag in der Pose eines guten Hirten, eines \u00a0intellektuellen Seelenf\u00fchrers vor verunsicherten Zuh\u00f6rern. Solche Menschen sind mir 1990 in Ballenstedt und Quedlinburg begegnet, als sie uns Lehrerkollegen aus dem Westen wie Beichtv\u00e4ter behandelten. Gadamer verh\u00f6hnte zugleich jene, die dem Nationalsozialismus widerstanden und deshalb gelitten hatten. Sie waren einfach dumm gewesen, anstatt sich wie der Meister dem kollektiven \u201eWahn\u201c zu ergeben und sich danach von einflussreichen \u201aunbelasteten\u2019 Freunden \u201aentlasten\u2019 zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Gadamer Jahrzehnte sp\u00e4ter, in komfortabler Lage als ber\u00fchmter Mann zu seiner NS-Zeit von sich gab, war entsprechend. Er hat &#8211; verglichen etwa mit dem z\u00f6gerlichen, Peinlichkeiten produzierenden G\u00fcnter Grass &#8211; sein biografisches Problem moralischer Integrit\u00e4t elegant gel\u00f6st und vorausschauend sp\u00e4teren Generationen eine leicht verdauliche Version angeboten. So entdeckte er f\u00fcr sich die \u201ahermeneutische\u2019 Exkulpation im \u201eDr\u00e4ngen und Stauungen des Unbewussten\u201c (219), <span style=\"text-decoration: underline;\">seines<\/span> Unbewussten auf jeden Fall! Und aus der Erfahrung peinlicher Irrt\u00fcmer und Schw\u00e4chen zimmerte er noch eine theoretische St\u00fctze f\u00fcr <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Hermeneutik: Die \u201eWahrheit\u201c sei zusammen mit der \u201eVernunft\u201c \u201ein solchen Graden von unseren geschichtlichen Bedingungen abh\u00e4ngig, dass sie sich nicht selbst zu zeitigen verm\u00f6gen.\u201c (ebd.) Das opportune \u00a0\u201eVorurteil\u201c wird zur theoretischen Kategorie mit h\u00f6heren Weihen, speziell zur Anwendung f\u00fcr entgleiste Intellektuelle geeignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei alledem verfolgt mich das wohlgen\u00e4hrte und entspannte Gesicht des Mittsechzigers, das einem mittelalterlichen Bischof geh\u00f6ren k\u00f6nnte oder einem altchinesischen Mandarin, gleichm\u00fctig und unempfindlich. \u201aUnter den Talaren, der Muff von tausend Jahren\u2019! Ja, eingerichtet hat Gadamer sich im nationalsozialistischen Deutschland wie in einem tausendj\u00e4hrigen Reich. \u00a0In der BRD der f\u00fcnfziger Jahre war Gadamer gut vernetzt und eine Galionsfigur westdeutscher Amtsphilosophie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine pers\u00f6nliche Frage l\u00e4sst mich die ganze Zeit nicht los: War die Bildung durch Altgriechisch, die mir entging, der \u201aSchmalspur\u2019 des \u201aRealgymnasiums\u2019 mit Latein und Englisch wirklich vorzuziehen? Altr\u00f6mische Tugend langweilte doch blo\u00df. Die demagogische Potenz r\u00f6mischer Rhetorik war jedenfalls schwach. Der biedere Oberstudienrat Bernbeck hatte bei \u201aaltr\u00f6mischer Gesittung\u2019 zudem seine Afghanen vor Augen, die er bei einem Auslandsschuldienst in Kabul kennenlernte.\u00a0Was mich hingegen an den Griechen intellektuell fasziniert &#8211; ihre spezifische Mischung von Barbarei und Zivilisation \u2013 ergibt einen brisanten Cocktail. Wer hat sich daran nicht alles schon besoffen (oder so getan, als ob)?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIhr habt, scheint mir, zweimal versagt, nicht nur unter Hitler, sondern vor allem danach.\u201c (Hannah Arendt 1965 an Benno von Wiese) \u201ePlatonische Gewalt \u2013 Gadamers politische Hermeneutik der NS-Zeit\u201c von Teresa Orosco (Argument Verlag 1995).<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,21],"tags":[],"class_list":["post-2502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frueher","category-philosophen-suchen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2502"}],"version-history":[{"count":20,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3935,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2502\/revisions\/3935"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}