{"id":250,"date":"2001-06-06T15:12:23","date_gmt":"2001-06-06T14:12:23","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=250"},"modified":"2016-02-13T18:01:54","modified_gmt":"2016-02-13T17:01:54","slug":"versaeumte-lektionen-dialog-ueber-1968","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=250","title":{"rendered":"Vers\u00e4umte Lektionen \u00fcber \u201e1968\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><em>Meine Befragung durch Redakteure der Abiturzeitung 2001 (fiktives Protokoll) :<\/em><\/p>\n<p><em>DvG beunruhigt<\/em>: \u00a0Unsere Lehrer haben ihre Vergangenheit verschwiegen. Sie hatten ihre Gr\u00fcnde. Wollt Ihr mir etwa dasselbe vorwerfen?<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>&#8211; Na also! Und wie haben Sie mitgemischt? Ziehen Sie Lehren aus \u201e1968\u201c? \u00a0Registrieren Sie Wirkungen? \u00a0<!--more--><\/p>\n<p>&#8211; Jede Etappe hielt andere Erfahrungen bereit, zu jeder war ich anders positioniert.<\/p>\n<p>&#8211; Klingt vielversprechend!<\/p>\n<p>&#8211; Die Vorgeschichte: In der Schule als Klassenprimus war ich bereits Au\u00dfenseiter, und nahm mir die wenigen Au\u00dfenseiter unter den Lehrern zu Vorbildern.<\/p>\n<p>Als Konfirmanden\u00a0 schrieb der Pfarrer mir in die Bibel: \u201eSelig sind, die nicht sehen und doch glauben\u201c. Selig vielleicht, aber klug? Den Mauerbau in Berlin 1961 hatte ich resignativ verarbeitet: <i>Freiheit nur auf Inseln?<\/i> Die Kriegsdienstverweigerung war eine Sache mit dummen Schikanen, die ich psychosomatisch umging&#8230;.<\/p>\n<p>&#8211; Eine Menge Psychologie, aber bitte zur Sache kommen! 1968 !<\/p>\n<p>-Antiautorit\u00e4r hie\u00df f\u00fcr mich das Angebot, mit Br\u00fcdern (und Schwestern) gegen unw\u00fcrdige V\u00e4ter zu rebellieren und eine herrschaftsfreie Anarchie zu errichten, unter dem Schutz kl\u00fcgerer und vor allem weiter entfernter V\u00e4ter&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; Sie wollen es nicht anders, also: Was war 1967?<\/p>\n<p>&#8211; 1967 waren\u00a0 f\u00fcr mich bereits manches Thema abgehakt! Ich hatte in Frankfurt Philosophie und Soziologie studiert: <i>Frankfurter Schule<\/i>: \u201e<i>Kein wahres Leben im falschen<\/i>\u201c (klar, besonders in der Bundesrepublik!), \u201e<i>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/i>\u201c, \u201e<i>Kein Gedicht nach Auschwitz<\/i>\u201c, u .s .w.<\/p>\n<p>Dann zog ich 1966 &#8211; aus Verzweiflung \u00fcber die hiesigen Frauen &#8211; weg, nach Wien.<\/p>\n<p>Bereits auf halber Strecke ging der Stern der <i>Frankfurter Schule<\/i> unter. Wer kannte die schon in Wien oder sp\u00e4ter in Bern? Andere\u00a0 Namen\u00a0 waren gefragt. Adorno schrumpfte zum intellektuellen Provinzf\u00fcrsten mit Hofstaat Als er 1967 von <i>den Studenten<\/i> (und Studentinnen!) unter Druck gesetzt wurde, hatte ich seine Vorlesungen l\u00e4ngst verlassen. Die Seminare waren \u00fcberf\u00fcllt gewesen, die Vorlesungen ein verbales Ritual , das mit dem Hereintragen des Tonbandger\u00e4tes f\u00fcr \u201eSuhrkamp\u201c begann, und voll uneingel\u00f6ster Versprechungen auf Entschl\u00fcsselung der Welt, sprich ihrer <i>Dialektik<\/i>. Ich nahm mir vor, nur noch seine Texte zu lesen, und tat das dann auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Als ich im Sommer 1967 aus Bern zur\u00fcckkehrte, war der politische Zug bereits abgefahren. Warum bin ich \u00fcberhaupt zur\u00fcck nach Frankfurt? Heute sehe ich das so:\u00a0 Der universale Anspruch der Philosophie &#8211; diese Droge &#8211; war nur in Frankfurt wirksam, \u00fcberall sonst herrschte N\u00fcchternheit, n\u00fcchternes Handwerk. Mit der entstehenden <i>Bewegung<\/i> hatte ich also den Gr\u00f6\u00dfenwahn gemeinsam, nur die Richtungen waren verschieden.<\/p>\n<p>&#8211; \u201eDie sexuelle Revolution\u201c ?<\/p>\n<p>Sie lieferte ein paar bunte Bilder. Pers\u00f6nlich hatte ich endlich die befreiende Liebesbeziehung gefunden. An meiner pers\u00f6nlichen Reifung hat keine <i>Bewegung<\/i> Anteil. Im Gegenteil: <i>Die\u00a0 Frauenbewegung<\/i> hatte mir ende der 70er gerade noch gefehlt, als ich mich dem Einfluss der Kommunisten entzogen hatte.<\/p>\n<p>&#8211; Konkrete Erfahrungen bitte sehr! Demonstrationen!<\/p>\n<p>&#8211; Demo 1 :vom \u201eSDS\u201c in die Polizeikette am Ende der Mertonstra\u00dfe gejagt werden<\/p>\n<p>Demo 2:\u00a0 die Feindseligkeit von Autofahrern auf der\u00a0 Senkenberganlage; sie wollen uns \u00fcberfahren. Hab ich das \u00fcberhaupt selbst erlebt?<\/p>\n<p>&#8211; Vorlesungsstreik ?<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0 Was hei\u00dft hier\u00a0 Streik? Studieren ist keine Arbeit, sondern Privileg. Allerdings waren die ekligen legend\u00e4ren \u201eH\u00f6rs\u00e4le\u201c \u201eV\u201c oder \u201eVI\u201c &#8211; fensterlos totalit\u00e4r- kein Privileg. Ist\u00a0 mir das banale Ende der \u201eRevolution\u201c an der Uni selbst eigentlich aufgefallen?\u00a0 Das <i>business as usual<\/i> ab 1969, z.B. bei Politologen, Soziologen, Historikern, bei Iring Fetscher, Massing, Bleicken, Hammerstein (auch so ein akademischer Pfeifenj\u00fcngling) oder wem auch immer?<\/p>\n<p>&#8211; Und Ihr Referendariat 1970\/71 ?<\/p>\n<p>&#8211; Mit meinem Jahrgang schien die Saat der Erneuerung , die antiautorit\u00e4re Saat am Studienseminar aufzugehen, aber nur hier im Studienseminar\u00a0 III, nicht im Seminar I oder in Offenbach, wo sich sogar zwei Referendare umbrachten, erst recht nicht in II. Dort konnte ich wenigstens\u00a0 meinen langweiligen Geschichtslehrer &#8211; inzwischen mediengeiler Antreiber <i>seiner<\/i>\u00a0 Referendare &#8211; bei einem Go-in \u00e4rgern.<\/p>\n<p>Ich selber durfte den freien Gegentyp zum traditionellen Gymnasiallehrer ausprobieren. Wir Referendare hielten solidarisch (na ja !) einander gegen die Ausbilder den R\u00fccken frei, und die lie\u00dfen es mit sich machen. Hier\u00a0 wurde ich ein wenig <i>sozialisiert<\/i>, sozialistisch umerzogen, wobei mein offenes Wesen immer wieder an den Machtstrategien\u00a0 von <i>kommunistischen<\/i> Kollegen abprallte, die ich gerne zu echten Freunden gewonnen h\u00e4tte.\u00a0 Aber ist das wichtig?<\/p>\n<p>&#8211; Waren Sie nicht Maoist?<\/p>\n<p>&#8211; \u201e<i>Die Wahrheit in den Tatsachen suchen<\/i>\u201c\u00a0 &#8211; Nur ein Narr wie ich nahm diesen Satz Maos zum Nennwert; war er doch der geborene Machtpolitiker und Demagoge. Auch die kleinen <i>Maos<\/i> in Frankfurt wollten es mit den \u201eTatsachen\u201c nicht so genau nehmen. Dazu eine Erfahrung am Rande: Im Antiquariat von <i>Beckers und Repp<\/i> blieb das gro\u00dfe Angebot an China-B\u00fcchern liegen, und das w\u00e4hrend der gr\u00f6\u00dften \u00f6ffentlichen China-Euphorie. Geschichtsbewusstsein war nicht gefragt. Das chinesische Volk sollte \u00a0&#8222;<i>ein wei\u00dfes St\u00fcck Papie<\/i>r\u201c sein. Auch das war Mao!<\/p>\n<p>&#8211; Was immunisierte Sie dann gegen die abgeschmackten Seiten des Maoismus?<\/p>\n<p>&#8211; Wieder ein pers\u00f6nlicher Grund: Die Begegnung mit meinem alten Zeichenlehrer, einem Kenner des chinesischen Volkes. Er \u00f6ffnete mir den Zugang zur geistreichen Literatur, zur \u00c4sthetik und zum Witz dieses Volkes, das Unterdr\u00fcckung bereits kannte, als unsere europ\u00e4ischen Vorfahren noch ungebildet auf die Jagd und zur n\u00e4chstbesten Privatfehde ritten&#8230;<\/p>\n<p>Mein Fernweh\u00a0 verband sich mit politischen Motiven zu einem Utopia:\u00a0 dass Funktion\u00e4re die Stra\u00dfe kehrten. Viel mehr haben wir uns im Westen nicht eingestanden, zumal es schwer war, mehr zu fragen. Und dann schrieb\u00a0 Mao sogar Gedichte (wirklich?) und wollte w\u00e4hrend seiner Schulzeit unter der Bank Romane gelesen haben, verehrte\u00a0 den rebellischen <i>Affenk\u00f6nig<\/i>, der im <i>Himmelspalast<\/i> erfolgreich Unruhe gestiftet hatte &#8230; Im \u00fcbrigen schien mir plausibel, da\u00df\u00a0 Revolution nicht ohne \u00dcbertreibung, ohne Exzesse auskommt,<\/p>\n<p>&#8211; Ja die Revolution!<\/p>\n<p>&#8211; Ich habe mir\u00a0 wie viele Andere einen Mythos von einer sch\u00f6nen, heilsamen\u00a0 Revolution aufschwatzen lassen und ihn bis auf den letzten Stein abarbeiten m\u00fcssen. Naiv war ich, da diese Idee mit meinem Lebenskonzept unvereinbar war und ist. Die Illusion half mir allerdings, ein paar Jahre lang geduldig ( oder ungeduldig)\u00a0 harte Gremienst\u00fchle in Hinterzimmern zu dr\u00fccken und pers\u00f6nlich die Erfahrung des b\u00fcrokratischen Papierkriegs zu machen.<\/p>\n<p>Die Gegenseite war nicht attraktiv: Die\u00a0 <i>freie<\/i> China-Wissenschaft in Frankfurt war in Routine erstarrt, sie trieb sich mit Steininschriften und konfuzianischen Klassikern herum. War das etwa besser als die Enge der <i>Kulturrevolution<\/i>? Ich wollte jedenfalls\u00a0 der neuen Realit\u00e4t in China n\u00fctzlich sein.<\/p>\n<p>&#8211; Nahmen Sie damals nichts anderes als Exotik und Theorie zur Kenntnis?<\/p>\n<p>&#8211; Doch: z.B. Griechenland 1967 , Chile 1973,\u00a0 Portugal\u00a0 1970-75\u00a0 Vietnam: &#8230;&#8230;<\/p>\n<p>Bei dieser Art der Aufkl\u00e4rung, der Vergewaltigung durch die Ohren und Augen\u00a0 gingen mir die Augen \u00fcber. Die Lebensl\u00fcgen der Erwachsenen, der BRD &#8211; mitten darin die von H.M. Enzensberger blo\u00dfgestellten L\u00fcgen der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c &#8211; hatten mich f\u00fcr einen Moment geblendet, f\u00fcr die andere Seite ge\u00f6ffnet, die ich nur in der\u00a0 Gestalt des Schreckgespenstes gekannt hatte, der ich folglich Vertrauen entgegenbrachte, oder wenigstens nach Gr\u00fcnden suchte, dies zu tun. Doch die ideologischen und militanten Sandkastenspiele von KBW, KPD, RK, RAF und Co. waren nicht mein Ding.<\/p>\n<p>&#8211; ??<\/p>\n<p>&#8211; Meine Erwartung , die Ausbeuterklassen w\u00fcrden ihre letzte Generation erleben und\u00a0 ich ihr Verschwinden, beruhte auf der Vorstellung einer allgemeinen emanzipatorischen Entwicklung, unterlegt mit der Selbstt\u00e4uschung des engagierten Lehrers, der an die bessernde Wirkung von <i>Aufkl\u00e4rung<\/i> glaubte, mit einem Optimismus, der ja auch den Anf\u00e4ngen der \u00f6kologischen Bewegung zugrunde lag. Solche Irrt\u00fcmer sind das Recht der Jugend und derer, die mit Jugend infiziert sind.<\/p>\n<p>Die Siebziger Jahre sind mir unter vielen Aspekten als h\u00e4ssliche Zeit in Erinnerung. Sie harren ihrer Neubewertung. Ich selber gefalle mir nicht besonders in diesen Jahren.<\/p>\n<p>&#8211; \u201e1968\u201c &#8211; Muss man in Ihrem Alter dabei gewesen sein?<\/p>\n<p>&#8211; \u201e1968\u201c war zwar eine Art sozialer Verdauungsst\u00f6rung, aber wohl nach zwei Jahrzehnten Obstipation (Verstopfung) n\u00f6tig,\u00a0 und wer bei diesem Gro\u00dfreinemachen nicht mitgetan hat, steht im Verdacht, immer noch verstopft zu sein.<\/p>\n<p>Im Bewusstsein, da\u00df gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen sich auch ohne unser Zutun durchsetzen &#8211; in unserem Fall hinter dem R\u00fccken der rot geflaggten \u201eRevolution\u201c &#8211; ist mir heute die Frage wichtiger, ob ich mich f\u00fcr die Figur, die ich damals abgegeben habe, sch\u00e4men m\u00fcsste. Ich habe 1968 zu politisch angegriffenen Professoren gehalten, habe Informationen und Freiheiten nach Kr\u00e4ften genutzt, ohne mich wieder einsperren zu lassen, \u00a0ich habe den Geist der Br\u00fcderlichkeit mit Optimismus in meiner P\u00e4dagogik erhalten. Meine theoretischen Irrt\u00fcmer blieben im normalen Ma\u00df\u00a0 wissenschaftlicher Dummheiten; ich habe nie die <i>ungl\u00e4ubige<\/i> Haltung aufgegeben, auch nicht, als ich 1973 in der VR China\u00a0 meine Notizen und Fotos machte. &#8230;<\/p>\n<p>Wollen sie etwa mildernde Umst\u00e4nde geltend machen?<\/p>\n<p>&#8230;.Das Lagerdenken , das sich aus den 50er, 40er, 20er Jahren\u00a0 bis in die Gegenwart\u00a0 schleppt, hat mich nie wirklich im Griff gehabt.<\/p>\n<p>&#8211; Sch\u00f6n, wie Sie sich verteidigen! Jetzt wenigstens noch eine Bilanz!<\/p>\n<p>&#8211; Irgendwie waren diese Zeiten ideal f\u00fcr mich, weil sie &#8211; trotz \u201eRadikalenerla\u00df\u201c und \u201eDeutschem Herbst\u201c &#8211; den Grad der Zivilisation der Bundesrepublik vermehrt haben: a) durch\u00a0 erweiterte Freiheiten b) den raschen Wechsel der Moden als Mittel gegen geistige Abstumpfung, und c) durch ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Unma\u00df an Informationen, das endlich erlaubte, die notgedrungen unkritische Dankbarkeit gegen\u00fcber Aufkl\u00e4rern loszuwerden und auf eigene Faust nach <span style=\"text-decoration: underline;\">Qualit\u00e4t<\/span> zu forschen.<\/p>\n<p>&#8211; Und was meinen Sie, waren die wirkenden Kr\u00e4fte?<\/p>\n<p>&#8211; Vielleicht\u00a0 waren die <i>Gastarbeiter<\/i> und die Emigranten der diversen Diktaturen\u00a0 einflussreicher als unsere Studenten<i>-Bewegung<\/i>\u201c&#8230;.. und nat\u00fcrlich die Computerrevolution und die Revolution der Medien, und\u00a0 die &#8211;\u00a0 in den\u00a0 deutschen Wohlstandstourismus m\u00fcndende &#8211; Reisefreiheit! Und die Internationalisierung der Kultur! Und der Bankrott der Sowjetunion!<\/p>\n<p>Waren wir nicht genau so aufgeregte Zwerge gewesen wie zwanzig Jahre sp\u00e4ter die Idealisten, welche die runden Tische der abtretenden DDR bev\u00f6lkerten?<\/p>\n<p>&#8211; Danke f\u00fcr die ultimative Lektion!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>6.6.2001, f\u00fcr die Abiturzeitung als Gastbeitrag geschrieben, publiziert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Meine Befragung durch Redakteure der Abiturzeitung 2001 (fiktives Protokoll) : DvG beunruhigt: \u00a0Unsere Lehrer haben ihre Vergangenheit verschwiegen. Sie hatten ihre Gr\u00fcnde. Wollt Ihr mir etwa dasselbe vorwerfen? \u00a0&#8211; Na also! Und wie haben Sie mitgemischt? 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