{"id":2392,"date":"2003-09-28T21:21:25","date_gmt":"2003-09-28T20:21:25","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2392"},"modified":"2017-10-06T23:15:45","modified_gmt":"2017-10-06T21:15:45","slug":"ausgerechnet-traumfabrik-kommunismus-schirn-kunsthalle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2392","title":{"rendered":"Ausgerechnet TRAUMFABRIK KOMMUNISMUS (Schirn Kunsthalle)"},"content":{"rendered":"<p><b>UdSSR als Freakshow in der Schirn <\/b>f\u00fcr sieben Euro wie auf dem Rummelplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eingangsinszenierung\u00a0 ist genial, sie erschl\u00e4gt: Roter Teppich. Gruftig, sage ich spontan. Und das war noch vor kurzem der Raum von Matisses farbigem Bl\u00e4tter-Altar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eins folgt dem Anderen im Schirn-Karussell. Die Besucher gehen stumm herum, wenn sie nicht eine vorgestanzte Nische zum Absitzen nutzen.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kabakows Tonkabine beim Ausgang r\u00fchrt mich, sie vertritt die in der Schau systematisch unterschlagene menschliche Ebene, die sich \u00fcber den Ton vermittelt, die Ebene der Gef\u00fchle und menschlichen Bed\u00fcrfnisse, wie auch den Hintergrund von Angst im Stalinismus, aber schon Michael scheint darin die Menschlichkeit nicht mehr zu sp\u00fcren. Sonst aber findet eine\u00a0 triumphierende Entwertung der Russen, ihre zweite Erniedrigung in unseren Augen keine Korrektur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich phantasiere eine entsprechende Ausstellung \u00fcber das Dritte Reich: ohne die uns allen bekannten Hintergr\u00fcnde, mit den zweitklassigen Kitschmalern, Deutschen als Freaks&#8230;. ein Sturm der Entr\u00fcstung und \u201eRichtigstellungen\u201cvon allen Seiten w\u00fcrde wohl losgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polen waren in den 80ern peinlich ber\u00fchrt vor ihrer ersten Stalinismus-Ausstellung im Gefolge vom sowjetischen Glasnost. Doch ihr Interesse, soweit ich es mitbekam, fokussierte sich auf die Frage: \u201eWer war dabei?\u201c Und das von Leuten, die\u00a0 immer noch (1987) selber \u201edabei\u201c waren, ohne sich viel Gedanken dazu zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Franffurt kann so etwas nur Exotismus sein, historischer Voyeurismus mit den bekannten Krokodilstr\u00e4nen \u00fcber immer neue \u201aso noch nicht wahrgenommene\u2019 Opfer. Das signalisiert\u00a0 die Schirn. &#8211; Nichts mehr von einer Selbstaufkl\u00e4rung des Publikums, wie sie Kant erhoffte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Nur eine d\u00fcnnes Pr\u00e4parat wird unter ein dummes Mikroskop gelegt. Im dr\u00f6gen Katalog stehen \u201eEssays\u201c. Filme spielen ohne Ton. Es gibt Vertow neben uns\u00e4glichen Vergottungen und schwachsinnigen Abbildern Stalins. Michael fragt, warum denn Vertovs Film \u201eDer Kameramann\u201c als \u201eformalistisch\u201c unterdr\u00fcckt worden sei, ich antworte: Er verf\u00e4lschte nicht. Dabei werben in seinem Film Arbeiterinnen, die einfach gut drauf sind, raffinierter f\u00fcr die SU als die \u00d6lschinken nebenan. Und &#8211; eine weitere S\u00fcnde &#8211; der Beobachter ist der \u201eHeld\u201c des Films.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte ein Spotlight auf die Widerst\u00e4ndigkeit von Malern in der Abbildung unpathetischer Badefreuden und von Fettpolstern anstelle marmorner Muskulatur! Ein \u201aFotorealist\u2019 &#8211; der\u00a0 mit den vielen SS-Typen im Sonnenschein &#8211; hatte Spa\u00df am Detail, schon wurde er kritisiert. Erst der tr\u00fcbe Pinsel, der Licht und Schatten ignorierte, der Holz und Haut und Teppich zu Schlieren verr\u00fchrte, erschien dem Regime sentimental genug, ein kastrierter Impressionismus war erw\u00fcnscht, wo Stalin wie ein Hase vor Gorkis Sterben hockte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wird her\u00fcberkommen ohne die unterlassene Aufkl\u00e4rung? Dass die Russen so &#8218;uncool&#8216; waren, dass derartige Badehosen \u201aunm\u00f6glich\u2019 waren, dass der Stalinismus eine geschmacklose Angelegenheit war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dr\u00f6ge die Texte!\u00a0 Auch der Katalog. Schweigen \u00fcber den allt\u00e4glichen Terror und die Angst. Uns\u00e4glicher Kitsch &#8211; Michael sucht das Positive, w\u00fcrde &#8222;f\u00fcrs Sofa kaufen&#8220;. Er relativiert wo er kann: \u201eW\u00e4re auch in den USA damals &#8230;\u201c Er sieht die Verriegelung des Meereshorizonts nicht &#8211; und wer sonst nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schmachvolle Kapitulation des Kasimir Malewitsch (Suprematist) wird erst im Buch des Museumsshops entschl\u00fcsselt: Bedrohung seit zwei Jahren und seine schwere Krankheit. Nur seine f\u00e4lschende R\u00fcckdatierung wird in der Ausstellung hinterlistig\u00a0 vermerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt bin ich gespannt auf die \u201eAusstellungskritiken\u201c in der FAZ usw.. \u00a0 \u00a0\u00a028.9.2003<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2427 aligncenter\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.9-192x300.jpg\" alt=\"FAZ 26.9.A.Laktionow\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.9-192x300.jpg 192w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.9-624x975.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.9.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Das Licht als Held der Sowjetunion:\u00a0Alexander Laktionows &#8222;Brief von der Front&#8220; (1947), FAZ 26.9.2003 S.35<\/em><\/p>\n<p>P.S. 19.7.2014\u00a0 Ich drucke \u201eTransformation der Heiterkeit \u2013 Stalin und die heroischen K\u00fcnstler\u201c von Lorenz J\u00e4ger, 26.9.2003 Nr.224\/S.35 hier ab.\u00a0Zum Lesen bitte 2x anklicken<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2435 aligncenter alignnone\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91-204x300.jpg\" alt=\"FAZ 26.9.2003\" width=\"204\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91-204x300.jpg 204w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91-696x1024.jpg 696w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91-624x916.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2003\/09\/FAZ-26.91.jpg 816w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UdSSR als Freakshow in der Schirn f\u00fcr sieben Euro wie auf dem Rummelplatz. 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