{"id":2289,"date":"2010-07-01T19:19:32","date_gmt":"2010-07-01T18:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2289"},"modified":"2016-06-09T23:35:14","modified_gmt":"2016-06-09T22:35:14","slug":"achim-und-renate-gehen-auch-am-1-juli-2010","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2289","title":{"rendered":"Achim und Renate gehen auch, am 1.Juli 2010"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280175.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280175-300x225.jpg\" alt=\"P1280175\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280176.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280176-300x229.jpg\" alt=\"P1280176\" width=\"300\" height=\"229\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>Verabschiedung 1.Juli 2010 von Renate Ahnert und Achim Bank in einer Kneipe in Oberh\u00f6chstadt.\u00a0<\/i><i>Ich bringe zwei Briefe mit, die auch als Reden funktionieren w\u00fcrden. Dazu kommt es nicht bei dem reichhaltigen Programm.<!--more--><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0Lieber Achim<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei solchen Verabschiedungen \u2013 notierte ich irritiert noch vor meiner Verabschiedung 2006 \u2013 holen uns die Geister der Ehemaligen zu sich. Und sie sind nicht blo\u00df da, sondern machen sich auch bemerkbar. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass ich dich auch noch einmal heimsuche. Doch da Michael Gather wegen Krankheit nicht kommen kann \u2013 er ist auch pensioniert &#8211; muss ja jemand seine unverbl\u00fcmten W\u00fcrdigungen \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Du warst mir ein profilierter, soll ich sagen, unverzichtbarer Fachkollege?\u00a0Bewunderung wechselte mit Kopfsch\u00fctteln oder ein paar Mal in handfesten \u00c4rger. Wahrscheinlich ging es dir \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Doch Bewunderung f\u00fcr mich? Nicht selten kamst du im Lehrerzimmer auf mich zu und hast ein Gespr\u00e4ch angefangen &#8211;\u00a0 eigentlich hast du mir jeweils eine Frage gestellt, die ganz speziell war, nicht einmal du hattest die Antwort &#8211; und sie lag regelm\u00e4\u00dfig auf einem Gebiet, das mich nicht interessierte, gew\u00f6hnlich das Deutsche Reich im 19.Jahrhundert. Stand dahinter eine p\u00e4dagogische Absicht? Ich h\u00e4tte dir gern so viel anderes erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wir unterrichteten Jahrzehnte in derselben Schule\u00a0 und in demselben Schulsystem, auch wenn wir jeder anders darauf reagierte. Ich sage heute vereinfachend: Wir haben in dem chaotischen, desorganisierten System \u201eHessen\u201c unterrichtet. Verwaltung und Lehrplanmacher waren mit\u00a0 ihren eigenen Interessen und Problemen vollauf besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Du warst darin nicht gl\u00fccklich &#8211; so schien es mir &#8211; und wolltest in deiner engsten Umgebung &#8211; sagen wir mal &#8211; gegensteuern.\u00a0Ich f\u00fchlte mich schlussendlich darin frei. Ich konnte <span style=\"text-decoration: underline;\">meine<\/span> Konzepte entwickeln.<\/p>\n<p>Und dann kamst du, klagtest in der Fachkonferenz \u00fcber die \u201eVernachl\u00e4ssigung durch den Dienstherrn\u201c, der es vers\u00e4umt hatte zu irgendwelchen Pl\u00e4nen Durchf\u00fchrungsbestimmungen zu erlassen. Ich wei\u00df das noch, weil ich sofort dachte: L\u00e4cherlich, er hat das doch gar nicht n\u00f6tig. Und schon das Wort \u201eDienstherr\u201c &#8211; wir sind doch kein <i>F\u00fcrstenknechte<\/i>!<\/p>\n<p>Mir stand <i>die freie Gelehrtenrepublik<\/i> vor Augen, so wie die Hochschule in England &#8211; wie mir ehemalige Sch\u00fcler erz\u00e4hlt haben \u2013 noch heute ihre Br\u00e4uche und Missbr\u00e4uche pflegt.<\/p>\n<p>Derselbe \u201eDienstherr\u201c lie\u00df deiner Ansicht nach auch zu, dass massenweise \u201ezu gute\u201c Noten in den Zeugnissen standen, was sich an Abiturnoten klar beweisen lie\u00dfe, wenn man dich nur nachschauen lie\u00dfe. Da gab ich ein einziges Mal zu irgendwas\u00a0 meinen formellen Einspruch zu Protokoll.\u00a0Inzwischen hat der Dienstherr sein Vers\u00e4umnis aus drei Jahrzehnten mehr als gut gemacht. Ich f\u00fchlte mich nicht erst 2006 als <i>1968er-Fossil<\/i>. Ich ging gern unter Wahrung des Gesichts mit 62 in den verdienten Ruhestand.\u00a0Ich w\u00fcsste gern, wie es dir unter dem neuen Regime weiter ergangen ist. Vielleicht hattest du noch einmal eine gute Zeit, vielleicht auch nicht.<\/p>\n<p>Heute steht mir das Gemeinsame an unseren teilweise kontr\u00e4ren Positionen viel st\u00e4rker vor Augen: an erster Stelle einmal <span style=\"text-decoration: underline;\">Inhalte<\/span>, gleich danach Verantwortung f\u00fcr den einzelnen Sch\u00fcler und <i>das Ganze<\/i> &#8211; die AKS.\u00a0Wir haben den Verfall der \u00e4u\u00dferen Ordnung, der Sitten und des Niveaus beide schlecht ausgehalten, ich reagierte mit R\u00fcckzug in mein <i>Biotop<\/i>, du anders.<\/p>\n<p>Beide haben wir heute unsere <i>Fans<\/i> und Leute, die nicht mit uns und mit denen wir nicht zurechtkamen,\u00a0 was sie einem beim zehnj\u00e4hrigen Wiedersehen manchmal unvermutet an den Kopf werfen. Mir geht es jedenfalls so. Da du im gew\u00f6hnlichen Leben kantiger, schroffer auftrittst als ich, hattest du vielleicht mehr von der zweiten Sorte als ich.\u00a0Die gro\u00dfe Menge der Sch\u00fcler sah neben dem Notenerfolg haupts\u00e4chlich unseren Unterhaltungswert.<\/p>\n<p>Auch du bist <i>ein Freak<\/i>, ein Original an der AKS gewesen. Insofern wusste ich immer: Gerade du tr\u00e4gst zu meinem\u00a0 Ideal, dem Kollegium von Individualisten bei. Wir Kollegen haben speziell davon profitiert, bei Konferenzen, bei Fortbildungen &#8211; ich denke noch an die letzte \u201eErste Hilfe\u201c (Ich habe davon einen Film f\u00fcr dich) &#8211; und nat\u00fcrlich im Medium der Musik. Wenn du am Klavier gesessen hast, war ich einfach gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Ich habe also, wie du siehst, den l\u00f6chrigen <i>Fehdehandschuh<\/i> gewendet und werfe ihn dir zu, als herzliches Angebot.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mail: &#8230;..<\/p>\n<p><i>P.S.<\/i><\/p>\n<p><i>Eine Antwort erhielt ich nie, aber immer wenn wir uns an einer Veranstaltung treffen, herrscht reine Harmonie. Ich hefte das ab als weitere Facette einer langen beruflichen Beziehung. &#8211; 17.6.14<\/i><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280161Achim.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/P1280161Achim-300x225.jpg\" alt=\"P1280161Achim\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Mit den Worten &#8218;Dein Brief&#8216; hast du mich heute bei der Trauerfeier f\u00fcr Michael Stadtler begr\u00fc\u00dft. Deine Frau hat ihn auf der Webseite gefunden und du wolltest mir danken. Der Umschlag muss damals auf dem Fest verlorengegangen sein. Ich habe den Brief nochmal gelesen. Alles okay. 9.6.2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liebe Renate! \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>S<\/strong>tarke Kontraste erzeugen starke Emotionen. Damit kann ich <span style=\"text-decoration: underline;\">dir<\/span>\u00a0nicht dienen. Das hat auch sein Gutes. Wir erkannten und anerkannten uns in\u00a0in unserem p\u00e4dagogischen Eros und sahen einander die Schw\u00e4chen gerne nach. Als Oberstufenleiterin hast du darin die gr\u00f6\u00dfere Leistung erbracht als ich.\u00a0Du warst nicht zu beneiden mit meinen Abituraufgaben und meiner notorischen Sehschw\u00e4che f\u00fcr Vorgaben.<\/p>\n<p>Ich fand, dass du den Sch\u00fclern gut tust, auch wenn ich in den letzten Jahren deine kleine Fluchten in irgendwelche Exkursionen und Planspiele nicht billigte, nat\u00fcrlich wegen der organisatorischen Konsequenzen f\u00fcr meinen Unterricht, den ich verteidigte wie ein Juwel. Jeder hat seinen Stil.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass ich \u201einhaltliche\u201c Unterschiede nur mit M\u00fche erinnere, obwohl sie existierten, weil das so unwichtig ist f\u00fcr unser Wirken. Ich denke heute: Der Wahrnehmungsfilter der meisten Sch\u00fcler ist zu dicht, als dass Inhalte, geschweige denn der Differenzen, \u00fcberhaupt eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Respekt, Zuwendung, die Chance, sich zu zeigen und damit verbunden Freiheit von Angst\u00a0 machen den Kern der p\u00e4dagogischen Beziehung aus. Und dich haben die Sch\u00fcler weniger \u201elaunisch\u201c als mich wahrgenommen, wie immer dieses Image von mir zustande gekommen ist. Ich meinte es doch <span style=\"text-decoration: underline;\">auch<\/span> nur gut.<\/p>\n<p>Ich war drei\u00dfig Jahre an der AKS und du wahrscheinlich auch. Du kamst aus Berlin\u00a0und fandest uns \u2013 wie du sp\u00e4ter sagtest \u2013 \u201eundurchsichtig\u201c.\u00a0 Ich fand die AKS anonym \u2013 wie meine Heimat Frankfurt . Bekanntlich \u2013 nach dem Urteil von Soziologen wie Richard Sennett &#8211;\u00a0 bedeutet \u201eAnonymit\u00e4t\u201c\u00a0 Freiheit, doch <span style=\"text-decoration: underline;\">auch<\/span> Unsicherheit.\u00a0 Das m\u00fcssen die meisten Kollegen so empfunden haben, denn man tat sich lieber nicht weh. Diese Toleranz war nicht das Gelbe vom Ei \u2013 und als wir zehn Jahre lang keine frischen Kollegen bekamen, wurde sie fad. Anschlie\u00dfend bekamen wir oft f\u00fcr kurze Zeit so viele neue Kollegen, dass ich gern Namensschilder gehabt h\u00e4tte. Doch dann h\u00e4tten wir das Problem ja zugeben m\u00fcssen. Und Probleme gab man an der AKS nie gern zu, bis eine Direktorin den Knoten platzen lie\u00df \u2013 leider (oder doch lieber Gottseidank?) <span style=\"text-decoration: underline;\">nach<\/span> meiner Zeit.<\/p>\n<p>Ich vermisste sehr pers\u00f6nliche Kontakte. Die anderen Frankfurter zogen fast alle in den Vordertaunus.\u00a0Wie alt ist dein Sohn jetzt? Bei unserem letzten Besuch h\u00fcpfte er noch auf unserem Autodach herum, der ungeb\u00e4rdige Bub.<\/p>\n<p>Und allm\u00e4hlich hatte ich den Eindruck, dass wir immer mehr in die Mangel genommen wurden. Jeder war ausgebucht. Dem schien nur der stabile Kreis der Kronberger gewachsen zu sein. Und da Lehrer auch noch viel in Urlaub fahren, vertr\u00f6stete man sich auf die Zeit nach der Dienstzeit.\u00a0 Nun ist es so weit, Renate. Ich hoffe nur, du hast nicht schon \u201eEnkelchen\u201c, deren Eltern blo\u00df auf deine Freistellung warten.<\/p>\n<p>Doch erst einmal: Du hast gedient, lass es hinter dir. Es ist ein wunderbares, unwirkliches Gef\u00fchl, jeden Monatsersten\u00a0 ein Gehalt nur f\u00fcr die selbstbestimmte Mu\u00dfe (oder vielleicht b\u00fcrgerschaftliches Engagement) \u00fcberwiesen zu bekommen. Alles Gute!<\/p>\n<p>Mail: <i>&#8230;.<\/i><\/p>\n<p>Anhang: Renate Ahnerts <span style=\"text-decoration: underline;\">gehaltene<\/span> Abschiedsrede<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00a0 Verabschiedung 1.Juli 2010 von Renate Ahnert und Achim Bank in einer Kneipe in Oberh\u00f6chstadt.\u00a0Ich bringe zwei Briefe mit, die auch als Reden funktionieren w\u00fcrden. 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