{"id":2207,"date":"2002-04-20T17:17:07","date_gmt":"2002-04-20T16:17:07","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2207"},"modified":"2020-05-22T11:02:36","modified_gmt":"2020-05-22T09:02:36","slug":"blick-auf-chinas-populaere-druckgraphik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2207","title":{"rendered":"NIANHUA  &#8211; Chinas popul\u00e4re Druckgrafik und ihr Umfeld"},"content":{"rendered":"<p>Der Beitrag, den ich f\u00fcr das<b>\u00a0<\/b>Katalogbuch der Ausstellung:\u00a0 \u201e<i style=\"font-style: italic;\">Bilder vom Gl\u00fcck \u2013 Chinesische popul\u00e4re Grafik aus dem 20. Jahrhundert<\/i>\u201c. Museum der Weltkulturen Galerie 37, Frankfurt am Main 2002 schrieb, stellt die traditionellen Holzschnitte vor, Erzeugnisse einer handwerklichen Industrie, die \u00fcber die Jahrhunderte hinweg bl\u00fchte, im zwanzigsten Jahrhundert in die Krise geriet und in der Kulturrevolution\u00a0endg\u00fcltig unterging. \u00a0Da das Buch beim Museum nicht mehr gelistet ist, bem\u00fche ich mich darum, ein paar Abbildungen nachzuliefern. Vorab drei <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> ausgestellte Bl\u00e4tter. \u00a0 \u00a0 4.6.2014<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160327.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2226\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160327-269x300.jpg\" alt=\"Nianhua-P1160327\" width=\"269\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160327-269x300.jpg 269w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160327-624x693.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160327.jpg 884w\" sizes=\"auto, (max-width: 269px) 100vw, 269px\" \/><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-SeidenraupenP1160328.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2227\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-SeidenraupenP1160328-264x300.jpg\" alt=\"Nianhua-SeidenraupenP1160328\" width=\"264\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-SeidenraupenP1160328-264x300.jpg 264w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-SeidenraupenP1160328-624x708.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-SeidenraupenP1160328.jpg 884w\" sizes=\"auto, (max-width: 264px) 100vw, 264px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Verblichenes Gl\u00fcck, neues Gl\u00fcck<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Und schlie\u00dflich ist China ein so gewaltiges Land, da\u00df \u00dcberlieferungen, die in der einen Gegend befolgt werden, in einem anderen Teil des Reiches m\u00f6glicherweise schon ausgestorben sind. Die Gro\u00dfen Feste werden \u00fcberall noch gefeiert. Aber andere, nicht weniger interessant und als Schl\u00fcssel zur Seele des Volkes nicht weniger wertvoll, sind gewissen Provinzen eigent\u00fcmlich, manchmal sogar nur gewissen Distrikten<\/i>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So schrieben Bredon und Mitrophanow\u00a0 bereits 1937 in \u201eDas Mondjahr\u201c (S.12)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u201eChinesisches Neujahr\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das traditionelle Neujahrsfest, das traditionell auf den zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende im Dezember f\u00e4llt, also irgendwann zwischen Mitte Januar und Mitte Februar &#8211;\u00a0 beschrieb der Sinologe Josef Hejzlar 1972 mit\u00a0 wehm\u00fctigen Worten\u00a0 (S.55) :<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Das Neujahrsfest war der gr\u00f6\u00dfte chinesische Feiertag &#8211; das Fest der neuen Hoffnungen, des Erwachens der Natur. Es war in erster Linie ein Familienfest, bei dem auch die Verstorbenen und verschiedene G\u00f6tterbilder verehrt wurden. Die besten Speisen, neue Kleider, Geschenke, Besuche, Fr\u00f6hlichkeit, Spiele und Vergn\u00fcgen &#8211; das alles geh\u00f6rte zum Neujahrsfest, das das ganze Land in diesen festlichen Stunden vereinte. Wenn wir einen Vergleich wagen wollten, so entspr\u00e4che das chinesische Neujahrsfest unseren Weihnachten, Neujahr und Ostern zusammengenommen. F\u00fcr die Volkskunst bedeutete es Hochsaison. Auf den M\u00e4rkten und vor den Tempeln und Pagoden, aber auch in den H\u00e4usern wurde Literarisches geschaffen, Theater gespielt, musiziert, getanzt und selbstverst\u00e4ndlich auch bildende Kunst produziert. Die hellen Farben der Papierschnitte, des neuen Spielzeugs, des Blaudrucks, der Stickereien und Lampions, Laternen und roten Kerzen und nat\u00fcrlich auch der Neujahrsbilder und Neujahrs-T\u00fcrbilder, die an die Haustore und W\u00e4nde geklebt wurden, belebten die Szenerie dieses festlichen Treibens. \u00dcber all dem flogen bunte Papierdrachen und donnerten Feuerwerke; die Luft war von Weihrauch ges\u00e4ttigt.(&#8230;) Ein paar frohe, gl\u00fcckliche Tage im unendlich schweren und grauen Strom eines Lebens voller M\u00fchsal und kleinerer oder gr\u00f6\u00dferer Trag\u00f6dien &#8211; nur eine Illusion von Gl\u00fcck und Reichtum -, das war dieses Neujahrsfest<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen, dass die Vorbereitungen bereits Wochen fr\u00fcher begannen und das Fest am\u00a0 Tag des \u201eFr\u00fchlingsanfangs\u201c und mit dem\u00a0 \u201eLaternenfest\u201c &#8211; beim ersten Vollmond &#8211; noch zwei weitere Stationen durchlief.\u00a0 Bereits am Tag der Wintersonnenwende wurden , vor allem aus der Beobachtung der Wolken,\u00a0 die Vorhersagen f\u00fcr das kommende Jahr gemacht. und etwa vier Wochen vor dem\u00a0 eigentlichen Neujahrsfest begann man dann unter Anleitung von Priestern und Schamanen alle b\u00f6sen Geister und Einfl\u00fcsse aus der Stadt und aus den H\u00e4usern zu vertreiben; den guten G\u00f6ttern, von denen man sich Gl\u00fcck versprach, wurden Opfer dargebracht, um sie mild und gro\u00dfz\u00fcgig zu stimmen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte\u00a0 diesen\u00a0 teilweise voreiligen \u201eNachruf \u201c &#8211; der sicher vom Eindruck der \u201eKulturrevolution\u201c auf dem chinesischen Festland gef\u00e4rbt war &#8211; durch die Feststellung erg\u00e4nzen, dass auch heute noch\u00a0 an diesem traditionellen Termin der gesch\u00e4ftige Alltag des asiatischen Lebens eine Pause macht, um das \u201eFr\u00fchlingsfest\u201c als Familienfest und Volksfest zu feiern. Auch heute noch ( oder wieder ) ist in den offziellen Staatskalendern, wo das Jahr vom Januar bis Dezember verl\u00e4uft, der traditionelle \u201eBauernkalender\u201c mit seinen Fest- und Arbeitstagen in kleinen chinesischen Zahlenzeichen unter den jeweiligen arabischen Ziffern notiert.\u00a0(Mitteilung Eva Schestag)\u00a0Die Zwangskollektivierung\u00a0 auf dem Land wurde nach 1979 aufgehoben.\u00a0Die antireligi\u00f6se Umerziehung\u00a0 war dort auch wenig erfolgreich. Und an die Stelle des Pantheons der Partei kehrt nun das eines synkretistischen \u201eG\u00f6tterhimmels\u201c zur\u00fcck &#8211; als Offsetplakat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Spurensicherung des Verlorenen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">China hat ein Jahrhundert der Revolutionen und Kriege hinter sich. Wie steht es um die wissenschaftliche Spurensicherung\u00a0 der dabei verlorenen Traditionen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die\u00a0 im Zusammenhang der Gro\u00dfen Feste verwendete Druckgrafik urteilte Jean-Pierre Dubosc im Jahr 1950 (Manuskript ):\u00a0\u201e<i>Die Vorstellung, die man sich von der chinesischen Kunst machte, hat sich\u00a0<\/i><i>seit dem\u00a0 Beginn des 20.Jahrhunderts fortentwickelt. Gelehrte Arbeiten haben die k\u00fcnstlerischen Reicht\u00fcmer Chinas dargestellt und inventarisiert, und so\u00a0<\/i><i>hat sich eine genau bestimmte Darstellung der Kunst der gro\u00dfen dynastischen Epochen herausgebildet. Jedoch bleibt noch ein wenig erforschtes Gebiet \u00fcbrig, das besser gekannt zu werden verdiente: das der chinesischen Volkskunst, deren \u00e4sthetischer Wert jedoch nicht untersch\u00e4tzt werden darf<\/i>\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Volksrepublik China f\u00f6rdert seit 1983 offiziell &#8211; mit der Gr\u00fcndung der chinesischen Gesellschaft f\u00fcr Landessitten\u00a0 &#8211;\u00a0 eine wissenschaftliche Erforschung\u00a0 der Tradition.\u00a0(Wang Shucun,S.13). Das Wiederauftauchen traditioneller Br\u00e4uche im Lande, ihre Lebendigkeit auf Taiwan und unter den Chinesen der Diaspora,\u00a0 sowie das international steigende Interesse daran k\u00f6nnten den Beobachter optimistisch stimmen, wenn er nicht w\u00fcsste, dass die f\u00fchrende Schicht des Landes seit jeher Distanz oder gar Ablehnung gegen\u00fcber den Volksbr\u00e4uchen und ihren Repr\u00e4sentanten\u00a0 gezeigt hat,\u00a0 und dass diese Ablehnung\u00a0 im 20.Jahrhundert\u00a0 auch politisch wirksam geworden ist (Unterrieder, S.63). Einen noch erfolglosen Versuch unternahm die Guomindang-Regierung im Dezember 1928. Sie wollte die Volksreligion modernisieren, sie von \u201epr\u00e4historischen\u201c, \u201eentwerteten\u201c, \u201eanimistischen\u201c oder \u201ekommerzialisierten Kulten\u201c\u00a0 reinigen und ihre Tempel und Bilder zerst\u00f6ren. In der Anordnung der Provinz Chekiang hie\u00df es damals:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Aberglauben ist ein Hindernis f\u00fcr den Fortschritt. Der Appell an die Autorit\u00e4t von G\u00f6ttern\u00a0 ist eine Politik, um das Volk dumm zu halten. Mangels Ausbildungsm\u00f6glichkeiten hat sich ein tiefer\u00a0 Graben zwischen hochgebildeten und analphabetischen Klassen aufgetan; deshalb konnte sich das Gift des Aberglaubens festsetzen. In der gegenw\u00e4rtigen Epoche der Wiedergeburt und wissenschaftlichen Erleuchtung\u00a0 macht\u00a0 dieser Aberglauben\u00a0 auch unsere Nation vor anderen l\u00e4cherlich<\/i>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beibehalten werden sollten nur\u00a0 die Tempel bedeutender M\u00e4nner wie Konfuzius oder die von Religionen \u201e<i>auf der Basis\u00a0 von\u00a0 Recht , Wahrheit und Popularit\u00e4t, wie das Christentum, dessen Lehren Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit sind und an welches die V\u00f6lker Europas und\u00a0 Amerikas glauben<\/i>\u201c. Au\u00dferdem hatte man vor, der Lehre Sun Yat-sens Tempel zu errichten<b>. <\/b>Als in Hangzhou\u00a0 am 5.Mai 1929\u00a0 ein Feuersturm die ganze Innenstadt\u00a0 durchfegte und 300 Anwesen, darunter auch die vieler Guomindang-Beamter in Asche legte, ging das Ger\u00fccht um: dies sei die Rache der G\u00f6tter, besonders des Sternfeuergottes. (C.B.Day, S.190f.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte mag uns am\u00fcsieren, doch die inzwischen eingetretene radikale\u00a0 Modernisierung der chinesischen Gesellschaft\u00a0 kann man gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzen:\u00a0\u201e<i>Viele der \u00e4lteren Mythen &#8211; an Sch\u00f6nheit und Phantasie jenen des alten Griechenland vergleichbar &#8211; sterben jetzt g\u00e4nzlich aus<\/i>\u201c, schreiben Bredon und Mitrophanow 1937 in \u201eDas chinesische Mondjahr\u201c. \u201e<i>Der Einfluss jener Legenden mag vielleicht bleiben und neue Formen annehmen, denn das chinesische Denken ist zu tief in ihnen verwurzelt, um ganz von ihnen lassen zu k\u00f6nnen, doch werden wir bald vergeblich nach dem poetischen Gehalt\u00a0 solcher Sagen suchen.<\/i>\u201c\u00a0(.S.12).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josef Hejzlar\u00a0 w\u00fcrde einer so pessimistischen Einsch\u00e4tzung vielleicht nicht\u00a0 ganz zustimmen. In einem Internet-Kommentar zum Bildarchiv \u201eBeijing\u201c von Jiri Tondl \u00a0(http:\/\/www.tondl.cz\/peking_en.htm am 01.03.2002, \u00fcbersetzt) wird er 2002 so zitiert :\u00a0 \u201e<i>Ich bin lange Jahre nicht mehr in Peking gewesen, aber Tondls Fotos riefen mir meine \u201ealten Pl\u00e4tze\u201c in Erinnerung, trotz der gewaltigen Ver\u00e4nderungen in der Stadt. Manchmal war es nur die unnachahmliche Atmosph\u00e4re an den Orten mit ihren tragischen Spuren der Geschichte. Ich war gl\u00fccklich zu sehen, dass das faszinierende magische Gesicht des alten Peking noch immer lebt. Nichts vom alten Ruhm ist verschwunden. Es unter der neuen Haut zu finden, ist allein eine Frage der k\u00fcnstlerischen Sensibilit\u00e4t.<\/i> (&#8230;)\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute stellen wachsende Kenntnisse immer neue Fragen an das Forschungs- und Sammelgebiet \u201e popul\u00e4re Druckgrafik Chinas\u201c\u00a0 und lassen uns damit erst den Umfang und die Schwierigkeiten einer wissenschaftlichen Erarbeitung\u00a0 ermessen.\u00a0Im Rahmen dieses Buches m\u00fcssen wir uns darauf beschr\u00e4nken, Interesse\u00a0 zu wecken, eine Orientierung zu bieten und ein paar Fragen aufzuwerfen. Weiterf\u00fchrende\u00a0Literaturhinweise finden sie am Ende dieses Beitrages.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Warum lohnt die Besch\u00e4ftigung mit der traditionellen popul\u00e4ren Druckgrafik Chinas ?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>\u00a0<\/i><\/b>Jean-Pierre Dubosc, ein Kenner intellektueller Tuschmalerei, spricht vom \u201e\u00e4sthetischen Wert\u201c der \u201eVolkskunst\u201c. Joseph Needhams Enzyklop\u00e4die der Chinesischen Zivilisation gibt dem Neujahrsbild einen Platz in\u00a0 der ehrw\u00fcrdigen Sph\u00e4re von Papierherstellung und \u201eBuchdruck\u201c (wie wir in Gutenbergs Deutschland sagen). Der dabei als Attribut verwendete Ausdruck \u201ePopularit\u00e4t\u201c ist \u00fcberhaupt nicht abwertend gemeint. Und wie in der chinesischen Zivilisation\u00a0 jedes Element\u00a0 ein ehrw\u00fcrdiges Alter besitzt,\u00a0 so gilt das auch f\u00fcr das mindestens tausendj\u00e4hrige \u201eNeujahrsbild\u201c, wie diese Grafiken gern pauschal genannt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor wir dar\u00fcber ins Schw\u00e4rmen kommen, holt eine einfache Frage uns auf den Boden zur\u00fcck: Was haben solche Feststellungen mit der k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t\u00a0 uns erreichbarer Drucke zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer als Tourist in China\u00a0 ein Kloster \u201eaus dem 9.Jahrhundert\u201c\u00a0 besucht hat und einem Bau aus dem 18.Jahrhundert oder gar einem Neubau gegen\u00fcber stand &#8211; im Reisef\u00fchrer war das nur kleingedruckt zu lesen &#8211; wei\u00df, dass ein antiquarischer Blick dem Alltagsbewusstsein der Chinesen nicht entspricht. Nur die idealisierte Vergangenheit &#8211; wie etwa die mythologische Fr\u00fchzeit\u00a0 &#8211; ist wertvoller als die Gegenwart. Und bei\u00a0 Papierbildern, die ungesch\u00fctzt drau\u00dfen Wind und Wetter, drinnen dem Ru\u00df des Herdes\u00a0 ausgesetzt\u00a0 sind, steht ohnehin au\u00dfer Frage, dass neue, frische Drucke den vergilbten\u00a0 vorzuziehen sind.Zudem wirkt das Neue &#8211; die Mode &#8211;\u00a0 auch in China\u00a0 auf die Menschen. Und wo eine gro\u00dfe Auswahl angeboten wird, kann jeder nach seiner Facon gl\u00fccklich werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Fragen schlie\u00dfen sich an: <i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind Bl\u00e4tter h\u00f6heren Alters authentischer?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Garantiert eine Vorkriegssammlung wie die Sammlung Wiegmann einen durchg\u00e4ngig h\u00f6heren Qualit\u00e4tsstandard als Nachdrucke aus der Volksrepublik China?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es auf diesem Gebiet \u00fcberhaupt Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be oder ist erlaubt, was gef\u00e4llt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite wird\u00a0 h\u00e4ufiger eine Mi\u00dfachtung der Volkskunst\u00a0 im Zusammenhang mit Neujahrsbildern\u00a0 beklagt &#8211;<i>\u00a0 <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist dieser Blickwinkel berechtigt, ist er sinnvoll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Traditionell wurden die Druckst\u00f6cke einfacher Opfer- und Kultbilder bis zur Unkenntlichkeit\u00a0 abgedruckt und oft ungeschickt\u00a0 nachgeschnitten. Auch nicht jede Kolorierung kann als gelungen bezeichnet werden. In einer sozial zerkl\u00fcfteten Gesellschaft fand sich noch f\u00fcr jeden Fehldruck ein bescheidener K\u00e4ufer. Kenner aber suchten und fanden die au\u00dfergew\u00f6hnliche Qualit\u00e4t einer Werkstatt oder eines K\u00fcnstlers &#8211;\u00a0 so wie wir auch &#8211; auf Flohm\u00e4rkten oder in Galerien, so wie sie es\u00a0 bei Kunstgegenst\u00e4nden und Bildrollen\u00a0 zu tun pflegten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2228 aligncenter\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326-232x300.jpg\" alt=\"Nianhua-P1160326\" width=\"232\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326-232x300.jpg 232w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326-793x1024.jpg 793w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326-624x805.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2002\/04\/Nianhua-P1160326.jpg 883w\" sizes=\"auto, (max-width: 232px) 100vw, 232px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Der traditionelle Ma\u00dfstab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was kennt die chinesische handwerkliche Tradition an Qualit\u00e4tsmerkmalen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tsien Tsuen-Hsuin\u00a0 beschreibt 1985 eindr\u00fccklich die Entstehung eines traditionellen chinesischen Farbdrucks:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Ein Set von\u00a0 Druckbl\u00f6cken, die auf dem Drucktisch genau positioniert sind, wird in festgelegter Reihenfolge abgedruckt . Ihre Zahl kann mehrere Dutzend erreichen, je nach\u00a0 der Vielfalt der Farben und Abt\u00f6nungen. Kunstreproduktionen werden mit derselben Art von Tinte, Farbe und Papier wie das Original\u00a0 hergestellt. Der Exaktheit der Holzdrucke k\u00f6nnen\u00a0 bis zu einem gewissen Grad nicht einmal moderne fotomechanische Prozesse gleichkommen, da deren Liniennetz das exakte Muster und den Geist des\u00a0 originalen Pinselstrichs nicht ausdr\u00fccken. Der Reichtum an \u00dcberg\u00e4ngen und T\u00f6nen wird nicht erreicht, und\u00a0 die auf \u00d6l basierende Tinte kann nicht den Effekt der Wasserfarben des Originals wiedergeben. Der Farbdruck verlangt gro\u00dfe Geschicklichkeit und\u00a0 Sachkenntnis, um die zahlreichen Schritte vom Entwurf \u00fcber den Schnitt, das genaue Montieren und Drucken zu meistern. ( &#8230;) Beim Einf\u00e4rben darf keine Farbe \u00fcber die vorgesehenen Grenzen hinaus flie\u00dfen. Ein Blatt Papier wird auf den eingef\u00e4rbten Block gelegt und sanft geb\u00fcrstet. Auf verschiedene Partien des Blocks wird unterschiedlicher Druck\u00a0 angewandt. Manchmal muss man das Trocknen einer bestimmten Farbe erst abwarten,\u00a0 bevor man die n\u00e4chsten aufdrucken darf, und manchmal muss man sie auf die noch feuchte Farbe drucken. Gradation wird erreicht durch wiederholtes Einf\u00e4rben mit derselben Farbplatte,\u00a0 wobei man die Farben an der gew\u00fcnschten Stelle konzentriert oder auch wegwischt. (&#8230;)\u201c\u00a0 Tsien zitiert schlie\u00dflich zustimmend den Typographen Tchichold mit dem Satz: \u201eKaum eine andere grafische Kunst auf der Welt ist so abh\u00e4ngig von dem k\u00fcnstlerischen Verst\u00e4ndnis des Druckers wie der chinesische Farbdruck.<\/i>\u201c\u00a0 (Needham S.277f. \u00fcbersetzt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Drucker wurde gr\u00fcndliche Kenntnis der Prinzipien und Elemente der chinesischen Malerei und die vollkommene Beherrschung ihrer Techniken verlangt. Kurz: Dem erfahrenen Drucker gelang die \u00fcberzeugende Nachsch\u00f6pfung. Wenn er Neujahrsbilder f\u00fcr den gehobenen Bedarf produzierte, hatte er diese Ma\u00dfst\u00e4be im Kopf, ebenso wie seine Kunden. Ein repr\u00e4sentatives G\u00f6tterbild wie die \u201eHimmelsfee, die eine Knaben bringt\u201c sollte auf einen Wandschirm montiert die Wohnung eines frisch verheirateten Paares schm\u00fccken und musste dort den \u00e4sthetischen Anspr\u00fcchen der kultivierten Familie gen\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Ausstellung im Museum f\u00fcr Kunsthandwerk zeigte 1999 einen\u00a0 \u201etemperamentvoll getuschten D\u00e4monenf\u00e4nger\u201c (FAZ, 26.3.99), der T\u00fcrbildern dieses Typ vielleicht Modell gestanden hat, und an dessen Qualit\u00e4t\u00a0 sie mehr oder weniger auch gemessen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00f6hepunkt der Perfektion des chinesischen Farbdrucks wurde im 17.Jahrhundert erreicht. Damals\u00a0 wurden auch die Orte Suzhou im S\u00fcdosten Chinas und\u00a0 Yangliuqing bei Tientsin\u00a0 ( Ti\u00e4nqin ) zu ber\u00fchmten und einflu\u00dfreichen Zentren der Neujahrsbildherstellung. Wir m\u00fcssen uns dort Werkst\u00e4tten\u00a0 mit mehreren hundert Holzschneidern und Druckern vorstellen, die im Jahr eine Auflage von \u00fcber einer Million kolorierten Drucken herstellten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Yangliuqing und die \u201eN\u00f6rdliche Schule\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yangliuqing\u00a0 repr\u00e4sentierte die \u201eN\u00f6rdliche Schule\u201c, die im Stil und im Sujet\u00a0 von den Hofmalern profitierte und ihrerseits \u201eder Palastmalerei frisches Blut zuf\u00fchrte\u201c<sup>1<\/sup>\u00a0 , und\u00a0 ber\u00fchmt f\u00fcr ihre G\u00f6tterbilder, Frauen und Kinder, ihre B\u00fchnenszenen und historischen Romanzen im Breitformat. Der Schneidestil kultivierte die feine schwarze Linie und die Kolorierung benutzte dekorative starke Farben<sup>2.<\/sup>. Aufwendig war die Bemalung der Gesichter. \u201e<i>In die besonders zarten Konturen, welche der Holzschnitt vorgegeben hat, wird zun\u00e4chst wei\u00dfe Farbe gemalt &#8211; das Gesicht wird <\/i>gepudert. <i>Nun folgt wieder eine ganz d\u00fcnne <\/i>Puderschicht, <i>um eine gleichm\u00e4\u00dfige harmonische T\u00f6nung zu erzielen. Anschlie\u00dfend wird das Gesicht <\/i>ge\u00f6ffnet, <i>d.h. <\/i>die f\u00fcnf \u00d6ffnungen<i> &#8211;<\/i> <i>Augen, Nase und Mund werden aufgemalt. Zuletzt folgen, mit ganz feinem Pinselstrich, Augenbrauen, Haar und Bart. Diese feine Arbeit wurde von den Frauen der Umgebung verrichtet (&#8230;) Man erz\u00e4hlt sich viele Geschichten von Bildern aus Yangliuqing, die pl\u00f6tzlich lebendig geworden seien<\/i>.\u201c<sup><br \/>\n<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J.Hejzlar erg\u00e4nzt: \u201e<i>Auch gro\u00dfe Fl\u00e4chen wurden mit Farbe bestrichen, und h\u00e4ufiger als anderswo erhielten die Farbfl\u00e4chen Abstufungen. Die satten, kr\u00e4ftigen ungebrochenen Farben standen oft in\u00a0 scharfem Kontrast zueinander; der h\u00e4ufigste Farbakkord bestand aus Rot, Blau und Gr\u00fcn. In Yangliuqing wurden Ende der Ch&#8217;ing-Zeit auch importierte k\u00fcnstliche Farben verwendet, wobei die dortigen Drucker die schreienden und intensiven Farben geschickt f\u00fcr ihre symbolisierenden und dekorativen Ziele und auch f\u00fcr die Technik der Massenkolorierung mit Durchsickern der Farbe durch einen ganzen Block d\u00fcnner Andrucke auszunutzen verstanden.<\/i>\u201c<sup><br \/>\n<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Autoren verweisen \u00fcbereinstimmend auf einen\u00a0 wirtschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Niedergang\u00a0in der zweiten H\u00e4lfte des 19.Jahrhunderts, das bekanntlich\u00a0 von verlorenen Kriegen, einem Vordringen europ\u00e4ischer Kolonialm\u00e4chte, Revolution und Anf\u00e4ngen der Modernisierung\u00a0 gezeichnet war. Hejzlar zeigt oben seine Bereitschaft, mit der Zeit und dem Zeitgeschmack zu gehen und neue \u00e4sthetische Qualit\u00e4ten wahrzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese geh\u00f6ren dann vielleicht in eine andere \u00e4sthetische Welt, die etwa\u00a0 als \u201eExotismus\u201c oder \u201ePrimitivismus\u201c kunsthistorisch etikettiert\u00a0 werden kann. Seit William Rubins Ausstellung 1984 im Museum of Modern Art\u00a0\u00a0ist die Inspiration , ja Erneuerung der westlichen Kunst\u00a0 durch die \u201eKunst der Primitiven\u201c\u00a0 kein\u00a0 kontroverses Thema mehr. Weniger bekannt ist das Interesse der Russischen Avantgarde an der \u201eVolkskunst\u201c der\u00a0 Russen<sup>7<\/sup> ; und in diesem Geist hat wiederum der Sinologe W. M. Alexejew\u00a0 zwischen 1906 und 1926 in China \u201eeine der gr\u00f6\u00dften Nianhua-Sammlungen der Welt\u201c f\u00fcr die Leningrader Eremitage zusammengetragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auseinandersetzung der K\u00fcnstler &#8211; vor allem der ersten H\u00e4lfte des Jahrhunderts &#8211; kann unser Auge sch\u00e4rfen und den Blick weiten; daran ist vern\u00fcnftigerweise nichts auszusetzen.\u00a0Sch\u00e4dlich scheint mir nur eine andere Art des Umgangs mit dem k\u00fcnstlerischen Epochenwandel in China zu sein: das Ignorieren oder das\u00a0 Verleugnen von Br\u00fcchen und Zusammenbr\u00fcchen und der Verzicht auf Ma\u00dfst\u00e4be.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab eine chinesische Moderne in Shanghai und Kanton. Europa und Japan waren die Lehrmeister. Die Ergebnisse sind frisch, frech, urban. Scott Minick and Jiao Ping<sup>9<\/sup> belegen einen lange versch\u00fctteten k\u00fcnstlerischen Reichtum, der nicht mit den oft zitierten Werbekalendern oder lithografierten Postern verwechselt werden darf, aber auch nicht mit dem Hinweis auf den \u201eRevolution\u00e4ren Holzschnitt\u201c im Stil einer K\u00e4the Kollwitz erledigt ist. Wenn die Kunst in Deutschland 1933 eine Katastrophe erlitten hat, gilt das umso viel mehr f\u00fcr die st\u00e4dtischen Zentren auf dem chinesischen Festland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn lange \u00fcber den Zweiten Weltkrieg hinaus wurde dort die Kunst einer Art Kriegsrecht unterworfen, das der Propaganda oberste Priorit\u00e4t gab. \u201eDem Volke dienen\u201c wurde &#8211; in Yanan seit 1942 &#8211; zum Totschlagsargument\u00a0 sowohl gegen\u00a0 traditionelle wie\u00a0 moderne k\u00fcnstlerische Ans\u00e4tze, die sich nicht auf \u201epopul\u00e4re\u201c Kompromisse verstehen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eVolkskunst\u201c, bereits zur Jahrhundertwende auf dem R\u00fcckzug, war ohne Zweifel 1949 am Boden zerst\u00f6rt und die Kommunistische Partei half den \u00fcberlebenden Meistern auf, doch um\u00a0 den Preis der inhaltlichen Verleugnung und des formalen Kompromisses im Sinne einer verwestlichten Tradition bzw. einer aus der Sowjetunion \u00fcbernommenen konventionellen Moderne.<\/p>\n<p>Ein Produktionszentrum wie Yangliuqing \u00fcberlebte dank seines Namens. Bei der\u00a0 Durchsicht &#8211; zugegebenerma\u00dfen weniger &#8211; offizieller Publikationen nach 1949\u00a0 hat mich zweierlei erstaunt: erstens die geringe Qualit\u00e4t der Kolorierung, gemessen an den oben zitierten\u00a0 Ma\u00dfst\u00e4ben, und zweitens Inhaltslosigkeit der Erl\u00e4uterungen: Beispielsweise wird\u00a0 \u201cThe Cock crows\u201c (Abb.oben) 1984 so erl\u00e4utert<sup>10<\/sup> :\u00a0\u201e<i>Chinese laboring people are seen here getting up early as the cock crows. They thus begin the day`s work. The picture reflects the industriousness\u00a0 of the Chinese people. It also expresses the passionate fervor for life of the painter himself ( in the collection of\u00a0 the Tianjin Museum of History)<\/i>\u201c: &#8222;&#8230; Es dr\u00fcckt auch die leidenschaftliche Liebe des Malers selbst zum Leben aus&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Gro\u00dfe Proletarische Kulturrevolution 1966-1976<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der \u201eKulturrevolution\u201c war Yangliuqing \u00fcber Jahre geschlossen.\u00a0 Mit der Erkl\u00e4rung, man sei in Diskussion und Umgestaltung , wurde mir 1973 im Land der Wunsch nach Kontaktaufnahme abgeschlagen. Else Unterrieder hat genauere Informationen<sup>11<\/sup>: \u201e<i>Der Bannstrahl der Kulturrevolution traf alle alten Motive von Yangliuqing. Die pr\u00e4chtigen Darstellungen von Opernszenen mu\u00dften Posters mit Szenenfotos von Revolutionsst\u00fccken weichen. Nur hier und da gab es Lebenszeichen aus den Studios von Yangliuqing, wie etwa die Darstellung von Pionieren f\u00fcr den Vater eines Soldaten,die sogar als Plakat in gro\u00dfer Auflage herausgekommen ist<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Stattdessen wurde ein ganzer Landkreis der revolution\u00e4ren Malerei, der sich dem \u201eGro\u00dfen Sprung nach vorn\u201c 1958 verdankte, unter den Freunden in aller Welt\u00a0 propagiert: die \u201eBauernmalerei \u00a0von Huxien\u201c. Der deutsche Ausstellungskatalog von 1979 zitiert die Malerin Dong Zhengyi des auf seine Art gelungenen Posters\u00a0<em>Der Fischteich der Volkskommune: &#8222;Lange habe ich mir gew\u00fcnscht, meinen Pinsel zu benutzen, um meine tiefe Zuneigung zur Volkskommune auszudr\u00fccken. Eines Tages im M\u00e4rz 1973 sah ich in der Volkskommune Yu Zhan Fische in einem k\u00fcrzlich vergr\u00f6\u00dferten Fischteich springen. Ihre Schuppen glitzerten in der Sonne (&#8230;) Ich sah sie an und spielte mit einer Idee (&#8230;) Eine alles umfassende Entwicklung der Landwirtschaft (&#8230;) fand in der Volkskommune statt. In diesen guten Tagen brachte uns tats\u00e4chlich jeder Schritt zu einem neuen Himmel.&#8220; (Katalog S.32) &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- <\/em>Aus weiteren zw\u00f6lf Jahren Abstand springt nicht nur ins Auge, wie dick die studierte Malerin in ihrem Statement aufgetragen hat, es kommt mir auch der Verdacht, mit dem Bild habe sie subversiv auf den Daoisten Zhuangzi und sein Gleichnis von der Freude der Fische angespielt: &#8222;..<em>.. Ich kenne der Fische Freuden von meiner Freude, ihnen von der Br\u00fccke aus zuzusehen.<\/em>&#8220; (Insel-Taschenbuch it 3115,S.93) DvG &#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Die Jahre der Reformpolitik<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem flachen Land wurden seither die Ergebnisse der Zwangskollektivierung &#8211; zum Teil auf Druck der Bauern selbst &#8211; revisdiert, was ich 1988 sogar in Jan Myrdals ber\u00fchmtem Dorf &#8222;Liu Ling&#8220; bei Yanan feststellen konnte. Auf den wenigen konventionell gemalten Postern, die ich erwerben konnte, trat der traditionelle synkretistische G\u00f6tterhimmel an die Stelle des &#8222;G\u00f6tterhimmels&#8220; der Kommunistischen Partei. Doch war der Trend zum westlichen Fotoplakat un\u00fcbersehbar. Nachdrucke alter Neujahrsbilder\u00a0zielten ebenso auf Touristen \u00a0ebenso wie die \u00fcberall angepriesenen nostalgischen Malereien &#8222;auf Seide&#8220;. Else Unterrieder erz\u00e4hlt vom neu er\u00f6ffneten Yangliuqing:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Im Sommer 1981 pr\u00e4sentierten sich die Verkaufsr\u00e4ume des Studios mit einer reichhaltigen Ausstattung an Pekingopern-Szenen und gl\u00fcckbringenden Kindern.\u00a0 Die damals erworbene Himmelsfee allerdings war durch ein gr\u00f6\u00dferes Rollbild verdeckt und wurde nur z\u00f6gernd zum Verkauf freigegeben. Heute verf\u00fcgt Yangliuqing \u00fcber die besten Arbeitsbedingungen der drei gro\u00dfen Studios, und seine K\u00fcnstler k\u00f6nnen wieder aus dem Schatz einer gro\u00dfen Tradition sch\u00f6pfen. Sch\u00e4tze sind teuer, und das gilt auch f\u00fcr die Preise der Bilder aus diesem Studio.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Wie aus dem Nichts brach die ungebrochene Kraft der chinesischen Volkskunst hervor, und zwar in zwei Publikationen des Pekinger Verlags Neue Welt: 1990 Lu Pu\u00a0 \u201eChinesisches Spielzeug\u201c\u00a0 &#8211; im Medium schlichtester bemalter\u00a0 Lehm-Teigfiguren &#8211; und 1991 Wang Shucun \u201ePapierg\u00f6tzen\u201c voll vitaler Beispiele, deren \u201eSeltenheit\u201c er freilich hervorhebt,\u00a0 oft aus\u00a0 Gegenden weitab der\u00a0 alten und neuen stilpr\u00e4genden Zentren. Sein Leben hat Wang,, Jahrgang 1923 w\u00e4hrend der \u201eKulturrevolution\u201c\u00a0f\u00fcr diese Sammlung\u00a0riskiert . Heute (2002) leitet er\u00a0 in Peking ein einschl\u00e4giges Forschungsinstitut und\u00a0 &#8211; wenn man\u00a0 Internetseiten\u00a0 glauben darf &#8211; empf\u00e4ngt er amerikanische Studenten. (http:\/\/www.tondl.cz\/peking_en.htm \u00a0 am 01.03.2002)<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Das chinesische Neujahrsbild im 21.Jahrhundert<\/span> ?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die chinesische Bev\u00f6lkerung ist sehr jung. Von einem breiten Interesse an Traditionen ist mir nichts bekannt.\u00a0Der Rockmusiker Cui Jian gibt eine andere Parole aus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;<em>Halbnackt st\u00fcrze ich ins Schneegest\u00f6ber.\/ Ich bin auf der Flucht aus dem Krankenhaus.\/ Haltet mich nicht auf, ich will auch keine Kleider.\/ Meine einzige Krankheit ist, dass meine Haut nichts f\u00fchlt.\/ Gebt mir endlich Fleisch, gebt mir endlich Blut.\/ Lasst mich endlich ausflippen im Schneegest\u00f6ber.<\/em>&#8220; (nach :Frei und cool gegen die ganze Welt. FAZ 18.9.1993)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Zeit zu Zeit begegnen uns traditionelle G\u00f6tterbilder in der aktuellen Kunst, als Versatzst\u00fccke einer Montage, die damit <em>Tradition <\/em>zitiert.<em> D<\/em>er Schutz der T\u00fcren scheint schon wie vor tausend Jahren wieder mehr den <em>Zeichen des Gl\u00fccks<\/em> und der Kalligrafie anvertraut zu werden statt bunten Bildern, dies dann aber auch in den Chinatowns rund um die Welt.\u00a0Niedergang oder Verwandlung \u00a0der popul\u00e4ren Druckgrafik?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen brauchen Bilder vom Gl\u00fcck, und sie brauchen immer neue.<\/p>\n<p>April 2002<\/p>\n<p><b><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Literatur<\/span><\/p>\n<p>Juliet Bredon, Igor Mitrophanow :\u00a0Das Mondjahr &#8211; chinesische Sitten, Br\u00e4uche und Feste dt. Paul Zsolnay, Wien 1937,1950 (2.A).<\/p>\n<p>Clarence Burton Day: Chinese Peasant Gods, 1940 , p.190f.<\/p>\n<p>Jean-Pierre Dubosc: Katalogbeitrag\u00a0 zu den Festwochen, Z\u00fcrich 1950 , \u00dcbersetzung : Edith Weyel (Typoskript)<\/p>\n<p>Gerhard Pommerantz-Liedtke\u00a0: Chinesische Neujahrsbilder,Verlag der Kunst Dresden 1961 \u00a0 (veraltet, aber das Referenzbuch des Sammlers Wiegmann)<\/p>\n<p>Josef Hejzlar\u00a0:\u00a0 \u201eAlte chinesische Graphik\u201c, artia Prag\/Dausien,Hanau 1972, S.55 u.a.<\/p>\n<p>Gernot Prunner\u00a0\u201ePapierg\u00f6tter aus China\u201c,Wegweiser zur V\u00f6lkerkunde Heft 14, Hamburger Museum f.V\u00f6lkerkunde, HH 1973,S. 9-14<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Edith Dittrich<\/span> :\u00a0 Gl\u00fcck ohne Ende, Museum f\u00fcr Ostasiatische Kunst der Stadt K\u00f6ln 1984<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Else Unterrieder<\/span> : Gl\u00fcck ein ganzes Mondjahr lang &#8211; Chinesische Neujahrsbilder und ihre Bedeutung, Berichte des Ludwig Boltzmann-Instituts Nr.20, Klagenfurth 1984<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Joseph Needham <\/span>: Science and Civilization in China, vol.5 part 1 \u201ePaper and Printing\u201c\u00a0by Tsien Tsuen-Hsuin, Cambridge 1985, pp. 287ff.\u201cPopularity of New Year\u00a0 Pictures\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Maria Rudowa<\/span> : Chinesische Neujahrsbilder, Aurora Kunstverlag Leningrad 1988, \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Wassili Alexejew ( 1881-1951) gewidmet, ISBN : 5-7300-0186-X<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Wang Shucun ( *1923)<\/span>, Papierg\u00f6tzen &#8211; G\u00f6tterverehrung durch volkst\u00fcmliche Drucke, Verlag Neue Welt , Beijing 1991\u00a0 ISBN : 7-80005-148-X<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag, den ich f\u00fcr das\u00a0Katalogbuch der Ausstellung:\u00a0 \u201eBilder vom Gl\u00fcck \u2013 Chinesische popul\u00e4re Grafik aus dem 20. Jahrhundert\u201c. Museum der Weltkulturen Galerie 37, Frankfurt am Main 2002 schrieb, stellt die traditionellen Holzschnitte vor, Erzeugnisse einer handwerklichen Industrie, die \u00fcber die Jahrhunderte hinweg bl\u00fchte, im zwanzigsten Jahrhundert in die Krise geriet und in der Kulturrevolution\u00a0endg\u00fcltig [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[220],"tags":[],"class_list":["post-2207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochkultur-volkskultur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2207"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11564,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2207\/revisions\/11564"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}