{"id":2200,"date":"2019-01-08T19:19:32","date_gmt":"2019-01-08T18:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2200"},"modified":"2019-01-09T01:31:45","modified_gmt":"2019-01-09T00:31:45","slug":"altern-heinz-sauer-und-alfred-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2200","title":{"rendered":"ALTER-NATIVEN : HEINZ SAUER UND ALFRED SCHMIDT"},"content":{"rendered":"<p>Ihr Publikum ist\u00a0 im Durchschnitt so um die Sechzig.\u00a0Beide sind in ihrem Leben sehr verschiedene Wege gegangen, der Frankfurter Jazz-Saxophonist und der Erbe des Lehrstuhls von Teddy Adorno. Ich begegne ihnen innerhalb weniger Tage, am 13. und 15. Januar 2011.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000;\">\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">WIEDER GELESEN, IMMER NOCH AKTUELL, UND ICH BIN SCHON WIEDER ACHT JAHRE \u00c4LTER &#8211; JA, ICH WEISS:\u00a0 GREY IS THE NEW PINK (<a href=\"http:\/\/\u201cIn Search of Legitimacy in Post-revolutionary China: Bringing Ideology and Governance Back In\u201d, (GIGA March 2010. = Link)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a>)\u00a0 9.1.19<\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sauer versprach ein total freies Konzert und gab mir aus n\u00e4chster N\u00e4he die Anschauung spirituellen, manchmal verz\u00fcckten Stammelns, vom jungen und verr\u00fcckten Pianisten angetrieben, oft gar zu weit vom Ufer verst\u00e4ndlicher musikalischer Idiome. Seine Erscheinung eines alten verschmitzten Jungen mit aufregenden Sportschuhen war das Gegenteil vom altv\u00e4terlichen Auftritt des beleibten Schmidt, der noch immer die Elvis-Locke trug. Leider hatte ich w\u00e4hrend des Vortrags keine Gelegenheit, mich daran satt zu sehen. Man hatte vers\u00e4umt, dem Redner ein Podium zu bieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grund f\u00fcr mich, \u00a0den Vergleich zu unternehmen, ist jedoch nicht Schmidts Karikatur des Bourgeois, sondern seine Redeweise: \u00a0Kein Stocken, keine Unsicherheit, daf\u00fcr glatte Satzschlangen, druckreif wie die seines Ziehvaters Adorno. Es strengt ganz sch\u00f6n an, \u00a0st\u00e4ndig ein neues komplexes Satzgef\u00fcge im Kopf \u00a0zu behalten. Zur Unterst\u00fctzung akzentuiert er &#8211; wie bei einem Diktat &#8211; die tragenden Elemente des Satzes. Es ist reiner Schreibstil. Auch die Wortwahl ist prezi\u00f6s, wie eine Karikatur des elaborated code. \u00a0Nie hat \u00a0Schmidt Probleme beim Zugriff auf ein passendes Lexem. Die Redegeschwindigkeit ist darauf perfekt eingeregelt. Seine sonore Stimme bietet den vertrauten einlullenden Singsang, den \u00a0Eindruck ewiger Jugend, aber einer vergangenen Jugend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Floskeln mit Wiedererkennungswert \u00a0&#8211; \u00a0\u201eDie Welt an und f\u00fcr sich ist schlecht\u201c, \u201eder idealistischen Philosophie absagen\u201c, \u201egegen das Bestehende\u201c und \u201eer ging seiner Klasse nicht auf den Leim\u201c (Ich habe nur wenige Beispiele \u00a0notiert) &#8211; \u00a0versetzen mich in den H\u00f6rsaal VI und eine andere Zeit. Es ist die Art, wie Adorno dem Volk aufs Maul zu schauen pflegte, stilvoll eingesetzte Derbheiten direkt neben feinsinnigen Euphemismen. Ob Alfred Schmidt im H\u00f6rsaal auch \u00a0st\u00e4ndig \u00a0hin- und her ging? Hat er zu viel von der \u201eFrankfurter Schule\u201c ediert? Oder hatten sich die beiden darin bereits vor f\u00fcnfzig Jahren gefunden? Ich erinnere mich: Das Adornieren war ansteckend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beobachte auch ein \u00a0name-dropping vom Feinsten: Platon, Kant, Hegel, Marx, Freud &#8230; und nat\u00fcrlich \u00a0die Ismen Materialismus \u00a0und Idealismus. Sie werden verbunden durch Metaphern und geschmeidige Verben zu S\u00e4tzen wie: \u201eDie Abschaffung des falschen Weltzustands ist f\u00fcr ihn Thema\u201c (War das nun zu Schopenhauer oder Marx?). \u00a0Der Erz\u00e4hler schwelgt in \u00a0den vermeintlichen Ber\u00fchrungen gro\u00dfer Geister. \u00a0Und wie bei einem Rhapsoden habe ich den Eindruck, er habe sie auch die vergangenen vierzig Jahre nur wiederholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gespr\u00e4chsleiter ist nicht zu beneiden, Schmidt schaut ihn zwar auch an, doch nur, um auf seiner Stirn Zustimmung abzulesen. In seinem beherzten Bem\u00fchen, Schmidt zu unterbrechen, ist er drei, viermal erfolgreich, und gibt dann dem Publikum in bodenst\u00e4ndiger Sprache Informationen zu Schopenhauers Leben und Wirken. Das sind Erholungspausen. Die R\u00fcckwendung zu Alfred Schmidt l\u00f6st dann neue Monologe \u00a0aus. Der w\u00e4re in Washington D.C. ein begnadeter Philibuster. Ein Name, ein Motiv, ein Zitat geben das andere. \u00a0Die Frage blitzt mir auf, in welchem Hirnareal dieses monologische Theater wohl aufgef\u00fchrt wird, jedenfalls nicht in dem f\u00fcr Probleml\u00f6sung und Dialog. Ich denke, man k\u00f6nnte mit beruhigender Wirkung Alfred Schmidt in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden t\u00f6nen lassen. Wohingegen Wolfgang Sauer immer wieder nie Gespieltes, Unerh\u00f6rtes erjagen will mit seinem verhauchten Tenorsax, auch er ist damit eine tragikkomische Figur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind das die beiden Alternativen des Alters: Unverst\u00e4ndlich werden mit Gebrummel und Gestammel, oder als sinnentleertes unpers\u00f6nliches akustisches Endlos-Band ins Nirwana \u00fcbergehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">16.1.2011<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Publikum ist\u00a0 im Durchschnitt so um die Sechzig.\u00a0Beide sind in ihrem Leben sehr verschiedene Wege gegangen, der Frankfurter Jazz-Saxophonist und der Erbe des Lehrstuhls von Teddy Adorno. Ich begegne ihnen innerhalb weniger Tage, am 13. und 15. 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