{"id":2114,"date":"2004-04-04T21:21:05","date_gmt":"2004-04-04T20:21:05","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2114"},"modified":"2014-06-22T22:51:03","modified_gmt":"2014-06-22T21:51:03","slug":"barcelona-etwas-zur-kursfahrt-vergangenen-herbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2114","title":{"rendered":"&#8222;Barcelona&#8220; &#8211; etwas zur Kursfahrt vergangenen Herbst"},"content":{"rendered":"<p><b>Brief an die lieben Abiturienten!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/b><strong> <\/strong><\/p>\n<p><em>Ist es nur ein Entwurf geblieben?<\/em><strong><em> &#8211; <\/em><\/strong><em>Nein,<\/em><strong> <\/strong><em>er findet sich auf S.85 in &#8222;abi null vier &#8211; die Besten sind wir&#8220; als &#8211; unaufgefordert eingereichter &#8211; Beitrag unter der Rubrik &#8222;lehrerrevier&#8220;. Welche Genugtuung! Denn der wehleidige und &#8218;verchillte&#8216; Scherz-Test auf S.88\/89 \u00a0&#8222;hier waren wir: Spanien vs. Frankreich&#8220; ist mir immer noch zum Kotzen. Oder lese ich ihn heute etwa zum ersten Mal?<\/em> \u00a022.6.2014<\/p>\n<p><b><!--more--><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frankfurt, den 4.4.04\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Katalonien-Fahrt<\/p>\n<p>Ich sehe euch bei der Pr\u00fcfungsvorbereitung vor mir, und ahne den Kampf, der jedem und jeder in den kommenden Jahren bevorsteht,\u00a0 und ich denke, dass ich euch manchmal zu streng beurteilt (aber nicht so sehr streng behandelt) habe.<\/p>\n<p>Niemand bleibt ewig jung, und der Abschied von Euch und euren Vorg\u00e4ngern ist\u00a0seit Jahren auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Jugend. Ihr verf\u00fcgt \u00fcber manches gedankenlos, was mir in meiner Jugend schmerzhaft unerreichbar war. Ich sage nur: Selbstbestimmung und Umgang mit dem anderen Geschlecht. Doch Ihr zahlt ja auch f\u00fcr eure Privilegien, und dies nicht schlecht, ob es nun das \u00dcberma\u00df an Verunsicherung oder was sonst ist.\u00a0Ich bin heute gern ein Mensch des 20. Jahrhunderts. Neugierig darf man ja trotzdem sein. Freilich f\u00fchle ich mich in meiner Nische nicht allzu sicher, und das ist gut so: Denn schon die Illusion von Sicherheit (und mehr gibt es nicht) macht dumm.<\/p>\n<p>Manche von euch kennen mich nur von der Kursfahrt nach Katalonien, und vielleicht blo\u00df als engstirnigen Ordnungsh\u00fcter, dem ein gewisser Frust anzumerken war.<\/p>\n<p>Es stimmt, dass ich diese Massenfahrt &#8211; wie sie schon seit Jahrzehnten \u00fcblich ist &#8211; nicht ganz freiwillig angetreten habe, sondern aus Resignation gegen\u00fcber dem Zeitgeist in meinem Leistungskurs. Wir w\u00e4ren mit dem Flug nach Irland\/Nordirland auf f\u00fcnfhundert Euro\u00a0 Grundpreis unter spartanischen Bedingungen gekommen und wir w\u00e4ren ganz allein Richtung Norden gereist! Wir h\u00e4tten Vorschriften verletzt, und jeder Teilnehmer h\u00e4tte uns auffliegen lassen k\u00f6nnen. Und so wurde es nichts mit dem Besuch der neurotischen Iren, von denen man so viel \u00fcber\u00a0 politische Sackgassen lernen kann,\u00a0 und nichts mit dem Charme ihrer weiten nordischen Str\u00e4nde und engen &#8211; bis vor kurzem noch verrauchten &#8211; Pubs.<\/p>\n<p>Wenn mir jetzt die Ballermann-Prospekte von \u201eAbi-Tours\u201c begegnen, k\u00f6nnte ich kotzen, doch muss ich akzeptieren: F\u00fcr die meisten Menschen sind \u201eArbeit\u201c ( oder Studium) und\u00a0 \u201eLeben\u201c unvereinbar. Verantwortung und Vergn\u00fcgen scheinen f\u00fcr die meisten im unvers\u00f6hnlichen Widerspruch zu stehen.<\/p>\n<p>Der Ethik-Kurs, den ich vorher sehr gesch\u00e4tzt hatte, sprach nicht mit mir. Der Leistungskurs verhielt sich\u00a0 loyal, wie man das so erwartet. Der &#8211; erk\u00e4mpfte &#8211; dritte Ausflug nach Barcelona war unpopul\u00e4r; was haben wir werben m\u00fcssen, um zwanzig Leute zusammenzukriegen! Man wollte \u201echillen\u201c oder \u201egepflegt Essen gehen\u201c.<\/p>\n<p>Mir unvergesslich bleibt die Szene, als ein ganzer Bus gegen eine Wanderung im Regen rebellierte. In einer Zeit der \u00dcberausr\u00fcstung (auch \u201eoverdressing\u201c genannt) habt Ihr das jammervolle Bild fehlender Schuhe und Schirme geboten!<\/p>\n<p>Also lie\u00df ich meine \u201eEthik\u201c-Sch\u00fcler unter Euch eine Kursarbeit \u00fcber \u201eKulturtourismus\u201c schreiben, nur um zu erfahren, dass sie auf die Werbung (fr\u00fcher: Propaganda ) hereinfallen\u00a0 oder einfach glauben wollen, es handele sich dabei um etwas Besonderes.\u00a0Ich konnte mit dem \u201eBali\u201c-Attentat aufwarten, in welchem sich (mit Baudrillards Hilfe ) der \u201eHass\u201c der touristisch Kolonisierten erkennen l\u00e4sst. Ein Totschlagargument?\u00a0Das half\u00a0 aber keineswegs gegen die Entt\u00e4uschung, euch in diesem Touristen-Kontext spielen zu sehen und nicht einmal Austausch dar\u00fcber zu haben.<\/p>\n<p>Als wir uns trennten, hatte ich mit meiner Frau noch zwei Wochen lang eine zweite Chance, in Katalonien und den Pyreneen zu reisen als typischer Mensch des Zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht antwortet mir ja noch jemand aus dem Einundzwanzigsten. \u00a0 \u00a0 Gv<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief an die lieben Abiturienten!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ist es nur ein Entwurf geblieben? &#8211; Nein, er findet sich auf S.85 in &#8222;abi null vier &#8211; die Besten sind wir&#8220; als &#8211; unaufgefordert eingereichter &#8211; Beitrag unter der Rubrik &#8222;lehrerrevier&#8220;. Welche Genugtuung! 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