{"id":2090,"date":"2010-12-02T20:20:32","date_gmt":"2010-12-02T19:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2090"},"modified":"2016-12-27T18:25:57","modified_gmt":"2016-12-27T17:25:57","slug":"perspektiven-auf-barbara-klemm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2090","title":{"rendered":"Scheele Blicke auf Barbara Klemm"},"content":{"rendered":"<p><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><b><!--more-->1<\/b><\/span><\/b><\/p>\n<p><b>Ihr Erfolgsgeheimnis <\/b><\/p>\n<p>B\u00fcrgerliche Herkunft, im besten bildungsb\u00fcrgerlichen Sinn, mit strengem aber musischem Vater, \u201eK\u00fcnstler\u201c, Kunstprofessor, und musischen Schwestern.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4ten einer Tochter konnte sie der FAZ (\u201e1968\u201c) gegen\u00fcber, wie ihrem F\u00f6rderer Wolfgang Haut und den vielen Prominenten gegen\u00fcber ausspielen, sie sendet sie noch heute in die Kamera, das s\u00fc\u00dfe M\u00e4dchen. Es tut gar nicht weh. Als Frau war sie ausnahmsweise im Vorteil.<\/p>\n<p>Als Zeitzeugin hat sie eine begrenzte Sicht: Der linken Kulturboh\u00e8me stand sie sympathisierend nah \u2013 auch hier <i>ging sie ein und aus<\/i>. In redaktionellem Auftrag wurde sie zu weltpolitischen Schaupl\u00e4tzen in Sternstunden gesandt und sog spontan die emotionale Qualit\u00e4t in sich auf, fand <i>Sinnbilder<\/i> durch ihren offenen Geist.\u00a0Distanz war nicht gefragt. Sie fotografierte und man fragt bis heute: <i>Gibt es ein Klemm-Foto<\/i>?<\/p>\n<p>1 Million Negative! Als Ergebnis eines einmaligen Privilegs: Sie konnte organisatorisch und labortechnisch auf einem Riesen reiten, musste sich \u00fcber Verarbeitung, Publikation, Archivierung des Materials nicht den Kopf zerbrechen. Sie wei\u00df, warum sie im Ruhestand alles so sch\u00f6n l\u00e4sst, wie es ist.<\/p>\n<p>Die Autoren der Fernsehfeatures sind wie \u00fcblich keine Intellektuellen, sondern Hagiographen, von ihnen durfte man keine Erkenntnisse erwarten. Der Sprecher nimmt genau den ged\u00e4mpften Ton der Branche an, welche die Klemm nun adelt: Galeristen\u00a0 &#8211; in deren heiligen Hallen wird sie jetzt gehandelt &#8211; Museumsleute und Sammler. Auch Frieder Burda ist einer von denen, selbst wenn er zeitgem\u00e4\u00df auch die zweite Fraktion repr\u00e4sentiert).<\/p>\n<p><i>K\u00fcnstler(in)?<\/i> Als Portr\u00e4tistin prominenter Leute nur, wenn Portr\u00e4tisten \u00fcberhaupt\u00a0K\u00fcnstler sind. Das klang aus ihrem Mund alles sehr nach Diplomatie, wie sie Jos\u00e9 Saramago in seinem Roman ausbreitet. Als Fotografin ist\u00a0 sie K\u00fcnstlerin wie alle Autodidakten und Fotoreporter, weil Fotografie Kunst ist.<\/p>\n<p>Der Aspekt <i>Schwarzwei\u00df <\/i>\u00a0tut nichts zur Sache, denn dies war die normale Technik f\u00fcr ihre Generation, und sie gealtert wie sie. So war ich entt\u00e4uscht \u00fcber ihr aktuelles Foto im Karlsruher Atelier ihres Vaters: Aus der vom Film eingefangenen sonnigen Szenerie war alles Leben gewichen. Alles zu seiner Zeit: So sch\u00f6n die alten Fotos sind, so sch\u00f6n k\u00f6nnen auch neue farbige digitale sein.<\/p>\n<p>Ich verstehe ihren praktischen Ratschlag \u201eNur das Beste\u201c im Sinne von: Wenn du offen aus dem Bauch mit ein paar Erfahrungsregeln knipst, dann empfiehlt es sich, sehr scharf auszusortieren, um bleibende Bilder, eben Kunstwerke zu schaffen, ein aussichtsreicher Weg, dass dir <i>Ikonen<\/i> passieren. Robert Franks Portfolio \u201eAmerika\u201c hat mir aber gezeigt, dass man sich damit auch in die Sterilit\u00e4t bugsieren kann.\u00a0Bei Barbara Klemm sehe ich nicht diese Gefahr. Sie ist offen, vers\u00f6hnlich, bescheiden und kommunikativ. Warum kaufe ich dann nicht ihre B\u00fccher? Ihre N\u00e4he zum eigenen Talent macht mich wohl neidisch.<\/p>\n<p>Verfasst 31.5.09 nach dem TV-Feature von Burghard Schlicht \u201eSchwarzwei\u00df ist Farbe genug \u2013 Die Fotografin Barbara Klemm&#8220; (ARD-HR 2009)<b><\/b><b>\u00a0<\/b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 14px;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><b>2<\/b><\/p>\n<p><b>Barbara Klemm Revisited <\/b><\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter anl\u00e4sslich ihres Interviews von Verena Lueken, FAZ 24.12.2009<\/p>\n<p>1970 kam sie mit\u00a0nach Polen (Willy Brandts Kniefall) vermittelt durch Scheel, dem sie bekannt war durch ihr Foto von NPD-Schl\u00e4gern im Cantatesaal, Frankfurt, 1969.\u00a0Sie sagt: Statt im Pulk zu k\u00e4mpfen, m\u00fcsse man einen klaren Kopf behalten und schnell reagieren k\u00f6nnen, um\u00a0 \u2013 vorher oder <i>wenn sich etwas schon aufl\u00f6st<\/i> &#8211; zu dem Bild zu kommen, welches\u00a0 <i>das erz\u00e4hlt, was man erz\u00e4hlen will<\/i>. Man muss in Bewegung bleiben, aber nicht nerv\u00f6s werden.<\/p>\n<p>Dann brauche man die Begabung f\u00fcr Komposition und Intuition.<\/p>\n<p>Die <i>eigentlich schwierige<\/i> Aufgabe habe 1970 darin bestanden: &#8230;<i> Zeigt unseren Lesern, worum es eigentlich geht<\/i>. <i>Wir hatten ja keine Vorstellung..<\/i>.\u00a0 <i>Ich musste versuchen, in kurzer Zeit das Wesentliche in den Griff zu bekommen<\/i>. Und dann spricht sie von den <i>Vorbereitungen<\/i> der Kollegen vor Ort. Und von Tricks und Einf\u00e4llen bei <i>Aufpassern<\/i>. <i>Doch bei politischen Sachen habe ich immer gedacht, &#8230; schmei\u00dfen sie mich halt raus<\/i>.<\/p>\n<p>Sie \u00e4u\u00dfert keine \u00fcberzeugenden Argumente\u00a0 gegen Digitalkameras, sie spricht nur von professionellen und sie\u00a0 spricht verschleiernd vom Gang in die Dunkelkammer. Die Neugier darauf sei den Kollegen heute genommen.<\/p>\n<p>Sie denke in Einzelbildern. <i>Serie <\/i>sei<i> nie interessant gewesen<\/i>. Den Portr\u00e4ts fehle oft etwas Wesentliches, wenn sie zu zweit hingehe.<i><\/i><\/p>\n<p>\u201e<i>Ein Foto ist eine moralische Entscheidung in einer Achtelsekunde<\/i>\u201c\u00a0 &#8211; zitiert sie Salman Rushdie- besonders bei den Bildern, die sie nicht mache. Vor\u00a0 einem offenem Sarg lie\u00df sie sich erst auffordern. Thomas Bernhard bat sie ausdr\u00fccklich, einmal in die Kamera zu schauen. Sie gab es erst zu seinem Tod in die Zeitung: <i>Da war so ein L\u00e4cheln in den Augen, von dem ich dachte, eigentlich war es f\u00fcr mich bestimmt<\/i>.<\/p>\n<p><b>3<\/b><\/p>\n<p><b>Laudatio<\/b><\/p>\n<p>In \u201eIhr l\u00e4chelt die Welt zu\u201c, FAZ 24.12.2009\u00a0 feiert\u00a0 Andreas Platthaus den\u00a0 \u201eextrem subjektiven Blick\u201c der Klemm. Der Ausdruck birgt in diesem Kontext die Gefahr., ganz elit\u00e4r verstanden zu werden. Dabei kann er auch bedeuten: ohne Konventionen, mit Mut, Ehrlichkeit und Geistesgegenwart einen gl\u00fccklichen Schnappschuss zu tun, exakt den rechten Augenblick zu treffen. Ich wei\u00df von der riesigen Zahl allein ihrer archivierten Fotos. Und ihr Auswahlprinzip hat sie mir selbst auf den Weg gegeben: <i>Nur das Beste<\/i>.\u00a0 Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist allerdings an der Klemm, dass sie ihre ungek\u00fcnstelte Art auch in hochoffiziellen historischen Momenten bewahrte, wie andere bedeutende Fotoreporter: Erich Salomon (auf den A.P. ausdr\u00fccklich verweist), Cartier-Bresson und die Leute von \u201eMagnum\u201c. Auch ich habe ihre Bilder in der Zeitung gesucht. Barbara Klemm ist eine begnadete Vermittlerin, die Tausenden von Lesern \u201e<i>das Wesentliche<\/i>\u201c, das, <i>worum es ging und geht<\/i> in sprechenden Bildern zeigte und die damit \u00fcber die FAZ in Deutschland eine Bildkultur heimisch machte und fortsetzte. Da\u00df es niemanden g\u00e4be, der ihr Gesp\u00fcr f\u00fcr Konstellationen besitzt \u2013 von Menschen untereinander, aber auch von Personen und R\u00e4umen oder Kunstwerken, wie Platthaus behauptet, ist nat\u00fcrlich Hagiografie, was die Bildredaktion der FAZ seit Jahren durch die Praxis beweist. Doch dieses <i>Gesp\u00fcr<\/i> ist ein Qualit\u00e4tskriterium.<\/p>\n<p>Mir erschien ihre Verweigerung der Farbe unl\u00e4ngst noch als elit\u00e4re Altersmarotte. Man kann sie auch als Demonstration des Widerstands sehen und gezielt nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2009-10, Zusammenstellung 4.4.14<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-2090","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fotografie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2090"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6491,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2090\/revisions\/6491"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}