{"id":2085,"date":"2008-05-22T22:22:38","date_gmt":"2008-05-22T21:22:38","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2085"},"modified":"2014-04-04T23:07:48","modified_gmt":"2014-04-04T22:07:48","slug":"wuerfel-drei-zeiten-selbstlosigkeit-kuenstliches-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2085","title":{"rendered":"W\u00fcrfel &#8211; Drei Zeiten &#8211; Selbstlosigkeit &#8211; K\u00fcnstliches Leben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lese im Mai 2008 in Vilem Flussers\u00a0<i>Nachgeschichten <\/i>(Bollmann 1990!) und notiere:<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00dcRFEL, eine Philosophie des <i>Cockpits<\/i>! (<i>Systemanalytiker oder Synthesizer)<\/i>193 \u2013 Wir? Geh\u00f6rt \u00a0wenigstens der Kreis seiner Zuh\u00f6rer\/Leser auch dazu?<\/p>\n<p>Flusser der Jongleur, dem man (gern) zuschaut, aber eben zuschaut. Die Einw\u00e4nde mancher Sch\u00fcler. Selber denken ist aber, wenn man es auch mit den drei B\u00e4llen versucht. Erinnerung an die unangenehm schneidende (auch noch b\u00f6hmische) Stimme, an die Fotos, die einen expressiven Menschen zeigen, den eitlen Bart.<\/p>\n<p>Ich bin dem Denker heute Nachmittag im Garten wieder n\u00e4hergekommen, diesem Ph\u00e4nomen. Seinem Chaos, das nie befriedigend aufzul\u00f6sen ist. Manchmal ist ein durchkonstruiertes Buch eine Wohltat!<\/p>\n<p>DREI ZEITEN (200): Immer wieder die Arbeit der Epochalisierung! Und das Bem\u00fchen \u2013 passende Metaphern zu finden &#8211; Was hier (200ff.) <i>die Sandzeit<\/i> bedeutet, daf\u00fcr steht (192f.) <i>der im W\u00fcrfel enthaltene Zeitbegriff<\/i>.<\/p>\n<p>Die Magie der Sprache soll nicht zur Verzauberung dienen, sondern um einen Bann zu l\u00f6sen. Tut sie das? Er sagt uns immer wieder, womit <i>wir<\/i> angeblich <i>leben m\u00fcssen<\/i>.<\/p>\n<p>So wie F. zwischen den \u201enat\u00fcrlichen Sprachen\u201c wechselte, heimatlos, so hier im W\u00dcRFEL zwischen den Sprachen von Physik, Mathematik, Metaphysik,&#8230; F\u00fchrt das nicht in die Verwirrung? Ich denke an die vielen Parallelver\u00f6ffentlichungen, bei denen er mitmischte, und an das, was ihm in Prag passierte, als er unbewusst vom Tschechischen seiner Jugend ins brasilianische Portugiesische wechselte. Und <i>wir<\/i> k\u00f6nnen das nicht immer so leicht \u00fcberpr\u00fcfen wie damals seine Ehefrau es konnte. Ein offener zugewandter Gespr\u00e4chspartner? Kann eigentlich nicht sein, trotz aller Beteuerungen.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt der kindliche Gestus auf, das wilde Theoretisieren (irgendwie wie \u201aKinder l\u00f6sen Probleme\u2019) (204). Die Ungeniertheit. Keiner spricht wie er so oft und offen von <i>Unsinn<\/i>. Die Masken und Z\u00e4une durchschauen, die Rituale durchbrechen, konterkarieren wie es in Andersens \u201eDes Kaisers neue Kleider\u201c geschah.<\/p>\n<p>Einerseits f\u00fchre ich das auf seine methodische Haltung der Voraussetzungslosigkeit zur\u00fcck &#8211; nat\u00fcrlich <i>auf dem R\u00fccken anderer<\/i> im doppelten Sinn, (\u201aSchach\u2019 in \u201aDinge und Undinge\u2019,1993).<\/p>\n<p>Und dann das andere. Er schreibt: <i>Wir k\u00f6nnen hinnehmen, dass im Verlauf des W\u00fcrfelspiels<\/i> (<i>Wir<\/i> leben in der <i>Sandzeit<\/i> mit ihren unwahrscheinlichen Zuf\u00e4llen)<i> zuf\u00e4llig ein Wurf eintraf, von dem ab das Spiel nicht mehr blind ist&#8230;<\/i> (204) So philosophiert er auch, nimmt zahllose Anl\u00e4ufe, schmiedet unabl\u00e4ssig <i>unwahrscheinliche<\/i> Projekte, vorformuliert neue Anthropologien usw. \u00a0&#8211; Nun ja, wer hinterl\u00e4sst schon mehr als ein paar Fu\u00dfnoten in egal welcher Geschichte? &#8211; Unerm\u00fcdlich lehnt er eine Sturmleiter nach der anderen an die Mauern der <i>unbekannten Stadt<\/i>, die <i>unsere<\/i> Zukunft darstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und so las und lese ich ihn auch, wie ein auf \u201aSinn\u2019 trainierter Sp\u00fcrhund. Stefan Bollmann lieferte eine entsprechende editorische Praxis, das motivierende Sampling. Hier sind es die \u201eNachgeschichten\u201c zur \u201eNachgeschichte\u201c.<\/p>\n<p>Auf die Dauer irritierend ist der g\u00e4nzliche Verzicht auf einen \u201ewissenschaftlichen Apparat\u201c, auf Belegstellen, Literaturhinweise, ist die geringe Zahl der Autorennamen, meist aus der Antike &#8211; wie wenn er im Zug oder im Flugzeug oder im Gehen etwa ins Diktierger\u00e4t gesprochen h\u00e4tte. F. verl\u00e4sst sich allein auf sein Argument. Verh\u00e4lt sich anti-apparatistisch.<\/p>\n<p>SELBSTLOSIGKEIT, worin Flusser interessanterweise bei den Chinesen von der kulturpsychologischen Studie von Longqi \u201eDas ummauerte Ich\u201c landet. Flusser w\u00fcrde dessen Befunde zustimmend interpretieren. So sagt er selbst: <i>Der konkrete Mensch ist immer Teil von Situationen. &#8230; Was immer ich sein mag, ich bin es in Beziehung zu etwas anderem. &#8230; \u201aSelbstbezogen\u2019 bedeutet ganz einfach, dass wir nicht da sind.<\/i>\u201c (212f.) Daf\u00fcr ist bei den Chinesen der Daoismus zust\u00e4ndig oder der Scharfrichter oder das Hospiz. Meine Emp\u00f6rung dar\u00fcber<i> <\/i>seinerzeit\u00a0 h\u00e4tte Flusser als Ressentiment beurteilt. Hier wird mir aber auch die westliche ideologische Pr\u00e4gung des Psychologen Longqi noch deutlicher als zuvor. Mir d\u00e4mmert, dass manche westliche Autoren chinesischen Lesern vielleicht n\u00e4her stehen als ihren Landsleuten. \u201aDer Prophet gilt nichts im eigenen Land\u2019, hei\u00dft es. \u201aF\u00fcr eine neue Lekt\u00fcre von\u2019 Habermas ??<\/p>\n<p>Interessant war auch DIE TASCHE 220ff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00dcNSTLICHES LEBEN*<\/p>\n<p>\u201e&#8230;entsetzlich&#8230;. der neue Mensch, der da in unserem Innern entsteht &#8230;\u201c (Klappentext) . Flusser formuliert das Thema meiner Neugier, das mich immer st\u00e4rker umtreibt. Den Epocheneinschnitt, den ich mit der Menschheit erleide. \u201eMan kann auch spielen, um die Spielregeln zu \u00e4ndern.\u201c (1984) 199 &#8211;\u00a0solche S\u00e4tze wollen \u201enotwendige\u201c Ausg\u00e4nge im ertasteten neuen System offen halten, oder doch wenigstens den Platz daf\u00fcr markieren. Und konkret sind wir ja nicht ganz wehrlos, ob als Reformer oder Terrorist ( \u201eein die Apparate zerst\u00f6render Vandale\u201c Klappentext).<\/p>\n<p>Man kann Flusser <i>kulturkritisch <\/i>abgekl\u00e4rt lesen wie damals die \u201eFrankfurter Schule\u201c: \u201eEs gibt kein richtiges Leben im falschen\u201c,\u00a0 und \u201edas Ganze ist das Unwahre\u201c. Doch man muss nicht!<\/p>\n<p>Denke ich einen Moment an \u201eauthentisches Leben\u201c heute, dann ist es &#8211; und nicht nur f\u00fcr Flusser &#8211;\u00a0 der Kampf mit den und um die Spielregeln. Sie konkret\u00a0zu ver\u00e4ndern ist m\u00f6glich, das habe ich mir in meiner Arbeit bewiesen, und K. tut es noch heute. Und wenn man dann nach drei\u00dfig Jahren &#8211; authentisch &#8211; abgenutzt ist, dann ist das kein Grund zu klagen; in anderen Berufen sind es mehr die Gelenke gewesen oder die Bandscheiben oder was immer. Das zweite ist aber das \u201eEngagement\u201c, und das war immer schwierig, doch es sind meine eigenen Defekte, die mich davon abhalten, menschenfreundlicher\u00a0zu handeln.<\/p>\n<p>Extrem deutlich scheint Flusser die Ver\u00e4nderungen im Medien- und engeren Kulturbereich abzubilden: mit dem Begriff \u201eK\u00dcNSTLICHES LEBEN\u201c 197ff. verbunden: es erzeuge \u201eein Trommelfeuer an Erlebnissen, Erkenntnissen und Werten (!!!), das die langweiligen Intervalle immer besser vollstopft. Das k\u00fcnstliche Leben ist ein &#8230;. sensations-, erkenntnis- und wertl\u00fcsternes Leben\u201c. &#8211;\u00a0Spontan fallen mir eine Menge Beispiele ein. Und eigene<i>\u00a0<\/i>Erfahrungen und Impulse.<\/p>\n<p>\u201eFreilich, eine R\u00fcckkehr in ein unbewusstes, \u201aspontanes\u2019 Lebensspiel ist unm\u00f6glich\u201c, d.h. \u201egek\u00fcnstelt\u201c. 198\u00a0z.B. \u201e .. wer noch spontan schaffen will, ist unauthentisch\u201c 199:\u00a0Seit Benjamins \u201eKunst im Zeitalter ..\u201c habe ich das Verdikt gegen k\u00fcnstlerisch \u201ereaktion\u00e4re\u201c Verfahren mehr oder weniger \u00fcbernommen, auch in der Fotografie.\u00a0Ich sehe in den traditionellen grafischen Techniken im Grunde etwas wie\u00a0 Meditationstechniken, nur f\u00fcr den Anwendenden relevant, oder wie Slow Food.<\/p>\n<p>Ich hatte wegen der erhaschten, <i>erstohlenen<\/i> Momentaufnahmen\u00a0<i>nie<\/i> ein schlechtes Gewissen oder Minderwertigkeitsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Meine Aktzeichnerei sehe ich im Grunde ambivalent: als einen Spielort, in dem der unverk\u00fcrzt gew\u00e4hrte\u00a0(wenn auch von Regeln kanalisierte) Anblick, die gew\u00e4hrte <em>Intimit\u00e4t<\/em> verbunden ist mit einem Aus\u00fcben von Kunstfertigkeit, mit einem Gef\u00fchl von Kreativit\u00e4t und dem Versprechen &#8211; als Sammler, soviel ich erhaschen kann, nach Hause zu nehmen. Ein Spiel also, ein spannendes Spiel, das ein St\u00fcck weit auch frustriert und zum neuen Versuch anreizt. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich oft gern einfach fotografieren, sozusagen mit ungedrosseltem Tempo, aber das ist nun einmal das Spiel. Und ist es nicht das, was Voss mit ungebremstem Genuss, ja demonstrativ praktiziert? <em>Kunst<\/em>\u00a0ist f\u00fcr ihn wohl die abstrakte Acrylklekserei, und da erscheint er mir so wenig \u201eauthentisch\u201c wie damals die Klassenkameraden\u00a0in der 11., die sich dem Diktat des neuen Kunstlehrers unterwarfen und ihre eigenen Arbeiten am Ende nicht identifizieren konnten.<\/p>\n<p>\u201e \u201aKunst\u2019 im traditionellen Sinne ist im k\u00fcnstlichen Leben ausgeschlossen.\u201c 199\u00a0 &#8211; Der Satz l\u00e4sst mir eine \u201eEntdeckung\u201c, die Begeisterung \u00fcber eine kuratorische\u00a0<i>Ausgrabung<\/i> wie von \u201eTichy, Fotograf\u201c im MMK plausibel erscheinen, weit \u00fcber das spekulative gesch\u00e4ftliche Motiv hinaus.<\/p>\n<p>\u201eDer inspirierte K\u00fcnstler, der engagierte Politiker, der klassenbewusste Arbeiter, der erleuchtete Weise werden zu Dinosauriern. Man wird sie ausstopfen und sodann in Museen bewundern k\u00f6nnen.\u201c 196<\/p>\n<p>Die Medien sind daher \u00fcbervoll von <i>\u00a0Charakterdarstellern<\/i> im weitesten Sinne &#8211; sie sind die eigentlichen Helden geworden. Man l\u00e4chelt \u00fcber die armseligen Originale, wenn sie mit \u201eIch war Indiana Jones\u201c (BILD, vorgestern) oder\u00a0 \u201eJetzt rede ich, Oskar Schindler\u201c gegen Harrison Ford oder Charlton Heston antreten wollen. Oder der uns\u00e4glich dumme Kult um den \u201eDalai Lama\u201c, der nur als Kommunikationsprofi \u00fcberhaupt politisch \u00fcberlebt hat. Oder der best\u00e4ndige Schrei nach \u201eVorbildern\u201c, lebendigen Vorbildern, wo doch Comicfiguren viel besser gesteuert werden k\u00f6nnen, ohne die l\u00e4stigen Skandale.<\/p>\n<p>22.5.08<\/p>\n<p>* Im Dezember 2013 habe ich &#8222;K\u00fcnstliches Leben&#8220; ein \u00a0weiteres Mal, weit kritischer in \u00a0&#8222;Lebensspiel Zwei Punkt Null&#8220; besprochen. Ich finde den Vergleich der Herangehensweisen reizvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich lese im Mai 2008 in Vilem Flussers\u00a0Nachgeschichten (Bollmann 1990!) und notiere:<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-2085","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2085","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2085"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2089,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2085\/revisions\/2089"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}