{"id":2063,"date":"2014-06-30T11:00:53","date_gmt":"2014-06-30T10:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2063"},"modified":"2015-04-23T09:56:48","modified_gmt":"2015-04-23T08:56:48","slug":"die-trilogie-honig-milch-ei-ueber-filmsprache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2063","title":{"rendered":"Film-Trilogie &#8222;Honig &#8211; Milch &#8211; Ei&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Bal-IMG_7258.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2064\" alt=\"Bal-IMG_7258\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Bal-IMG_7258-300x208.jpg\" width=\"300\" height=\"208\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Bal-IMG_7258-300x208.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Bal-IMG_7258-624x434.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Bal-IMG_7258.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">Semih Kaplanoghu betreibt Film als Kunst. Vor zweieinhalb Jahren sah ich seine Filmtrilogie auf DVD. Das\u00a0 beigegebene <i>Making of<\/i>\u00a0 ist ein vielseitiger Schl\u00fcssel zu diesen Filmen und zum Medium.<!--more--><\/span><\/b><\/p>\n<p>Ich will von der Erfahrung der \u00dcberw\u00e4ltigung berichten, und davon, wie das <i>Making of <\/i>dieser Produktion mich so gr\u00fcndlich ern\u00fcchtert hat, dass ich das so schnell nicht vergessen werde.<\/p>\n<p>\u00dcber mehr als sieben Jahre arbeitete Kaplanoghu mit seinen Spezialisten an seinem Projekt. Eine mir im Grunde nicht vorstellbare Zeitspanne! Er konstruierte und reflektierte es wie einen Roman. In einer Art Entwicklungsroman wurde der Protagonist als Wesen entworfen, das ein Eigenleben entwickelt. Darin bleiben f\u00fcr Kaplanoghu das Sagbare und das Unsagbare, Verst\u00e4ndliches und nicht Verst\u00e4ndliches bewusst nebeneinander stehen. Die drei Teile k\u00f6nnen, aber m\u00fcssen nicht einmal eine einzige Biografie nachzeichnen. Die Distanz bewahrt sich im schweigenden Zeigen. Kaplanoghu experimentiert mit der Filmsprache, etwa um eine dokumentarische Beobachtung vorzut\u00e4uschen \u2013 zum Beispiel in der symboltr\u00e4chtigen Szene in <i>Milch<\/i>, als die Kamera die Bewegung des jungen Mannes im mannshohen Schilf verfolgt. Ein anderes Beispiel: Bildsch\u00e4rfe und Fokus bleiben auf den Vordergrund fixiert, w\u00e4hrend sich die Szene weiterentwickelt, sich vom inzwischen leeren Tisch in den Hintergrund bewegt. Nun beobachten wir wie zuf\u00e4llige Zeugen das Geschehen qu\u00e4lend lange nur aus der Ferne. Schlie\u00dflich erl\u00f6st uns ein harter Schnitt. Doch kann auch eine isolierte Kamerabewegung in bewegungsloser un\u00fcbersichtlicher Umgebung auf die Folter spannen.\u00a0Der spontane Eindruck von Authentizit\u00e4t wird vom durchg\u00e4ngigen Verzicht auf\u00a0 Filmmusik\u00a0\u00a0verst\u00e4rkt. Wir sind auch mit den Ohren ganz in der Situation, meinen zu h\u00f6ren, was der Protagonist h\u00f6rt so etwa im Wald, bevor der Honig heruntergeschlagen wird. Soweit zu den Filmen. <i>Honig (Bal)<\/i> erz\u00e4hlt die Kindheit des Protagonisten, ist aber zuletzt entstanden, f\u00fcr mich der bei weitem st\u00e4rkste Film der Trilogie.<\/p>\n<p>Dann der Schock. Ist in den Filmen Alles <i>Fake<\/i>? Bereits der Trailer bringt schlechte Nachrichten. Da zeigt der Blick der zweiten Kamera den engen Zangengriff des Kamerateams um die Darsteller und den Regisseur vor dem stummen Schwarzwei\u00df-Monitor. Man h\u00f6rt seine Anweisungen und in den Nahaufnahmen das rasch aufeinander folgende \u201eCut\u201c. Es ist oft laut und gesch\u00e4ftig am Set.\u00a0Dass der Filmschnitt Abl\u00e4ufe synthetisiert, wei\u00df ich nat\u00fcrlich seit langem \u2013 \u00a0und \u00fcbrigens identifizierte Flusser das als die\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">Geste des Filmens<\/i>\u00a0&#8211;\u00a0 aber es schockt dann doch, aus wieviel \u00a0extrem kurzen Einstellungen der spektakul\u00e4re Sturz vom Baum komponiert wird.\u00a0Beim Filmton f\u00fchle ich mich vom Verzicht auf Musik regelrecht betrogen. Die Ger\u00e4usche kommen aus dem Computer.Man hat hart gearbeitet, um mein Geh\u00f6r zu \u00fcberlisten. Die Szene im Schilf hat man sogar nachgedreht. Die wenigen Dialoge im Freien wurden in Innenr\u00e4umen synchronisiert. Oder habe ich das falsch verstanden?\u00a0 Man kann die Arbeit von Toningenieur und Regisseur an der Postproduktion aber auch als Feinarbeit auf einer weiteren poetischen Ebene sehen. Oder alle Ma\u00dfnahmen zusammen als eine lange Teststrecke, ob das Ergebnis stimmig ist und die Aufmerksamkeit des Zuschauers \u00fcber verr\u00e4terische Signale hinweg oder an ihnen vorbei leitet.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt haben Regisseur und Ausstatterin das Bild auf der Leinwand mit vielen unauff\u00e4lligen Signalen gespickt, die nicht bewusst wahrgenommen werden sollen und den \u00a0Eindruck abt\u00f6nen. <em>Wie behaglich ist das Haus, ein wenig sch\u00e4big, wie ich es mag<\/em>, denke ich einmal oder stelle mir die Frage: Haben sie in einem Heimatmuseum\u00a0 gedreht? Aber das gibt es in dem niedergehenden, ausblutenden Landstrich an der t\u00fcrkischen Schwarzmeerk\u00fcste doch gar nicht! \u00dcberhaupt die<i> H\u00e4user<\/i>: Warum musste denn f\u00fcr die Au\u00dfenansicht ein anderes Bauernhaus gew\u00e4hlt werden als f\u00fcr die Innenr\u00e4ume? Nur eins, das f\u00fcr den Film <i>S\u00fct<\/i>, war <i>authentisch <\/i>verlassen, aber wurde von allem gereinigt und neu hergerichtet. Dagegen sind unterschiedliche W\u00e4lder als Set im Umkreis von 40 km ganz unerheblich.\u00a0Die Kleidung dieser provinziellen Leute wurde neu erfunden, kombiniert und farblich abgeschmeckt. \u2013 Wie sieht wohl ein volkskundlich bewanderter oder geschulter T\u00fcrke diese hybriden Trachten? Oder taten die Ausstatter nur, was jeder Mensch in diesen Gegenden ohnehin macht?\u00a0Abgerundet wird die Illusion realistischer Darstellung durch durch den Schachzug von Regisseur und Team, \u00a0in einer notorisch verregneten Gegend sich auf nat\u00fcrliches Licht zu verlassen.<\/p>\n<p>Unter den verschiedenen Produktionsphasen ist mir das <i>Storyboard<\/i> am sympathischsten, obwohl dem spr\u00f6den <em>Comic<\/em>\u00a0die Sinnlichkeit des fertigen Films v\u00f6llig fehlt, es setzt die Story puritanisch um. Der junge Zeichner f\u00fchlt sich verst\u00e4ndlicherweise\u00a0unterbewertet (Interview), als blo\u00dfer Teil der Vorbereitung.<\/p>\n<p>Das Ausgucken und Erkunden der m\u00f6glichen Sets, ihre Einrichtung und Ausstattung\u00a0 sind als Arbeitsg\u00e4nge noch mit denen der Malerei vergleichbar: Motivsuche, der Anfertigung von Skizzen, Mischen der Farben, Aufziehen und Grundieren der Leinwand, schlie\u00dflich dem Aufstellen der Staffelei. Doch dann l\u00e4uft die hochkomplizierte Produktionsmaschine an.<\/p>\n<p>Alle Vorbehalte gegen\u00a0<i>das Kino<\/i>\u00a0kommen mir mit diesem \u00fcber einst\u00fcndigen\u00a0<i>Making of<\/i>\u00a0 wieder hoch.\u00a0Dabei hat hier ein Kern-Team \u00fcber Jahre miteinander gearbeitet und Abenteuer bestanden unter der Regie des charismatischen Filmautors und Inspirators, aber auch Patriarchen Kaplanoghu, der die Aufgaben verteilte und kleinschrittig ihre Einhaltung und Gestaltung kontrollierte.\u00a0Ich erinnere mich an meine jugendliche Begeisterung f\u00fcr exemplarische <i>Low Budget<\/i> Filme der <i>Nouvelle Vague<\/i>, besonders <i>A Bout de Souffle<\/i>. Oder beruhte mein Gef\u00fchl der Unmittelbarkeit, der Spontaneit\u00e4t auch da auf Illusion? An die Perfektionierung der Illusion mittels eines Patchwork an Produktionsschritten, zudem von der Finanzierung gesteuert, will ich mich jedenfalls nicht gew\u00f6hnen. Fragen: Erh\u00f6ht internationale Finanzierung nicht auch die Kosten? Sogar Arbeitskosten?<\/p>\n<p>Knebelt nicht auch die finanzielle Abh\u00e4ngigkeit von Kulturinstitutionen<i>\u00a0<\/i>und Festivalerfolgen die Kreativit\u00e4t der Filmk\u00fcnstler? W\u00e4re die Trilogie ohne das alles etwa weniger <i>Filmkunst<\/i>? Sie ist angesichts der atemberaubenden Budgets Apparate-Kunst.\u00a0Wir treffen hier wohl auf\u00a0<em>Widerstand<\/em> mitten im <i>Apparat<\/i> (Flusser)! Vergleichbar mit dem von Tarkowskij und anderen ber\u00fchmten Filmregisseuren nicht nur in den kommunistischen Diktaturen. Er scheint \u00a0schlichtweg Teil der Filmgeschichte zu sein. Doch der Apparat der Medienindustrien perfektioniert st\u00e4ndig den\u00a0Verwertungszusammenhang.\u00a0Kinofilme k\u00f6nnen heutzutage als <em>Kulturg\u00fcter<\/em> die Bedeutung archaischer Pyramiden oder Tempelkomplexe erlangen. Sie kosten vergleichsweise auch so viel. Als globale Massenunterhaltung sind sie alles andere als demokratisch, auch die, welche eine solche Botschaft vermitteln sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>21.1.2012\/ 30.6.2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken &nbsp; Semih Kaplanoghu betreibt Film als Kunst. Vor zweieinhalb Jahren sah ich seine Filmtrilogie auf DVD. 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