{"id":2051,"date":"2012-12-20T20:20:02","date_gmt":"2012-12-20T19:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2051"},"modified":"2020-05-29T02:07:31","modified_gmt":"2020-05-29T00:07:31","slug":"flusser-und-die-musik-r-guldin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2051","title":{"rendered":"Flusser und die Musik (R.Guldin). Aber auch Schopenhauer und die Musik."},"content":{"rendered":"<p><i>Der Essay : \u201eMit Einbildungskraft musizieren &#8211; Zum Verh\u00e4ltnis von Musik und Mathematik in Vil\u00e9m Flussers Werk\u201c wurde von Rainer Guldin\u00a0 f\u00fcr den\u00a0 Kongress in Natal im Dezember 2012 geschrieben und ist in dem Kongressband \u201cVom Begriff zum Bild\u201d<b> <\/b><\/i><i>( Tectum Verlag, Marburg, 2013) abgedruckt. <!--more-->&#8211; Die Seitenangaben beziehen sich auf den Manuskripttext. Meine Rezension ist mit der damaligen eMail identisch.<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Frankfurt, den 20.12.12<\/p>\n<p>Lieber Rainer,<\/p>\n<p>Dein Vortrag mobilisiert mich noch einmal vor Weihnachten! Nun will ich meine R\u00fcckmeldung auch noch auf den Weg bringen &#8211; in einen vermutlich ruhigen Moment hinein. St\u00f6re dich bitte nicht an gelegentlichem Pathos, schr\u00e4gen Formulierungen und \u00dcbertreibungen. Ich habe getan, was ich in\u00a0 den zwei Tagen konnte. Abstand ist nicht zu erwarten.<\/p>\n<p>Zuerst scheint Ihr beide wieder das bekannte Spiel Flussers mit Kulturph\u00e4nomenen zu treiben. Diesmal muss Musik als Anschauungsobjekt dienen. Ich halte mich heute gar nicht auf bei der Kritik an dieser Art von Ph\u00e4nomenologie, aber warum?<\/p>\n<p>Mir wird beim Lesen klar, wie fr\u00fch Flusser diese Konzepte ausbr\u00fctete. Ich verstehe nun deine Andeutungen vom Fr\u00fchjahr besser (dank S.13:<i> kreativer Mahlstrom, innere Kongruenz<\/i>). Alles was Marburgers Dissertation mir nicht \u00fcberzeugend vermitteln konnte, von wegen Vereinigung von Kunst und Wissenschaft, entschl\u00fcsselt sich hier wie von selbst.<\/p>\n<p>Du betonst, dass diese Konzepte eine Grundstr\u00f6mung bilden, egal, was sp\u00e4ter sich alles an neuen Aspekten und rhetorischen Strategien dar\u00fcber legt. Und er hat ja regelrechte Palimpseste hinterlassen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Annahme<\/span>: dass es ihm sehr ernst mit dieser theoretischen Grundstr\u00f6mung gewesen ist. Das w\u00fcrde f\u00fcr mich seine bemerkenswerte Motivation und Ausdauer begreiflich machen. Warum diese Annahme? Wegen des jugendlichen Alters und seiner Biografie. Ich komme auch nicht von ungef\u00e4hr darauf, hat mich doch \u00fcber ein Jahr verteilt regelm\u00e4\u00dfig eine Schopenhauer-Studie besch\u00e4ftigt: <span style=\"text-decoration: underline;\">Urs App<\/span> hat in \u201e<span style=\"text-decoration: underline;\">Schopenhauers Kompass<\/span>\u201c \u00a0&#8211;\u00a0bei UniversityMedia, Rorschach-Kyoto 2011 erschienen\/\u00a0<i>www.universitymedia.org<\/i>. &#8211;\u00a0\u00a0sozusagen aus der N\u00e4he verfolgt, wie Arthur Schopenhauer zwischen dem 19. und 28. Lebensjahr seine Philosophie entwickelt hat, aus disparaten Quellen und mit einem \u201eKompass\u201c, den man mit Weltverneinung umschreiben kann. Mir ist immer noch nicht erkl\u00e4rlich, woraus dieser junge Mann ein so starkes Erl\u00f6sungsbed\u00fcrfnis entwickelte und dann unbeirrt an seiner mystisch und buddhistisch inspirierten Idee der universaler Wiedervereinigung der getrennten Sph\u00e4ren festhalten konnte, im Geiste des \u201eWillens\u201c &#8211; wovon er die Musik als letztlich unbedeutende, aber doch unmittelbare Manifestation verstehen wollte. Er lie\u00df jedenfalls in den folgenden vier Jahrzehnten dieses Bed\u00fcrfnis durch penible begriffliche Arbeit und engagiertes sich Informieren \u00fcber alle Aspekte des Lebens reifen. Ich habe gestern noch einen speziellen Aufsatz zu Rate gezogen, der zu dem Schluss kommt, dass Schopenhauer die der Musik zugedachte Rolle in sp\u00e4teren Auflagen nicht \u00fcberzeugend an den Ph\u00e4nomenen konkretisieren konnte. Die entsprechenden Versuche, seine individuellen Musikerfahrungen zu generalisieren und metaphysisch zu verankern, sind offensichtlich gescheitert, f\u00fcr mich in unserer Zeit keine \u00dcberraschung.\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Christoph Almuth: Musik als Metaphysik &#8211; Platonische Idee, Kunst und Musik bei Arthur Schopenhauer<\/span> (erschienen in: Philosophischer Gedanke und musikalischer Klang. Zum Wechselverh\u00e4ltnis von Musik und Philosophie. (Hg.) Chr. Asmuth u. a., Frankfurt M 1999,S.111-125 &#8211; und als pdf im Netz)<\/p>\n<p>Gerade wegen dieser Naivit\u00e4t bzw. Verankerung in der philosophischen Tradition &#8211; um die wir ihn ja auch beneiden k\u00f6nnten &#8211; m\u00f6chte ich ihn nicht in einem Atemzug mit Flusser und seinen theoretischen Operationen nennen, erst recht nicht denen der Utopien der sp\u00e4ten Jahre, die du so referierst:<i> \u201eFlusser geht es nicht um einen neuen Mystizismus, sondern um ein Leben in einer ganz vom Menschen entworfenen &#8230;. Welt, die zugleich in vollem Bewusstsein gelebt wird.\u201c (12)\u00a0<\/i>Die von dir weggewischte Frage nach dem mystischen Zug in Flussers Denken ist f\u00fcr mich damit aber auch nicht erledigt, im Gegenteil.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Annahme<\/span>: Er konnte sich nur nicht so zeigen, wie es noch Schopenhauer m\u00f6glich war. Salopp gesprochen: Hegel war ein toter Hund, seine Dialektik genoss schon lange keinen Markenschutz mehr. Marxisten und Kommunisten verfuhren damit nach Belieben. Und verbot nicht Wittgensteins \u201aTractatus&#8216; \u00fcberhaupt jeder philosophischen Spekulation den Mund? Warum lie\u00df sich aber der \u201ashooting star\u2019 Heidegger davon \u00fcberhaupt nicht abschrecken, poussierte aber daf\u00fcr gleich mit den Nazis?<\/p>\n<p>Im Prager Milieu war Flusser eine Orientierung naturgem\u00e4\u00df noch leichter gefallen, aber welche Sprache konnte der traumatisierte junge Mann nach der Weltkatastrophe f\u00fcr sich fruchtbar machen?\u00a0Darin sehe ich gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die <span style=\"text-decoration: underline;\">3. Annahme<\/span>, die seiner Hinwendung zur poetischen Sprache und zu unverbl\u00fcmt literarischen Mitteln, der Ironie, des Paradoxes, &#8230;.\u00a0 Die intellektuelle Umgebung Brasiliens (<i>tropicalismo, anthropophagia<\/i>) trug &#8211; auch \u201eBodenlos\u201c zufolge &#8211; das Ihre dazu bei.<\/p>\n<p>Wenn ich seine unverbr\u00fcchliche Verankerung im traditionellen Arbeitsethos und den &#8211; wenn auch<i> frustrierten<\/i> &#8211; Rationalismus der\u00a0 abendl\u00e4ndischen Schriftkultur\u00a0 in Rechnung stelle, k\u00f6nnte ich seine utopischen Anwandlungen als Gedankenspielereien und Tribute an die Eitelkeit des Zukunftsforschers abtun. Im Reprint in den aktuellen Flusser Studies 14 l\u00e4sst du ihn gerade wieder das \u201eglobale Paradies\u201c als Alptraum schildern. Seine Figur ist der Vertriebene, der den Abl\u00f6sungsschmerz in allen Formen und auf verschiedenen Gebieten durchlebt, schreibend zelebriert.<\/p>\n<p>Da die Visionen schon so fr\u00fch auftauchen und seit den achtziger Jahren &#8211; von seinen Siebzigern wei\u00df ich zu wenig &#8211; als<i> telematisches Szenario<\/i> best\u00e4ndig wiederkehren, im Grunde immer pr\u00e4sent sind, ist es wohl angemessener, sie als st\u00e4ndige<i> Versuchung<\/i>, als Hang, als (sch\u00e4dliche?) Neigung zu bewerten, als<i> diabo<\/i>, der ihn geritten hat. &#8211; Das ist ja alles nichts Neues.<\/p>\n<p>Also:<i> \u201eFlusser geht es nicht um einen neuen Mystizismus, sondern um ein Leben in einer ganz vom Menschen entworfenen &#8230;. Welt, die zugleich in vollem Bewusstsein gelebt wird&#8230;\u201c (12) ?\u00a0<\/i>Spannend finde ich, wie ansteckend das sein kann. Der zunehmend euphorische Ton deines Vortrags zieht den Leser hinein in Flussers <i>\u00fcberbewusste Traumwelt <\/i>(12) der Zukunft.\u00a0Ich sehe <i>die neue Ebene der Verbindung<\/i> (11) praktisch erst einmal auf einem Flachbildschirm vor mir, dann schon im umgebenden Raum dank eines intelligenten (z.B.Kampf-)Anzugs, die Situation von \u2019Total Recall\u2019 wird auch au\u00dferhalb des Kinos vorstellbar. Aber das ist doch <span style=\"text-decoration: underline;\">die Botschaft des<\/span><i><span style=\"text-decoration: underline;\"> \u201a<\/span><\/i><span style=\"text-decoration: underline;\">Transhumanismus\u2019<\/span> !! Vor dem Abheben gibt es von dir nur ein kurzes, leicht \u00fcberh\u00f6rbares Warnsignal. (13)<\/p>\n<p>Eine <span style=\"text-decoration: underline;\">4. kleine Hypothese<\/span>: Der untergr\u00fcndige<i> Mystiker<\/i> Flusser sp\u00fcrte und feierte am Ende<i> das Absolute<\/i> noch in der \u00e4u\u00dfersten Verd\u00fcnnung. Dem n\u00fcchternen Systematiker waren die sich revolution\u00e4r gebenden K\u00fcnste etwa ebenso regelm\u00e4\u00dfig \u201aGadgets\u2019. Nach dem Aufsatz \u00fcber Schopenhauers Verst\u00e4ndnis von<i> Musik<\/i> w\u00fcrde ich sagen, dass <i>Musik <\/i>f\u00fcr ihn &#8211; anders als\u00a0f\u00fcr sein bildungsb\u00fcrgerliches Publikum &#8211;<i> <\/i>auch nur ein Palliativum war, und dazu ein\u00a0eing\u00e4ngiges Beispiel bot, um seine Lehre verst\u00e4ndlich zu machen, im Grunde wie Flussers \u201aGarten\u2019, beide eingekesselt in aussichtsloser Lage.<\/p>\n<p>Noch etwas aus Schopenhauers Perspektive: Der \u201eWille\u201c in seiner ganzen Wucht, so wie er ihn theoretisch konzipiert hat, ist aus unserer Erfahrung der Welt nicht ohne<i> Strafe<\/i> der Verblendung zu streichen. Ich bin versucht zu sagen: Das ist der Mensch, sowohl au\u00dferhalb wie innerhalb irgendwelchen Studios der Virtualit\u00e4t. Und das sind auch die ideologischen wie politischen<i> Sinn<\/i>setzungen, deren Druck immer wieder die Glash\u00e4user zum Platzen bringt und ihre Bewohner hart auf dem Boden aufsetzt. K\u00fcrzlich hast du in einem e-Brief Flussers Ignoranz f\u00fcr den<i> K\u00f6rper<\/i> erw\u00e4hnt. Das gilt jedenfalls immer, wenn er telematische Utopien spinnt.<\/p>\n<p>Gut, dass du mit deiner Darstellung in die Offensive gehst, indem du die Konsequenzen f\u00fcr die Gesamtsicht Flusser explizit formulierst (13), und du bahnst darin noch Kritik an &#8211; <i>in dieser verengenden Version<\/i> (ebd.). Da sollte es vielleicht weitergehen.<\/p>\n<p>Ich lasse nun den Text los. Keine weiteren Korrekturen! \u00a0(&#8230;.) \u00a0Herzlich\u00a0 Detlev<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Die Antwort Rainer Guldins am 26. Dez 2012\u00a0 ist so direkt und gedankenreich, dass ich sie einfach mit abdrucken muss. (25.3.14)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Lieber Detlev,<\/i><\/p>\n<p><i>vielen Dank f\u00fcr deine spannenden Bemerkungen. Das mit dem Mystizismus stimmt, da hast du recht, und es h\u00e4ngt wohl auch mit Flussers Religiosit\u00e4t zusammen. Flusser betont zwar immer seinen Rationalismus, ich nehme ihm das aber nicht so ganz ab. Und vielleicht geht es bei der telematischen Gesellschaft eben doch um so etwas wie Erl\u00f6sung, Erl\u00f6sung vom K\u00f6rper, vom Tod, vom Vergessen, endg\u00fcltige Befreiung aus dem Tal des Todes. Aber diese s\u00e4kularisierte Dimension des Fortschrittglaubens ist doch dem ganzen Projekt der westlichen Moderne unterlegt. Du hast Recht, da m\u00fcsste man noch offener kritisieren. Zum Beispiel die Enge und Banalit\u00e4t des Digitalen, die auch bei Flusser hier und da anklingt. Flussers sp\u00e4te Wendung zum Utopischen ist nach der \u00e4usserst kritischen Phase der 70er eine \u00dcberraschung. Ich habe &#8222;Nachgeschichte&#8220; auf Portugiesisch gelesen und dort ist der Ton sehr d\u00fcrr, sehr pessimistisch. Und dann kippt pl\u00f6tzlich alles. Frage mich, was wohl der Ausl\u00f6ser gewesen sein muss. Und auch deinen Hinweis auf Schopenhauer: die fr\u00fche Ausarbeitung eines Systems, das dann immer wieder neu aufgelegt wird. Und genau: was speist diesen Drang? Gute Fragen.<\/i><\/p>\n<p><i>einen guten Rutsch auch dir\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 herzlich Rainer<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Essay : \u201eMit Einbildungskraft musizieren &#8211; Zum Verh\u00e4ltnis von Musik und Mathematik in Vil\u00e9m Flussers Werk\u201c wurde von Rainer Guldin\u00a0 f\u00fcr den\u00a0 Kongress in Natal im Dezember 2012 geschrieben und ist in dem Kongressband \u201cVom Begriff zum Bild\u201d ( Tectum Verlag, Marburg, 2013) abgedruckt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,37],"tags":[],"class_list":["post-2051","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schopenhauer_love_affair","category-literatur_zu_vf"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2051","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2051"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2051\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11736,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2051\/revisions\/11736"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2051"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}