{"id":2043,"date":"2014-03-23T13:00:26","date_gmt":"2014-03-23T12:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2043"},"modified":"2017-01-07T14:39:24","modified_gmt":"2017-01-07T13:39:24","slug":"nolde-im-staedel-viel-laerm-um-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2043","title":{"rendered":"Nolde im St\u00e4del \u2013 viel L\u00e4rm um &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Nolde-IMG_7259.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2059\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Nolde-IMG_7259-172x300.jpg\" alt=\"Nolde-IMG_7259\" width=\"172\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Nolde-IMG_7259-172x300.jpg 172w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Nolde-IMG_7259.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/a>\u00a0\u00a0<strong>Nichts<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Gang durch die Frankfurter Ausstellung ist nicht nur entt\u00e4uschend, er ist gr\u00fcndlich ern\u00fcchternd. So genau wollte ich es nicht wissen. Bisher hatten wohl gelungene Werke aus anderen Museen und vor allem die Reproduktionen in allen denkbaren Formaten bei mir f\u00fcr ihn Stimmung gemacht. Der Clou dieser Ausstellung soll aber gerade sein, aus dem Depot in Nieb\u00fcll ein nie gesehenes ausdifferenziertes Bild seines Werkes zu zeichnen.<\/p>\n<p>Im ersten Raum gewinnen mich noch zwei fast monochrome Seebilder, stark in \u00e4u\u00dferst ged\u00e4mpfter Farbgebung, ganz traditionell, aber nur ein Schritt vor der Abstraktion: 1901.\u00a0Dann \u00fcbernehmen wohl unvermischte Tubenfarben das Regiment, die \u00d6l-Palette wird zum Verteiler greller Buntheit.\u00a0\u201eDie Pracht der Farben\u201c, titelte das Burda-Museum in Baden-Baden letztes Jahr begeistert. Ja, Farben stehen uns aber allen zur Verf\u00fcgung. Die Nordsee deliriert und sie wird es noch f\u00fcnf Jahrzehnte tun. Wer diese Landschaft kennt und liebt, muss das f\u00fcr Maskerade halten.<\/p>\n<p>Der chronologische Ansatz\u00a0 der Ausstellung l\u00e4sst Hoffnung: ja, die Suche nach dem eigenen Stil zieht sich eben lange hin. Beim Hingucken sage ich mir irgendwann: Ach &#8211; mit 40 immer noch!? Aber da kommt ja noch eine S\u00fcdseereise wie bei Gauguin oder Nordafrika f\u00fcr Klee und Marc!?\u00a0 Ja, 1913. Resultat sind \u201aKanaken\u2019 und Sonnenunterg\u00e4nge \u00fcber dem Meer, blo\u00df: Noldes Nordsee ist durch die S\u00fcdsee nicht mehr zu toppen, und der farbige Himmel hat nicht die von vielen bezeugte Transparenz, er ist mit Farbe zugeschmiert. Das best\u00e4tigt sich auch zuhause am Wiener \u201eNolde und die S\u00fcdsee-Katalog\u201c von 2002. Die Aquarelle von den Eingeborenen sind dekorativ, aber nicht einmal als ethnografische Dokumente verwendbar. Dazu ist der Pinselstrich zu breit.\u00a0Im Werk vorher und nachher finden sich <i>van Goghs<\/i>, aber im Friesennerz, die <i>Fauves<\/i>, <i>Ensor<\/i>, <i>Munch, Liebermann<\/i> aber grell, sogar <i>William<\/i> <i>Turner<\/i>s Dampfschiffe, aber immer nur das Motiv, nat\u00fcrlich auch <i>Kirchner <\/i>und die restliche <i>Br\u00fccke<\/i>, <i>Grosz<\/i> und <i>Dix<\/i>, alles ausprobiert und mit den zwanzig bunten Tubenfarben hingeschmiert und in die l\u00e4rmende Schlacht des Kunstmarktes geworfen.<\/p>\n<p>Die aus Blumen-Aquarellen montierte Ausstellungswand wirkt harmonisch \u2013 der Internetauftritt nutzt sie effektvoll &#8211; aber die einzelnen Bilder sind grob, ohne Geduld, ohne Gef\u00fchl f\u00fcr die Eleganz und die Zartheit von Bl\u00fcten hingehauen. <span style=\"text-decoration: underline;\">Durfte<\/span> er vielleicht nicht anders unter dem Diktat des Zeitgeistes?<\/p>\n<p>1937 angekommen, bin ich fast bereit, das ber\u00fcchtigte Urteil \u201eEntartete Kunst\u201c anzunehmen. Wenn die Begr\u00fcndung auch anfechtbar ist, das Ergebnis ist f\u00fcr mich nachvollziehbar. Die gro\u00dfe Wand mit der Kreuzigung etwa k\u00f6nnte Christen jederzeit beleidigen. Der Jesus Pasolinis h\u00e4tte die Schwarte als dreisten Auftritt aus dem Tempel geworfen. Sie wirkt kalt wie eine Karikatur <span style=\"text-decoration: underline;\">auf<\/span> Otto Dix. Aber was hat Nolde eigentlich an Grauen im Krieg, auch nur an Leid erlebt? Geboren 1867. Alles riecht nach greller Scheinradikalit\u00e4t &#8211; und nach Kitsch, wenn\u2019s erotisch wird: nach verklemmten M\u00e4nnertr\u00e4umen unterm Rieddach oder nach einem Plagiat der Kokotten, die durch die zeitgen\u00f6ssische Kunstwelt geisterten.<\/p>\n<p>Dann die Jahre des Malverbots. Ein eigener abgedunkelter Raum in der Ausstellung \u00fcberrascht mit vielleicht zwanzig starken, sehr kleinen Aquarellen, die Traumgestalten mittels schwarzer\u00a0 Konturen auf einem Teppich von verd\u00fcsterten Farbflecken hervor treiben. Da muss ich an die bittere Untertitelung einer polnischen Karikatur in den drei\u00dfiger Jahren denken: \u201ePoesie ist gebundene Sprache\u201c. Und die Frage: War das Verbot etwa heilsam nach seinem Herumbr\u00fcllen und Dragonern? Die verwendete Technik war zwar nicht besonders anspruchsvoll, sie n\u00e4hert sich dem Ausdrucksmalen, k\u00f6nnte auch ein Kniff f\u00fcr<i> creative painting<\/i> sein, aber sie hat Nolde schon vor 1937 vereinzelte freiere, transparentere kleine Bilder beschert.<\/p>\n<p>Der letzte Raum soll seine Nachkriegszeit repr\u00e4sentieren: R\u00fcckfall ins alte Elend, wie im Alter fast zu erwarten: knallbunte \u00d6lbilder mit den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, eine delirierende Nordsee&#8230;.,\u00a0 derselbe breite Pinsel f\u00fcr dieselben kleinen Formate, Und dann lese ich: Preise, Ehrungen, S\u00fc\u00dfholzraspeln.<\/p>\n<p>Ich verstehe den \u2013 bis auf die Naz\u00eds (Goebbels privat ausgenommen) &#8211; durchgehenden Erfolg Noldes nicht mehr: F\u00fcr mich waren das keine formalen, stilistischen, technischen (im besten Sinne) Experimente, ist keine k\u00fcnstlerische Entwicklung erkennbar. Die Aquarelle mildern nur die krassen Plumpheiten, zeigen daf\u00fcr eigene Ungeschicklichkeiten.\u00a0Gerade die im St\u00e4del \u00fcbliche weihevolle Inszenierung &#8211; diesmal fehlt der Blumenstrau\u00df im Eingangsbereich &#8211; entlarvt den Stuss. Was Malerei seit Jahrhunderten konnte und immer noch kann, h\u00e4ngt wie zum Vergleich verl\u00e4sslich im Hellen in den S\u00e4len der Dauerausstellung. Ich finde Nolde peinlich wie damals den Gipsbildhauer im MMK, der seine vage Ahnung von Werken der Kunst frischfrommfr\u00f6hlichfrei in Gro\u00dfformate \u00fcbertrug.<\/p>\n<p>Ein paar Anl\u00e4sse f\u00fcr Scherze g\u00e4be es schon, wenn ich nicht so missgestimmt aus der Ausstellung gekommen w\u00e4re:\u00a0Etwa die tragische Groteske des Provinz-Nazi Nolde, der als Maler Berufsverbot erhielt und daf\u00fcr nach dem Krieg &#8211; als Verfolgter &#8211; exkulpiert wurde. Viel L\u00e4rm um Nichts. Warum sollten uns seine politischen Auffassungen \u00a0aufregen, auch nur interessieren? Soll er etwa heilig gesprochen werden? Die Ausstellungsf\u00fchrer und der Audioguide tun sicher, was sie k\u00f6nnen. Ich meinte immerhin auch ein paar gl\u00e4nzende Blicke und einverst\u00e4ndiges Kopfnicken zu sehen.<\/p>\n<p>P.S. Die Zigeunerin auf dem in der Stadt verbreiteten Plakat ist eins der st\u00e4rkeren Bl\u00e4tter (schon eine Rarit\u00e4t bei der Motivauswahl f\u00fcr Ausstellungsplakate), aber nur, weil Nolde das Aquarell nicht vollst\u00e4ndig bemalt hat und die wei\u00dfen Fl\u00e4chen mitspielen &#8211; \u00fcber gro\u00dfe Augen und roten Mund kann ich hinweg sehen. Ich m\u00f6chte mir gar nicht ausmalen, was Nolde an dem Blatt noch alles h\u00e4tte verderben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>21.3.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0Nichts<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-2043","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kunstkommissar"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2043"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6620,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2043\/revisions\/6620"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}