{"id":2036,"date":"2014-01-18T02:02:38","date_gmt":"2014-01-18T01:02:38","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2036"},"modified":"2016-12-27T19:54:49","modified_gmt":"2016-12-27T18:54:49","slug":"zill-nomadentum-als-konkrete-utopie-flussers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2036","title":{"rendered":"Zill: Nomadentum als konkrete Utopie"},"content":{"rendered":"<p><i>R\u00fcdiger Zill: Nomadentum als konkrete Utopie \u2013 Unterwegs zu einer Philosophie der Emigration \u2013 in \u201eDas Dritte Ufer\u201c S.231-243 \u00a0 \u00a0 \u00a0<span style=\"color: #ff0000;\">in \u00dcberarbeitung\u00a0 Okt. 2016<br \/>\n<\/span><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Aus einem Brief an den Autor im September 2013<\/b><\/p>\n<p>(&#8230;) habe ich heute unterbrochen, um mich auf Ihren Beitrag in <i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=134\">Das dritte Ufer<\/a><\/i>zu werfen. Denn einerseits war ich froh, in Heidelberg (Blumenberg-Tagung) unvermutet auf &#8218;Flusser&#8216; zu treffen, andererseits hatte ich ausgerechnet Ihren Artikel damals \u00fcbersehen. Rainer Guldin hatte mich ja noch aufgefordert, die \u00fcbrigen Beitr\u00e4ge irgendwie zu ber\u00fccksichtigen, aber den Text dann doch unver\u00e4ndert &#8218;gedruckt&#8216;\u00a0 (&#8230;)<!--more--><\/p>\n<p>Nun kurz zu Ihrem Beitrag:<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Ihr schmaler Aufsatz bietet was er verspricht: Kontext, nicht nur den Anschein von Kontextualisierung. Wissen Sie von jemandem, der Ihre Spur damals weiter verfolgt hat?<\/p>\n<p>2\u00a0\u00a0 (&#8218;\u00dcbersetzer&#8216; Flusser)<\/p>\n<p>Ihr Vorschlag (Anm.4), an Stelle eines ausgewaschenen Begriffs von <i>\u00dcbersetzung <\/i>den der <i>Metapher <\/i>zu probieren, ist einleuchtend. Mich st\u00f6rt ohnehin, dass Flusser das Ph\u00e4nomen <i>\u00dcbersetzung <\/i>systematisch von der Selbst\u00fcbersetzung her betrachtet, die er bekanntlich exzessiv f\u00fcr die Umformung und Weiterentwicklung seiner Diskurse genutzt hat. Jede <i>\u00dcbersetzung <\/i>wird bei ihm zur Neufassung, meist undatiert. Es gibt kein <i>Original<\/i>, was das Zitierchaos vergr\u00f6\u00dfert. Der \u00dcbersetzer Flusser kennt erkl\u00e4rterma\u00dfen keine Loyalit\u00e4t zum Ursprungstext. Sein Vergleich mit einem <i>Sprung \u00fcber einen Abgrund <\/i>erscheint mir im Verh\u00e4ltnis zum <i>traumatisierten Fl\u00fcchtling <\/i>Flusser als Farce. Was er verl\u00e4sst, zerf\u00e4llt unbeachtet hinter seinem R\u00fccken, bis das Puzzle irgendwann von Philologen geordnet oder von <i>Fremden <\/i>n\u00fcchtern kontextualisiert und relativiert wird. \u00a0 \u00a0 \u00a018.1.2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Kommentierte Zusammenfassung<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1.\u00a0\u00a0 Eine Philosophie der Migration im Kontext<\/span><\/p>\n<p>zu Flussers Aufforderung, <i>eine Philosophie der Emigration<\/i> zu schreiben. Denn<i> ihre Kategorien <\/i>seien noch verschwommen.\u00a0 ( \u201eF\u00fcr eine &#8230;\u201c 34):<\/p>\n<p>Der erste Schritt \u00fcber Flusser hinaus ist Zills Feststellung: \u201anicht ganz so unkultiviertes Neuland &#8230;\u2019 mit einem Verweis auf Georg Simmel 1908 und die Figur des Fremden, auf Ernst Gr\u00fcnfeld 1939 (posthum) und den \u201eRandseiter, wenn eine st\u00e4rkere L\u00f6sung erfolgt ist, Aussenseiter\u201c, einen Status, der jeder Person jederzeit zukommen kann, \u00fcberall. (231)<\/p>\n<p>Eine Liste weiterer meist soziologischer Autoren enth\u00e4lt S.232 Anm.1. Man m\u00fcsste in diesem Zusammenhang das Spannungsfeld zwischen Fremdheits- und Wanderungserfahrungen ausloten.<\/p>\n<p>Das zweite Reservoir an Literatur bietet die deutschsprachige Philosophie des 20.Jahrhunderts. Genannt werden Adorno, Anders, Arendt Bloch, Elias, L\u00f6with \u2013 und Flusser als interessante Ausnahmefigur. Dabei geht es um einen generellen philosophischen Stil, h\u00e4ufig von den Erlebnissen der Emigration eingetr\u00fcbt. G\u00fcnther Anders spricht von einem Zustand des Nicht-Erwachsen-Werdens, allerdings vom Emigranten selbst gew\u00e4hlt. Allerdings lehnt er wie auch Adorno das blo\u00dfe sich Abfinden mit den gebotenen M\u00f6glichkeiten als gar zu umstandslose Assimilation ab. Flusser \u00fcberbietet Adornoindem er sie zur Voraussetzung der Freiheit \u00fcberhaupt erkl\u00e4rt \u2013 f\u00fcr mich ein lebensfernes und sogar lebensfeindliches Verfahren!<\/p>\n<p>Dies war nur eine Folie, um davon Flussers Beitrag abzuheben. Zills erste Bilanz: Auch f\u00fcr ihn ist der Migrationsgedanke ein wesentlicher Antrieb seiner Arbeiten gewesen. (233)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2.\u00a0\u00a0 Vom Marginalisierten zum Fl\u00fcchtling<\/span><\/p>\n<p>Die biografische Skizze zeigt, dass f\u00fcr Flusser\u00a0 selbst der R\u00fcckgriff auf die verlassene Heimat nicht mehr m\u00f6glich war, &#8218;Heimat&#8216; zersetzte sich. (234) Er beschreibt\u00a0 seine Selbst-Marginalisierung: Die Wirklichkeit wird nur noch als \u00e4sthetisiertes Schauspiel erfahren. Diese \u201aGleichwertung aller Werte\u2019 musste vor den Mitmenschen versteckt werden. &#8211; Heute m\u00fcssen wohl manche Anh\u00e4nger das destruktive Potenzial Flussers vor sich selbst verstecken. Der Erfolg ausgerechnet in Deutschland ist bedenkenswert. Er hatte mit seinem Programm eines Vertriebenen Erfolg!<\/p>\n<p>\u201e<i>Vertriebene sind Entwurzelte, die alles um sich herum zu entwurzeln versuchen, um Wurzeln schlagen zu k\u00f6nnen&#8230;. spontan &#8230; es geht dabei gleichsam um einen vegetabilischen Vorgang<\/i>.\u201c (107, <i>Exil und Kreativit\u00e4t<\/i>, ver\u00f6ffentlicht im Dez. 1984)<\/p>\n<p>\u201e<i>Im Exil, worin die Decke der Gewohnheit abgezogen ist, wird man zum Revolution\u00e4r &#8230; Daher ist das Misstrauen, das dem Vertriebenen im Neuen Land entgegengebracht wird, vollauf berechtigt. Sein Einzug &#8230; bedroht seine H\u00fcbschheit.<\/i>\u201c (105-6)<\/p>\n<p>&#8211; War das 1984 nicht <span style=\"text-decoration: underline;\">der<\/span> Subtext zur globalen apokalyptischen Stimmung der Zeit , den er in der geliebten dramatischen Rolle des <i>Revolution\u00e4rs<\/i> mit offenem Visier anbot?\u00a0 Mag Flusser auch den Theorien des Exils oder der \u00dcbersetzung, selbst der Medien oder auf dem Feld der Kulturkritik fruchtbare Impulse gegeben haben, sein philosophischer beziehungsweise anti-politischer Ansatz ist vergiftet. Und ist darum weitaus mehr Teil der Probleme als Teil der L\u00f6sung. Will darum keiner an seine Philosophie der Emigration r\u00fchren? Verharmlosung ist nicht ratsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3.\u00a0\u00a0 Der Immigrant<\/span><\/p>\n<p>Die Distanziertheit des Wissenschaftlers \u2013 unter Hinweis auf Alfred Sch\u00fctz 1944 \u2013 und das Leben des Alltagsmenschen \u201enach pragmatischen Rezepten\u201c im \u201ethinking as usual\u201c werden kontrastiert (235). In der ersten Stufe durchschaut der Immigrant kritisch die inkonsistenten fremden kulturellen Muster, \u201ader Fremde wird zum Wissenschaftler\u2019, aber seine \u201aObjektivit\u00e4t\u2019 ist die &#8217;seiner alten Alltagsbrille&#8216;.<\/p>\n<p>Flusser wurde aber 1940 zugleich zum reflektierenden \u201aImmigrationstheoretiker\u2019. (236) Doch auf eigene Art, denn brasilianische Landschaft und brasilianisches Geschichtsbild nimmt er \u201anicht in einem Prozess der Generalisierung wahr, sondern der Metaphorisierung. Etwas durch ein anderes betrachten, entspricht der Technik der Metapher\u201c : \u201eDer Assoziationsspielraum eines Begriffs wird durch den Filter eines anderen gesehen\u201c. Dabei ist \u201eentscheidend, dass in der Metapher zwei kulturell bedingte Assoziationscluster aufeinander treffen und nicht objektiv bestimmbare (sondern aufgeladene) Begriffe.\u201c (237-8) Auf das Einwanderungsland \u00fcbertragen, interagieren zwei Sph\u00e4ren, wie Flusser beobachtet. Hier zieht Zill \u201aMetapher\u2019 gegen\u00fcber VFs Begriff der \u201a\u00dcbersetzung vor, \u201eda \u00dcbersetzung immer zu einem Abschluss kommt, indem sie sich in einem Text der Zielsprache materialisieren muss.\u201c\u00a0\u00a0 (&gt; Guldin 2005,208) \/\/ Entt\u00e4uschend enge Argumentation \/\/<\/p>\n<p>Der Immigrant \u201ewird auf unterschiedlichen B\u00f6den unterschiedlich gut anwachsen.\u201c (USA, Brasilien), sagt auch Flusser. (Differenzierter als Sch\u00fctz; Zill weist auch auf weitere Aspekte bei VF hin). (239-40)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4.\u00a0 Der Nomade<\/span><\/p>\n<p>Darin werde der Migrationscharakter \u201eam weitesten verallgemeinert, zum Modell.\u201c In diesem emphatischen Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine existenzielle Heimatlosigkeit ist die traumatische Erfahrung des Fl\u00fcchtlings weggearbeitet.\u201c \/\/ Das wollte ich auch glauben! \/\/ Jetzt k\u00f6nne der oft ungleiche Kampf zwischen kulturellen Identit\u00e4ten und Lebenswelt \u201ezugunsten einer Balance entschieden werden, die sich im Individuum herstellt &#8230; die dem Einzelnen ein gewisses Schweben erlaubt und dadurch seine Freiheit erm\u00f6glicht. &#8230;. ein abgehobenes Netz von Bez\u00fcgen\u201c (241) VF schreibe hier und wisse das eine Utopie, aber eine konkrete, wegen der neuen Technologien.\u00a0 \/\/konkret, das ist eben die Frage. Mir sch\u00f6nt Zill hier, wird auch nicht pr\u00e4ziser, worauf er sich bezieht. Zills heftet aber Kritik an die von Flusser \u201amissverstandene\u2019 Metapher des Nomaden: verweist auf die Frage, ob der Mensch als v\u00f6llig frei gesetzter wirklich denkbar ist.\u201c Hat man das in Germersheim 2006 anschlie\u00dfend diskutiert? Und \u201amissverstanden\u2019? Das ist bei ihm doch ein \u00fcbliches Verfahren, Begriffe zu entkernen und \u201aumzust\u00fclpen\u2019, wie er es in Brasilien formulierte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Mein Kommentar: Der Migrant VF und das Tr\u00fcmmerfeld<\/span><\/p>\n<p>VF praktiziert als Theoretiker das von ihm proklamierte Umsichschlagen des Migranten in den neuen Heimaten: Auch er entwurzelt alles um sich herum. Jedem Engagement will er das Werkzeug aus der Hand und die Hoffnung aus dem Kopf schlagen. Zwar sieht er die gemeinsame Zukunft mit Schrecken, aber schon die Gegenwart ist ihm nur ein Tr\u00fcmmerfeld. Europa etwa. Ich wage heute nicht zu beurteilen, wie weit die Bundesrepublik, die er zum ersten Mal betrat, nicht noch so etwas war wie ein hastig \u00fcberbautes Tr\u00fcmmerfeld. Nicht nur er f\u00fcrchtete 1989 in Europa, das Vierte Reich w\u00fcrde mit der deutschen Einigung anbrechen. Von Osteuropa erwartete er\u00a0 auch nur das Schlimmste. Israel bot ihm mit Recht keinen Hoffnungsstrahl. Sein Deutschlandbild h\u00e4tte aber von dort bezogen sein k\u00f6nnen: Noch Ende der Neunziger Jahre konnte man an jungen Austauschsch\u00fclern aus dem Kreis Gilboa dies Bild studieren, eine triste Tr\u00fcmmerlandschaft, aus der das \u00dcbel jederzeit neu entstehen k\u00f6nnte. Sie waren v\u00f6llig \u00fcberrascht. (Wurden die Besuche deshalb eingestellt? Ich habe das Ende des Austauschs nicht mehr direkt mitbekommen.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Respekt f\u00fcr das Opfer gebietet doch nicht, es zum Meinungsf\u00fchrer zu machen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">(Eine Revision dieses Textes steht an, ich finde ihn z\u00e4h, doch habe ich die entsprechenden B\u00fccher nicht zur Hand. 8.10.16)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00fcdiger Zill: Nomadentum als konkrete Utopie \u2013 Unterwegs zu einer Philosophie der Emigration \u2013 in \u201eDas Dritte Ufer\u201c S.231-243 \u00a0 \u00a0 \u00a0in \u00dcberarbeitung\u00a0 Okt. 2016 &nbsp; Aus einem Brief an den Autor im September 2013 (&#8230;) habe ich heute unterbrochen, um mich auf Ihren Beitrag in Das dritte Uferzu werfen. 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