{"id":2018,"date":"2001-01-27T10:10:16","date_gmt":"2001-01-27T09:10:16","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2018"},"modified":"2024-02-12T01:23:28","modified_gmt":"2024-02-12T00:23:28","slug":"reisen-in-polen-1985-1989","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2018","title":{"rendered":"Reisen in Polen 1985-1989"},"content":{"rendered":"<p>1985 &#8211; In Europa war der Kalte Krieg\u00a0 vor\u00fcber,\u00a0 trotz Amerikas Ronald Reagan.\u00a0In der Sowjetunion war Gorbatschow an der Macht und lie\u00df demonstrativ den Dissidenten Sacharow frei.\u00a0Die Polen durchlebten seit 1981 wieder eine heroische Epoche ihrer widerst\u00e4ndigen Geschichte, doch\u00a0 l\u00e4ngst hatte sich der sogenannte \u201eKriegszustand\u201c\u00a0 abgek\u00fchlt.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Warum nicht den Sprung mit Sch\u00fclern der 13. Klasse \u00fcber den Eisernen Vorhang wagen? In Polen w\u00fcrde er lohnen.\u00a0Die Menschen redeten frei. Die Kommunistische Partei\u00a0 suchte ihre Rechtfertigung einzig noch im \u201enationalen Interesse.\u201c\u00a0 Es gab also viel zu lernen:<\/p>\n<p>Zuerst durchquerte\u00a0 man die DDR , eine Nacht lang im Transitzug; das erlaubte Milieustudien &#8211; die ostdeutsche\u00a0 Jugend z.B. erschien mir jedes Jahr ungeb\u00e4rdiger, die Z\u00f6llner demonstrierten mit ihren gro\u00dfen Stempelk\u00e4sten die \u201eSouver\u00e4nitat\u201c der \u201eDeutschen Demokratischen Republik\u201c\u00a0 und lehrten\u00a0 politisch korrekt zu formulieren\u00a0(eigentlich auch wieder nicht ):<\/p>\n<p>&#8211; Wo fahrt Ihr hin?<\/p>\n<p>&#8211; Nach Breslau.<\/p>\n<p>&#8211; Breslau gibt es nicht mehr !<\/p>\n<p>Mit dieser Belehrung lie\u00df der Mann uns sitzen, denn \u201eWroclaw\u201c\u00a0 (sprich: Wrotzwaff) lag ihm gewiss zu schwer auf der Zunge. Was machen diese Leute eigentlich heute?\u00a0 Man musste an den vier Grenzen Stunden warten.\u00a0\u201eBahnhof Zoo\u201c, Berlin (West) lag in der Mitte. Bei jeder Ausfahrt aus der DDR\u00a0 wurden die Fahrgestelle und die Luken \u00fcber dem Durchgang\u00a0 durchsucht.\u00a0Auf den Transitbahnh\u00f6fen Jena, Leipzig und Dresden waren die Bahnsteige nicht abgesperrt; wir fuhren aber auch im exklusiven \u201eLiegewagen\u201c.<\/p>\n<p>Die Neisse war schmaler als erwartet.<\/p>\n<p>Im Sommer 1989 sind\u00a0 hier DDR-Fl\u00fcchtlinge in Richtung Polen\u00a0 geschwommen. Dann\u00a0 hat sich die Richtung der illegalen Grenz\u00fcbertritte umgedreht. Und der Fluss scheint wieder breiter geworden zu sein.<\/p>\n<p>In Polen lernten wir\u00a0 Reisegeschwindigkeiten von 40-50 km\/h kennen und einen national gesonnenen Schaffner, der nicht\u00a0 tolerieren konnte, dass Deutsche\u00a0durch das Zugfenster im ehemaligen Schlesien fotografierten. Unsere Antwort: Das n\u00e4chste Jahr stiegen wir hier aus und wanderten auf die Schneekoppe. Dort erfuhren wir praktisch, wie wenig \u201egr\u00fcn\u201c die \u201eBruderl\u00e4nder\u201c der Tschechen und Polen sich waren. Jede Seite hatte eine Gipfelkapelle und eine unterschiedliche Gipfelh\u00f6he, vom Ostseeniveau die einen, vom Mittelmeer\u00a0 die andern. Wir durften die Grenzlinie auf dem Gipfel keinen Meter \u00fcberschreiten,\u00a0sie war bewacht. Aber Waldsterben gab es auf beiden Seiten.<\/p>\n<p>Das Konzept der Studienfahrten war einfach:<\/p>\n<p>Zwei Wochen Eintauchen in das Land hinter dem Eisernen Vorhang. Wir waren allein, auch ohne Bus. Telefonverbindungen? Gespr\u00e4che nach Westen mussten angemeldet werden und nach\u00a0 einem halben Tag Warten kam vielleicht die Verbindung zustande.\u00a0Doch wir bewegten uns frei. Die angeheuerte Reiseagentur war nur Dienstleister, der Dolmetscher war kein Aufpasser, und er mu\u00dfte sich mit uns in viele Stra\u00dfenbahnen und Stadtbusse zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ein Jahrgang nahm vorher Polnischstunden, aber mit Englisch kam man gut durch.\u00a0 Wir blieben mehrere Tage in einer Stadt, und abends zogen die Sch\u00fcler los. Einmal fand ich einen Zettel unter meiner Zimmert\u00fcr:\u00a0\u201eEs ist sp\u00e4t geworden, wir haben nette Schauspielsch\u00fcler kennen gelernt\u201c. Am letzen Abend durfte ich sie auch treffen.<\/p>\n<p>Die Preise waren l\u00e4cherlich niedrig: Wir waren \u201ereich\u201c &#8211; eine Belohnung daf\u00fcr, seine Bedenken und \u00c4ngste\u00a0(und die der Eltern) \u00fcberwunden zu haben und im Lande immer wieder improvisieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Was die vierzehn bis zwanzig jungen\u00a0 Menschen erfahren haben, kann der Lehrer nur ahnen. Aus den vielen Sch\u00fclerberichten soll hier wenigstens ein Zitat stehen:<\/p>\n<p>Wir fragten einen jungen Polen, was er \u201eso allgemein \u00fcber die Nachbarv\u00f6lker\u201cdenkt.\u00a0\u201eDie Russen\u201c bekennt er freim\u00fctig, \u201emag man nicht, und die DDR auch nicht, und die Westdeutschen eigentlich auch nicht.\u201c\u00a0Die Begr\u00fcndung folgt sofort: \u201e &#8230;diejenigen, die es f\u00fcr n\u00f6tig erachten, mit ihren luxuri\u00f6sen Lebensbedingungen anzugeben, als sei es ihr eigenes Verdienst&#8230;\u201c Soweit diese eine Meinung, aber vielleicht gibt es ja in Polen, das ja im Gegensatz zur DDR kein Musterknabe des Warschauer Paktes ist, einen Widerspruch: Einerseits die Ablehnung des herumstolzierenden Westlers mit seinem absch\u00e4tzigen L\u00e4cheln f\u00fcr\u00a0 dies \u201earme, sozialistische, unterentwickelte Polen\u201c. Andererseits scheinen die Polen &#8211; leider, m\u00f6chte man sagen &#8211; nicht ganz unbeeindruckt zu sein von westlichem Lebensstil. Mit r\u00fchrender Unvollkommenheit versucht man ihn allerorten zu imitieren, sei es in Diskotheken oder Modeboutiquen. Auch scheint man die Westdeutschen wegen ihrer Devisen zu sch\u00e4tzen. Kaum eine Stra\u00dfe oder Kneipe, wo man nicht gefragt wurde: \u201eYou want change?\u201c<\/p>\n<p>Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Sch\u00fclergruppe erwies sich geradezu als \u201eSchl\u00fcssel\u201c zur intellektuellen Welt Polens. K\u00fcnstler, Galerien, Institute schenkten\u00a0 uns ihre Zeit. Und man reichte uns weiter: die Autorin Hanna Krall ( \u00fcbersetzt\u00a0 im Verlag Neue Kritik, Frankfurt)\u00a0 an den\u00a0 Regisseur Krzysztof Kieslowski ( \u201eDekalog\u201c, \u201eDreiFarben\u201c: \u201eBlau\u201c, \u201eWei\u00df\u201c, \u201eRot\u201c), und\u00a0 der an\u00a0 die Filmhochschule Lodz.<\/p>\n<p>Stichwort: Krieg und Shoah:<\/p>\n<p>Wir entdeckten eine 1939 bis 1945\u00a0 zerst\u00f6rte Welt: altschlesische Herrensitze ( Ruinen),\u00a0 Fabrikpal\u00e4ste des 19.Jahrhunderts in Lodz\u00a0 ( in alter Pracht ), das sp\u00e4rlich \u00fcberbaute Besatzungs-\u201eGhetto\u201c in Warschau, wo Willy Brandts \u201eKniefall\u201c stattfand\u00a0 und daneben den damals grandios \u00fcberwucherten J\u00fcdischen Friedhof. Von Claude Lanzmanns aktueller \u201eShoa\u201c-Dokumentation eingestimmt, waren wir auch in den ehemaligen\u00a0 Vernichtungslagern , jedes Jahr in einem. Und wir trafen \u00dcberlebende des Holocaust. Es war ein Geben und Nehmen.<\/p>\n<p>Die letzte dieser Studienreisen nach Polen fand\u00a0ende September 1989 statt, bereits im Zeichen der Massenflucht aus der DDR. Das Treffen mit DDR-Fl\u00fcchtlingen in einem polnischen Landgasthof werden die Beteiligten sicher nicht vergessen.<\/p>\n<p>Eine Wiederaufnahme dieser Kursfahrten fand nicht statt. Das hatte mehrere Gr\u00fcnde:\u00a0Die \u201eRobert-Bosch\u201c-Stiftung, die seit 1986 einen Teil unserer Kosten \u00fcbernommen hatte, f\u00f6rderte nur noch institutionelle Kontakte zu Polen.\u00a0Der Fall der Mauer\u00a0 entzauberte\u00a0 den Osten\u00a0 und das Interesse der Sch\u00fcler sank rapide. (Hingegen hatte ich mit D\u00e4nemark und Nordirland Erfolg.)<\/p>\n<p>Umbruch 1990<\/p>\n<p>Meine polnischen Freunde waren desorientiert. Ihre Koordinaten waren in die Br\u00fcche gegangen. Die vielen Geschichten, die erst die \u201epolnische Identit\u00e4t\u201c ausmachen, schienen\u00a0 mit einem Mal kraftlos, gegenstandslos. Vor allem die kulturellen Netzwerke, die sich gegen das Regime gebildet hatten, l\u00f6sten sich sang- und klanglos auf. Geld und internationaler Ruhm lockten, aber historische Verdienste gegen Zensur und\u00a0 politische Polizei z\u00e4hlten nicht mehr. Neue Wege mussten gefunden werden.\u00a0Die Themen der \u00c4lteren waren ohnehin nicht mehr die der polnischen\u00a0 Jugend, der sich endlich das Tor zur globalisierten Welt \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Ich selber fing mit \u201ePolen\u201c noch einmal \u201ebei Null\u201c an, kn\u00fcpfte (1991) mit Kollegen Stadtler neue Verbindungen in Tschenstochau und war eher entsetzt \u00fcber die Entwicklung im Lande. Beim Kreisau-Projekt war ich nicht mehr beteiligt. Generationswechsel\u00a0 war angesagt, nicht zu viel angebliches Wissen von Gestern. Das war erst einmal in\u00a0 pers\u00f6nlichen Erinnerungen gut aufgehoben.<\/p>\n<p>Ein Wort zum Schluss: Wer Polen vor 1990 gekannt hat, wird\u00a0 meine pers\u00f6nlichen Wertung\u00a0 teilen:\u00a0Es ist gut, dass diese Grenzen gefallen und Polen in jeder Hinsicht mit uns in Europa angekommen ist.<\/p>\n<p>27.01.2002\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 D. v. Graeve<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1985 &#8211; In Europa war der Kalte Krieg\u00a0 vor\u00fcber,\u00a0 trotz Amerikas Ronald Reagan.\u00a0In der Sowjetunion war Gorbatschow an der Macht und lie\u00df demonstrativ den Dissidenten Sacharow frei.\u00a0Die Polen durchlebten seit 1981 wieder eine heroische Epoche ihrer widerst\u00e4ndigen Geschichte, doch\u00a0 l\u00e4ngst hatte sich der sogenannte \u201eKriegszustand\u201c\u00a0 abgek\u00fchlt.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,18,263],"tags":[],"class_list":["post-2018","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lehrer_altkoenig","category-reisebilder","category-vr-polen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2018"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2019,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2018\/revisions\/2019"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}