{"id":2004,"date":"2013-04-14T20:20:25","date_gmt":"2013-04-14T19:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2004"},"modified":"2014-03-16T23:16:29","modified_gmt":"2014-03-16T22:16:29","slug":"nachgeschichte-postmoderne-und-telematik-michael-hanke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2004","title":{"rendered":"&#8218;Nachgeschichte, Postmoderne und Telematik&#8216; (Michael Hanke)"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8218;Nachgeschichte, Postmoderne und Telematik:<\/em><b><em>\u00a0<\/em><\/b><em>Chiffren philosophischer Gegenwartsdiagnostik bei Vil\u00e9m Flusser&#8216; wurde von<\/em><b><em>\u00a0<\/em><\/b><em>Michael Hanke auf dem Kongress in Natal im Dezember vorgetragen und ist in dem Kongressband &#8222;Vom Begriff zum Bild&#8220;<\/em><b><em>\u00a0<\/em><\/b><em>S. 103-134\u00a0im Dezember 2013 im Tectum Verlag, Marburg ver\u00f6ffentlicht. Ich habe dem Autor meine Einsch\u00e4tzung seines Aufsatzes zugeschickt. Er zeigte sich dar\u00fcber erfreut<\/em>.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieber Michael Hanke,<\/p>\n<p>Ich war gespannt gewesen, wie Sie die harmonisierenden Erwartungen eines solchen Kongresses (ich kannte nur das Programm und ein paar Autorennamen) mit Ihrem kritischen Geist vers\u00f6hnen. Die L\u00f6sung \u00fcberzeugt mich, wenn ich so gro\u00dfspurig formulieren darf.<\/p>\n<p>Sie spannen einen starken Bogen von den f\u00fcnfziger Jahren bis in Flussers letzten Tage.\u00a0Die Beherztheit, mit der Sie bereits im ersten Satz den<i> das ganze Werk Flussers durchziehenden Anspruch<\/i> formulieren &#8211;<i> die Bestimmung dessen, was unsre Gegenwart ausmacht<\/i> &#8211; und dann als Leitlinie durchhalten, relativiert alles, was mich immer wieder an Flusser ge\u00e4rgert hat. Sie schreiben keine weitere<i> Flusser und&#8230;-<\/i>Studie, etwa<i> <\/i>oder<i> und Heidegger<\/i> oder<i> Lyotard<\/i>. Und Sie fragen nicht nur rhetorisch: Wie sieht es aus mit der Aktualit\u00e4t seines Denkens?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde deshalb den Vortrag gerade auch als Einf\u00fchrung f\u00fcr Studierende empfehlen. Die sollten nicht mit einer unverbindlichen F\u00fchrung durch das Unternehmen Flusser beginnen oder irgendeinen Seiteneingang benutzen. Etwa den, \u00fcber den Sie schreiben:<i> Flusser zeigt auch, dass er weniger an Medientheorie interessiert ist als vielmehr an der Geschichte der Wissenschaft und den Formen des Wissens<\/i>. An der Kommunikation<i> nimmt Flusser die Revolution nur besonders deutlich wahr<\/i>. Zu seiner Zeit traten die elektronischen Massenmedien weltweit ihren Siegeszug an, zusammen mit den Apparaten der Konsumg\u00fcterindustrien.<\/p>\n<p>Sie verstehen sich nicht nur als Exeget. Sie unterstellen ein erwachsenes Interesse des Lesers an diesen Fragen, unabh\u00e4ngig vom Autor, und Sie positionieren Flusser dazu. Eine<i> abschlie\u00dfende Bewertung Flussers<\/i> ist, wie Sie sagen (S.22) nicht geboten, aber auch nicht n\u00f6tig. Er selbst h\u00e4tte das &#8211; vielleicht erst nach reiflicher \u00dcberlegung &#8211; nicht verlangt. Er wollte diskutieren. Sagt er. (Ich bin leider noch keiner kontroversen Diskussion als Dokument begegnet. Empfehlen Sie mir eins?)<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch etwas zu den von Ihnen auf dem Weg vorgestellten Texten Flussers sagen:\u00a0Die<i> Zwiegespr\u00e4che<\/i> scheinen lohnenswert. Mir fielen auch die nach Brasilien gerichteten portugiesischen Texte Flussers der 1980er Jahre auf. Und ich werde mir die<i> Nachgeschichte<\/i> mit allen Anh\u00e4ngen wieder vornehmen.<\/p>\n<p>Exkurs:<\/p>\n<p>Ich habe<i> Von der Nichtigkeit der Geschichte<\/i> (1966, erw\u00e4hnt auf S.4) jetzt wieder gelesen und f\u00fchle mich erkannt:<i> Es ist etwas Unwirkliches an der Geschwindigkeit einer Rakete, an der Denkf\u00e4higkeit eines Computers\u00a0 und an der Kraft der H-Bombe, schreibt er da. (134) \u201eWir f\u00fchlen uns verraten. Allein und verlassen sind wir unter mitten unter neue Dinge geschleudert worden<\/i> (135).\u00a0 Insofern wird das Wort von der<i> Nichtigkeit der Geschichte<\/i> unabweisbar.<\/p>\n<p>Auch bei mir bemerke ich eine Tendenz,<i> die Tatsache nicht an(zu)nehmen, dass wir enterbt wurden.<\/i> (136) Aber ich glaube im Grunde selbst nicht mehr,<i> dass die Geschichte auf diese Weise<\/i> &#8211; \u00fcber<i> Historizismen<\/i> &#8211;<i> wiederbelebt werden kann<\/i>. (136) Dabei kann mich Flussers Bemerkung \u00fcber das \u201eKicken toter Pferde\u201c jederzeit wieder aufregen.<\/p>\n<p>Seine Behauptung,<i> es gibt schon die Instrumente, die diese<\/i> unterentwickelten<i> Regionen zerst\u00f6ren und automatisch in<\/i> entwickelte verwandeln werden (135), muss nur richtig gelesen werden: Es geht um einen momentanen<i> Niveauunterschied<\/i> nach unten, nicht mehr. \u00dcber die Verw\u00fcstung hat er anderswo deutlicher geschrieben, als hier, wo er\u00a0 die Tonart des Fortschritts benutzt, etwa:<i> noch gro\u00dfe St\u00fccke der Natur zu erobern<\/i> (134).<\/p>\n<p><i>Der menschliche Geist str\u00e4ubt sich, <\/i>dem Problem<i> ins Gesicht zu sehen, weil er in seinem Versuch, das Problem zu l\u00f6sen, von der Geschichte verlassen f\u00fchlt<\/i> (135).\u00a0Hat Flusser deshalb nach 1966 noch einmal explizit theoretisch die Chance eines brasilianischen Weges durchprobiert als er im Leben gegenl\u00e4ufig den Weg in die Metropolen suchte? Vierzig Jahre sp\u00e4ter w\u00fcrde er vielleicht in Brasilien bleiben und den komparativen Standortvorteil eines Schwellenlandes theoretisch nutzen wollen.<\/p>\n<p>zu 3.4 (S.114):<\/p>\n<p>Mikroskop und Teleskop sind heute digitalisierte und daher unendlich leistungsf\u00e4higere Apparate als zu Flussers Zeit. &#8211; Sie zitieren einen prophetischen Satz von 1987:<i> Das hiermit verbundene Vordringen ins Unmenschliche schl\u00e4gt wiederum auf den Menschen zur\u00fcck, so dass dieser nicht mehr im protageischen Sinne da Ma\u00df aller Dinge ist<\/i>,<i> und unter diesen Schl\u00e4gen bricht der Humanismus zusammen.<\/i> S.8\u00a0 (<i>Nachgeschichte<\/i>,327) &#8211; ja, der Humanismus im Medizinbereich, und im Sozialen (ja in der Arbeitswelt, allen Arten digitaler Profile, und so weiter) Der Aufsatz bietet noch mehr solche Impulse, der Sache auf den Grund zu gehen.<\/p>\n<p>Wirkungen\u00a0 auf mich:<\/p>\n<p>Ich akzeptiere an dieser Stelle uneingeschr\u00e4nkt den Eros der engagierten Flusser-Autoren, seine auf viele Fragmente verstreute Theorie zu versammeln, zu realisieren, zum Leben zu erwecken. Ihr Aufsatz ist nat\u00fcrlich &#8211; wie alle anderen &#8211; keine Einf\u00fchrung in eine ausgearbeitete Theorie, sondern eine sie substituierende, synthetisierende Konstruktion, aber auch ein bilanzierender Blick auf seine Hinterlassenschaft. Dass erst nach seinem Tode die Kommunikation \u00fcber sein Werk in\u00a0 Gang gekommen ist, macht mich nachdenklich. War er sich darin selbst im Wege?<\/p>\n<p>Der Spannungsbogen in Ihrer Schilderung macht auch den Eigensinn Flussers begreiflich, seine Kompromisslosigkeit und Schroffheit, die er gegen\u00fcber Zeitstr\u00f6mungen bewies, wenn er die Erwartungen von Redakteuren, Freunden und Kollegen, Teilnehmern an Konferenzen, sowie von Fotografen, K\u00fcnstlern und anderen Interessengruppen beiseite wischte.<\/p>\n<p>Und das ist mein sehr provisorischer Schluss:\u00a0Der Aufsatz ist fokussiert auf Flussers lebenslange Frage nach den<i> gegenw\u00e4rtigen Tendenzen<\/i> und auf deren Entwicklung bis zu ihrer<i> posthistoristischen<\/i> Gestalt. Diese ist nicht problematischer als andere Eigenheiten der flusserschen Theoriebildung und Ausgestaltung, die Sie andeuten. Sie bieten jedenfalls auch dem, der \u00fcber Flusser hinausklettern will, ihre ineinander verschr\u00e4nkten H\u00e4nde zum Aufstieg an.<\/p>\n<p>Freundliche Gr\u00fc\u00dfe von Kontinent zu Kontinent!\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Ihr Detlev von Graeve<\/p>\n<p>14.4.2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8218;Nachgeschichte, Postmoderne und Telematik:\u00a0Chiffren philosophischer Gegenwartsdiagnostik bei Vil\u00e9m Flusser&#8216; wurde von\u00a0Michael Hanke auf dem Kongress in Natal im Dezember vorgetragen und ist in dem Kongressband &#8222;Vom Begriff zum Bild&#8220;\u00a0S. 103-134\u00a0im Dezember 2013 im Tectum Verlag, Marburg ver\u00f6ffentlicht. Ich habe dem Autor meine Einsch\u00e4tzung seines Aufsatzes zugeschickt. 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