{"id":1972,"date":"2005-03-23T15:15:16","date_gmt":"2005-03-23T14:15:16","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1972"},"modified":"2024-02-12T22:19:56","modified_gmt":"2024-02-12T21:19:56","slug":"schulpraktikum-generationskonflikt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1972","title":{"rendered":"Schulpraktikum. Generationskonflikt?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Seit die Aufmerksamkeit der Studenten schon beim ersten Schulpraktikum ganz von den Vorgaben der Universit\u00e4t bestimmt wurde und die erste Begegnung mit der Schule nach der Schulzeit den Sinn verloren hatte, ein letzter unabh\u00e4ngiger Praxistest der getroffenen Berufswahl zu sein, war ich ausgestiegen. Das ging mich nichts mehr an. F\u00fcr den Unterricht war es nie eine Bereicherung gewesen.\u00a0Meiner Erinnerung nach sprang ich trotzdem Ende 2004 f\u00fcr einen Kollegen ein und \u00fcbernahm die Betreuung einer kleinen Gruppe von Studenten. <\/em><!--more--><em>Die drei eMails spiegeln eine Situation, an der sicher beide Seiten ihren Anteil hatten, und <\/em><em>reflektieren <\/em><em>die Frustration auf beiden Seiten. <\/em><em>Dann brach der Kontakt ab.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Die Antwort von S.F. ist erst jetzt wieder aufgetaucht. Ich bin froh dar\u00fcber.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 16.6.2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>16.3.05\u00a0\u00a0\u00a0 Graeve:\u00a0\u00a0 Ein paar Gedanken f\u00fcr Sie formuliert&#8230;&#8230; (eMail)<\/strong><\/h3>\n<p>Praktikanten zu haben ist frustrierend, weil die Praxis darin kurz, chaotisch und von Vorf\u00fchrungsstunden durchsetzt ist.<\/p>\n<p>Die Schulen und ihre mit immer neuen Aufgaben \u00fcberh\u00e4uften Lehrkr\u00e4fte haben\u00a0weder Kapazit\u00e4ten noch Lust auf zus\u00e4tzliche Belastungen. Unterrichtszeit ist auch zu knapp f\u00fcr eine p\u00e4dagogische Spielwiese.\u00a0 Und wenn, w\u00fcrde man sie doch selber nutzen.\u00a0Und frustrierend, weil ich als Betreuer blind agieren soll, als letztes Glied in der Kette, vom \u201eDienstherrn\u201c kosteng\u00fcnstig in die L\u00fccke gesteckt.<\/p>\n<p>Die Institutionen haben ebenso blind Vereinbarungen getroffen, die mehr Fassade als eine\u00a0 Grundlage sind. Zuteilung und Terminplanung sind nicht funktional, weil Studenten f\u00fcr den \u201egestandenen\u201c und engagierten Lehrer eher langweilig sind.\u00a0Nur die Einsamkeit des Lehrers als p\u00e4dagogischem Langstreckenl\u00e4ufer und eine\u00a0 &#8211; sentimentale &#8211; unbestimmte Solidarit\u00e4t mit Berufsanf\u00e4ngern \u00fcberbr\u00fccken den Graben.\u00a0Nicht nur ihrem Alter nach, auch ihrer Sozialisation nach stehen sie den Sch\u00fclern viel n\u00e4her.\u00a0 Sie sind uns fremd. Man hat mit ihnen noch \u201eKids\u201c hinzubekommen, auf die man aufpassen muss.<\/p>\n<p>In der Generation, die jetzt in Pension geht, haben eine Menge engagierte Leute in der Schule die Gesellschaft reformieren wollen bzw. darin Asyl gefunden.\u00a0Wer w\u00fcrde sich das heute einreden? Wer wird heute Lehrer? Der Lehrerstudent ist kein freier Student mehr (und damit nicht unbedingt ein Sonderfall). Ich freue mich noch \u00fcber jeden Quereinsteiger, der vielleicht als Querkopf und Querdenker in den Schulen wirken k\u00f6nnte, wenn er\/sie \u00fcberlebt. Doch vor drei\u00dfig Jahren konnte generell die Entscheidung zum Lehrerberuf w\u00e4hrend des gesamten Studienverlaufs getroffen oder revidiert werden. Die Mehrheit der Kandidaten wollte zwar gewiss einen sicheren Beamtenjob (\u201eFaule S\u00e4cke\u201c, KuMi Holzapfel), die will ich auch nicht idealisieren; aber die Maschen waren noch nicht so eng wie heute, w\u00e4hrend der Ausbildung wie in der Berufsaus\u00fcbung.<\/p>\n<p>Die zum Widerstehen erforderliche\u00a0 Kraft,\u00a0 Sturheit und strategische Intelligenz ist kontinuierlich\u00a0 gestiegen.\u00a0Ich finde mich immer wieder optimistisch im Ausguck\u00a0 nach solchen vielversprechenden Gestalten &#8211; nat\u00fcrlich auch unter Praktikanten &#8211;\u00a0 und bin umso entt\u00e4uschter, wenn ich den Eindruck\u00a0 \u00e4ngstlicher oder oberfl\u00e4chlich argumentierender oder zu\u00a0 anpassungsbereiter Kandidaten gewinne.<\/p>\n<p>Methoden sind wichtig, zugegeben, und in meinem Studium vernachl\u00e4ssigt, auch zugegeben. Doch ohne Radikalit\u00e4t in der Sachanalyse wie in der Wahrnehmung p\u00e4dagogischer Verantwortung sind \u201eMethoden\u201c nur Rituale. Die Kinder und Jugendlichen verdienen ehrliche Informationen, Antworten und Fragen, da wo die Erwachsenen am Ende ihres Lateins sind. Sie verdienen auch Ehrlichkeit im Auftreten, damit sie nicht in Posen und L\u00fcgen Vorbilder suchen oder \u00fcberhaupt desillusioniert \u201eVorbilder\u201c ablehnen. Ihre Menschenw\u00fcrde verbietet, sie blo\u00df zu Objekten von obrigkeitlichen Lehrplanstrategen zu machen.<\/p>\n<p>Sie werden es nicht glauben: ein kritischer Artikel zum Schulalltag, der mich\u00a0vor kurzem sehr beeindruckt hat, war vierzig Jahre alt. Nach der Lekt\u00fcre habe ich das festgestellt.<\/p>\n<p>Was hat das Alles mit Ihnen zu tun?\u00a0In \u201ePoWi\u201c, Politischer Bildung sind Schulung, Steuerung und Indoktrination einfach pervers. Halten sie Abstand, nehmen Sie sich in acht.<\/p>\n<p>Mit kollegialem Gru\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Eine Praktikantin antwortet, f\u00fcr alle<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9110 size-full\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS.jpg\" alt=\"Antwort der Praktikantin\" width=\"768\" height=\"1099\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS.jpg 768w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS-252x360.jpg 252w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS-629x900.jpg 629w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2005\/03\/Silke-F.-Praktikantin-AKS-624x893.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a023.3.05 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Liebe Silke F. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0(eMail)<\/strong><\/h4>\n<p>Ich danke f\u00fcr die R\u00fcckmeldung. Von Ihnen hatte ich sie am ehesten erwartet.\u00a0Ich wundere mich jedoch, wor\u00fcber Sie sich nach f\u00fcnf Tagen Bedenkzeit noch aufregen.\u00a0Wie &#8222;pers\u00f6nlich&#8220; ein an eine Gruppe gerichteter Brief wirklich zu nehmen ist, dar\u00fcber\u00a0entscheiden Sie ein gro\u00dfes St\u00fcck selbst.<\/p>\n<p>Ihre pers\u00f6nliche Reife stand f\u00fcr mich nicht zur Debatte\u00a0oder in Zweifel, aber was konnte davon mir in den vier Wochen sichtbar werden? Was haben Sie daf\u00fcr getan? Als bestimmender Eindruck wird mir ein Kollektiv vor Augen bleiben,\u00a0auf der Polstergruppe im Lehrerzimmer, am Runden Tisch, neben den Sch\u00fclern, vorn am Lehrerpult. Nie haben Sie diese Konstellation\u00a0aufgel\u00f6st, auch nicht, als die Gruppe &#8211; wie\u00a0immer die Entscheidung zustandegekommen war &#8211;\u00a0das verabredete Abschlussgespr\u00e4ch mit freundlichen Gaben in den H\u00e4nden abwendete, oder soll\u00a0ich sagen &#8222;bestreikte&#8220;? Ich kann mich effektiver direkt bereden als in Schriftwechseln austauschen.\u00a0Auch ich werde mich thematisch beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Sie fanden den Ausdruck &#8222;Kids&#8220; unangemessen f\u00fcr sich (klar, siehe Bedeutung im Text) und sicher auch Ihre Gruppe; dabei meinte\u00a0ich damit nichts B\u00f6ses, nur &#8222;blutige Anf\u00e4nger&#8220; in einer sie \u00fcberfordernden Situation (Auftrag &#8222;auf alles achten&#8220;).<\/p>\n<p>Ich kam auf die Idee vom &#8222;Unterrichtslabor&#8220;, weil die Praktikanten von &#8222;der Universit\u00e4t&#8220; auf die Praktika technisch ungen\u00fcgend\u00a0vorbereitet werden und dann auch noch gleich &#8222;abgepr\u00fcft&#8220; werden. Letzteres gab es fr\u00fcher nicht, als ich noch Herrn Klawiks Job machte.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re im &#8222;Labor&#8220; tun? &#8211;\u00a0Das Auftreten wahrnehmen und individuell verbessern, die wohlklingende Palette der Unterrichtsmethoden in kleinen Gruppen\u00a0ein\u00fcben und regelm\u00e4\u00dfig die Rollen tauschen, bis deren Regeln, deren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen &#8222;sitzen&#8220;. Wer kann besser beurteilen als\u00a0die Adressaten der Methode, ob sie damit \u00fcberfordert, unterfordert\u00a0(h\u00e4ufiger!) oder schlicht verschaukelt werden?\u00a0Im kleinen Kreis kann man sich lachend die Wahrheit sagen und Ideen austesten. Wenn nicht gleich wieder eine pr\u00fcfungsrelevante &#8222;Note&#8220; gegeben wird. In der Schule h\u00e4tten sie dann immer noch\u00a0genug zu tun!<\/p>\n<p>Sch\u00fclern sind auf Dauer die ungeschickten Spielereien der Referendare l\u00e4stig. Ein paar freuen sich \u00fcber jede Ablenkung, aber die\u00a0Intelligenten wollen Relevantes, Einsichten oder Qualifikationen!\u00a0Und &#8222;Vorf\u00fchrstunden&#8220; sind immer eine Sozialleistung an die schwer Gepr\u00fcften, mit denen sie sich identifizieren k\u00f6nnen. ( War doch\u00a0nett, die Runde mit dem Orangensaft. )<\/p>\n<p>Ich habe die Tutandengruppe, soweit es mir, Ihnen allen, zumutbar erschien, kritisch begleitet, aber in meinen Augen auch konstruktiv: auf ihren Erfolg bedacht (und auf den Lernfortschritt der Klasse 9b).\u00a0Ich habe Ihnen vier Wochen lang zur Verf\u00fcgung gestanden und nichts vorgemacht, dies in meiner &#8222;Freizeit&#8220; und ohne dienstlichen\u00a0Auftrag, dem Kollegen Klawik zuliebe und dann Ihnen zuliebe.<\/p>\n<p>Ich bleibe dabei: &#8222;Zust\u00e4ndigen Stellen&#8220; habe ich nichts &#8222;mitzuteilen&#8220;, es sei denn, ich wollte versuchen, &#8222;der Universit\u00e4t&#8220; in Gestalt der\u00a0Frau Heitz ihre Schulpraktika zu verbessern.\u00a0Schien sie \u00fcbrigens an einem Erfahrungsaustausch mit mir interessiert zu sein?\u00a0Wahrscheinlich wei\u00df sie Bescheid, zum Beispiel, wenn Klawik ihr reinen Wein eingeschenkt hat.<\/p>\n<p>Ihre Ausbildung bleibt &#8222;definitiv&#8220; Ihr Problem und das Ihrer Vertretungsgremien. Ich k\u00f6nnte Sie h\u00f6chstens darin unterst\u00fctzen.\u00a0Soweit f\u00fcr heute. Ostern wartet. vielleicht gr\u00fc\u00dfen Sie gelegentlich Ihr &#8222;Kollektiv&#8220; von mir. Geben Sie diesen Text ruhig weiter. Ich habe\u00a0ihn zwar nur einmal &#8222;gegengelesen&#8220;, kann also neue Ver\u00e4rgerung nicht ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Machen Sie es gut! \u00a0Erholsame Feiertage! \u00a0 Ich bleibe mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seit die Aufmerksamkeit der Studenten schon beim ersten Schulpraktikum ganz von den Vorgaben der Universit\u00e4t bestimmt wurde und die erste Begegnung mit der Schule nach der Schulzeit den Sinn verloren hatte, ein letzter unabh\u00e4ngiger Praxistest der getroffenen Berufswahl zu sein, war ich ausgestiegen. Das ging mich nichts mehr an. 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