{"id":182,"date":"2011-12-11T00:00:04","date_gmt":"2011-12-10T23:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=182"},"modified":"2020-05-22T10:05:04","modified_gmt":"2020-05-22T08:05:04","slug":"snap-judgments-on-snap-judjments-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=182","title":{"rendered":"Schnellgericht \u00fcber &#8218;Snap Judgements&#8216; (Enwesor)"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;New Positions in Contemporary Photography\u2019 \u00a0&#8211; Den Untertitel ignoriere ich erst einmal. (Klar, der Herausgeber ein <i>Dokumenta<\/i>-Kassel-Macher!) Doch\u00a0\u201eUrteile aus dem Augenwinkel\u201c \u2013 das ist fotografisch.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>&#8218;Snap Judgements&#8216;<\/strong> &#8211; Herausgeber: Okwui Enwezor \/ Verlag: Steidl G\u00f6ttingen; Auflage: 1., Aufl. (April 2006) \/ ISBN-10: 3865212247 \/ ISBN-13: 978-3865212245<\/p>\n<p>Beim Durchbl\u00e4ttern des im B\u00fcchermarkt von 55 auf 15\u20ac reduzierten m\u00e4chtigen Bandes merke ich, dass ich mit ihm ein Defizit bearbeiten kann: Ich sehe zu meiner Schande die Afrikaner immer noch nicht als moderne &#8218;erwachsene&#8216; Menschen an; es sind vor allem die bad Boys auf den Stra\u00dfen und die stromlinienf\u00f6rmigen Z\u00f6glinge des internationalen Kulturbetriebs, die mein Bild pr\u00e4gen. Und ich wei\u00df, dass ich nicht mehr hin will, dass ich mich auf meiner Insel der Seligen verschanze und es vielen anderen auch so geht.\u00a0Also, vom zweiten Durchbl\u00e4ttern an sollen mich nur Herkunft und Wirkungsort\u00a0interessieren.<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Olad\u00e9l\u00e9 B. inzeniert einen schwarzen Apoll, der auch im Busch verschwindet. Ganz Nigerianer<\/p>\n<p>Tracey Rose aus Joh\u2019burg wilde synchretistische M\u00e4rchen, die \u201eLucy\u201c mit Buddha und Abos verbinden. Mohamed Camara verbindet Bamako mit den Folliers Bergeres (aber jugendfrei: Joyeuses Fetes!)<\/p>\n<p>Andrew Dosunmu, Nigerianer zwischen NY und London macht Modefotografien, die gar nicht genug Schwart auf der Bildfl\u00e4che haben kann, ohne R\u00fccksicht auf schwarze Modelle, wie sie etwa die kenianische Bildpresse nimmt. Da saufen auch Gesichter ab, wenn er nicht den Glanz \u00fcber den afrikanischen Hautunreinheiten fokussiert, die von Bleichmitteln und Umweltgiften herr\u00fchren.<\/p>\n<p>S.80\u00a0 entsteht der Roland-Barthes-Effekt: Mein zigarrenf\u00f6rmiges Kellerradio schaut hinter einem barf\u00fc\u00dfigen Girl auf dem Boden einer londoner Bretterh\u00fctte hervor. \u201eFashion\u201c ereignet sich im Leben, setzt sich durch in improvisierter oder \u00f6der Umgebung. Sie hat Sex und Snap Power, (-89) ganz im Gegensatz zur spie\u00dfigen bunten Ordentlichkeit des S\u00fcdafrikaners Lolo Veleko: Lebende banale<\/p>\n<p>Kleiderpuppen in den Uniformen diverser\u00a0 Mode-Tribes.\u00a0\u00a0\u00a0 -93<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Marokkanische Realisten (meist sw): Warten an der Meeresstra\u00dfe, am Boulevard, ein Modellschiff nach Hause tragen (99,Yto Barrada), tiefernste Kindergesichter, eine Fabrikkantine, die an \u00d6de kaum zu \u00fcbertreffen ist (102). Man sehnt sich nach anderswo. \u00dcbergangslos mit einem Angolaner nach Maputo \u2013 auch Stillstand und Blick \u00fcbers Meer. W\u00fcrde man den Weg der Sklaven auf die andere Seite gehen wollen? Und immer das dramatische Schwarzwei\u00df!<\/p>\n<p>Omar Daoud aus Annaba unbestechliche Portr\u00e4ts, auch ein harmonisches Paar vor der Haust\u00fcr. Ich habe selber solche Beziehungen dort gesp\u00fcrt. Das Foto von der Badebucht, das nur stecknadelgro\u00dfe K\u00f6pfe zeigt, erinnert mich aber daran, wie schnell es aus mit der Gem\u00fctlichkeit sein konnte (Episode 1986? bei Oran)<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Dann folgt Cairo (120). Mir widerstrebt die strikt kontinentale Sichtweise. Dahinter steckt Absicht \u2013 und vielleicht auch die gesp\u00fcrte Abschn\u00fcrung von Europa. Mit der arabischen Welt haben die Nordafrikaner vielleicht nicht so viel im Sinn. Der Anschluss w\u00e4re nur eine seitliche Ausweichbewegung?<\/p>\n<p>Lara Baladi (Beirut-Kairo) ist so etweas wie ein lokaler Agent f\u00fcr globale Kunsttrends, uninteressant.\u00a0 (124-131) Connections?<\/p>\n<p>Lamia Naji, vielleicht eine Frau, aus Marokko zeigt schwarzafrikanische\u00a0 mystische Tadititonen<\/p>\n<p>\u00c4thiopier 140ff.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Stilleben, Negative und Nachbearbeitungen<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Der S\u00fcdafrikaner Mthethwa zeigt hart arbeitende Menschen (dort wo der Imperialismus daran interessiert ist) 186-195, Ali Chraibi aus Marrakesch zeigt von Beton umstellte M\u00e4nner. Der wei\u00dfe Kapst\u00e4dter Subotzky zeigt und denunziert das furchtbare Gef\u00e4ngnissystem in klaren ruhigen Fotos, die in Ausstellungsgr\u00f6\u00dfe kaum ertr\u00e4glich sein m\u00fcssen, weil sie diese R\u00e4ume direkt zu uns transportieren. 212-24\u00a0 Wieder kommt ein Modellschiff vor 220<\/p>\n<p>VI\u00a0\u00a0\u00a0 Envezor w\u00e4hlt wohl den sanften anstieg!<\/p>\n<p>S.Tangara (von Mali nach Dakar) \u201eThe Big Sleep\u201c \u2013 tot oder lebendig auf der Ebene des M\u00fclls 226-235<\/p>\n<p>Mamadou Gomis -245\u00a0\u00a0 aus dem Senegal Africanissimo-Reportagen<\/p>\n<p>Dann in Algerien R.Hazoume der M\u00fcll und der Existenzkampf im verw\u00fcsteten Land<\/p>\n<p>VII<\/p>\n<p>Moshekwa Langa aus Boerenland nun in Amsterdam ist mit Portr\u00e4ts von Dingen vertreten, wie sie mir gerade vorschweben, aber nicht traditionelle Vielfalt, sondern die Einfalt einer globalen Verarmung. Zementw\u00e4nde sind der typische Bildhintergrund. -265 Dennoch strahlen sie die W\u00fcrde tauglicher Gebrauchsgegenst\u00e4nde aus, etwa der mit einem \u00dcberzug gesch\u00fctzte Lehnsessel 264.<\/p>\n<p>Michael Tsegaye aus Addis Abeba hat in Slums liebevoll eingerichtete Wohnungen (Flusser) portr\u00e4tiert, wie sie auch im (christianisierten) Nairobi stehen k\u00f6nnten.269 Durch einen Riss in deer Tapete, die mit Bildern von St.Georg und anderen Heiligen geschm\u00fcckt ist, lugen chinesische oder koreanische Zeichen einer tieferen Schicht.<\/p>\n<p>VIII<\/p>\n<p>Nach abgeschw\u00e4chtem Joh\u2019burg -289 Cairo, schwarzwei\u00df, eine Megapolis, dioe sogar Humus zu bilden scheint f\u00fcr improvisierte Dachaufbauten. 294-99.<\/p>\n<p>Dann kommen Lichter in Nairobi, Dakar vom Erdboden und vom Verkaufstisch her gesehen, dann wieder Joh\u2019burg in abwechslungreichen Blickwinkeln -327. Da gibt es noch viel zu sehen.<\/p>\n<p>Dann Cairos endlose Peripherie. -332<\/p>\n<p>IX<\/p>\n<p>\u201eDepth of Field\u201c Gruppe aus Lagos: Trostloser Markt, tote Erde, die Nacht in Lagos, Emigranten in London und Paris, ersch\u00f6pft.\u00a0 349 Ende der Fotostrecken.<\/p>\n<p>Erste Bilanz: Nichts Neues, doch auch nichts Erfreuliches \u2013 au\u00dfer ein paar meditativen Winkeln.<\/p>\n<p>10.12.11 19.00<\/p>\n<p>Europa ist noch sch\u00f6ner, wenn wir die bewohnten Fl\u00e4chen vergleichen.<\/p>\n<p>Zweitens die Frage von \u201ePositionen\u201c: Es ist ja schon einmal gut, wenn man \u00fcberhaupt welche einnehmen kann. Kunstideologische sind nat\u00fcrlich Mumpitz. Aber: \u201eKunst\u201c ist ein Medium, das Botschaften global transportieren kann, wo Nachrichten nicht hingelangen. Was ich darin gefunden habe: Teils sehr ernsthafte und mutige Menschen aus Afrika, die meine (Bild-) Sprache sprechen. Sie werden mir immerhin vorgestellt. Es werden immerhin jeweils soviel Fotos zugelassen, dass sie einander beleuchten und sch\u00e4rfen k\u00f6nnen. Ich sollte auch die Ehrenk\u00e4sigkeit der Despoten und <i>Eliten<\/i> in Rechnung stellen. Und das Format eines \u201eBuches\u201c erlaubt, die an die Finanziers und ihr sterilisiertes Galeriepublikum gerichtete Fokussierung zu korrigieren. Immerhin erhalte auch ich ein Exemplar zum Spottpreis und zur freien Verf\u00fcgung. Doch der Preis sollte mich warnen: Abseits des <i>hype<\/i> ist das Werk f\u00fcr erfahrene Verk\u00e4ufer schon ein Ladenh\u00fcter.<\/p>\n<p>Und es ist \u2013 ehrlich gesagt \u2013 auch nicht mehr wert, auch wenn \u00a0einmal nicht die Produktionskosten und der Markt ber\u00fccksichtigt werden. Das Buch stellt dem Betrachter eine Aufgabe. Werde ich etwa daf\u00fcr bezahlt?<\/p>\n<p>Notizen 11.12.2011<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;New Positions in Contemporary Photography\u2019 \u00a0&#8211; Den Untertitel ignoriere ich erst einmal. (Klar, der Herausgeber ein Dokumenta-Kassel-Macher!) 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