{"id":1789,"date":"2013-12-05T00:51:18","date_gmt":"2013-12-04T23:51:18","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1789"},"modified":"2015-04-23T21:17:22","modified_gmt":"2015-04-23T20:17:22","slug":"ich-habe-vf-gesellschaftsspiele-gelesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1789","title":{"rendered":"VF \u201eGesellschaftsspiele\u201c gelesen."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">VILEM FLUSSER \u2013 EIN SPIELER?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anthologie von 1993 gibt keine Quelle f\u00fcr den Flusser an, keinen Hinweis auf das Archiv oder eine fr\u00fchere Publikation (allerdings wird in einem anderen Fall ein Erstdruck erw\u00e4hnt). Nichts zum Entstehungsdatum, nichts zum Status. Die Erw\u00e4hnung des \u201eWeichtiers\u201c k\u00f6nnte auf das Ende der 80er hinweisen. Da in anderen F\u00e4llen \u00dcbersetzer angegeben sind, scheint es sich um einen Originaltext zu handeln. &#8211;\u00a0Ist so etwas eine seri\u00f6se Textgrundlage? 1.12.2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Kalkulation und Stimmung<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser, der listig Fragende, der seine \u201eHinterlist\u201c selber wiederholt betont, ein Zauberk\u00fcnstler \u2013 und wirklich mehr? Wer nur fragt, hat immer Recht, so scheint es. Wie steht es aber um die Voraussetzungen dieses Feuerwerks an Fragen? Etwa das zu Anfang kokett formulierte Bekenntnis Flussers: \u201e<i>wenn man (wie der Verfasser dieses Textes) f\u00fcr das Spielen mit Zahlen nicht kompetent ist<\/i>\u201c (111), wo er doch durchg\u00e4ngig die mathematische Formulierbarkeit des Themenkomplexes voraussetzt und propagiert? Da hat er \u2013 entsprechend seiner Beschreibung individueller Kompetenzen (112-13) kaum mehr als eine \u201e<i>Minimalkompetenz<\/i>\u201c in Mathematik, demonstriert aber grenzenloses Vertrauen in deren Probleml\u00f6sungskompetenz in Verbindung mit Computern. Er spielt schon mal rhetorisch mit \u201e<i>einer hic et nunc erfundenen Skala<\/i>\u201c. \u201e<i>Das aufregend Neue an diesen Fragen ist, dass sie quantifiziert werden k\u00f6nnen<\/i>.\u201c(113) &#8211;\u00a0 Die Tatsache? die Vermutung? die Wunschvorstellung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist begr\u00fcndet, denn seine Problemstellung (113 unten) enth\u00e4lt einige Herausforderungen: sehr gro\u00dfe \u201e<i>Spielkompetenzen<\/i>\u201c (<i>Repertoire mal Struktur<\/i>, 111), die auch noch <i>in einem Feedback-Verh\u00e4ltnis<\/i> <i>ineinander greifen <\/i>(interessante Metapher!). Und dann <i>verschieben<\/i> <i>sich<\/i> diese<i> Kompetenzen<\/i> \u00fcberdies als <i>offene Spiele<\/i>. Was hei\u00dft unter solchen Bedingungen <i>quantifizieren<\/i>? Sind die notwendigen Gro\u00dfrechner bereits in Sicht? Kann es sie geben, wenn sie wirklich alle jemals und in aller Zukunft <i>gesetzten M\u00f6glichkeiten <\/i>(113) ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, wenn sie also Spiele mit Namen <i>Markt<\/i> oder <i>Gesellschaft<\/i> (111) in allen Ver\u00e4stelungen bis zu deren Ende virtuell <i>verwirklichen <\/i>(112) bzw. antizipieren m\u00fcssen?\u00a0Wie ist das mit der mathematischen Unendlichkeit? Ist das nicht ein Grenzbegriff, der sich immer entzieht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kombination einer essayistischen Rhetorik und ihren metaphorischen Formulierungen wie \u201e<i>Stimmung in der Kulturlandschaft<\/i>\u201c (111), \u201e<i>kulturelle Stimmung<\/i>\u201c\u00a0 einerseits \u2013 mit darin eingebetteten Spuren spieltheoretischen Kalk\u00fcls und kalkulatorischer Entw\u00fcrfe ist f\u00fcr mich mindestens zwiesp\u00e4ltig. Schlie\u00dflich handelt es sich ja nicht um die Selbstverst\u00e4ndigung oder gar um Erkl\u00e4rungsversuche eines Mathematikers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann folgt die R\u00fcckkehr aus der Sph\u00e4re der mathematischen Spieltheorie, die nach VF ihre Reinheit der <i>Formeln<\/i>, <i>ihre exakte Sch\u00f6nheit<\/i> verlieren, wenn sie rhetorisch <i>umschrieben<\/i> werden, was Flusser gar nicht vermeiden will, denn Umschreibungen <i>erlauben Konnotationen und Assoziationen<\/i> (112), erm\u00f6glichen sein eigentliches Spielfeld. Also bleibt ihm nur die R\u00fcckkehr in die <i>chaotische Turbulenz <\/i>einer <i>Kulturszene<\/i> oder <i>\u00f6kologischen Szene.<\/i> (114)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum\u00a0 h\u00e4lt VF eigentlich daran fest, <i>dass beide Szenen trotzdem quantifiziert werden k\u00f6nnen<\/i>, wenn es auch <i>praktisch in voraussehbarer Zukunft nicht machbar ist<\/i>? (114) Welchen Nutzen zieht VF aus der <i>Tatsache, dass die Spieltheorie im Prinzip gestattet, \u00e4sthetische Ph\u00e4nomene zu quantifizieren<\/i>? (114) Ein zweites Beispiel (115) wird weiter unten erl\u00e4utert und endet in dem Satz:<i> (Auch dies l\u00e4sst sich im Prinzip exakt quantifizieren).<\/i>\u00a0Zukunftsaussichten m\u00fcssen VF die Lizenz geben, <i>Malerei <\/i>\u00a0oder <i>Fotografie, Musik <\/i>(113) oder literarische <i>Sprachspiele<\/i> (112) mit den Begriffen geschlossener relativ schlichter Strategiespiele zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er gibt vor, von einer <i>Ver\u00e4nderung der kulturellen Stimmung<\/i> zu reden: <i>Und doch beginnt sich herumzusprechen &#8230;<\/i> Er tritt als Sozialwissenschaftler auf, will <i>die Sozialtheorie beerben.<\/i> (111)<i>.<\/i> Er ist ein Agent, Propagandist eines solchen \u201aStimmungswandels\u2019. <i>Traditionelle Vorstellungen m\u00fcssen in dieser neuen Stimmung umgestellt werden.<\/i> (114) &#8211;\u00a0Schon der Satz selbst ist philosophisch unanst\u00e4ndig. Wer sagt das denn, au\u00dfer Ihnen, Herr Flusser, und eine bis zum n\u00e4chsten Paradigmenwechsel (Kuhn) herrschende \u201aSzene\u2019?\u00a0 Wollen Sie deren Wortf\u00fchrer werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Picasso &#8211; <\/i><\/b><b>eine Umformulierung<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <i>Beispiel Picasso<\/i> (114 unten) ist einem total unzul\u00e4nglichen Computer \u2013 nach Programm wie Speicher &#8211; nachgebildet, erscheint geschickt ausgew\u00e4hlt.\u00a0Picassos Produktionsweise &#8211; und die daraus entstandenen \u201aPerioden\u2019 ( blau, rosa, Kubismus, usw.) &#8211; seine Strategien der \u00dcbernahme, Montage, Verfremdung, generell des Recycling sind repr\u00e4sentativ f\u00fcr die generellen Strategien der Klassischen Moderne. Das zeigen zahlreiche auch erst in den letzten Jahren erschienene kunstwissenschaftliche Studien, etwa: Rubin: \u201aPrimitivismus\u2019, \u201aPicasso und die Fotografie\u2019, \u201aPicasso und die Tradition\u2019 (Buchtitel) u.v.m. Das k\u00f6nnte VF gewusst haben (115 oben), doch bezog er sich bekanntlich nicht auf\u00a0 kunstwissenschaftliche Forschungsergebnisse (so: Marburger-Diss. S.184), so wenig wie ihn sozial- und mentalit\u00e4tsgeschichtliche\u00a0 Zusammenh\u00e4nge interessierten. Es scheint ihm allein um den epochalen <i>Stimmungswechsel<\/i> oder eben einen \u201aParadigmenwechsel\u2019 \u2013 1962 von Thomas S. Kuhn beschrieben (in Flussers \u201aReisebibliothek\u2019)- zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">VF behauptet forsch: <i>Eine solche Vorstellung erlaubt im Prinzip, die Kompetenz Picassos f\u00fcr Malerei exakt zu quantifizieren. <\/i>(114 unten)<i>\u00a0 Im Prinzip? <\/i>Warum so eilig, wo doch <i>die mythische Vorstellung von dem in Einsamkeit aus sich selbst (also aus nichts) l\u00e4ngst nicht mehr in Mode <\/i>\u00a0ist? <i>In dieser Hinsicht<\/i> sei <i>\u00a0das Picasso-Beispiel belanglos, aber dass der K\u00fcnstler ein Spieler ist, der auf die Z\u00fcge anderer nach einer Spielstrategie antwortet, damit wieder andere danach ziehen &#8230;. <\/i>(115)\u00a0Was macht VF da?\u00a0 Sein <i>Picasso<\/i> war ein bunter Luftballon, der schnell zusammenschnurrt. Er hat seine Aufgabe erf\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder einmal wird ein plakativ eingef\u00fchrtes Ph\u00e4nomen bis auf ein einziges Element entkernt &#8211; vgl. <span style=\"text-decoration: underline;\">Die Geste des Malens &#8211; ehrlich<\/span> (Gesten 86-100) &#8211; diesmal auf eine \u00e4u\u00dferst rudiment\u00e4re Form von Spiel, der er eine <i>Schneeballstruktur <\/i>(<span style=\"text-decoration: underline;\">de.wikipedia.org\/wiki\/schneeballsystem<\/span>?) nachsagt, eine Metapher, die ich <i>dank der reversiblen Kabel<\/i> als eine anarchische Art von Pingpong mit einer unbestimmten Zahl von Spielern deute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Komponenten des angesprochenen Kommunikationssystems sind: Konkurrenz mit einem Vorbild, dessen Analyse mit dem Ergebnis der \u00dcbernahme oder einer k\u00fcnstlerischen Antwort, der es aber nicht anders geht als dem genannten Vorbild. Die Zahl der Spieler ist von Zuf\u00e4llen abh\u00e4ngig, wie auch die Dauer des Spiels. Dasselbe exerziert er f\u00fcr <i>Liebesgedichte<\/i>, dabei kommen <i>Regeln f\u00fcr Liebesgedichte<\/i> ins Spiel <i>\u00a0wie diese Kette von Antworten auf Antworten gezielt zu strukturieren w\u00e4re<\/i> (115)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wozu solche Bem\u00fchungen?<i> <\/i>Der \u00c4sthetik einer fernen Zukunft schon mal eine Vorgeschichte zu entwerfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn K\u00fcnstler immer gespielt h\u00e4tten, einen Aspekt, den niemand bestreitet, dann innerhalb verbindlicher Regeln. Das deutet auch VF an. Dass diese anders als <i>fr\u00fcher<\/i> im 20.Jh.<i> nicht in Frage <\/i>stehen, setzt er voraus, spricht dann flugs von einem <i>neuen Problem <\/i>und von <i>K\u00fcnstlergruppen <\/i>als einer <i>ersten Ann\u00e4herung zur L\u00f6sung dieses Problems<\/i>. Damit sind wir beim \u2013 mehr oder weniger kontrollierten und gewollten &#8211; Orientierungsverlust der Moderne, den der Leser f\u00fcr VF im Kopf bereitstellen muss. Das Modell einer <i>auf die Z\u00fcge anderer antwortenden Spielstrategie <\/i>w\u00e4re also nun zur vollen Entfaltung gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">VF erw\u00e4hnt auch die traditionelle K\u00fcnstlerwerkstatt mit ihrer Verbindung von Hierarche und Arbeitsteilung, die sowohl die Rekrutierung des Nachwuchses wie auch die Steigerung der k\u00fcnstlerisch-handwerklichen Kompetenz bei m\u00e4\u00dfigem Ver\u00e4nderungstempo sicherte. (Vgl. auch Frank Willett in \u201eAfrikanische Kunst\u201c 1998). Nun bleibt also nur die instabile Bruderhorde der <i>K\u00fcnstlergruppe<\/i>, worin Lehrlinge sich miteinander vergleichen, durch <i>Streiten<\/i> ihre <i>Kompetenzen dialogisch erweitern<\/i>. und sich voneinander abgrenzen bei \u2013 am\u00a0 Beispiel (?) von Gauguin und van Gogh festgestellten &#8211; sich <i>gro\u00dfenteils \u00fcberlagernden Kompetenzen.<\/i> M\u00fcsste es nicht eher Inkompetenzen oder vermeintliche Kompetenzen hei\u00dfen. Ich denke nur an die unter den Modernen und Zeitgen\u00f6ssischen \u00fcbliche Pfuscherei mit Farben, Untergr\u00fcnden und applizierten Materialien, welche die Restauratoren zur Verzweiflung bringen. Die f\u00fcr den kommerziellen Erfolg bei Publikum und Kritik ausschlaggebenden Faktoren dagegen w\u00fcrde ich nur bedingt <i>Kompetenzen<\/i> nennen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Personalplanung<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Still und leise hat VF die Kunstszene mit ihren Bauchschmerzen verlassen und ist zu den Ingenieuren und Software-Entwicklern \u00fcbergewechselt. Fortentwicklung als Motor, als Ziel\u00a0 &#8211; das wollen zwar auch moderne K\u00fcnstler, das psychologische Modell der Selbstentwicklung ist bereits ein Muss f\u00fcr jede Karriere. Kompetenz ist ein zentraler Begriff, und VF hat ihn aus der zeitgen\u00f6ssischen Diskussion! (Vgl. Gelhard: Kritik der Kompetenz)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">VF z\u00e4hlt f\u00fcr die \u00e4sthetische <i>Kompetenzerweiterung<\/i> auf <i>K\u00fcnstlergruppen<\/i>, <i>die aus unterschiedlichen Kompetenzen aufgebaut werden <\/i>(!) sollen. Faustregel: <i>Ein Dialog ist desto ergiebiger, je gr\u00f6\u00dfer der Unterschied zwischen den darin beteiligten Kompetenzen ist, allerdings nur bis zu einem kritischen Punkt, von dem ab jede Kommunikation abbricht. (Auch dies l\u00e4sst sich im Prinzip exakt quantifizieren<\/i>).<i> <\/i>(115) Dies k\u00f6nnte als Traum einer normalen Personalabteilung f\u00fcr die Kreativteams der Firma formuliert sein. In Flussers Beispiel, <i>ein synthetisches Bild eines nicht existierenden Weichtiers <\/i>(wir ahnen schon) <i>herzustellen, <\/i>werden \u201aMedienk\u00fcnstler\u2019 zu museumsdidaktischen Designern in einem Kommunikationsstudio. (115)\u00a0<i>K\u00fcnstlergruppen m\u00fcssen also aus unterschiedlichen Kompetenzen aufgebaut <\/i>(!) <i>werden, und der kritische Punkt muss vermieden werden, falls <\/i>(!) <i>\u00a0die Absicht besteht, die Spielkompetenz der Beteiligten zu erh\u00f6hen<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Flussers Team nimmt <i>vielleicht <\/i>sogar <i>ein Philosoph<\/i> teil. Die Kompetenzen, die ihm VF beilegt, w\u00e4ren interessant. Die <i>Kompetenz<\/i> \u201a<i>Philosoph\u2019<\/i> gibt es ja inzwischen. Die <i>Selten<\/i>heit <i>derartiger K\u00fcnstlergruppen <\/i>wird eigens festgestellt, obwohl <i>auf dem Gebiet anderer Spiele (etwa auf jenem der wissenschaftlichen Forschung, der technischen Produktion, der wirtschaftlichen Planung oder der politischen Entscheidung)<\/i> <i>sie bereits \u00fcberall anzutreffen<\/i> sei. (115\/16)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Warum <i>K\u00fcnstler<\/i><\/b><b>?<i><\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum also ausgerechnet \u201aK\u00fcnstler\u2019, au\u00dfer dem Publikum des Aufsatzes zu suggerieren, der Autor VF interessiere\u00a0 sich speziell f\u00fcr sie? Vielleicht auch zur Legitimation\u00a0 daf\u00fcr, dass er sich die H\u00e4lfte des Vortrags bei ihnen herumgetrieben hat? Was ist denn Besonderes um die Kunst? Au\u00dfer <i>Spiel nichts<\/i> \u2013 so nach Flussers Feststellung: <i>aus sich selbst (also aus nichts)<\/i> (114). VF ist bereits woanders: Er sieht <i>die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik <\/i>usw<i>. (sich) verwischen <\/i>(116) Ich konstatiere: <i>Die Kunst <\/i>\u00a0ist gerettet, beziehungsweise dialektisch aufgehoben, wie Hegel sagte. Der sp\u00e4te VF etwa des Tschudin-Interviews (1991)\u00a0m\u00fcsste sagen: Vergessen wir sie. <i>Ich spucke auf die ganze Sache. Ich bin Anarchist.<\/i>\u00a0Dann frage ich mich: \u201aMuss\u2019 denn in allen T\u00e4tigkeitsfeldern von Menschen nach den avanciertesten <i>Strategien gespielt<\/i> werden? Darf es keine Bereiche geben, in denen Menschen uneffektiv mit nichts spielen?\u00a0 Ich glaube, die Welt ist voll davon, eben <i>absurd<\/i>, wie VF anderswo immer wieder formuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat VF die totalit\u00e4re Logik der Selbstperfektion (Gelhard) und der gro\u00dfen Transparenz wirklich durchschaut, wo er sie so entschlossen\u00a0 verbreiten will?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Zweitens muss die gegenw\u00e4rtige Trennung der Gesellschaft in Produzenten, Konsumenten und Kritiker von derartigen Gruppen abgeschafft <\/i>(!) <i>werden. <\/i>(116) Unklar ist: Einerseits <i>Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik. <\/i>Diese <i>Trennung<\/i> als eine unangemessene theoretische Ansicht wird sich gegebenenfalls von allein <i>abschaffen<\/i>, aber was haben diese Gruppen wiederum mit denen der <i>Produzenten, Konsumenten und Kritiker<\/i> zu tun. Sind sie auch ein Produkt eines \u201afalschen Bewusstseins\u2019? Eigentlich will VF doch nur <i>das utopische Bild von ineinandergreifenden Gesellschaftsspielen <\/i>vermitteln und schmackhaft machen.\u00a0Dabei kann er sich nicht entscheiden zwischen Normsetzung und Feststellung: <i>man beginnt zu spielen<\/i>, <i>etwas ist <\/i>in oder <i>aus der Mode <\/i>(114), Trend oder Mega-out.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>M\u00fc\u00dfige Ziele<\/i><\/b><b> ?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unklar ist (116), ob es ihm um die <i>utopischen<\/i> Inhalte der Vorstellungen geht, die sich f\u00fcr mich nicht von technokratischen Konzepten unterscheiden, oder um den \u201aneuen\u2019 Standpunkt, den die, der Spieltheorie entliehene neue Begrifflichkeit erm\u00f6glicht. Naiv landet er da, wo die technokratische Psychologie uns haben will: <i>Labels <\/i>wie <i>Kunst sind f\u00fcr den einzelnen Spieler ohne Bedeutung: Er nimmt an verschiedenen Gruppen teil, um seine Kompetenz zu verwirklichen, zu erweitern und neue dazu zu gewinnen.<\/i> (116) Auf diesem technokratischen Grundger\u00fcst tr\u00e4umt er dann, es gebe <i>sehr unterschiedliche Kompetenzen<\/i> \u2013 die m\u00fcssen sich aber wohl anders definieren als die im von ihm beschriebenen Team, denn im System soll <i>das Gegenteil der Gleichschaltung der Fall <\/i>sein \u2013 <i>dass die Ausbildung dieser unterschiedlichen Kompetenzen irgendwie garantiert ist. &gt;Schule&lt;<\/i>, die er \u00fcberall in der Gesellschaft lokalisiert und \u00fcber die antike <i>&gt;schol\u00e9&lt; <\/i>mit<i> Mu\u00dfe <\/i>assoziiert. (ebd)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ein spielendes ist ein m\u00fc\u00dfiges Leben, mit dem Ziel, kompetent zu werden<\/i>.<i> Das ist ein m\u00fc\u00dfiges Ziel.<\/i> Ich konstatiere: ineffektiv, vielleicht sogar \u201anachdenklich\u2019?\u00a0(R\u00fcdiger Zill: Der Antike nach-denken. Die Anekdote von Thales und der Magd als Paradigma eines narrativen Philosophierens. Vortragsmanuskript 2013)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ein m\u00fc\u00dfiges Ziel<\/i>? Ein \u00fcberfl\u00fcssiges, wie der zweite Sinn des Wortes nahe legt? Ein <i>leeres<\/i>?\u00a0Wie unterscheidet sich diese Atmosph\u00e4re aber von der <i>bisherigen Gesellschaft? Dort ist das Leben \u00fcberhaupt ziellos<\/i>. (16) \u2013 Ich erinnere die Stelle aus \u201eH\u00e4user bauen\u201c, wo die Leute aus Ruinen in ihren Autos ziellos herumfahren. Aber wir wissen doch, wohin sie fahren, und sie wissen es auch. Tr\u00e4umt VF von einer sch\u00f6nen <i>Ziellosigkeit<\/i>, \u00e4sthetisch perfekt, sozial wunderbar kommuniziert? Vielleicht untermalt von Musik, die kreative K\u00fcnstlergruppen immer bet\u00f6render am gro\u00dfen Computer entwickeln? Dank des Beitrags der Maschinen brauchte es keine langweiligen Redundanzen zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will Ihnen eine Anekdote erz\u00e4hlen: Als ich mit \u00fcber drei\u00dfig endlich Fahrstunden nahm, traf ich auf einen eigenartigen Fahrlehrer. Beim Wechseln von Gr\u00fcn auf Gelb passierte es ein paar Mal, dass ich auf die Bremse trat, der Wagen sich jedoch beschleunigte und \u00fcber die Kreuzung fuhr. Ein traumatisches Gef\u00fchl. Der Fahrlehrer hatte das zweite Gaspedal bedient. Wir k\u00f6nnen in den teuersten Autos inzwischen Automatiken erleben, die uns als Fahrer \u00fcberfl\u00fcssig machen. Der Dialog mit Navi und Automatik ist bereits Alltag. Spa\u00df am Fahren? Werden wir nicht schon heute vom Display gewarnt, unsere Aufmerksamkeit nicht von Radio und Smartphone ablenken zu lassen? <i>Statt sich zu engagieren, beginnt man zu spielen. <\/i>Soweit hat er Recht behalten: Das ist f\u00fcr mich schlechte Realit\u00e4t &#8211; und dumm, auch <i>dumm<\/i> (Flusser). Komfortable Massentierhaltung. aber <i>Utopie<\/i> ?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das katastrophale Verh\u00e4ltnis seiner Theorie zum K\u00f6rper hat er in seiner \u201eIn die Welt der technischen Bilder\u201c sich freim\u00fctig und ironisch ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eUnsere Arbeit\u201c bedauert er das Verschwinden der Arbeit und informiert, dass wir mit der dazu motivierenden Unzufriedenheit selbst die Barrikaden gegen den Tod schleifen. Als mehrj\u00e4hriger Ruhest\u00e4ndler kann ich das best\u00e4tigen. VF scheint am Ende seines Lebens jeden Widerstand aufgegeben zu haben und sich treiben zu lassen, <i>Fl\u00fcchtling<\/i>, so wie er ihn in <i>F\u00fcr eine Philosophie der Emigration<\/i> (in: <i>Freiheit des Migranten<\/i>) beschimpft hat, sich zu arrangieren, , sich desengagieren, Kapitulant, morbid bis in die Knochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5.12.13\u00a0 sp\u00e4t<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VILEM FLUSSER \u2013 EIN SPIELER?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-1789","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1789","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1789"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1789\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3223,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1789\/revisions\/3223"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1789"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1789"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1789"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}