{"id":1787,"date":"2013-12-07T00:45:43","date_gmt":"2013-12-06T23:45:43","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1787"},"modified":"2015-04-23T20:58:32","modified_gmt":"2015-04-23T19:58:32","slug":"abstand-von-flusser-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1787","title":{"rendered":"&#8218;Gesellschaftsspiele&#8216; Fortsetzung"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0&#8218;Gesellschaftsspiele&#8216; zwei &#8211; Abstand gewinnen!<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Bei direkte Aufmerksamkeit auf den Text kann ich dessen M\u00e4ngel einfach nicht \u00fcbersehen und gerate mit ihm in Streit. Wie er die Fragen stellt, nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Wie er sie beantwortet und was er spontan (etwa hier im undatierten Entwurf) daraus macht.\u00a0 <!--more-->Wozu Abstand gewinnen? Um zu fragen: Sind denn die <i>kommunikologischen <\/i>Fragen, die er stellt &#8211; und generell seine Diagnosen &#8211; interessant?\u00a0 Mein Einwand trifft die Seite an Flusser, die den Anschluss an die bereits begonnene digitale Revolution suchte. Nicht jeder Wirkungsbereich veraltet gleich schnell.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich h\u00e4tte Flusser sehr wichtig f\u00fcr die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit der achtziger Jahre werden k\u00f6nnen, aber wozu brauchen <span style=\"text-decoration: underline;\">wir<\/span> diesen Flusser?\u00a0Heute gen\u00fcgt doch die aufmerksame Registrierung der sich um uns herum ver\u00e4ndernden Wirklichkeit, ohne einen Umweg \u00fcber Flussers oder eine sonstige literarische Verarbeitung eines fr\u00fcheren, embryonalen Entwicklungsstadiums nehmen zu m\u00fcssen. Gibt es etwa Themen, die man heute aus vielen Aspekten und Quellen nicht ad\u00e4quater erfassen kann als mit Flussers beschr\u00e4nkten Mitteln?<\/p>\n<p>Es hei\u00dft ihn nicht verunglimpfen, wenn man seinen &#8211; unverwechselbaren &#8211; Stil mit dem von einstmals unsterblichen Schauspielern, S\u00e4ngern oder sonstigen Solisten vergleicht, die heute Ladenh\u00fcter sind und vielleicht nach einer Karenzzeit Inspiration f\u00fcr moderne Spezialisten werden k\u00f6nnen. Doch da sind wir leider wieder bei seinen analytischen und rhetorischen Mitteln, die schwerlich Vorbild sein k\u00f6nnen. Nicht so sehr, was er gesagt hat, ist zu fragen, sondern was er gesagt hat, was andere\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">nicht\u00a0<\/span>gesagt haben.<\/p>\n<p>Er selbst sch\u00e4tzte Literatur wie Kunst gering gegen\u00fcber der \u00e4u\u00dferen Realit\u00e4t, der Geschichte &#8211; die auch er vorl\u00e4ufig noch als Geschichte verstand, obwohl er dem Konzept bereits das Totengl\u00f6ckchen l\u00e4utete. Auschwitz, Hiroshima, Vertreibung, existenzielle Entwurzelung in die Bodenlosigkeit, aggressiver Dialog, Engagement und Desengagement,\u00a0Ruinierung von \u201aHaus&#8216; und Politik in der digitalen Revolution, Verw\u00fcstung, Verwissenschaftlichung, Verplanung im allgegenw\u00e4rtigen \u201aApparat&#8216; &#8211; alles reale soziale und massenhafte \u00e4u\u00dfere &#8211; meinetwegen &#8211; Katastrophen, und damit innig verbunden innere Realit\u00e4ten\u00a0 heilloser Existenz. Auch die Suche nach Auswegen war immer auch gesellschaftlich konnotiert und keine rein innerliche. Wie denn\u00a0 auch, wo das \u201aIch&#8216; zu einem Knoten im Netz zusammen schmolz und dessen Manifestationen wie \u201aEntscheidungen&#8216; in \u201aDezideme&#8216; zerfielen. Die Spielereien des Menschen in der \u201eWelt der technischen Bilder\u201c (1985) an den Computern, sind sie strukturell etwas anderes als das von Spielern an japanischen Pachinko-Automaten? Zeitvertreib, Zerstreuung, Abschalten?<\/p>\n<p>Ich sehe gar keine gedankliche Basis f\u00fcr so etwas wie \u201ainneren Widerstand&#8216;, nicht in seiner pessimistischen Sicht, wie auch nur mit \u00e4u\u00dferen Handlungselementen des \u201aSpielens&#8216; verbundene optimistischere Szenarien. Ich wei\u00df mich darin voll im Einklang mit verschiedenen seiner \u00c4u\u00dferungen. Zugleich erkenne ich meinen alten Vorwurf wieder, er habe seinem Humanismus selbst den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen.<\/p>\n<p>Auf diesem Gebiet hat er den Erben selbst nichts von Wert hinterlassen. Das hei\u00dft nicht, dass in seinem \u00fcber ein halbes Jahrhundert ausgebreiteten Nachlass aus nicht einiges f\u00fcr unser jeweiliges Interesse finden k\u00f6nnten. Nur eins nicht, eine intellektuelle Methode, die dem allgemeinen Verfall und Zerfall widerst\u00fcnde. Es ist zu viel rhetorische Spitzfindigkeit und K\u00fcnstelei in seinem Schreiben. Die braucht doch niemand mehr, wir haben aufgekl\u00e4rtere Rhetoren und ehrlichere Autoren in Europa.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ist mir nicht nachvollziehbar, was heute das Spiel mit seinen aus der Zeit vielleicht verst\u00e4ndlichen Versuchen einer wissenschaftlichen Theoriebildung &#8211; im Alleingang und ohne direkte Nachfolger &#8211; dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt bringen sollte. Die am Thema \u201aKunst&#8216; ja scheiternde Dissertation von Marburger hat \u201awissenschaftliche&#8216; Unzul\u00e4nglichkeiten Flussers am Tageslicht ausgebreitet. Flusser Bem\u00fchen um eine akademische \u201eKommunologie\u201c ist f\u00fcr mich selber ein gro\u00dfes R\u00e4tsel, nachdem, was er selbst \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und existentiellen Fragen der Menschen in \u201eNachgeschichte\u201c postuliert hat, nat\u00fcrlich wieder einmal plakativ bis zum Anschlag.<\/p>\n<p>Wer ein Gegenbeispiel sucht, findet es in Hans Blumenberg nachgelassenem Buch \u201eDie Vollz\u00e4hligkeit der Sterne\u201c.\u00a0 Meines Wissens nach hat der sich seinerseits nach anf\u00e4nglichen Versuchen der Konstruktion einer \u201eMetaphorologie\u201c von solchen Ideen verabschiedet.<\/p>\n<p>7.12.13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0&#8218;Gesellschaftsspiele&#8216; zwei &#8211; Abstand gewinnen! 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