{"id":1767,"date":"2013-12-22T15:15:47","date_gmt":"2013-12-22T14:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1767"},"modified":"2015-05-04T23:38:42","modified_gmt":"2015-05-04T22:38:42","slug":"autopsie-eines-klappentextes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1767","title":{"rendered":"Autopsie eines Klappentextes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><b><i>Kritik der Produktbeschreibung<\/i><\/b><i> (Michael Troesser, medienbrief 01\/13)\u00a0<\/i><i>von Guido Br\u00f6ckling:<b> Das handlungsf\u00e4hige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog<\/b><\/i><i>, M\u00fcnchen 2012, 276 S.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i><!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b><span style=\"color: #ff0000;\">1 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Text<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-style: normal; line-height: 14px;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG-Troessermedienbrief-1_13.pdf\">IMG Troesser,medienbrief 1_13<\/a><\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u201eWir leben und handeln gegenw\u00e4rtig in einer mediatisierten Gesellschaft, die sich zwischen einer Massenmedienkultur (\u00bbTV-Diskurs&#8220;) und einer Kultur des vernetzten digitalen Dialogs (\u201eNetz-Dialog&#8220;) verorten l\u00e4sst. Um die damit einhergehende Z\u00e4sur unserer Identit\u00e4ts- und Wirklichkeitskonstruktion in\/mit Medien, unserer Weltaneignung, zu begreifen, gilt es, die sozio- und medienkulturellen Bedingungen der beiden idealtypischen Szenarien offenzulegen. Die Bewusstwerdung ihrer Bedingungen bedeutet die M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Einzelnen\/die Einzelne, an der Konstruktion der Welt teilzuhaben, Identit\u00e4ten und Wirklichkeiten\u00a0<\/i><i>intersubjektiv zu entwerfen. Um uns in dieser Multioptionsgesellschaft zwischen all den\u00a0<\/i><i>M\u00f6glichkeiten entscheiden zu k\u00f6nnen, bedarf es einer Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in\/mit Medien. Das Subjekt muss lernen, sich vom \u00bbman\u00ab einer Gesellschaft, von dem was man tut und nicht tut, zu emanzipieren, ohne dabei ins\u00a0<\/i><i>Bodenlose zu fallen. Um die eigenen Entscheidungen selbstbestimmt verantworten zu k\u00f6nnen, bedarf es einer an den Strukturen der Kommunikation und ihrer Bedeutung orientierten (Medien)Bildung. Leitgedanke einer solchen Medienbildung w\u00e4re die an Vil\u00e9m Flussers Denkanst\u00f6\u00dfen orientierte und hier ausgearbeitete sozio- und medienkulturelle Kompetenz des Subjekts. \u00dcber Vil\u00e9m Flussers universelles Verst\u00e4ndnis von Medien\u00a0<\/i><i>als Kommunikationsstrukturen hinausweisend, l\u00e4sst sich (Medien)Bildung dann als Programm f\u00fcr das handlungsf\u00e4hige Subjekt begreifen. Dies ist nicht nur im Geiste Vil\u00e9m Flussers gedacht, sondern stellt seine medienkulturtheoretischen Denkanst\u00f6\u00dfe in einen medienpolitischen und \u2013p\u00e4dagogischen Kontext, operationalisiert seine kommunikationstheore-tischen Denkansto\u00dfe f\u00fcr die {Medien}Bildung.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wer Vil\u00e9m Flusser kennt, erwartet auch von Guido Br\u00f6ckling einen medienphilosophischen Diskurs auf h\u00f6chstem Niveau. Das hier vorliegende Buch ist eine sinnvolle und \u00fcberf\u00e4llige \u00dcbertragung und Weiterentwicklung Flussers Gedankengut in die heutige\u00a0<\/i><i>Medienwelt, gepr\u00e4gt durch das Ringen nach einer kompetenzorientierten Medienbildung. Wer eine stark medientheoretisch orientierte Auseinandersetzung nicht scheut, findet bei Br\u00f6ckling wertvolle Anregungen f\u00fcr den eigenen medienp\u00e4dagogischen bzw. medienphilosophischen Diskurs.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Dr. Michael Troesser, medienbrief\u00a0 01\/13\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 http: \/\/www.kopaed.delkopaedshop\/?pg= l_1 l&amp;pid=808\u201c<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">2 \u00a0 Ergebnis der Autopsie<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Sozialwissenschaft gibt sich nie geschlagen. Die Wissenschaft des <b><i>handlungsf\u00e4higen Subjekts<\/i><\/b><b> <\/b>so wenig wie die Medizin. Sie finden immer einen Wirkungskreis. Der Patient l\u00e4uft ihr weg? Vielleicht dieser oder jener, \u00a0aber nicht der virtuelle Gesamtpatient, und um einen solchen handelt es sich beim <b><i>handlungsf\u00e4higen Subjekt<\/i><\/b>. Wenn er gar nicht krank sein sollte, macht das nichts. Krankheiten werden bekanntlich von der Medizin gefunden oder erfunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Wir leben und handeln gegenw\u00e4rtig in einer mediatisierten Gesellschaft.<\/i><\/b> &#8211; <b><i>Wir<\/i><\/b>, aber immer und alles in uns? F\u00fchren alle ein virtuelles \u201asecond life\u2019? Und nicht nur ein paar kurze Monate lang? Migranten unter uns und ihre Familien und Freunde in der Welt nutzen wohl intensiv das Netz, aber als exotischen Fernsehkanal, und als perfektioniertes Telefon.\u00a0Ich habe Zweifel, wie weit es mit der angeblichen <b><i>Z\u00e4sur<\/i><\/b><i> <\/i>ihrer<b><i> Identit\u00e4ts- und Wirklichkeitskonstruktion<\/i><\/b><b> <\/b>her ist. Ob <b><i>wir\/unserer<\/i><\/b> nicht vor allem die vom <b><i>Z\u00e4sur<\/i><\/b><i>&#8211;<\/i>Diskurs beeinflussten Intellektuellen meint, die sich nicht zum ersten Mal einen neuen Anstrich f\u00fcr ihre <b><i>Identit\u00e4tskonstruktion<\/i><\/b><i> <\/i>\u00a0leisten. Ist die Feststellung von <b><i>Z\u00e4suren<\/i><\/b><i> <\/i>meist willk\u00fcrlich, sowohl, was den Umschlag von der Quantit\u00e4t in die Qualit\u00e4t als auch die ausgew\u00e4hlten Faktoren angeht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Inkompetenz und Renitenz<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der von Flusser abwertend gepr\u00e4gte Begriff vom Medienanalphabeten (etwa am Beispiel des Knipsers gegen\u00fcber dem digitalen Bild oder von Kitsch oder Ruinenbewohner) hat auch eine Kehrseite: dessen Resistenz und Renitenz! Wir finden im Alltag st\u00e4ndig primitive Nutzungen, von Internet und Smartphone, Laserpointer im Stadion oder Drohne im Vorgarten (laut FAZ auf dem aktuellen Gabentisch). Sie sind nicht nur j\u00e4mmerlich unprofessionell, <b><i>inkompetent<\/i><\/b><b>,<\/b> sondern nutzen er die Kapazit\u00e4ten kaum ansatzweise. Niemand durchschaut sie, die Service-Techniker nat\u00fcrlich auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Bewusstwerdung und Teilhabe<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weshalb bleiben die deutenden Kulturwissenschaften seit f\u00fcnfzig Jahren so folgenlos? Sie m\u00fcssen gar nicht beweisen, dass die von ihnen vorgeschlagenen Therapien anschlagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Die Bewusstwerdung ihrer Bedingungen bedeutet die M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Einzelnen\/die Einzelne<\/i><\/b><i>, <\/i>&#8211; O je! Herr Troesser. Und beide gro\u00df geschrieben! &#8211; <i>\u00a0<b>an der Konstruktion der Welt teilzuhaben, Identit\u00e4ten und Wirklichkeiten intersubjektiv zu entwerfen<\/b><\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser war demgegen\u00fcber Apokalyptiker, oder hatte wenigstens solche Anwandlungen, dann wieder Visionen von Erl\u00f6sung, und dann wieder stockn\u00fcchterne Vormittage bei einer Tasse bitteren Kaffees ohne\/mit viel Zucker! Was soll dagegen dieser lauwarme Trost einer verstetigten Zukunftsperspektive! Wer hat das Konzept heilsamer <b><i>Bewusstwerdung<\/i><\/b><i> <\/i>eigentlich alles verwendet? Ja, erstens die Psychoanalyse \u2013 mit geradezu asketischer Ern\u00fcchterung in voller Bedeutung, auch die Frankfurter Schule\u00a0 &#8230;\u00a0<b><i>Die M\u00f6glichkeit<\/i><\/b><b> <\/b>ist nicht so eindeutig zu verstehen wie zuerst vermutet: Es kann doch auch sein, dass trotz der <b><i>Bewusstwerdung die M\u00f6glichkeit<\/i><\/b><i> <\/i>\u00a0einer <b><i>Teilhabe<\/i><\/b><i> <\/i>am <b><i>intersubjektiven Entwerfen<\/i><\/b><b> <\/b>sich <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> realisiert. Oder dass sie nicht befriedigt, so wie der Auftritt auf einer Netzplattform, an der bereits hunderte andere Blogger ihr H\u00e4uflein abgesetzt haben. Ein Gegenbeispiel w\u00e4re der \u201aShitstorm\u2019, da scheint das Gegenteil wahr zu sein.\u00a0Und <span style=\"text-decoration: underline;\">muss<\/span> <i>die <b>Bewusstwerdung<\/b><\/i><i> <\/i>ihn\/sie notwendig in diese Richtung f\u00fchren? Endlich frei, soll er\/sie wieder die <b><i>Identit\u00e4t<\/i><\/b><i> <\/i>oder <b><i>Identit\u00e4ten intersubjektiv<\/i><\/b><i> <\/i>aushandeln m\u00fcssen? Wer steckt denn hinter solchen <b><i>Intersubjektivit\u00e4ten<\/i><\/b><i>? <\/i>Wem sind sie durchschaubar au\u00dfer den \u201aGoogle\u2019-Leuten, aus dem einen oder dem anderen Grund?\u00a0 In welchem Radius wird eigentlich <b><i>Teilhabe<\/i><\/b><b> <\/b>in Aussicht gestellt? Wie attraktiv ist <b><i>Teilhabe<\/i><\/b> nach drei Generationen repr\u00e4sentativer Demokratie und politischer Bildung? <b><i>Wirklichkeiten intersubjektiv entwerfen<\/i><\/b><i>? <\/i>Wessen denn? Auch existentielle wie die eigene physische und psychische Konstitution, Gesundheit, Tod, dumme Zuf\u00e4lle wie den, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein? &#8230;. \u201eDu bist h\u00e4sslich und krank \u2013 wir lieben dich daf\u00fcr!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle hier verwendeten Begriffe sind erst einmal kontaminiert, schadstoffbelastet, entweder von der existierenden <b><i>Massenmedienkultur<\/i><\/b> und <b><i>Netzkultur<\/i><\/b>, oder von den in allen Lebensbereichen die Kontrolle \u00fcbernehmenden Humanwissenschaften. Das Sahneh\u00e4ubchen bildet eine sich ausfransende Kultur gehobener Reflexion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Jede Wahl ist die richtige!<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und bereits im zweiten Abschnitt kommt das Symptom zu Tage: <b><i>Um uns in dieser Multioptionsgesellschaft <\/i><\/b><b>(auf der Zunge zergehen lassen!) <i>zwischen all den M\u00f6glichkeiten entscheiden zu k\u00f6nnen, bedarf es einer Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in\/mit Medien.<\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Zwischen all den M\u00f6glichkeiten entscheiden zu k\u00f6nnen<\/i><\/b><i> &#8230;. <\/i>Was sind das nach unserer t\u00e4glichen Erfahrung denn f\u00fcr <b><i>M\u00f6glichkeiten<\/i><\/b>? Sind sie der Rede wert? Sind sie die Lebenszeit all der Menschen wert, die f\u00fcr sie die Qual der Wahl erdulden?\u00a0 Sind nicht baugleiche technische Klone die Regel, eine Weltmode von der chinesischen Werkbank, sind nicht Tourismusangebote und Medienformate weltweit standardisiert? W\u00e4re das eben verschm\u00e4hte Angebot vielleicht nicht ebenso befriedigend gewesen? Der moderne Konsum ist \u201aendlose Vorlust\u2019 \u00e0 la Adorno.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann im Gegenteil mit einigem Recht sagen: keine Wahl ist die beste Wahl oder Jede Wahl ist die richtige. Prinzip: Zappen und w\u00fcrfeln.\u00a0 Flusser hat nicht nur den Niedergang der Dinge bezeugt, die f\u00fcnftausend Jahre lang im Zentrum menschlichen Lebens und unseres Lebens gestanden haben (<span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=103\">graeve-schule<\/a>, fs12,29<\/span>), er hat sich auch h\u00f6chst despektierlich \u00fcber den ganzen Bereich der Entscheidungen ge\u00e4u\u00dfert, er h\u00e4tte sie gern allerdings an gen\u00fcgend perfektionierte Apparate abgetreten (Tschudin-Interview).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Kompetenz<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dazu <b><i>bedarf es einer Kompetenz<\/i><\/b>? Eines <b><i>handlungsf\u00e4higen, <\/i><\/b><i>nicht nur gesch\u00e4ftsf\u00e4higen <b>Subjekts<\/b><\/i><i>?<\/i> Das ist \u201ader neue Barbar\u2019 (Flusser) nat\u00fcrlich <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span>, der bescheuerte Jedermann! Ich bin gespannt, ob wir in dem dichten Stundenplan unserer Kinder und Enkel\u00a0 noch einen Termin in der Woche zu ihrer\u00a0Kompetenzf\u00f6rderung in Medienkompetenz finden. \u00dcberlastete berufst\u00e4tige M\u00fctter und V\u00e4ter sind bereits mit ihrer eigenen \u201aKompetenzentwicklung\u2019 \u00fcberfordert. Der Chor der Kompetenzberater und Karriere- wie Beziehungs-Coaches ist schon jetzt aufdringlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorgeschlagene Therapie sieht erst einmal genau so aus wie die von Andreas Gelhard in \u201e<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2306\">Kritik der Kompetenz<\/a>\u201c (diaphanes, Z\u00fcrich 2011) analysierte und kritisierte Branche, die einer Harmonisierung der Gesellschaft durch aufstiegsorientierte Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle der Individuen zuarbeitet. Das geschieht im Bereich realer Organisationen, Institutionen und in privilegierten Milieus. Medien spielen dabei nur eine dienende Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Formulierung <b><i>Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in\/mit Medien<\/i><\/b><b> <\/b>l\u00e4sst mich fragen, ob mit den <b><i>Medien <\/i><\/b>nicht ein daf\u00fcr ganz irrelevanter Bereich einbezogen ist. Ob rein virtuelle Vergesellschaftungen jemals eine Relevanz \u00fcber Hobbies und im engen Sinn verstandene Gesellschaftsspiele hinaus bekommen werden? Zuletzt irritiert mich der Ausdruck <b><i>vertrauensvolles Handeln<\/i><\/b> in diesem Kontext. Wieso und wozu <b><i>vertrauensvoll<\/i><\/b>? Spricht daraus etwa ein sozialintegratives Interesse (wie oben angedeutet), das erst einmal nicht eines der Individuen sein muss oder gar nicht sein kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der soziale Rahmen des Konzepts ist offensichtlich ein homogenes Gesellschaftsmodell wie \u201adie Wohlstandsgesellschaft\u2019 in den USA der f\u00fcnfziger Jahre, als man vom \u2019melting pot\u2019 sprach und den \u2019tossed salad\u2019 verleugnete, als die Schwarzen und die Latinos einfach nicht z\u00e4hlten. Die Redeweise setzt eine formale Aufstiegsorientierung, welche die Kultur moderner Konzerne und die Institutionen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich pr\u00e4gt, f\u00fcr alle Teile der Gesellschaft voraus. Hier wird die b\u00fcrgerliche Bildungsideologie modernisiert. Dazu kontrastiert schon das f\u00fcr die Privatsph\u00e4re propagierte Regenbogenschema. Und noch mehr:\u00a0Sie setzt die Integrationsorientierung selbst da voraus, wo sich gerade tiefe Gr\u00e4ben selbst innerhalb europ\u00e4ischer Gesellschaften drohend abzeichnen (Baudrillard). Solche\u00a0 Scheuklappen charakterisierten bereits Flusser, der die Globalisierung nur als Baukastenmodell behandelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltfremd ist, wenn Troesser als Quintessenz von Br\u00f6ckling postuliert: <b><i>Das Subjekt muss lernen, sich vom &lt;man&gt; einer Gesellschaft, von dem was man tut und was man nicht tut, zu emanzipieren, ohne dabei ins Bodenlose zu fallen.<\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Emanzipationsmodell der sechziger Jahre: Ich-bezogen bis zum Schlusspunkt des Satzes.\u00a0Daraus w\u00e4chst erstens &#8211; unserer Erfahrung mit den Generationen seit den 1968ern nach &#8211; keine neue \u201asoziale\u2019 Haltung.\u00a0Es ist zweitens reine Unterstellung, <b><i>das &lt;man&gt;<\/i><\/b> habe ausgespielt, die Variationsbreite ist heute extrem.\u00a0Emanzipation ohne ins Extrem zu fallen? Wie im organisierten Abenteuerurlaub? Wann hat es je Emanzipation ohne existentielles Risiko gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genug davon! Flusser selber hat selber <i>das Bodenlose <\/i>als die \u201anach Auschwitz\u2019 nun globale\u00a0existentielle Herausforderung der Menschheit betrachtet. Er lotet deren Chancen vor allem zuerst f\u00fcr die eigene Person aus \u2013 autobiografisch in \u201aBodenlos\u2019 und generalisiert in seinen Essays \u00fcber die \u201aFreiheit des Migranten\u2019, als Avantgarde f\u00fcr die noch \u201asesshafte\u2019 Menschheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die modernen Verhaltenswissenschaften geben sich als bescheidene Dienstleister zum Wohl der Gesellschaft und der Menschen aus. Von ihren Sirenenkl\u00e4ngen sollte man sich aber nicht einlullen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende wird wiederholt <i>Vilem Flusser<\/i> beschworen &#8211; es bleibt mir unerfindlich warum \u2013 aber in bezeichnenden Redewendungen: <i>an Flussers Denkanst\u00f6\u00dfen orientiert; \u00fcber Vilem Flussers universelles Medienverst\u00e4ndnis hinausweisend; im Geiste Vilem Flussers gedacht,\u00a0<\/i><i>wer Vilem Flusser kennt, erwartet auch von Guido Br\u00f6ckling einen medienphilosophischen Diskurs auf h\u00f6chstem Niveau; eine sinnvolle und \u00fcberf\u00e4llige Weiterentwicklung Flussers Gedankengut in die heutige Medienwelt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Flussers Ambivalenz <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles modellhafte Reden vom Menschen haben Sozialwissenschaften zur Verhaltenssteuerung, zur Harmonisierung, Integration und Steuerung widerstreitender Kr\u00e4fte in der Gesellschaft okkupiert. Und das in globalem Kontext.\u00a0Eine \u201aFront\u2019 zur Welt der Apparate l\u00e4sst sich in der asymmetrischen Situation und insbesondere dem allgegenw\u00e4rtigen \u201aDual Use\u2019 der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nicht mehr ziehen, aber irgendwie m\u00fcssen \u201aWiderstandsnester\u2019 noch auszumachen sein. Es kann nicht angehen, wie k\u00fcrzlich ein akademischer Gespr\u00e4chspartner zu sagen: Wir sind doch alle Funktion\u00e4re \u2013 er kannte und meinte die flussersche Bedeutung \u2013 und damit zur Tagesordnung \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hingegen erinnere ich mich lebhaft an Flussers Unwillen gegen die blo\u00dfe Erwartung von <i>Integration<\/i> als Zumutung, wobei ihm sogleich die Frage aufstieg, <i>ob man eine neue Vertreibung provozieren soll<\/i>, um seine Freiheit zu bewahren. (\u201eExil und Kreativit\u00e4t\u201c 1984\/5; in: Von der Freiheit des Migranten\u201c, 1994, 108).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich, wieweit Flussers Kritik am Normalverbraucher, am Knipser, Touristen, Camper, Bewohner von <i>Ruinen<\/i>\u00a0usw. vom argumentativen Kontext gesteuert war, unterf\u00fcttert mit den allt\u00e4glichen Ressentiments des Intellektuellen und entsprechenden \u00e4sthetischen Urteilen? Gegen\u00fcber <i>Vertreibern, Chauvinisten<\/i> oder <i>Ureinwohnern<\/i> war die Position verst\u00e4ndlicherweise generell unvers\u00f6hnlich, obwohl er damit dem <i>Funktion\u00e4r<\/i> des \u201abanalen B\u00f6sen\u2019 gegen\u00fcber nicht zur Steigerung f\u00e4hig war. <i>Funktion\u00e4r<\/i> war bereits so weit gefasst, dass eigentlich kaum eine qualifizierte moderne Arbeitskraft diesem Stigma entkam (\u201e <i>Man kann als Funktion\u00e4r folgenderma\u00dfen agieren: &#8230;<\/i>..\u201c). Er selber wollte etwa mittels der Kunstbiennale 1972 und\u00a0 diversen K\u00fcnstlerprojekten Beitr\u00e4g zur Medienbildung leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Ambivalenz ist seinem Werk nicht ohne weitere nachhaltige Besch\u00e4digung auszutreiben. Soll Flussers gro\u00dfe Oper, sollen die Schicksalsarien, alle dramatischen Wendungen, Erleuchtungen und Verschattungen zu nicht mehr als ein wenig &#8218;Medienkompetenz&#8216; gut gewesen sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin auf Guido Br\u00f6ckling gespannt. Wird er Flussers ambivalenten Haltungen gerecht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Kritik der Produktbeschreibung (Michael Troesser, medienbrief 01\/13)\u00a0von Guido Br\u00f6ckling: Das handlungsf\u00e4hige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog, M\u00fcnchen 2012, 276 S.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-1767","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur_zu_vf"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1767"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3361,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767\/revisions\/3361"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}