{"id":1748,"date":"2009-09-04T12:12:25","date_gmt":"2009-09-04T11:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1748"},"modified":"2014-01-11T17:22:24","modified_gmt":"2014-01-11T16:22:24","slug":"tropischer-barock-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1748","title":{"rendered":"Tropischer Barock \u2013 und heute?"},"content":{"rendered":"<p><i>Kulturkritik mit Vil\u00e9m Flusser<\/i><\/p>\n<p>Flusser Verteidigung des <i>tropischen Barock<\/i> 1966 als naive <i>s\u00fcndhafte Nachahmung<\/i>\u00a0 des wahrlich dekadenten, hohlen europ\u00e4ischen Vorbilds, einer <i>\u00fcberalterten Kultur,&#8230; die in der Illusion die verlorene Wirklichkeit sucht, und dies bewusst tut<\/i> \u00a0(nach Guldin 2005 : 51 &#8211; 52). \u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Alles daran ist <i>Anma\u00dfung, alles Fiktion und B\u00fchnenbild (..), wenn auch Kulissen von grandioser Sch\u00f6nheit<\/i>\u201c (<i>Barocco Mineiro<\/i>)<\/p>\n<p><i>Vitalit\u00e4t<\/i> stellt er in <i>ihren st\u00fcmperhaften \u00dcbertreibungen<\/i> fest, er sieht den <i>neuen Menschen<\/i> als <i>S\u00e4ugling<\/i> (57). Ich muss dabei an die naive Adaption von jungen Chinesinnen<i> <\/i>der dekadenten westlichen Mode auf den Stra\u00dfen von Provinzst\u00e4dten1988 denken!\u00a0Doch eigentlich kam ich stracks zum europ\u00e4ischen Materialismus der barocken Epoche und zur entstehenden Pornografie (als K\u00f6rper- und Beziehungsmechanik) \u2013 und nat\u00fcrlich im relativ zentralisierten\u00a0 Frankreich zu dem sich steigernden W\u00fcrgen im Hals der unteren Klassen: der vorrevolution\u00e4ren Situation.<\/p>\n<p>Wir leben mehr denn je in Zeiten der Verkleidung und der historisierenden Fassaden &#8211; Hat das nicht sehr bald im 19.Jh. wieder angefangen? &#8211;\u00a0 auch von Begriffsfassaden, beispielsweise \u201aWertordnung\u2019 und \u201aEuropa\u2019! Ich erinnere mich noch an meine Emp\u00f6rung angesichts des ersten \u201aentkernten\u2019 Gr\u00fcnderzeithauses gegen\u00fcber der Frankfurter Oper. Inzwischen hat sich der Denkmalschutz zu einem Fassadenschutz gemausert und ist mit dem UNESCO-Kulturerbe, mit einer Unzahl sogenannter \u201aM\u00e4rchenstra\u00dfen\u2019, \u201aStra\u00dfen der Romanik\u2019 usw. aufgebl\u00fcht. In der VR China verlief der Prozess ganz schamlos: der Tourismus konnte nicht einmal die Traditionsreste retten. Die werden abgerissen und von modernen Imitaten ersetzt, die gleichwohl Touristenstr\u00f6me wie die Fliegen anziehen.<\/p>\n<p>Die globale Architektur konkurriert in exzentrischen luxuri\u00f6sen \u201aWahrzeichen\u2019<i>. <\/i>Unter dem Begriff der \u201aUrbanit\u00e4t\u2019 verwandeln sich weltweit Innenst\u00e4dte zu Konsum- und Freizeitparks. Privilegierte Wohnviertel werden dekorativ zur \u201aKommunikation\u2019 aufger\u00fcstet. \u201aCover-Version\u2019, \u201aPost-Produktion\u2019 sind gleich gerichtete Trends.\u00a0Wir h\u00e4tten gewarnt sein sollen, als man uns die \u201apostindustrielle Dienstleistungsgesellschaft\u2019 verk\u00fcndete.<\/p>\n<p>Zugleich entstehen gegenl\u00e4ufige Sehns\u00fcchte in den Gesellschaften: nach Gotik, Romanik, den Erscheinungsformen des authentischen Arbeitslebens (Jeans&#8230;), nach Naturformen und nach traditioneller Autorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch \u201aDenker\u2019 kommen ins Recycling. Ich irrte mich, als ich in den achtziger Jahren \u201aReaktion\u2019 und \u201aVerrat am Fortschritt\u2019 witterte.\u00a0 <i>Der Apparat<\/i> schm\u00fcckt sich mit ihnen. In jedem Kulturkreis sind es\u00a0 andere Namen. Indem er sie dem Wissenschaftsbetrieb &#8211; gegen Verg\u00fctung der M\u00fche &#8211; \u00fcberl\u00e4sst, entsch\u00e4rft er ihre Botschaft, denn der \u201adestruiert\u2019 sie derma\u00dfen, nimmt sie auseinander, bis nur die Begriffsfassaden \u00fcbrig sind, dass nur ein Rauschen vernehmbar ist. Als Individuum sollst du sie so wenig naiv und unmittelbar lesen wie die\u00a0 Artikel des Grundgesetzes. Bitte nur mit anerkanntem Kommentar und zu lizensierten Zwecken! Wie Blattschneiderameisen fallen die Wissenschaftler \u00fcber Hinterlassenschaften her, um deren Archivierung in modernen Reliquiaren man sich erbittert streitet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich braucht der Betrieb st\u00e4ndig Material f\u00fcr seine Diskussions- als Zersetzungsprozesse, die um Karriere konkurrierenden Wissenschaftler neues, weil vergessenes Material, das zur exklusiven \u201aWiederaufbereitung\u2019 geeignet ist und einen m\u00f6glichst unverwechselbaren Geruch<i> <\/i>besitzt, eben Charakter. Denn zur Entwicklung eines Charakters brauchte es Zeit und eine gewisse Isolation, die der sich im Betrieb verschlei\u00dfende Forscher heute nicht mehr leisten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir komme ich auf die bizarren Gedanken?<\/p>\n<p>Sie wurden durch eine Rezension vermittelt, die Rainer Guldin \u201ePhilosophie zwischen den Sprachen\u201c (Fink, M\u00fcnchen 2005) die n\u00f6tige \u201eKontextualisierung\u201c abspricht. Guldin seinerseits betont am Anfang des 2. Teils Flussers \u201ehybride \u00dcbersetzungstheorie\u201c (75) <span style=\"text-decoration: underline;\">vor<\/span> deren \u201eexplosive(m) Wachstum\u201c und Entwicklung \u201ezu einer eigenst\u00e4ndigen Disziplin\u201c und warnt den Leser davor, dass \u201eFlusser, der seinem fr\u00fchen theoretischen Konzept bis zuletzt treu (! DvG) geblieben\u201c sei und die weitere Entwicklung der Debatte \u201enicht mehr rezipiert\u201c habe. Ich h\u00e4tte gern gewusst, warum es f\u00fcr ihn Sinn machte, dem Konzept noch weitere 170 Seiten zu geben. Ein paar Seiten weiter hebt er indessen \u201eFlussers Verwandtschaft mit den kulturkritischen Positionen der 80er und 90er Jahre\u201c (76) hervor und verweist auf seinen eigenen Kongress-Beitrag. Ich habe ihn im Netz aufgesucht und fand ihn unter vielleicht f\u00fcnfzig weiteren Beitr\u00e4gen. Was f\u00fcr eine Hektik, was f\u00fcr ein Stimmengewirr! Die Geisteswissenschaften haben das Handicap\u201a ihre \u201aErkenntnisse\u2019 durch keine andere Methode zu best\u00e4tigen als durch das Palaver und die Meinungen, die sich darin durchsetzen.<\/p>\n<p>Worauf kommt es nun also an? Vorn an der Spitze der Diskussion mitzumischen oder geduldig Texte zu verstehen zu wollen, in ein spezifisches Textgewebe einzudringen? Dieses scheint heute sch\u00e4dlicher Luxus zu sein, denn damit kommt man pers\u00f6nlich nicht weiter. Man \u201ebekommt vom Rezensenten zwar gute Flei\u00dfnoten\u201c (Ralf Konersmann,SZ, nach <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher\">www.perlentaucher<\/a>), aber hat die wohl selbstverst\u00e4ndliche Aufgabe nicht \u201eerledigt\u201c, etwa die, \u201eFlusser in den Kontext des 20.Jahrhunderts zu stellen und seine Belastungsf\u00e4higkeit zu erproben\u201c. \u201eBelastungsf\u00e4higkeit\u201c &#8211; Was f\u00fcr gro\u00dfe Luftballons.<\/p>\n<p>Stand: 4.9.09<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommentar 11.1.2014<\/p>\n<p>Ich griff (2009) ohne klare \u00dcbersicht Flussers kulturkritische und Brasilien-enthusiastische Phase auf und fand vieles richtig darin. Ich wollte nicht die generelle \u00dcberheblichkeit Flussers gegen\u00fcber allen Wissenschaften wahrhaben. Ich hielt gutwillig an, wenn ich nicht weiter kam. \u00a0&#8218;Anschlussf\u00e4higkeit&#8216; hat Flusser wohl selber nicht beabsichtigt (undatierte Texte ohne Referenzangaben fand er f\u00fcr sich passend). Doch auch \u201aBelastungsf\u00e4higkeit\u2019 ist ein brauchbares Instrument, um den Ertrag eines Denkens zu erfragen.<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturkritik mit Vil\u00e9m Flusser Flusser Verteidigung des tropischen Barock 1966 als naive s\u00fcndhafte Nachahmung\u00a0 des wahrlich dekadenten, hohlen europ\u00e4ischen Vorbilds, einer \u00fcberalterten Kultur,&#8230; die in der Illusion die verlorene Wirklichkeit sucht, und dies bewusst tut \u00a0(nach Guldin 2005 : 51 &#8211; 52). \u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-1748","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1748","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1748"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1748\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1753,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1748\/revisions\/1753"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1748"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1748"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1748"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}