{"id":1719,"date":"2014-01-01T14:02:08","date_gmt":"2014-01-01T13:02:08","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1719"},"modified":"2022-08-02T23:52:05","modified_gmt":"2022-08-02T21:52:05","slug":"vom-verhaeltnis-von-kunst-und-technologie-japan-1989","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1719","title":{"rendered":"Zweimal die visuelle Kultur Japans"},"content":{"rendered":"<p><em>Volker Grassmuck interviewt Asada Akira : \u00a0&#8222;Vom Verh\u00e4ltnis von Kunst und Technologie&#8220; (\u00a0Japan Lesebuch II, Konkursbuch, T\u00fcbingen 1990 (JL) : \u00a0S.59-72)<\/em><\/p>\n<p><i>Madoka Suehiro \u201eFlusser und die Technocodes in der visuellen Kultur Japans\u201c\u00a0<\/i><i>(Fahle, Hanke u.a.: Technobilder und Kommunikologie, Parerga 2009, 221-236) \u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"line-height: 1.71429; margin: 0px 0px 1.71429rem 0px;\"><b>1\u00a0<\/b><\/p>\n<p><strong style=\"font-weight: bold;\">Volker Grassmuck interviewt Asada Akira 1989<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe ein interessantes Gespr\u00e4ch ausgegraben, aus der Zeit von Flussers sp\u00e4ten Schriften, Es steht nicht unter dem Verdacht einer ex-post-Besserwisserei und erlaubt einige Vergleiche. Wir reisen also kurz entschlossen &#8211; mit Niklas Luhmann im Gep\u00e4ck &#8211; nach Japan, in die Heimat des \u201a\u00e4sthetischen Ritualismus\u2019. Flusser hat die Affinit\u00e4t gesp\u00fcrt oder gewusst. Er will <i>Mystik<\/i> als <i>Verschwimmen von Subjekt und Objekt in der konkreten Wirklichkeit<\/i> (95) verstehen und verbindet sie mit dem <i>Einswerden von Sch\u00fctzen und Bogen im Zen<\/i>. Ikebana und Teezeremonie identifiziert er mit dem <i>konkreten Erleben der Ph\u00e4nomene<\/i>, ebenso im <i>Zen<\/i> wie in der <i>Ph\u00e4nomenologie<\/i>. (96)<\/p>\n<p>Der ebenso an Neuen Medien wie an Japan interessierte Soziologe Volker Grassmuck interviewt im November 1989 Asada Akira (* 1957)\u201a <i>whose interests include contemporary arts, history of social thoughts, and economic philosophy<\/i>. Er lehrt inzwischen an der Kyoto University of Art and Design. (Wiki)<\/p>\n<p>Asada Akira (AA) verdeutlicht eine tiefere Schicht der \u00dcbereinstimmung. Er spricht von der <span style=\"text-decoration: underline;\">Ambivalenz<\/span> des traditionellen Nihilismus im japanischen Denken und weist besonders auf die seit der Shogun-Zeit, <i>vielleicht schon im 17.Jahrhundert snobistische Form<\/i> von <em>Ikebana<\/em>, <em>Teezeremonie<\/em> oder sogar <em>Selbstmord<\/em> hin. Er versteht unter <i>snobistisch<\/i>, <i>etwas zu tun<\/i> <i>wegen des Eindrucks, jemand zu sein, der es zu sch\u00e4tzen wei\u00df.<\/i> Er bezieht sich dabei auf das Urteil von Alexander Koj\u00e8ve \u00fcber entsprechende japanische Traditionen. (JL 65) Er definiert <i>ritualisiertes Nichts<\/i> als <i>einen Ort, an dem man endlos spielen kann ohne menschliche, geschichtliche Bedeutung<\/i> (JL 64) und er spricht von der Langeweile, von der ich sicher bin, dass sie auch zu Flussers <i>telematischem Szenario<\/i> untrennbar geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>In einem anderen Beitrag des Lesebuch II gibt Christoph Langemann im Essay <i>Stolpersteine auf dem Teeweg<\/i> eine anschauliche Beschreibung: <i>Hier scheint der Tee selbst eher ein untergeordnete Rolle zu spielen. Daf\u00fcr wird die korrekte Inszenierung des Servierens und Trinkens, die Auswahl der zahllosen zu verwendeten Ger\u00e4te und jede Bewegung bei deren Handhabung, ja sogar das, was die Teilnehmer zu sagen haben, durch strenge Vorschriften geregelt.<\/i> Der Teemeister habe <i>einen gewissen kreativen Spielraum<\/i>. (JL 404).<\/p>\n<p>Vom traditionellen <i>Snobismus <\/i>kommt das Gespr\u00e4ch zum <i>post-historischen Snobismus<\/i>, <i>der f\u00fcr Kojeve sehr, sehr langweilig war. Alles, was wir machen m\u00fcssen, sind sehr simple grundlegende \u00f6konomische Regelungen und ein snobistisches Spiel von leeren Signifikanten\u201c<\/i>. (JL 66) Auch Roland Barthes und Jean Baudrillard werden erw\u00e4hnt. Der <i>Teufelskreis von leeren Zeichen<\/i> l\u00e4sst Asada verstummen. Grassmuck holt ihn mit einem neuen Stichwort aus seiner Ecke: <i>Es gibt das leere Zentrum des Computers, und es werden Welten aus diesem Nichts gebaut<\/i> &#8211;\u00a0 ein geradezu flusserscher Gedanke! \u2013 Grassmuck und Flusser k\u00f6nnten sich auf einer der Tagungen durchaus begegnet sein \u2013 und fragt nach einer Verbindung zum japanischen Nihilismus. Sie kommen auf die neue Science Fiction.<\/p>\n<p>AA: <i>Im heutigen SF ist die zentrale Figur immer maternell, &#8230; ein Mutter-Computer<\/i>. Grassmuck sekundiert: <i>Das h\u00e4ngt mit der Infantilisierung zusammen, eine Art elektronischer Wiege <\/i>(JL 67). AA hat <i>in den Computer-Spielen eine psychoanalytisch sehr archaische Art von Bildlichkeit gesehen. Und die Geschichte ist fast immer mythisch<\/i>. (JL 68)<\/p>\n<p>Bevor wir die Schlussfolgerung verfolgen, ein sozialpsychologischer Einschub: Die <i>Infantilisierung<\/i> ist in der japanischen Gesellschaft, ob als Gef\u00fchlsausbruch (\u201eBakayaro\u201c) oder generell als Kontrastprogramm in der Gruppe fest verankert. Takeo Doi hat in den siebziger Jahren daf\u00fcr einen Begriff gepr\u00e4gt: \u201e<em>Amae<\/em>\u201c \u2013 das Sichgehenlassen in der Geborgenheit. (Amae, dt.: edition suhrkamp 1128,1982). Im Westen ber\u00fchmt sind die Betriebsausfl\u00fcge mit Hostessen und Karaoke. In den letzten Jahren haben Medien den Weltmarkt und Museen erobert, die durch Langweiligkeit und bunte Leere auffallen. Die Physiognomie der <i>Manga<\/i>-Helden ist von Leere und Harmlosigkeit gezeichnet. Hochgelobte <i>Anime<\/i>-Filme werden von ARTE zu sp\u00e4ter Stunde gesendet, deren Titel wie \u201aChihiros Reise ins Zauberland\u2019 oder \u201aGl\u00fchw\u00fcrmchen\u2019 treffend gew\u00e4hlt sind. Dies nur als Einblicke in ein weites Feld.<\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3928GedankenZ\u00fcge1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3928GedankenZ\u00fcge1-300x169.jpg\" alt=\"IMG_3928GedankenZ\u00fcge1\" width=\"300\" height=\"169\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3936GedankenZ\u00fcge3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1721\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3936GedankenZ\u00fcge3-300x151.jpg\" alt=\"IMG_3936GedankenZ\u00fcge3\" width=\"300\" height=\"151\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3936GedankenZ\u00fcge3-300x151.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3936GedankenZ\u00fcge3-624x315.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3936GedankenZ\u00fcge3.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> \u00a0<i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3930GedankenZ\u00fcge2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/IMG_3930GedankenZ\u00fcge2-300x153.jpg\" alt=\"IMG_3930GedankenZ\u00fcge2\" width=\"300\" height=\"153\" \/><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0<\/i>Dokumentation \u201eGedanken-Z\u00fcge\u201c<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Gespr\u00e4ch!\u00a0Asada Akira h\u00e4lt <i>die archaische Bildlichkeit f\u00fcr kompatibel mit Hochtechnologie, weil die Technologie heute zu einer Mutter <\/i>werde.<i> <\/i>(68) Er erkennt in ersten Ph\u00e4nomenen\u00a0(1989)\u00a0bereits\u00a0<i>eine Art von spielerischem und angenehmem Dystopia, in dem man sogar das Bewusstsein davon verloren hat, darin eingeschlossen zu s<span style=\"color: #000000;\">ein.<\/span><\/i><span style=\"color: #000000;\">\u201c (JL 68) <\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dystopie\"><span style=\"color: #000000;\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dystopie<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\">: <\/span><i><span style=\"color: #000000;\">Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine <\/span><\/i><i><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Diktatur\"><span style=\"color: #000000;\">diktatorische<\/span><\/a><\/i><i> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herrschaftsform\"><span style=\"color: #000000;\">Herrschaftsform<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\"> oder eine Form <\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unterdr%C3%BCckung\"><span style=\"color: #000000;\">repressiver<\/span><\/a> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soziale_Kontrolle\"><span style=\"color: #000000;\">sozialer Kontrolle<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\">. Dem <\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Individuum\"><span style=\"color: #000000;\">Individuum<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\"> ist etwa durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheit genommen, die <\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kommunikation\"><span style=\"color: #000000;\">Kommunikation<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\"> der Menschen untereinander ist eingeschr\u00e4nkt oder anderweitig gest\u00f6rt und das <\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bewusstsein\"><span style=\"color: #000000;\">Bewusstsein<\/span><\/a><span style=\"color: #000000;\"> der eigenen Geschichte und\/oder<\/span> eigener Werte gekappt.<\/i><\/p>\n<p>Grassmuck, der Europ\u00e4er, schl\u00e4gt salopp \u00a0&#8211; wie Flusser &#8211; einen weltgeschichtlichen Bogen vom <em>Animismus<\/em> \u00fcber die Phase der Rationalit\u00e4t \u2013 Flusser w\u00fcrde sagen \u201aSchrift\u2019 \u2013 zu einer <i>menschen<\/i><i>-gemachten Struktur aus Technik und Medien, aus der selbst wieder Geister aufsteigen. Also eine Animation, nicht im technischen Sinn des Wortes, sondern als menschengemachte Form von Animismus:\u201c<\/i> (JL 68) AA geht darauf ein: <i>Das System wird so omnipr\u00e4sdent &#8230; reifiziert wird als allgegenw\u00e4rtige Gottheit. <\/i>(JL 69) Dann bew\u00e4hrt sich sein kunstwissenschaftlicher Hintergrund, als er auf die Rolle des K\u00fcnstlers zu sprechen kommt, was mir den Vergleich mit Flusser nahelegt.<\/p>\n<p>AA: <i>Aber man kann diese Remystifizierung zu etwas wie einem galaktischen Mutterscho\u00df oder einer Gottheit kritisieren. Und das ist genau die Aufgabe der K\u00fcnstler, wie ich sie sehe. Die wirklichen K\u00fcnstler k\u00f6nnen mit diesen Bildern nicht spielen. Sie k\u00f6nnen damit spielen, aber zur gleichen Zeit kritisieren sie das von innen heraus.<\/i> (JL 69)<\/p>\n<p>Zu Anfang hat bereits den <i>Medienanzug<\/i> eines K\u00fcnstlers namens Harada als <i>Kurzschluss von Realit\u00e4t und sogenannter Imagination<\/i>\u201c angesprochen (JL 61) fand aber die wirkliche Avantgarde im milit\u00e4rischen Gebiet &#8211; z.B. <i>headup-display<\/i> von Kampfpiloten &#8211; oder sogar in der Medizin (JL 62). Sieht nicht Flusser diese Bereiche mit der Kunst verschmelzen?<\/p>\n<p>Nach Asada kommt es auf die Trennung an \u201e<i>Das ist ein schwieriger Doppelstandard, aber ohne den verliert ein Kunstwerk seinen Status als Kunst und verwandelt sich in ein Spielzeug oder in ein rituelles Instrument.<\/i> (69)<\/p>\n<p>Mir fallen bei<i> rituellen Instrumenten<\/i> Holzgewehre, Uniformen und \u2013teile, selbst Kruzifixe &#8211; auf Zwillen montiert &#8211; ein, die in Westafrika unter dem Druck des Kolonialismus in Kulte integriert wurden &#8211; und werden. <span style=\"text-decoration: underline;\">Sie<\/span> kommen \u201aaufgekl\u00e4rten\u2019 Europ\u00e4ern spontan l\u00e4cherlich vor.<\/p>\n<p>AA: <i>Ich sehe die starke<\/i> <i>Tendenz, wenn nicht reaktion\u00e4r zu werden, so doch zum Mythos zur\u00fcckzukehren via high-tech. Das ist genau die Bedingung, die das wirklich ernsthafte, kritische, k\u00fcnstlerische Werk heute unentbehrlich macht. <\/i>(JL 69)<\/p>\n<p>Der Europ\u00e4er Grassmuck fragt: <i>Woher k\u00f6nnten Kriterien f\u00fcr Kritik, oder auch nur f\u00fcr diese Ironie kommen<\/i>? (JL 69) Dabei schwingt der Begriff \u201aobjektiv\u2019 mit.<\/p>\n<p>AA: <i>Nun wie ich sagte, bin ich nicht sicher, wo die absolute Grundlage der Kritik liegt<\/i>. Um dann <i>ostasiatisch-pragmatisch <\/i>fortzufahren: <i>Aber eins ist sicher, dass die Vision von organischer Totalit\u00e4t immer suspekt ist. (&#8230;) Und wenn man die Theorie beiseite l\u00e4sst, kann der K\u00fcnstler Misstrauen empfinden gegen\u00fcber dieser Betrachtungsweise. Vielleicht ist das ein intuitives Gef\u00fchl von Diskrepanz oder Bruch oder Spaltung usw. Und manchmal haben sie unrecht. Ich glaube, diese intuitive Abgesto\u00dfenheit von organischer Totalit\u00e4t k\u00f6nnte ein Ausgangspunkt sein, von dem der K\u00fcnstler, wenn nicht kritisieren, so doch sich distanzieren kann, von dem (JL 69\/70) Mythos des elektronischen Mutterscho\u00dfes. <\/i><\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl der Diskrepanz, des Bruchs oder Spaltung dr\u00fcckt ein Kunde der Tokioter Metro in \u201eGedanken-Z\u00fcge\u201c treffend aus: <i>Everybody is quite nice and looks perfect, but inside is different, inside the house or when nobody is watching or can see, many strange things are going on<\/i>. (O-Ton, 45. Minute). Er schw\u00e4rmt auch f\u00fcr den Freitod. Eigene Sparten von Kunst und Kino in Japan (wie auch Korea) bedienen genau diese Stimmung.<\/p>\n<p>Asada bestimmt die <i>kritische<\/i> Aufgabe des K\u00fcnstlers mit Augenma\u00df und realistisch, weil die Alternative hei\u00df, <i>Spielzeug<\/i> &#8211; die von Flusser gescholtenen <i>Gadgets<\/i> &#8211;\u00a0 oder moderne Fetische herzustellen. Interessant ist seine Situation zwischen Spiel und Kritik, die Frage der Kriterien oder der Haltung. Distanz bewahren ist immer n\u00f6tig: etwa Misstrauen zu empfinden oder gar intuitives Abgesto\u00dfensein. <i>Manchmal haben sie unrecht<\/i> \u2013 Na und?<\/p>\n<p>Weit weniger radikal sagt das Thomas Feuerstein in seinem Kommentar zum Text <i>Gesellschaftsspiele<\/i> von Flusser (creative.games.org; ich komme anderswo darauf zur\u00fcck): <i>\u201eDer K\u00fcnstlersolit\u00e4r als Spielverderber erscheint neben solidarisch, vernetzt und integriert arbeitenden Gemeinschaften immer noch von Bedeutung, um gesellschaftliche Ordnungen experimentell kontingent zu halten.\u201c <\/i><\/p>\n<p>Also <i><span style=\"text-decoration: underline;\">neben <\/span>solidarisch, vernetzt und integriert arbeitenden Gemeinschaften<\/i>. Wie stark er Flusser hier entgegenkommt, kann ich (noch) nicht beurteilen.<i> <\/i><\/p>\n<p><i>immer noch \u2013<\/i> W\u00e4re jemals eine andere gesellschaftliche Situation denkbar?<\/p>\n<p><i>experimentell kontingent zu halten <\/i>\u2013 Sollen wir uns das als Service vorstellen, K\u00fcnstler als Putztruppe?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle bricht Asada den bisherigen Gedankenaustausch ab, f\u00fchrt neue Themen ein. Er spricht erst knapp und verschl\u00fcsselt \u00fcber die Bedeutung der \u00f6kologischen Bewegung und das Verh\u00e4ltnis der Japaner zur Natur, um dann f\u00fcr eine halbe Seite abzuheben zu einer wohl strukturalistischen Interpretation von <i>Allegorie<\/i> und <i>Symbol<\/i> bei Walter Benjamin. Er endet mit dem Satz: \u201e<i>Aber es ist sehr subtil, und kein vorbestimmter Unterschied kann wahrgenommen werden. Aber ich glaube, das ist entscheidend.<\/i>\u201c (JL 70) Theoriebildung vom Feinsten! Auch wenn ich nicht w\u00fcsste, wie wild entschlossen Benjamins Texte in Asien in strukturell v\u00f6llig andere Sprachen und Gesellschaften \u00fcbersetzt werden, w\u00fcrde ich mich auf den akademischen Parforceritt nicht einlassen. An Flusser habe ich davon genug.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/nightoutatberlin.jaxblog.de\/post\/UbersetZungen-Eine-Fortsetzung-zum-Symposium-Benjamin-Lekturen-in-der-Akademie-der-Kunste.aspx\">http:\/\/nightoutatberlin.jaxblog.de\/post\/UbersetZungen-Eine-Fortsetzung-zum-Symposium-Benjamin-Lekturen-in-der-Akademie-der-Kunste.aspx<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/nightoutatberlin.jaxblog.de\/post\/Entsetzen-beim-Uber-Setzen-Uber-das-Symposium-Benjamin-Lekturen-Zur-internationalen-Rezeption.aspx\">http:\/\/nightoutatberlin.jaxblog.de\/post\/Entsetzen-beim-Uber-Setzen-Uber-das-Symposium-Benjamin-Lekturen-Zur-internationalen-Rezeption.aspx<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grassmuck setzt noch einmal neu an, windet sich aber in\u00a0 bem\u00fcht progressiven Formulierungen:<\/p>\n<p><i>Im Westen gibt es immer noch die \u00dcberreste der Subjektphilosophie zu verlieren. Die Denker f\u00fchlen sich von Computern und besonders von k\u00fcnstlicher Intelligenz bedroht. In Japan gibt es diese Verlustangst nicht. Sind die Japaner besser auf das vorbereitet, was kommt?<\/i><\/p>\n<p>Asada hat seine Fassung zur\u00fcckgewonnen, antwortet: <i>Vielleicht ist Japan \u201azu gut\u2019 vorbereitet. &#8230;. <\/i>(JL 70)\u00a0 <i>Ich unterst\u00fctze keineswegs die Subjektphilosophie in ihrer klassischen Form und die Kritik, die sich auf sie beruft, aber dennoch, das Bewusstsein dieser Kluft, dieses fast unab\u00e4nderlichen Abstands k\u00f6nnte ein Ausgangspunkt sein, um etwas wirklich Ernsthaftes zu entwickeln<\/i>. (JL 71)<\/p>\n<p>Beim Stichwort <i>fast unab\u00e4nderlichen Abstand<\/i> verlassen wir die Freunde, die sich auch bald voneinander verabschieden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem gewinnt unter dem systemischen oder auch kybernetischen Blick von Niklas Luhmann noch einmal einen neuen theoretischen Horizont. Ich zitiere der Einfachheit halber entsprechende S\u00e4tze aus dem Vorwort zur <i>Gesellschaft der Gesellschaft:<\/i><\/p>\n<p><i>Die Reproduktion von Kommunikationen aus Kommunikationen findet in der Gesellschaft statt. &#8230;. <\/i><\/p>\n<p><i>Das Verh\u00e4ltnis ist zirkul\u00e4r zu denken: Gesellschaft ist nicht ohne Kommunikation zu denken, aber auch Kommunikation nicht ohne Gesellschaft.<\/i> (13)<\/p>\n<p><i>Alle Systembildungen in der Gesellschaft sind auf Kommunikation angewiesen. &#8230;.<\/i><\/p>\n<p><i>In der Umwelt des Gesellschaftssystems gibt es keine Familien, keinen Adel, keine Politik, keine Wirtschaft. &#8230;. <\/i><\/p>\n<p><i>In den Begriff der Kommunikation ist die Annahme eines reflexiven Selbstbezugs eingebaut. Die Kommunikation kommuniziert immer auch, dass sie kommuniziert. &#8230;. Uns gen\u00fcgt dass abgemagerte Konzept der Selbstbeschreibung, das auch den Fall noch einschlie\u00dft, dass grundlegender Dissens besteht und dar\u00fcber kommuniziert wird.<\/i> (14)<\/p>\n<p><i>Mit dem Konzept des sich selbst beschreibenden, seine eigenen Beschreibungen enthaltenden Systems geraten wir auf ein logisch intraktables Terrain. Eine Gesellschaft, die sich selbst beschreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von au\u00dfen w\u00e4re. Sie muss offen lassen, ob sie sich von innen oder au\u00dfen betrachtet. Wenn sie auch das noch mitzusagen versucht, legt sie sich auf eine paradoxe Identit\u00e4t fest. Der Ausweg, den die Soziologie daf\u00fcr gefunden hat, wird als \u201aKritik\u2019 der Gesellschaft stilisiert. Faktisch l\u00e4uft dass auf eine st\u00e4ndige Wiederbeschreibung von Beschreibungen, auf ein st\u00e4ndiges Einf\u00fchren neuer oder Wiederbenutzen alter Metaphern hinaus, also auf \u201aredescriptions\u2019 im Sinne von Mary Hesse. <\/i>(15)<\/p>\n<p>Ohne Distanz kein Bewusstsein. Immer schon und auch in Zukunft.\u00a0Wer arbeitet daran, das Bewusstsein davon offen zu halten? Hier klingelt mir Thomas Feuersteins Formulierung der Aufgabe des <i>K\u00fcnstlersolit\u00e4rs <\/i>wieder im Ohr<i>, gesellschaftliche Ordnungen<\/i> <i>experimentell kontingent zu halten<\/i>. Eine Aufgabe keineswegs nur f\u00fcr <i>K\u00fcnstler<\/i> oder allgemein anerkannte Intellektuelle, auch nicht nur \u201aDissidenten\u2019. Jeder an seiner Stelle. Ist das nicht eine Aufgabe, die geeignet ist, Tr\u00fcbsinn und Schwermut zu vertreiben?<\/p>\n<p>In diesem Sinne ein gutes neues Jahr! \u00a0 \u00a0 \u00a0Frankfurt, am 1. Januar 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Postscriptum 3.1.14<\/p>\n<p>Beim Durchbl\u00e4ttern weiterer &#8218;Leseb\u00fccher&#8216; steigen viel mehr &#8218; &#8218;japanische&#8216; Facetten auf, mir wird das Typisierende meines Blicks deutlich, auch bei der Auswahl der Bilder. Sp\u00e4ter &#8211; beim Flusser-Interview &#8222;N\u00e4chstenliebe im elektronischen Zeitalter&#8220; &#8211; geht mir auf, wie schwer es unter dem Einfluss des flusserschen Denkens ist, sich dem Sog seiner Abstraktion und seiner schlichten Typisierungen zu entziehen. Man kommt ihm einfach immer irgendwie zu sehr entgegen.<\/p>\n<p>Weitere Texte:<\/p>\n<p>V.Flusser: \u201eDie Geste des Malens\u201c, \u201eGesten\u201c, Fischer Wissenschaft 12241, 1994<\/p>\n<p>Niklas Luhmann \u201aGesellschaft der Gesellschaft\u2019,\u00a0suhrkamp, Frankfurt\/M 1997<\/p>\n<p>Fotos aus Timo Novotny : &#8222;Gedanken-Z\u00fcge&#8220; (90\u2019 D 2012, ausgestrahlt von ARTE 31.12.13)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p><b>Madoka Suehiro \u201eFlusser und die Technocodes in der visuellen Kultur Japans\u201c<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>(Fahle, Hanke u.a.: Technobilder und Kommunikologie, Parerga 2009, 221-236)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Aufr\u00e4umen begegne ich wieder einer \u00fcberraschend anderen Stimme aus Japan, die Asada Akira direkt \u201awestlich\u2019 erscheinen l\u00e4sst, wenn es denn so einfach w\u00e4re.<\/p>\n<p>Vil\u00e9m Flusser im Blick auf Japan zu widersprechen, ist f\u00fcr Madoka Suehiro eine Herausforderung, aber sie stellt sich ihr selbstbewusst in der Bereitschaft, die \u00e4sthetische <i>Moratoriumskultur<\/i> (225) ihrer Heimat vorurteilslos zu akzeptieren. Der daf\u00fcr gepr\u00e4gte englische Ausdruck <i>girly photography<\/i> bezeichnet einen Boom unter Sch\u00fclerinnen, mittels geknipster Poesiealben und Fotosticker Freundschaften zu pflegen und das unklare Lebensgef\u00fchl der M\u00e4dchenzeit als <i>Moratorium<\/i> auszudr\u00fccken, einer <i>Schonzeit<\/i>, von der man w\u00fcnscht, sie m\u00f6ge lange andauern (229). Das serielle Knipsen von<i> Stimmungen<\/i> transponiert die schwebende Atmosph\u00e4re der seit jeher verbreiteten <i>M\u00e4dchen<\/i>&#8211;<i>Manga<\/i> (<i>serielle Grafik-Romane<\/i>) in die eigene Phantasiewelt. Die Schrift wird in der <em>girly photography\u201c <\/em>vom Herzeigen der geknipsten Alben und vom Tausch abgel\u00f6st. Alben werden im Stil des <i>Daumenkinos<\/i> durchgebl\u00e4ttert. Schon haben K\u00fcnstler diesen Stil \u00fcbernommen. Das \u00dcberleben des Schriftzeichens im Japanischen hat parallel bei den <i>Manga<\/i> zur Integration von Schrift und Bild gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine \u00e4sthetische Avantgarde ist das?<\/p>\n<p>Vil\u00e9m Flusser k\u00f6nnte s\u00fcffisant auf das Gl\u00fcck der <i>Schnecke <\/i>verweisen. <i>Dieses Wohnwagentier &#8230; kann sich auf sich selbst zur\u00fcckziehen, dann die F\u00fchler ausstrecken, sich der Zukunft entgegenstrecken, sich paaren und fressen<\/i>. (<i>Wohnwagen<\/i> in &#8230;<i>Migranten<\/i>: 49)<\/p>\n<p>Was Asada Akira f\u00fcrchtete &#8211; den <i>Kurzschluss von Realit\u00e4t und sogenannter Imagination<\/i>, das blo\u00df \u00e4sthetische <i>Spielzeug<\/i>,\u00a0 <i>die Vision organischer Totalit\u00e4t<\/i>, das Fehlen von <i>Distanz<\/i>,\u00a0 bzw. eines <i>Gef\u00fchls der Diskrepanz, des Bruchs oder Spaltung<\/i> &#8211; hier wird es mit der Bereitwilligkeit der Medienwissenschaften akzeptiert. Der von Suehiro verwendete Begriff einer gro\u00dfen <i>Resonanz in der Gesellschaft<\/i> bedeutet nur Popularit\u00e4t. In den Passagen \u00fcber die <i>Manga<\/i>-Konsumenten und ihre Konsumgewohnheiten erscheint das Bild sich bet\u00e4ubender Individuen: <i>Japaner lesen beim Story-Manga im Durchschnitt 16 Seiten pro Minute. Die stimmungsbetonten, atmosph\u00e4rischen und visuellen Kompositionen und \u00dcberg\u00e4nge des Panels erm\u00f6glichen einen schnellen Wahrnehmungsstil<\/i>, (235) \u00e4hnlich dem Erfassen filmischer Einstellungen und \u00dcberg\u00e4nge. Auch materiell kommt im <i>Manga<\/i> das Printmedium an sein Ende: <i>Nicht nur Sch\u00fcler, sondern auch Angestellte kaufen solche Zeitschriften am Bahnhofskiosk, lesen sie im Zug zur Arbeit oder zur Schule rasch durch und werfen sie dann weg<\/i>. (ebd.) Wie aktuell die Darstellung von Madoka Suehiro zum Zeitpunkt der Publikation (2009) war, kann ich nicht beurteilen, aber das (nicht erw\u00e4hnte) Smartphone dringt vor.<\/p>\n<p>Suehiro urteilt nicht, stellt auch keinen gesellschaftlichen Kontext her, sie bleibt bis zum Ende medientheoretisch rein und r\u00e4tselhaft, indem sie nur Flusser zitiert: <i>Die technischen Bilder sind als eine neue Art von Ideogrammen zu sehen, auch wenn sie aus der westlichen Kultur emporgetaucht sein m\u00f6gen. Mit dem Alphabetverlust\u00a0 verliert sich der Westen im Osten.<\/i> (\u201cKommunikologie\u201c, 1998 S.152, Anm.1)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volker Grassmuck interviewt Asada Akira : \u00a0&#8222;Vom Verh\u00e4ltnis von Kunst und Technologie&#8220; (\u00a0Japan Lesebuch II, Konkursbuch, T\u00fcbingen 1990 (JL) : \u00a0S.59-72) Madoka Suehiro \u201eFlusser und die Technocodes in der visuellen Kultur Japans\u201c\u00a0(Fahle, Hanke u.a.: Technobilder und Kommunikologie, Parerga 2009, 221-236) \u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-1719","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1719"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1719\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14035,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1719\/revisions\/14035"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}