{"id":1690,"date":"2013-12-29T18:21:04","date_gmt":"2013-12-29T17:21:04","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1690"},"modified":"2017-01-07T14:49:35","modified_gmt":"2017-01-07T13:49:35","slug":"vom-ausflug-in-die-kybernetik-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1690","title":{"rendered":"Ausflug in die Kybernetik zu Heinz v. Foerster"},"content":{"rendered":"<p><em>Heinz von Foersters Reden und Texten in <\/em><i>KybernEthik<\/i><em>, Merve Verlag, Berlin 1993 empfehlenswerte Rezension: <\/em><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/systemagazin-Klassiker-\u2013-Heinz-von-Foerster-Kybernethik\u201c.pdf\"><em>systemagazin &#8211; Klassiker \u2013 Heinz von Foerster- Kybernethik\u201c<\/em><\/a><em>\u00a0und <\/em><i>Short Cuts 5. <\/i><em>Auswahlband in Zweitausendeins, Frankfurt 2001<\/em><\/p>\n<p>Ich wollte den O-Ton des Wissenschaftlers, Mathematikers, des Kybernetikers. Auf folgende Frage kann ich jetzt antworten: Mit wem reden wir, wenn wir uns an Heinz von Foerster wenden?<!--more--><\/p>\n<p>Wie bei der Lekt\u00fcre von Flusser erlebe ich bei Foerster eine starke Komprimierung von Sachverhalten &#8211; in Begriffen, Beispielen, sehr einfachen Modellen \u2013 aber theoretisch ausgereift und geordnet. Er f\u00fchrt uns im Plauderton durch sein vielb\u00e4ndiges Werk, ohne wie Flusser mit unserer Auffassungsgabe Scherze zu treiben.<\/p>\n<p>Kybernetik ist ein universelles Idiom, dessen Begriffe jeweils mathematisch definiert und abgeleitet sind. Foerster zeigt, dass alle m\u00f6glichen Fachdisziplinen sich dar\u00fcber verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, und selbst noch die unl\u00f6sbaren Fragen der <i>Geisteswissenschaften<\/i> auf eine bestimmte Weise damit erreichbar sind. Er beginnt mit dem \u00fcberraschenden, gar nicht kulturkritisch gemeinten Satz: <i>Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto gr\u00f6\u00dfer die Chancen f\u00fcr Ruhm und Erfolg.<\/i> (161) Den erl\u00e4utert er im <i>Theorem Nr.2<\/i>: Die als \u201aWissenschaft\u2019 eher erfolglosen <i>soft sciences<\/i> bearbeiten eben <i>hard problems<\/i>, die<i> <\/i>angeblich <i>hard sciences<\/i> hingegen <i>soft problems<\/i>. Auf methodischem\u00a0<i>Reduktionismus<\/i> beruhe ihr Erfolg (161): <i>Ist ein System zu komplex, um verstanden zu werden, dann wird es in kleinere St\u00fccke zerlegt<\/i>. Es wird<i> zerlegt,<\/i> bis daran etwas in mathematische Fachsprache formulierbar ist.<\/p>\n<p>Die Aussagen Foersters sind \u201ageerdet\u2019 in vielf\u00e4ltiger Forschungspraxis und \u00a0in der Kenntnis wissenschaftlicher Traditionen. Foerster hat etwa im Blick dass \u201e<i>Skeptiker seit zweieinhalb Jahrtausenden gegen den Glaubenssatz <\/i>vermeintlich objektiv<i> ermittelbarer Naturgesetze vergeblich zu Felde zogen.<\/i>(135) Er erz\u00e4hlt von Platons <i>Gastmahl<\/i> und ist mit dem Altgriechischen vertraut. Chuang Tsu (72) oder Ortega y Gasset (76) und Bubers Dialogik (82-83) hofiert er geradezu wegen ihrer Weisheit. Sein Kollege McCulloch redet von der <i>Aufgabe, Ideale zu schaffen, neue und ewige, in und von der Wellt, alte und verg\u00e4ngliche<\/i>, als einer <i>Aufgabe, die Roboter nicht leisten k\u00f6nnen. Daf\u00fcr hat mich meine Mutter zur Welt gebracht.<\/i>\u201c (120) Foersters klassische Bildung, seine hohe formale Kultur, sein unbestechlich analysierender Blick und seine pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t erlauben ihm, unser aller Probleme in universaler Sprache zu formulieren und zu kommunizieren. Die \u201aKybernetik\u2019 streckt der Philosophie die H\u00e4nde entgegen.<\/p>\n<p>Doch Philosophen d\u00fcrfen den <i>hard sciences<\/i> nicht \u00fcber den Weg trauen. Die freiwillige Selbstbeschr\u00e4nkung eines Heinz von Foerster kann nicht gen\u00fcgen. Er war immer nur ein Au\u00dfenseiter im Wissenschaftssystem. Der bereits 1975 emeritierte Leiter eines erfolgreichen Instituts beklagte 1995 im Interview\u00a0 einen tiefgreifenden Wandel in der amerikanischen Forschungskultur (Short Cuts, 107-119), wie er in Europa mittlerweile l\u00e4ngst angekommen ist. Die nachdenklichen Ver\u00f6ffentlichungen des erst 2002 mit 91 Jahren gestorbenen Heinz von Foerster werden damit zur \u00fcblicherweise im Feuilleton gespielten Begleitmusik.<\/p>\n<p>Als Beispiel dient mir Foersters ber\u00fchmte Kritik seit 1972 am konventionellen Erziehungssystem:<\/p>\n<p><i>Der Gro\u00dfteil unserer institutionalisierten Erziehungsbem\u00fchungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. Ich verwende diesen Begriff so wie in der Automatentheorie. Dort ist eine triviale Maschine durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet. Da unser Erziehungssystem darauf angelegt ist, berechenbare Staatsb\u00fcrger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene \u00e4rgerlichen inneren Zust\u00e4nde auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativit\u00e4t erm\u00f6glichen<\/i>.\u201c (Das <i>Zweihirnproblem \u2013 Erziehung<\/i>170f.) Seine Kritik an \u201a<i>Pr\u00fcfung<\/i>en\u2019 hat er in \u201e<i>Lethologie\u2019 <\/i>(1992, ebd.145) ausgef\u00fchrt &#8211; Bilanz: <i>Tests testen Tests.<\/i> In diesem Sinn kritisiert er auch <i>den Glauben an Intelligenztests <\/i>(155) und nat\u00fcrlich auch <i>Tests, ob Computer \u201adenken\u2019 k\u00f6nnen <\/i>(<i>KI &#8211;\u00a0 K\u00fcnstliche Intelligenz<\/i>). Der Glaube diene denjenigen als <i>Notausgang, die ihre Freiheit der Wahl verschleiern m\u00f6chten, um sich dadurch der Verantwortung ihrer Entscheidungen zu entziehen.\u00a0 <\/i>(157)<\/p>\n<p>Eben die auf Tests basierte Psychologie hat jedoch als eine <i>hard science<\/i> durch das ganze 20.Jahrhundert bis heute eine beispiellose Karriere gemacht und bestimmt Ausbildungssystem und Personalentwicklung. (Andreas Gelhard : <span style=\"text-decoration: underline;\">Kritik der Kompetenz, <\/span>Z\u00fcrich 2011)<\/p>\n<p>Selbst wenn das Programm einer universell verstandenen Allzust\u00e4ndigkeit von Foerster formuliert wird, alarmiert es mich, so wie unter dem Titel <i>Allhirn-Problem \u2013 Menschheit<\/i>:<i>\u00a0 <\/i><\/p>\n<p><i>Das Ziel ist klar: Wir m\u00fcssen das System schlie\u00dfen, um eine stabile Bev\u00f6lkerung, eine stabile Wirtschaft und stabile Rohstoffe zu erreichen. W\u00e4hrend nun\u00a0 das Problem der Konstruktion eines Kontrollmechanismus f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung und die Wirtschaft mit den geistigen Reserven dieses Planeten gel\u00f6st werden kann, m\u00fcssen wir uns zur Stabilisierung unserer materiellen Ressourcen aufgrund des Zweiten Satzes der Thermodynamik\u00a0 um au\u00dferplanetarische Rohstoffquellen bem\u00fchen&#8230;<\/i>\u201c (<i>Kompetenz und Verantwortung<\/i> 1972,1985, KE.172f.)<\/p>\n<p>Der hochgemute Duktus der Pioniere der Kybernetik, das prophetische Pathos &#8211; einschlie\u00dflich eines \u201a<i>Kybernetiker dieser Welt, vereinigt euch\u201c<\/i> (173) muss aber gerade Flusser fasziniert haben. Denn den Duktus hat er sich angeeignet. Mimikry. Nachahmung, um darin hintersinnige Gedankenspiele zu treiben.<\/p>\n<p>Direkte \u00dcbernahmen aus der Sprache der Kybernetik durch Laien produzieren einen\u00a0<em style=\"font-style: italic;\">reduktionistischen<\/em>\u00a0Jargon, sie versuchen im Gewand einer atemberaubenden abstrakten Sicht auf die Welt zu blenden und n\u00e4hren \u00fcbersteigerte Hoffnungen auf die <i>L\u00f6sungs<\/i>kompetenz der aggressiven <i>hard sciences<\/i>. So ein gro\u00dfspuriger Ton \u00a0st\u00f6rt mich immer wieder in schnoddrigen S\u00e4tzen Flussers, gerade auch an:\u00a0<i>Alles\u00a0was mechanisierbar ist, ist menschenunw\u00fcrdig.\u00a0Man wird Mensch, indem man herausfindet, was an einem mechanisierbar ist\u00a0und es an Maschinen abschiebt. Der Rest, der bleibt, der \u2013\u00a0vorl\u00e4ufig\u00a0&#8211; nicht mechanisierbar ist, das ist das Menschwerdende. Und der gewordene Mensch ist\u00a0dann der, der \u00fcberhaupt nicht mehr mechanisierbar ist. Das k\u00f6nnen wir uns \u00fcberhaupt nicht vorstellen.<\/i>\u00a0(Tschudin-Interview, Von der Freiheit des Migranten, 131). Wozu auch?<i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p>Foerster zieht dem unmissverst\u00e4ndlich Grenzen. In <i>Kompetenz und Verantwortung<\/i> analysiert er zwar einf\u00fchlsam das Dilemma der <i>soft sciences<\/i> (163), um dann den <i>Vorschlag<\/i> zu machen, <i>das Fachwissen, das wir in den Naturwissenschaften haben, zur L\u00f6sung der harten Probleme in den Geisteswissenschaften einzusetzen.<\/i> (163) Interdisziplin\u00e4res Verhandeln ja, aber selbstgestrickte \u201aKybernetik\u2019 von Laien? Wohl kaum: <i>Ich lege hiermit die These vor, dass es die Kybernetik ist, die das harte Fachwissen mit den harten Problemen der Geisteswissenschaften verkn\u00fcpft.<\/i><\/p>\n<p>Dabei hat der <i>Konstruktivist <\/i>\u00a0und <i>Kybernetiker <\/i>Foerster in Gespr\u00e4chen auch verr\u00fcckte Formulierungen zu bieten, die Flusser sicher auch gefallen h\u00e4tten:<\/p>\n<p><i>Ein paar Worte \u00fcber die nichttrivialen Maschinen. Die Maschine ist eine Maschine in der Maschine. Das bedeutet, wenn ich einmal mit dieser Maschine operiere, hat diese Maschine sich schon &#8211; innerlich \u2013 ge\u00e4ndert und wurde durch diese Operation eine andere Maschine. Zum Beispiel k\u00f6nnte ich ohne weiteres sagen \u201eWieviel ist 2 x 2?\u201c und sie sagt \u201egr\u00fcn\u201c Dann sage ich: \u201eNein, das ist doch blau\u201c und sie sagt:\u201cNein, das ist doch 4!\u201cOder so \u00e4hnlich. Eine Maschine, die Sie verbl\u00fcfft, was immer sie auch macht, die stets macht, was Sie nicht erwarten, das ist genau das Faszinierende.<\/i><\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt die Fortsetzung besser:<i> Jetzt muss ich noch \u00fcber meine Verh\u00e4ltnis zu meinen Maschinen sprechen. Ich habe hier einen seltsamen Vorschlag. Wenn man mich fragt: \u201eHeinz, was sind deine Maschinen?\u201c dann antworte ich: \u201eIch bin meine Maschine\u201c, denn was ich jetzt zum Beispiel wissen will, wie viel Uhr es ist, nimmt meine Maschine das an die Hand, schaut auf diese Sache und sagt: \u201eHeinz, du hast noch sieben Minuten zu reden\u201c. Wenn ich jetzt die Vernetzung in ein globales, nein, in ein universales Verh\u00e4ltnis setze, bin ich vernetzt mit dem Universum, also jetzt werde ich, wie Sie sehen, das Universum \u00e4ndern. <\/i>Dreht an seiner Uhr. (&#8230;) <i>Wenn man das versteht, dass man ununterbrochen das Universum \u00e4ndert, f\u00fchlt man sich ganz anders \u2013 im Universum. Dann ist es das Opfer und nicht ich. &#8230; Dann kann ich versuchen, mich selber zu verstehen. Trotzdem lasse ich mich von dieser Verf\u00fchrung nicht verf\u00fchren. Denn ich selber wei\u00df von mir, dass ich eine nicht-triviale Maschnie bin. Und von daher ist die Hoffnung,\u00a0\u00a0 dass ich mich verstehen werde, einfach nicht zu erf\u00fcllen.<\/i><\/p>\n<p>(<i>Vorspann<\/i> zu der Auswahl <i>ShortCuts<\/i>, Zweitausendeins 2001,7f.)<\/p>\n<p>29.12.2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinz von Foersters Reden und Texten in KybernEthik, Merve Verlag, Berlin 1993 empfehlenswerte Rezension: systemagazin &#8211; Klassiker \u2013 Heinz von Foerster- Kybernethik\u201c\u00a0und Short Cuts 5. Auswahlband in Zweitausendeins, Frankfurt 2001 Ich wollte den O-Ton des Wissenschaftlers, Mathematikers, des Kybernetikers. 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