{"id":1670,"date":"2013-12-09T00:45:07","date_gmt":"2013-12-08T23:45:07","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1670"},"modified":"2015-04-23T18:32:25","modified_gmt":"2015-04-23T17:32:25","slug":"gesten-1993-reloaded-die-geste-des-malens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1670","title":{"rendered":"&#8218;Die Geste des Malens&#8216;! &#8211; ehrlich?"},"content":{"rendered":"<p><strong><\/strong><i>Die Wiederbegegnung mit dem mir lange bekannten Text aus dem noch von Flusser 1991 komponierten (editorische Notiz) Buch \u201eGesten\u201c verlief leidenschaftlich.\u00a0<!--more--><\/i><i>Seitenangaben nach: Fischer Wissenschaft 12241, 1994 S.97-99.<\/i><\/p>\n<p>Er ist ein Neuerer, ein Neut\u00f6ner, ein Barbar, der von Null anf\u00e4ngt. Er wirft den ganzen Spieltisch um wie schon andere Avantgardisten vor ihm und f\u00e4ngt das Spiel neu an. Deshalb muss er ja auch niemanden zitieren und explizit kritisieren. So etwas h\u00e4lt blo\u00df auf. Wie er uns bald gesteht, ist es egal, wo er angefangen hat. Am Anfang stand eine vage Vorstellung, die durch Hin- und Herdrehen Konturen und Aura als\u00a0<i>Enigma<\/i>\u00a0(91) gewinnt. Wittgenstein II ! Deshalb hat er den nicht gelesen, er w\u00e4re vor Ungeduld wahnsinnig geworden.<\/p>\n<p>Paul Feyerabend sah auf dem Feld der Naturwissenschaftlern solchen Revolution\u00e4ren gleichm\u00fctig und mit Sympathie zu, zuletzt im Interview auf der Terrasse seiner r\u00f6mischen Wohnung. Sie k\u00f6nnen unter den rigiden Erfolgskriterien ihrer Zunft auf die Dauer aber auch keinen gro\u00dfen Schaden anrichten, h\u00f6chstens ein paar Millionen F\u00f6rdergelder verbraten. Ideologische, weltanschauliche Kollateralsch\u00e4den sind weniger zu bef\u00fcrchten.\u00a0In den Geisteswissenschaften und in der Philosophie sieht es schon anders aus. Die Weckung unbestimmter Bereitschaft hat sich angesichts der Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts als besonders gef\u00e4hrlich erwiesen. (Dazu Schlaffer : Das entfesselte Wort \u2013 Nietzsches Stil und seine Folgen, Hanser M\u00fcnchen 2007)<\/p>\n<p>Ich lese den Essay\u00a0<i>Geste des Malens<\/i>\u00a0und werde\u00a0 \u2013 anders als vor Jahren \u2013 bald des Hin- und Her seines Sprachspiels \u00fcberdr\u00fcssig. Sind neue Philosophien Biotope des Sprachspiels? Woraus zieht es seinen Zauber f\u00fcr so viele K\u00f6pfe? Die vielen gescheiterten fr\u00fcheren Glasperlenspiele und Inszenierungen von Aufbruch scheinen sie nicht irre zu machen. Und findest du nur das Zauberwort&#8230; Erl\u00f6sung wie im M\u00e4rchen. Das w\u00e4re eine denkbare Quelle der Faszination.\u00a0<i>Wir sind Gesten<\/i>\u00a0(97).\u00a0 Ja dann! Und wenn es so weiter geht:\u00a0<i>Wir sind nicht allein in der Welt und wissen davon, weil rings um uns die Gesten der anderen auf uns deuten<\/i>, kann man sich aus dem\u00a0<i>ph\u00e4nomenologischen<\/i>\u00a0Befund in eine menschenfreundliche Predigt mit moralisch-positivem Ausgang versetzt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Und wir werden uns bedeutsam.\u00a0<i>Pinselstriche, Fu\u00dfbewegungen, Augenblinzeln des Malers<\/i>\u00a0werden in der Betrachtung als Gesten mit Bedeutung aufgeladen. In der Politik hei\u00dft eine entsprechende Aufladung \u201aSymbolpolitik\u2019.\u00a0<i>Der Maler wird in der Geste des Malens wirklich, weil sein Leben darin auf ein Ver\u00e4ndern der Welt abzielt. Es zielt auf das zu malende Gem\u00e4lde und durch es hindurch auf die anderen , die mit dem Maler da sind: auf die Zukunft<\/i>. (97\/98)<\/p>\n<p>Die Vermutung best\u00e4tigt sich bald:\u00a0<i>Bedeutung haben, Bedeutung geben, die Welt ver\u00e4ndern und f\u00fcr den andern da sein<\/i>\u00a0sollen\u00a0<i>den gleichen Umstand ausdr\u00fccke<\/i>n, das alles<i>\u00a0hei\u00dft frei sein<\/i>\u201c (98).\u00a0<i>Erst nachtr\u00e4gliche Erkl\u00e4rungsversuche unterscheiden an ihm ontologische, \u00e4sthetische und politische Funktionen. Konkret ist die Freiheit unteilbar: sie ist die Form, durch die wir erkennen, dass andere mit uns in der Welt sind.<\/i>\u00a0(98)<\/p>\n<p>Die Sache hat f\u00fcr mich zwei negative Aspekte:<\/p>\n<p>1 \u00a0Auftritt Flussers als Prophet der Abrissbirne<\/p>\n<p>Flussers Beginn bei der\u00a0<i>Geste des Malens<\/i>\u00a0war wieder einmal willk\u00fcrlich \u2013 didaktisch oder rhetorisch &#8211;\u00a0 gew\u00e4hlt. Die plakatierten Themen sind nur Fl\u00f6tenkl\u00e4nge des Rattenf\u00e4ngers f\u00fcr Leser, die darin Neues \u00fcber die Welt erfahren wollen. Das ist ein harmloser Trick, auf den niemand lange hereinf\u00e4llt. Das n\u00e4chste Mal? Flusser scheint zu vertr\u00f6sten:\u00a0<i>Die Bedeutung der Geste des Malens ist das zu malende Bild. Von ihm war in diesem Essay wenig die Rede, weil hier die Absicht verfolgt wurde, die Aufmerksamkeit auf die Geste selbst zu richten. (&#8230;) Das gemalte Bild ist die erstarrte, gefrorene Geste.\u00a0<\/i>(99) &#8211; Verschiedene fahrbare Treppen an immer denselben Flieger anzudocken, so habe ich\u00a0<i>ph\u00e4nomenologisch<\/i>\u00a0nicht verstanden. Haben unsere T\u00e4tigkeiten keine eigene W\u00fcrde, bieten sie der Reflexion etwa keinen ernstzunehmenden Widerstand, der\u00a0zu ihrem Verst\u00e4ndnis die intensive Besch\u00e4ftigung n\u00f6tig machen w\u00fcrde? So kann man getrost \u00fcber alle Ph\u00e4nomene, denen man Lippenbekenntnisse leistet, hinweg reden und sich dabei wohl f\u00fchlen.\u00a0Ein paar Zeilen sp\u00e4ter schwingt der Meister schon drohend die Abrissbirne, hebt demonstrativ die Krallen seiner angestrebten Theorie:\u00a0<i>G\u00e4be es eine allgemeine Theorie des Gesten, eine semiologische Disziplin, welche gestatten w\u00fcrde, Gesten zu entziffern, dann w\u00e4re Kunstkritik nicht wie heute, eine Sache der Empirie oder der \u201aIntuition\u2019, oder ein kausales Wegerkl\u00e4ren der \u00e4sthetischen Ph\u00e4nomene, sondern eine exakte Analyse der zu Gem\u00e4lden erstarrten Gesten\u00a0<\/i>als\u00a0<i>Choreographologie<\/i>.<i>\u00a0<\/i>(99)<\/p>\n<p>Uff!\u00a0 Was f\u00fcr eine groteske sprachliche Verbindung : Hier\u00a0<i>Gem\u00e4lde\u00a0<\/i>(G\u00e4be es kein<i>e\u00a0<\/i>passenderen Genres seit dem 20.Jahrhundert?) und dort\u00a0<i>exakte Analyse\u00a0<\/i>im Sinne einer\u00a0<i>exakten\u00a0<\/i>\u00a0Lehre von deren Choreographie. In einem Maschinenballett der Pinselstriche. Das hatten die Bolschewiken noch nicht erfunden! Und wieder der Traum einer totalen Durchdringung der Praxis, der\u00a0<i>Empirie<\/i>, der\u00a0<i>Kreativit\u00e4t<\/i>\u00a0und so weiter durch\u00a0<em>allgemeine Theorie<\/em>. Wenn das nicht totalit\u00e4r ist! Als megalomane Phantasie.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich der auf sibyllinische Art vers\u00f6hnliche Schluss:\u00a0<i>In Ermangelung einer solchen Choreographologie<\/i>\u00a0solle man\u00a0<i>als bessere Strategie\u00a0<\/i>(?)\u00a0<i>die Geste selbst beobachten, so wie sie sich konkret vor uns, und daher in uns, ereignet<\/i>:\u00a0<i>als ein Exempel der Freiheit. &#8211; Als Exempel<\/i>! \u2013\u00a0<i>Es bedeutet zu versuchen,<\/i>\u00a0<i>die Welt mit neuen Augen anzusehen, ohne die Brille der objektivierenden und abstrahierenden Vorurteile, die uns von unserer Tradition aufgesetzt wurde.<\/i><\/p>\n<p>Man darf wohl fragen, wozu? Als zweitbeste L\u00f6sung, um die Tradition, die hier opak die \u201ab\u00f6se\u2019 Rolle spielt, schon mal weiter zu lockern?\u00a0<i>Dann\u00a0<\/i>(&#8230;)\u00a0<i>leuchtet die Welt wieder im Glanz der konkreten Ph\u00e4nomene<\/i>. Sie soll es<i>\u00a0<\/i>d\u00fcrfen unter futuristischen Vorzeichen, einer Zukunft der permanenten &#8218;Optimierung&#8216; auch dessen, was \u201ain\u2019 uns sein mag, etwa des \u00e4sthetische Empfindens. Flusser beweist jedenfalls, dass er als Revolution\u00e4r durch keinerlei innere Bindung an einzelne kulturelle\u00a0<i>Gesten<\/i>\u00a0gehemmt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2. Quietismus.<\/p>\n<p>Alles wird noch gut, wenn wir es nur im richtigen Bewusstsein tun! Ganz mein Eindruck von der Stimmung in zeitgen\u00f6ssischen Kunstgalerien, wo mir ebenso Assoziationen zu \u201aSlow Food\u2019 und anderen Formen der\u201aEntschleunigung\u2019 kommen!\u00a0Die Stimmung ist vielleicht sogar\u00a0<i>fern\u00f6stlich :<\/i>\u00a0<i>synchretistisch, \u00e4sthetisch und f\u00fchrt\u00a0<\/i><i>unter anderem zu mystischem Welterleben<\/i>\u00a0(96)<\/p>\n<p>9.12.2013<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wiederbegegnung mit dem mir lange bekannten Text aus dem noch von Flusser 1991 komponierten (editorische Notiz) Buch \u201eGesten\u201c verlief leidenschaftlich.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,101],"tags":[],"class_list":["post-1670","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung","category-flusser-essays"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1670","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1670"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1670\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1835,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1670\/revisions\/1835"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1670"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1670"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1670"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}