{"id":1657,"date":"2013-12-26T12:25:43","date_gmt":"2013-12-26T11:25:43","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1657"},"modified":"2015-04-23T10:41:59","modified_gmt":"2015-04-23T09:41:59","slug":"zusammengestellt-mit-heinz-von-foerster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1657","title":{"rendered":"Geschn\u00fcrt mit Heinz von Foerster"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0<\/b>Erstes &#8218;Rettungspaket&#8216; f\u00fcr Vil\u00e9m Flusser<b>\u00a0\u00a0&#8211; Entscheidung und Verantwortung<\/b><br \/>\n<b><!--more--><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>1<\/b><\/p>\n<p>\u201e<i>Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, k\u00f6nnen <span style=\"text-decoration: underline;\">wir<\/span> entscheiden<\/i>\u201c \u00a0(HvF)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1991 hielt Heinz von Foerster (1911-2002) den Vortrag \u201eEthik und Kybernetik zweiter Ordnung\u201c vor systemischen Familientherapeuten in Paris. (<em>\u201aKybernEthik\u2019, Merve 180, Berlin 1993, S.60-83<\/em>)<\/p>\n<p>Die Rezension von Tom Levold fasst den Kern zusammen: (<i>www.systemmagazin.de\/buecher\/klassiker\/foerster_kybernethik.php<\/i>)<\/p>\n<p>\u201eEntgegen der Vermutung, die der Titel nahelegt, ist von Ethik explizit nur an wenigen Stellen die Rede. Wer auf der Suche nach Moralphilosophie ist, wird zun\u00e4chst entt\u00e4uscht. Foerster geht es um etwas anderes:<i>\u00a0Ich m\u00f6chte Sprache und Handeln auf einem unterirdischen Fluss der Ethik schwimmen lassen und darauf achten, dass keines der beiden untergeht, so dass Ethik nicht explizit zu Wort kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt degeneriert\u201c<\/i> (S. 68 f). (&#8230;) Indem er die Frage der Entscheidbarkeit von Fragen dem Bereich der\u00a0 Logik (bzw. unseren Regelkonstruktionen f\u00fcr akzeptable Beweisf\u00fchrungen) zuschl\u00e4gt, definiert er den Bereich unserer Freiheit gerade dadurch, dass wir (als Subjekte, wer sonst?) Entscheidungen treffen m\u00fcssen, wenn sich unsere Entscheidung nicht aus Regelsystemen ableiten l\u00e4sst. Auch die Entscheidungskriterien werden erst durch die Entscheidung selbst konstituiert und sind daher schon das Ergebnis von Freiheit, w\u00e4hrend bei entscheidbaren Fragen die Kriterien bereits vorgegeben (und meist die Verantwortung festgelegt) sind. Weil wir nicht wissen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir Verantwortung f\u00fcr unsere eigenen Entscheidungen \u00fcbernehmen &#8211; dabei bezieht sich die Verantwortung auf die sozialen Konsequenzen unserer Entscheidungen, nicht auf die Wahrheitswerte!<i>\u201c<\/i><\/p>\n<p>Foerster beantwortet die Frage, die sich mir bei Flusser aufdr\u00e4ngt, <span style=\"text-decoration: underline;\">wann<\/span> wir \u201aspringen\u2019 oder auch nicht, im Rahmen einer ausgesprochen maschinentauglichen Erkenntnistheorie, die aber ebenso auf anthropologischen Konstanten aufbaut, die Erfahrung der Menschheitsgeschichte nutzt. In seiner Huldigung an die \u201aMagie\u2019 der menschlichen Sprache im Schlussteil der Rede h\u00f6re ich als Hintergrund die Stimme der \u00c4ltesten der Dogon in Mali\/Westafrika, deren Mythos von der Sprache Germaine Dieterlen aufgezeichnet hat. (Nachzulesen in meiner <span style=\"text-decoration: underline;\">Abiturrede 2000<\/span>).<\/p>\n<p>&#8211; Ist Flusser auf der Grundlage von Martin Bubers Dialogik nicht auch zu entsprechenden Schl\u00fcssen gekommen?<\/p>\n<p>&#8211; \u00a0Nat\u00fcrlich, erst vor drei Wochen hast du seinen Ausruf <em>Wir sind Gesten!\u00a0<\/em>\u00a0anl\u00e4sslich der <em><span style=\"text-decoration: underline;\">Geste des Malens<\/span><\/em> auseinander genommen. So war er eben, red&#8216; nur weiter!<em><\/em><\/p>\n<p>&#8211; Doch warum glaubte er, dass eine im Dialog verankerte Gesellschaft erst und ausgerechnet im Rahmen einer Sozialutopie mit apparatistischer Schlagseite zu realisieren sei? \u00dcbersch\u00e4tzte er nicht das Potential der Gattung Mensch, ihre \u201eHeimt\u00fccke\u201c (\u201eH\u00e4user bauen\u201c) zu \u00fcberwinden? Verlie\u00df ihn bei der Ertr\u00e4umung des neuen Menschen nicht seine im Leben geankerte Ironie, wie sie mir aus dem Essay &#8222;<em>Wohnwagen<\/em>\u201c in Erinnerung ist: <em>D<\/em><i>ann k\u00f6nnte man Lebensform des Wohnwagenbesitzers als &gt;bodenlos-fratriarchalisch&lt; bezeichnen, ohne sich darunter allerdings viel vorstellen zu k\u00f6nnen. Es ist n\u00e4mlich fraglich, ob Schiller den Camping meinte, als er sagte, dass alle Menschen Br\u00fcder werden<\/i>.\u201c (48\/49) \u201aAlle Menschen werden &#8230;&#8216; ist aber bereits hier mehr als ein Zitat.<\/p>\n<p>Meinte Flusser wirklich, dass daf\u00fcr erst epochale Blockaden fallen m\u00fcssten? Machte er nur sie daf\u00fcr verantwortlich? Musste er aufgrund seiner eigenen Erfahrungen die Macht der Hindernisse \u201aHaus\u2019, \u201aHeimat\u2019, \u201aNationalismus\u2019 und der angeblichen \u201aObjektivit\u00e4t\u2019 \u00fcbersch\u00e4tzen?\u00a0Doch so ernst war es ihm ja auch nicht mit seiner immer wieder psalmodierten Epochalisierung, wie er irgendwo einmal durchblicken l\u00e4sst. Sprach nicht auch Martin Buber in der Gegenwartsform vom Dialog? Wenn Foerster uns einl\u00e4dt, ihm in ein Land zu folgen, in dem der verbotene Gedanke der Kybernetiker einer <em>Zirkularit\u00e4t von Beobachten und Konversieren<\/em>\u00a0\u00a0nicht verboten ist (HvF 64), ist das jedenfalls kein Land der Utopie, sondern eine Metapher f\u00fcr einen menschlichen Ort in Gegenwart und Vergangenheit, den der existierenden menschlichen Freiheit und Verantwortung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Flusser wieder einmal beim Wort genommen, in einem Ausschnitt des Tschudin-Interviews im September 1991:<\/p>\n<p><i>Alles <span style=\"text-decoration: underline;\">was mechanisierbar ist, ist menschenunw\u00fcrdig.<\/span> Man wird Mensch, indem man herausfindet, was an einem mechanisierbar ist<span style=\"text-decoration: underline;\"> und es an Maschinen abschiebt. Der Rest<\/span>, der bleibt, der \u2013<span style=\"text-decoration: underline;\"> vorl\u00e4ufig <\/span>&#8211; nicht mechanisierbar ist, das ist das <span style=\"text-decoration: underline;\">Menschwerdende<\/span>. Und der gewordene Mensch ist <span style=\"text-decoration: underline;\">dann der, der \u00fcberhaupt nicht mehr mechanisierbar ist. Das k\u00f6nnen wir uns \u00fcberhaupt nicht vorstellen<\/span>.<\/i>\u00a0(VF 131)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kritik:<\/p>\n<p>1. an der Wertung\/Abwertung eines bisher wesentlichen \u201aTeils\u2019 von uns : der menschlichen, auch k\u00f6rperlichen Arbeit. \u2013 Dabei hat Flusser sie anderswo explizit vermisst. Hier dreht er durch.<\/p>\n<p>2. am Traum des 19. Jahrhunderts \u2013 und des 20. &#8211; einer v\u00f6lligen Entlastung der Menschheit von Arbeit und nun auch\u00a0 <i>mechanisierbaren\u00a0<\/i>Entscheidungen, diese heute realisiert im \u201aGadget\u2019 des \u201aintelligenten Haushalts\u2019 oder immer mehr in milit\u00e4rischen Eins\u00e4tzen.<\/p>\n<p>3. am ebenso utopischen Traum, dass ein negativ gefasster Menschenbegriff in die F\u00fclle der\u00a0 Menschlichkeit umschl\u00e4gt. Das ist nicht nur \u201a<i>unvorstellbar<\/i>\u2019, das ist reiner Unsinn. Ironisch zu formulieren als\u00a0<em>Vorahnungen der &gt;Civitas Dei&lt; und der Kommunistischen Gesellschaft.<\/em>(&#8218;<em style=\"font-style: italic;\">Wohnwagen&#8216;<\/em>\u00a047)\u00a0Vor lauter Begeisterung \u00fcber diesen Traum &#8211; und, dass er ihn \u00fcberhaupt in Worte fassen kann &#8211; scheint Flusser zu entgehen, dass er das am Individuum nagende Problem, Entscheidungen zu treffen, deren Ergebnis ungewiss ist, nur verschiebt: <i>Wir m\u00fcssen nicht mehr entscheiden, sondern k\u00f6nnen den Maschinen <span style=\"text-decoration: underline;\">die Werte vorschreiben<\/span>, nach denen sie zu entscheiden haben.<\/i> Dann kommt er ausgerechnet zu dem Beispiel:<i> Der<\/i> (1.)<i> Golfkrieg ist bereits so gef\u00fchrt worden.<\/i><\/p>\n<p>Die Welt kennt in Fall Irak inzwischen das Ergebnis!<\/p>\n<p><i>Und wie entscheiden wir uns auf die Werte? <\/i>fragt er weiter:<i> Wir kommen wieder zur\u00fcck auf die Frage der Verantwortung, der Offenheit und der Vernetzung. Das<span style=\"text-decoration: underline;\"> wirklich Menschliche<\/span> ist dann, dass wir <span style=\"text-decoration: underline;\">gemeinsam mit anderen kompetenten Menschen<\/span> und mit k\u00fcnstlichen Intelligenzen<span style=\"text-decoration: underline;\"> Werte ausarbeiten<\/span>, die wir in Maschinen hineinf\u00fcttern, damit sie entscheiden. <\/i>(132) \u2013 So etwas wie \u201aherrschaftsfreier Diskurs\u2019? Mit welchen Menschen? Dass ich nicht lache!<\/p>\n<p>Technische Zwischenfrage: Wozu eigentlich der Umweg \u00fcber die Maschinen? Was ersparen <em>wir<\/em>\u00a0<em>uns<\/em> dabei? Das Programmieren ist doch wohl waghalsiger und riskanter als das Verhandeln und Beratschlagen, das Menschen seit Jahrtausenden ge\u00fcbt haben und jetzt in globalen Foren wie der UNO oder G 8 perfektionieren.<\/p>\n<p>Und wie steht es mit den logischen Anforderungen von Computern? M\u00fcssen nicht daf\u00fcr (nach Foerster)\u00a0<em>unentscheidbare Fragen<\/em>\u00a0weitestgehend in <em>entscheidbare<\/em>, in <em>Regelsysteme<\/em>\u00a0verwandelt werden? (Ich bin darin nicht kompetent). Birgt das nicht neue Fehlerquellen und provoziert das nicht die ber\u00fchmten unbeabsichtigten &#8218;Kollateralsch\u00e4den&#8216;? Der Kundus-Befehl in Afghanistan ist f\u00fcr mich so ein Fall, wo vermutlich pers\u00f6nlich integre Milit\u00e4rs <i>gemeinsam mit anderen kompetenten Menschen\u00a0und mit k\u00fcnstlichen Intelligenzen (VF)\u00a0<\/i>Schreckliches ausl\u00f6sten. Unbeabsichtigt? Unter Strafjuristen sieht man die Verantwortlichkeit eines Menschen oder einer Gruppe auch darin gegeben, dass Sch\u00e4den &#8218;billigend in Kauf genommen werden&#8216;.\u00a0Foerster erinnert daran, dass sich diese Verantwortung f\u00fcr unsere eigenen Entscheidungen auf deren sozialen Konsequenzen bezieht, nicht auf <em>Wahrheitswerte\u00a0<\/em>oder <em>Regelsysteme<\/em>. Ist das nicht ein Grund f\u00fcr die Traumatisierung von Soldaten?<\/p>\n<p>Hans Jonas wiederum hat, \u00fcber Foersters und Wittgensteins\u00a0 Position in Richtung <em>Moralpredigt<\/em>\u00a0(H.v.F. 69) hinausgehend ethische Entscheidungshilfen entwickelt: Minimierung der Risiken und Entscheidung entsprechend der Bedeutung einer Gef\u00e4hrdung.<\/p>\n<p>Flusser ist an einer solchen Diskussion schon lange nicht mehr beteiligt. Und Patrik Tschudin hat nicht nachgefragt. Der bereits anderswo beklagte wilde Argumentationsstil Flussers und die Unf\u00e4higkeit seiner Interviewer, ihm ernsthaft auf den Zahn zu f\u00fchlen, haben meines Erachtens ernste Konsequenzen f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Theorie. Der Kybernetiker besch\u00e4mt den Philosophen. Kann Foerster mit seiner Bemerkung uns vielleicht einen Erkl\u00e4rungsansatz daf\u00fcr liefern?<\/p>\n<p>Der Erfolg und die Produktivit\u00e4t der \u201aKybernetik\u2019 habe <i>vor etwa einem halben Jahrhundert<\/i>\u00a0(1991) zu einer <i>Euphorie des Philosophierens. Epistemologisierens und Theoretisierens aus \u00fcber die Konsequenzen dieses Konzepts<\/i>\u2019 gef\u00fchrt. In Verbindung damit h\u00e4tten viele <i>sich immer st\u00e4rker in eine immer gr\u00f6\u00dfere Zirkularit\u00e4t eingeschlossen gesehen, ob in der Zirkularit\u00e4t ihrer Familie, der ihrer Gesellschaft und Kultur oder sogar in eine Zirkularit\u00e4t kosmischen Ausma\u00dfes\u00a0<\/i>(HvF 62f.) &#8211; K\u00f6nnte das auch Flusser passiert sein, in offensichtlich verz\u00f6gerter Rezeption? Gerade auch im Tschudin-Interview, wo er sich geradezu in mystische Begeisterung \u00fcber Wissenschaft als (reine) Kommunikation redet: Das Ich ist v\u00f6llig abgetan, so etwas wie &#8218;Alltag&#8216; uninteressant. (VF 125)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>25.12.13<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Flusser-Texte aus: \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c, Bollmann Verlag 1993, eva\u00a0 258, 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Erstes &#8218;Rettungspaket&#8216; f\u00fcr Vil\u00e9m Flusser\u00a0\u00a0&#8211; Entscheidung und Verantwortung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-1657","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1657"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2034,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1657\/revisions\/2034"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}