{"id":16510,"date":"2025-12-02T13:02:30","date_gmt":"2025-12-02T12:02:30","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16510"},"modified":"2025-12-02T13:04:10","modified_gmt":"2025-12-02T12:04:10","slug":"ich-hatte-nur-das-nichts-shoah-von-claude-lanzmann-in-der-mediathek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16510","title":{"rendered":"\u201eIch hatte nur das Nichts : &#8218;Shoah&#8216; von Claude Lanzmann\u201c in der Mediathek"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der arte Mediathek bis 18. Mai 2026 anzusehen<\/strong>: <em><strong>LINK<\/strong><\/em>, mit redaktionellem Vorwort. Neunzig konzentrierte Minuten statt neuneinhalb Stunden &#8222;Shoah&#8220; &#8211; ebenfalls in der Mediathek &#8211; ist als Konzentrat aus dem Abstand von vierzig weiteren Jahren ein passendes Angebot f\u00fcr st\u00e4ndig abgelenkte und \u00fcberforderte Menschen, aber bitte nicht im Smartphone-Format!<\/p>\n<p>Ich versuchte aus meinen Beobachtungen und Emotionen, die auch Menschen im Polen der Siebziger Jahre zeigen, eine Art Rezension zu destillieren, was nicht leicht fiel. Ein erster Leser fand das Ergebnis &#8222;ber\u00fchrend&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\"><strong>26.11.2025. (ARTE) \u201eIch hatte nur das Nichts : \u201eShoah\u201c von Claude Lanzmann\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Als ich in die laufende Sendung \u201azappe\u2018, sind wir bald bei Lanzmanns Reise nach Treblinka, seine erste im Jahr 1978. Dort sieht und h\u00f6rt man sich mit dem Filmteam um, sicher eine halbe Filmstunde lang. Ich nehme gebannt wahr, was unsere Busreise zehn Jahre sp\u00e4ter die Sch\u00fcler und mich nur ahnen lie\u00df, aber eine gegl\u00fcckte Fotoserie stark stilisierend andeutet.<\/p>\n<p>Habe ich Claude Landsmann damals bereits verstanden? Es ging ihm darum, drei Jahrzehnte \u201adanach\u2018 die letzte Chance zu ergreifen, mittels Augenzeugen, T\u00e4tern und \u00fcberlebenden Opfern, die er in der ganzen Welt aufsp\u00fcren musste, einen erlebten und erlittenen Holocaust f\u00fcr einen Moment Gegenwart werden zu lassen und &#8211; bei Ortsbegehungen, in Gesten und sogar Liedern &#8211; in einer \u00fcberw\u00e4ltigend \u201aw\u00fcsten\u2018 Umgebung, einem schier endlosen Wald mit wenigen elenden Randexistenzen, die vom Tatort des unbeschreiblichen Massenmordes nicht wegziehen konnten.<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, in eine tiefere Schicht des Landes einzutauchen, das ich mit Sch\u00fclern nach scheinbar bew\u00e4hrtem Drehbuch immer wieder als Gast und vielseitig interessierter Beobachter besuchte. Ich wollte mich und meine Sch\u00fcler von diesem f\u00fcrchterlichen Aspekt dominieren und herabziehen lassen. Und die \u201aTatorte\u2018 waren bereits \u201agereinigt\u2018.<\/p>\n<p>Das Making-of von \u201eShoah\u201c wird zur fesselnden Entdeckungsgeschichte. Lanzmanns endlose Geduldsproben w\u00e4hrend elf Jahren werden kunstvoll rabiat abgek\u00fcrzt. Neunzig Minuten k\u00f6nnen viel st\u00e4rker wirken als neuneinhalb Stunden.<br \/>\nLanzmann konnte sich und die Zeugen des Massenmordes lange nicht (und manche T\u00e4ter gar nicht) dazu bringen, das traumatisierende Zentrum der Shoah zu ber\u00fchren, den Tod.<\/p>\n<p>Diese scheinbar un\u00fcberwindliche Hemmschwelle lie\u00df ihn \u201aalle\u2018 Mittel versuchen.<br \/>\nMan n\u00e4hert sich den Menschen wieder mit ihm auf H\u00f6rweite, ihren K\u00f6rpern und Gesichtern auf Armesl\u00e4nge, z.B. in der Enge eines Fris\u00f6rladens oder im F\u00fchrerhaus einer schwarzen Rauch aussto\u00dfenden Dampflok, auf einem alten Kahn. \u201aVergangenes\u2018 wird f\u00fcr einen Moment lebendige Gegenwart. Mehr geht nicht. Lanzmann res\u00fcmierte: \u201eIch hatte nur das Nichts\u201c. Die drohende Aussicht einer mit routiniert einmontierten Schockmomenten blo\u00df aufgeschminkten \u201etoten Geschichte\u201c trieb ihn an.<\/p>\n<p>Da der Film das verborgene Nachleben in den Menschen zum Ausgangspunkt nimmt, ist auch diese Dokumentation stark und frisch und weckt in uns unweigerlich das Bild der Nachwirkungen der Verheerungen aktueller Verbrechen und Katastrophen.<br \/>\n.<br \/>\nDie Entscheidung der Produzenten des Features, den Ich-Erz\u00e4hler aus seiner Autobiografie zu destillieren und keine der in den neun Stunden Dauer von \u201eShoah\u201c f\u00fcr die Wahrnehmung bereits \u201averbrauchten\u2018 Szenen zu benutzen, war klug. So viele konventionell \u201aunbrauchbare\u2018 Filmschnipsel habe ich noch nicht \u201afunktionieren\u2018 gesehen! Lanzmann selbst spricht einmal von seiner \u201eTrag\u00f6die\u201c, einen Film machen zu m\u00fcssen. Doch das K\u00e4mpfen gegen das Unm\u00f6gliche hat sich gelohnt. Ich sagte Karin anschlie\u00dfend , ich h\u00e4tte ihn \u201ef\u00fcr mich\u201c angesehen und nicht wie gewohnt mit didaktischem Seitenblick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der arte Mediathek bis 18. Mai 2026 anzusehen: LINK, mit redaktionellem Vorwort. Neunzig konzentrierte Minuten statt neuneinhalb Stunden &#8222;Shoah&#8220; &#8211; ebenfalls in der Mediathek &#8211; ist als Konzentrat aus dem Abstand von vierzig weiteren Jahren ein passendes Angebot f\u00fcr st\u00e4ndig abgelenkte und \u00fcberforderte Menschen, aber bitte nicht im Smartphone-Format! 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