{"id":1648,"date":"2013-12-24T12:48:52","date_gmt":"2013-12-24T11:48:52","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1648"},"modified":"2015-04-23T18:20:58","modified_gmt":"2015-04-23T17:20:58","slug":"lebensspiel-punkt-zwei-null","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1648","title":{"rendered":"Lebensspiel Zwei Punkt Null"},"content":{"rendered":"<p>Vil\u00e9m Flusser: \u201eK\u00fcnstliches Leben\u201c in den \u201eNachgeschichten\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine andere Geschichte sei vorausgeschickt. Horst Haider Munske rezensierte unter der Rubrik \u201aForschung und Lehre\u2019 (FAZ 18.12.2013. N5) aufmerksam den \u201eersten Bericht zur Lage der deutschen Sprache\u201c, der voll und ganz auf Computeranalysen von \u201a\u00fcber einer Milliarde Wortformen\u2019 basiert. Das Werk erinnert ihn schlie\u00dflich aber doch an den \u201aWitz von dem Mann, der nachts unter einer Laterne vergeblich seinen Schl\u00fcssel sucht und auf die Frage, ob er ihn sicher hier verloren habe, antwortet: \u201eWei\u00df nicht, aber hier ist gut suchen\u201c.\u2019 Er vermisst vor allem einen zentralen Bereich, der bei der \u201eLage der deutschen Sprache\u201c unber\u00fccksichtigt bleibt, \u201aist das weite Feld gesprochener Sprache, \u201adie Prim\u00e4rsprachen des Menschen, welche die Sprachentwicklung pr\u00e4gen\u2019. Und er f\u00fcgt hinzu: \u201aSolche Weiterarbeit wird schwieriger und aufwendiger sein, da Sprachverm\u00f6gen und m\u00fcndlicher Sprachgebrauch erst systematisch erhoben werden m\u00fcssen\u2019.<\/p>\n<p>Daran muss ich bei Flussers Essay denken, wenn er von den <i>Steinchen (calculi) in den Mosaikstrukturen<\/i> schw\u00e4rmt (197), wenn er gen\u00fcsslich ausmalt, wie <i>die F\u00e4den aus Kausalketten oder logischem Denken herausgerissen (werden) , sodass Prozesse wie zerrisssene Perlenketten auseinanderkollern<\/i>, um dann<i> \u00fcber die trennenden Intervalle hinweg wieder integriert (&gt;komputiert&lt;) zu werden<\/i>. (196) Flusser <i>springt<\/i> und die <i>calculi <\/i>springen mit ihm. <i>\u00dcberall konstatiert<\/i> er das <i>\u00a0f\u00fcr das k\u00fcnstliche Leben typische Springen. <\/i>197)<\/p>\n<p>Anders als Hans Blumenberg, der \u2013 in \u201aDie Vollz\u00e4hligkeit der Sterne\u2019 (posthum 1997 erschienen) &#8211; von der auch darin beobachtbaren \u201aLebensexpansion\u2019 und dem Prinzip eines \u201a\u00fcberschie\u00dfenden Lebens\u2019 ausgeht, w\u00e4hlt Flusser eine abstrakte anthropologische Konstante menschlicher Kultur, das Zusammenspiel von <i>Informationserzeugung, -\u00fcbermittlung und -lagerung <\/i>(194), um daraus den Schluss zu ziehen: <i>Wir leben &gt;theoretisch&lt;, <\/i>insofern immer schon <i>ein k\u00fcnstliches Leben.<\/i><\/p>\n<p>Wie die oben erw\u00e4hnten Linguisten begn\u00fcgt er sich mit dem, was in diesem Lichtkegel erfassbar ist. Durch die technische Revolution in der Informationsverarbeitung <i>k\u00f6nnen wir schon jetzt das f\u00fcr Menschen Spezifische in unbelebten Objekten simulieren.<\/i> Und gleich weiter: <i>K\u00fcnstliche Intelligenzen sind auf Theorie fu\u00dfende Lebenstechnik. <\/i>(195) \u2013 Das ist alles unbestritten und vor allem als Essayliteratur virtuos.<\/p>\n<p>Und wo er gerade dabei ist, stellt er auch klar:<i> Der inspirierte K\u00fcnstler, der engagierte Politiker, der klassenbewusste Arbeiter, der erleuchtete Weise werden zu Dinosauriern. <\/i>(196) Ihre Motivationen sind <i><span style=\"text-decoration: underline;\">inoperativ<\/span><\/i><span style=\"text-decoration: underline;\">.<\/span> Er legt noch nach: <i>Warum ist diese Methode erst so sp\u00e4t auf das <span style=\"text-decoration: underline;\">Lebensspiel<\/span> angewandt worden? Newton und Leibniz <\/i>h\u00e4tten doch schon <i>das Kalk\u00fcl <\/i>angewandt.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft <i><span style=\"text-decoration: underline;\">inoperativ<\/span> \u2013 <\/i>wof\u00fcr?<i> <\/i>Dem Leser sollten die verborgenen Kettf\u00e4den seines Gedankenspiels (vgl. den Essay \u201eTeppiche\u201c) immer als Warnung gegenw\u00e4rtig sein sein. Sichtbar werden sie hier in dem furchtbaren Satz: <i>Das k\u00fcnstliche Leben hat keine spontanen Leitf\u00e4den, der &gt;Sinn des Lebens&lt; wurde entfernt. Man \u00fcberspringt st\u00e4ndig Intervalle und erlebt sie als &#8230;. Miniaturen des Todes. Das Erlebnis der Intervalle hei\u00dft &gt;Langeweile&lt;. <\/i>(197)<\/p>\n<p>Die sch\u00f6ne \u201aMetapher\u2019 <i><span style=\"text-decoration: underline;\">Lebensspiel<\/span> <\/i>suggeriert, dass es im Lichtkegel und vom Lichtkegel erfassbar ist. So ist Flusser auch im Essay \u201e<i>Gesellschaftsspiele<\/i>\u201c vorgegangen: bewegte sich auf dem vertrauten Feld <i>geschlossener Spiele<\/i> &#8211; unweigerlich kam er auf <i>Schach<\/i> \u2013 um dann zuzugeben, dass man mit <i>offenen Spielen<\/i> schon theoretisch weit gr\u00f6\u00dfere Probleme haben w\u00fcrde. Ob die Aufgabe \u00fcberhaupt l\u00f6sbar ist \u2013 diese Frage soll ja gerade in der Mathematik gar nicht selten vorkommen \u2013 ist nicht seine Sorge, dank einer eing\u00e4ngigen Metapher und im Schutz der <i>Logik <\/i>und <i>Rationalit\u00e4t <\/i>der von ihm bewunderten Revolution\u00e4re.<\/p>\n<p>Was hat Flusser den Menschen, die nach seinen Worten in den digitalen St\u00fcrmen durch die sich ausbreitende W\u00fcste irren, zu sagen? Seine Antwort darauf ist der radikale <i>Sprung<\/i>, eine Technik, die der 1939-40 traumatisierte Migrant zu beherrschen glaubte. Die Geschichte seines zweiten Exodus voller Widerspr\u00fcche ist aber noch nicht geschrieben. Doch zweifellos trifft auf ihn zu, was er im Schlussabsatz verk\u00fcndet: <i>Wir sind unwiderruflich zu Spielern des Lebens geworden: homines ludentes. Aber man muss nicht unbedingt spielen, um die Partie zu gewinnen. Man kann auch <span style=\"text-decoration: underline;\">spielen, um<\/span> die Spielregeln zu \u00e4ndern. <\/i>(199) Datiert auf 1984. Sagt es und macht sich aus dem Staube.<\/p>\n<p><i>Man kann auch <span style=\"text-decoration: underline;\">spielen, um<\/span>&#8230;.<\/i>? Sollen wir f\u00fcr den effektvollen Paukenschlag dankbar sein? Kann jemand sich vorstellen, dass Flusser\u00a0 sich in diesem <i>Lebensspiel<\/i> mit Haut und Haaren engagieren w\u00fcrde? Oder dass er auch nur dem Projekt, angesichts des global agierenden Gegners, der wissenschaftlich-technischen Zivilisation selbst, eine reale Chance gab, <i>die Spielregeln zu \u00e4ndern<\/i>?<i> <\/i><\/p>\n<p>Ich komme immer wieder auf sein herablassendes ex-post-Urteil \u00fcber die Revolution\u00e4re von 1789-95 zur\u00fcck. 1989-90 war er selber gefordert und entt\u00e4uschte z. B. auf dem Kongress in Budapest im April 1990 mit einer Gardinenpredigt und dem wohl unvermeidlichen Schnellkurs \u00fcber seine Medientheorie. (\u201eVon der B\u00fcrokratie zur Telekratie\u201c merve 1990,103-115). In beiden F\u00e4llen f\u00e4llt die K\u00e4lte in der Diktion auf. Er verhielt sich zu den Umw\u00e4lzungen und Umbr\u00fcchen, von denen Rum\u00e4nien ja nur ein Schauplatz war, wie ein abgebr\u00fchter B\u00f6rsenstratege, der die Ereignisse schon in seine Kalkulation eingepreist hat und mit dem Kopf bereits woanders ist. Gut, dass er nur auf dem Feld der Theorie und in seiner Phantasie Stratege gewesen war. Darf ich trotzdem gespannt sein auf den n\u00e4chsten Essay?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vil\u00e9m Flusser: \u201eK\u00fcnstliches Leben\u201c in den \u201eNachgeschichten\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,101],"tags":[],"class_list":["post-1648","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung","category-flusser-essays"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1648"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1890,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648\/revisions\/1890"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}