{"id":1634,"date":"2011-07-19T21:21:26","date_gmt":"2011-07-19T20:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1634"},"modified":"2013-12-22T21:33:15","modified_gmt":"2013-12-22T20:33:15","slug":"laesst-sich-die-aura-fotografieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1634","title":{"rendered":"L\u00e4sst sich die Aura fotografieren?"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p>Dienstag, den 19.7. 2011 \u2013 an einem Tag pl\u00f6tzlicher Wetterwechsel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich verkl\u00e4re sie emphatisch zum \u00e4u\u00dfersten Selbstausdruck. Der Schein enth\u00fcllt, verh\u00fcllt zugleich, bringt in diesem Spiel zur Sichtbarkeit, etwa im Licht der Sonne, der Wahrheit, im gefilterten Licht wechselnder Bew\u00f6lkung &#8230;..<\/p>\n<p>Verlust der Aura ? Walter Benjamin hat sie vorzeitig beerdigt. Die ausgebleichte \u201eIndustriefotografie\u201c der Neuen Sachlichkeit steht mir als doktrin\u00e4res Bild vor Augen, etwa vergleichbar mit dem Slogan der 1960er Jahre: \u201aGott ist tot\u2019.\u00a0Dabei ist nichts so lebendig wie Aura, sie kann in jedem Moment wiedergeboren werden. Aura ist ins Auge eingewandert, dort ist wahrscheinlich schon immer ihr Ursprung. Fotografen k\u00f6nnen das bezeugen.<\/p>\n<p>Die ber\u00fcchtigte \u201aReproduzierbarkeit\u2019 ist nichts als die F\u00e4higkeit zur Austeilung, zur Mitteilung, zur Vermehrung der Kraft. Dass \u201adie Reproduktion\u2019 gegen\u00fcber \u201adem Original\u2019 die Herrschaft \u00fcbernommen haben soll,\u00a0 bedeutet dessen Rettung vor Zersetzung und Zerst\u00f6rung, vor dem Verschwinden, vor allem auch in Vitrinen, in Ausstellungen und dumpfen Lagern, in Bedingungen der reinen Aufbewahrung. Wir haben das Beispiel der Reise-Ikonen Alt-Russlands, der Miniaturrepliken (\u201epasseport\u201c) Afrikas, der uendlich vielen Kopien Chinas. Wie funktionieren sie? Als aide-m\u00e9moire, Erinnerungsst\u00fctzen, als Stellvertreter.<\/p>\n<p>Miniaturen im weitesten Sinn sind das Feld der allermeisten Sammler, beginnend mit Eisenbahnen, die nicht mehr fahren, Fahrpl\u00e4nen und Landkarten, M\u00fcnzen und Aktien, die ihre Geltung verloren haben, Figuren, die ihren Altar oder ihre Festtafel verloren haben, Gem\u00e4lde, denen ihr Atelier \u2013 oft seit langer Zeit \u2013 abhanden gekommen ist, ihr sch\u00f6nes Modell oder ihre sch\u00f6ne Aussicht&#8230;..<\/p>\n<p>Und sollen etwa nur \u201aKunstwerke\u2019 als Gegenst\u00e4nde Aura besitzen? Nicht auch verg\u00e4nglichere Existenzen? Davon bewahrt der Ausdruck \u201afl\u00fcchtig\u2019 eine Ahnung.<\/p>\n<p>Was bedeuten Dokumente in den performativen K\u00fcnsten? Tritt da nicht dieselbe Verwechslung ein wie bei der angeblichen Idolatrie der Wilden? Hat das Ungen\u00fcgen der Dokumentationen nicht den eigenen Wert, auf das unwiederholbar Verschwundene zu deuten, es zu be-deuten, so wie das rudiment\u00e4r bearbeitete Holz die Gottheit, den \u201aGeist\u2019? Sind wir damit nicht beim \u201apunctum\u2019 Roland Barthes, dem blo\u00df repr\u00e4sentierten Anderen, das seinen existentiellen Abstand wahrt, wie\u00a0 nah es auch uns kommen mag?<\/p>\n<p>Mythen m\u00f6gen verblichen und profaniert sein, der Lichtstrahl, in dem sie sich mit seinem Zauber aufluden, ist m\u00e4chtiger denn je. Er verwandelt noch immer zahllose triviale Filme und Bildb\u00e4nde. Er gibt gleicherma\u00dfen M\u00fcllhalden, Industriebrachen, Ruinen, ja Krieg und Gewaltverbrechen, Bildern des Jammers, Kot, dem Entsetzlichem, ja dem Unertr\u00e4glichem eine &#8211; vielleicht nie &#8211; gekannte Aura. Erinnern wir uns, wie unbefriedigend\u00a0 die Ergebnisse der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in fr\u00fcheren Jahrhunderten auf diesem Feld ausfielen, wie grob die ausgefeilten darstellerischen Mittel waren. Wie nah lagen die Szenen aus dem russischen Bauerleben des Malers Venetianov in ihrem sonnt\u00e4glichen Pathos beim s\u00fc\u00dfen Kitsch. Wie verlogen waren gar Watteaus \u201agebrochene Bl\u00fcten\u2019 der Jungfr\u00e4ulichkeit oder \u201aDie toten V\u00f6gelchen\u2019 in der Hand des herausgeputzten Bauernm\u00e4dchens (18.Jh., Paris).<\/p>\n<p>Nie war die Chance gr\u00f6\u00dfer, die Welt gem\u00e4\u00df der individuellen Sensibilit\u00e4t zur\u00fcckzuspiegeln.<\/p>\n<p>Die Schwelle der Professionalit\u00e4t, an die meist auch die Verf\u00fcgung \u00fcber die materiellen Ressourcen gebunden gewesen ist, ist verschwunden, auch der Anpassungsdruck der Schulen und Stile, der \u00f6ffentlichen Anerkennung oder der Zensur.<\/p>\n<p>Umso l\u00e4cherlicher scheint mir das Schielen vieler kunstsinniger Menschen nach Ausstellung und anderen vermeintlich nobilitierenden Ritualen des alten Kunstbetriebs. Das Warten in der menschenleeren Galerie oder auf deren Verkaufsergebnisse \u2013 Schicksal vieler in diesem Verwertungskreis verbliebenen Professionellen &#8211; spiegelt nur ihre Verfehlung des Ziels, <i>Aura <\/i>zu erfahren und einen Abglanz davon zu bewahren.<\/p>\n<p>Apropos Abglanz. Dieser Ausdruck gibt eine Ahnung von der <i>Aura<\/i>, die sich in allen lebendigen Zusammenh\u00e4ngen bis zu hom\u00f6opathischen Verd\u00fcnnungen bewahrt, bis hin zu Nachrichten davon oder Anspielungen darauf, eben Legenden &#8230;. Ich denke dabei an Mona Lisa, die Venus von Milo oder Marilyn Monroe &#8211;\u00a0 typisch! \u2013 deren Ruf so unverw\u00fcstlich ist wie der von Reliquien und Heilwassern&#8230;<\/p>\n<p>Was ich da fast automatisch hinschreibe, ist auch anderswo schon lange geschrieben worden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-1634","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fotografie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1634","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1634"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1634\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1637,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1634\/revisions\/1637"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1634"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1634"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1634"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}