{"id":16227,"date":"2025-02-03T13:27:51","date_gmt":"2025-02-03T12:27:51","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16227"},"modified":"2025-02-21T17:47:43","modified_gmt":"2025-02-21T16:47:43","slug":"wie-erzaehlt-man-afrika-das-thema-entdaemonisieren-aber-mit-humor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16227","title":{"rendered":"Wie erza\u0308hlt man Afrika? &#8211; Das Thema  entd\u00e4monisieren! Aber radikal."},"content":{"rendered":"<h4><em>Ich beschr\u00e4nke mich auf <\/em><em>Andreas Kilbs Beobachtungen an \u201ePlanet Afrika\u201c und entdecke <\/em><em>eine\u00a0 intelligente Ausstellungsmethode f\u00fcr magere Zeiten &#8211; sie haben l\u00e4ngst begonnen! &#8211;\u00a0 in seiner Doppelrezension aus Berlin.<br \/>\n<\/em><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Planet Afrika. James-Simon-Galerie, Museumsinsel Berlin, bis 24. April 2025. <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Geschichte(n) Tansanias. Humboldt Forum, seit 29. November. Jeweils kein Katalog!<\/span><\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Fragen Sie mich nicht nach der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel. Ich lese davon zum ersten Mal und muss ins Netz gehen. (<a href=\"https:\/\/www.museumsinsel-berlin.de\/gebaeude\/james-simon-galerie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) Denn das elegante Pf\u00f6rtnerhaus des ber\u00fchmten Museenparks\u00a0 steht erst seit 2019 zu Verf\u00fcgung. Ob die \u00d6ffnungszeiten \u00fcberhaupt ausreichen werden?<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-16230 size-large\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03-900x621.png\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"431\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03-900x621.png 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03-360x248.png 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03-1536x1060.png 1536w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03-624x431.png 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bildschirmfoto-2025-02-02-um-21.29.03.png 1768w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<h3>&#8222;Wie erza\u0308hlt man einen Kontinent?&#8220;\u00a0 Andreas Kilb\u00a0\u00a0 11.12.2024 FAZ\u00a0 &#8211;\u00a0 AUSZ\u00dcGE<\/h3>\n<p><em>\u00a0<\/em>(&#8230;.) Wenn die Begriffe \u201eAfrika\u201c und \u201eMuseum\u201c zusammentreffen, kommt vermintes Gel\u00e4nde in Sicht. Fast immer geht es um Kolonialverbrechen, Kunstraub und Restitution, europ\u00e4ische und indigene Narrative, und regelm\u00e4\u00dfig stehen sich zwei Seiten gegen\u00fcber, eine, die Forderungen stellt, und eine andere, die mehr oder minder bereitwillig nachgibt. Ein kulturgeschichtlicher Blick, der nach Kontinuit\u00e4ten sucht, &#8230;. steht bei solchen Debatten auf verlorenen Posten. Unter den vielen Geschichten, die man \u00fcber Afrika erz\u00e4hlen kann, sticht die eine, die Leidensgeschichte, alle anderen aus, zumindest auf absehbare Zeit.<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u201ePlanet Africa\u201c in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel will diesen Mechanismus durchbrechen. Hier bekommt der Kontinent jene \u201eagency\u201c, sprich Handlungsmacht, zugeschrieben, von der postkoloniale Aktivisten sonst nur abstrahierend reden, und zwar in einem umfassenden, menschheitsgeschichtlichen Sinn. Denn Afrika ist nicht nur die Urheimat des Menschen, sondern auch die Landmasse mit der gr\u00f6\u00dften Biodiversit\u00e4t, dem gr\u00f6\u00dften humanen Genpool und der gr\u00f6\u00dften Zahl gesprochener Sprachen auf der Erde. Eine einzigartige Vielfalt von Kulturformen<\/p>\n<p>(&#8230;.. )Die Ausstellung, die vom Deutschen Arch\u00e4ologischen Institut zusammen mit dem Berliner Museum f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte, der Universit\u00e4t von Ghana in Accra und einigen unabh\u00e4ngigen Experten kuratiert wird, bl\u00e4ttert die lange Geschichte des Kontinents in zwanzig Schauboxen auf, die jeweils einen Teilaspekt durch Fotos, Texte, Dokumentarfilme und Animationen erschlie\u00dfen und durch Vitrinen mit Leitobjekten erg\u00e4nzt werden. \u00a0&#8230;.<\/p>\n<p>Die Ausstellung, die auch in M\u00fcnchen und Chemnitz und in f\u00fcnf afrikanischen Staaten gezeigt werden soll, darf auch mit anderen Exponaten best\u00fcckt werden, nur ihre Informationsmodule sind vorgegeben. Weil sie im Wesentlichen aus Bild- und Textdateien bestehen, die auf verschiedene Tr\u00e4germaterialien gedruckt werden k\u00f6nnen, passen die zwanzig Boxen auf einen USB-Stick. Auf diese Weise kann die Ausstellung um die Welt reisen, ohne dass die Objekte mitreisen m\u00fcssen. Sie wechselt ihre Fassade, aber nicht ihren Bauplan, sie sch\u00f6pft aus dem Reichtum lokaler Best\u00e4nde, ohne sich in ihm zu ersch\u00f6pfen. (&#8230;.)<\/p>\n<p><em>Der Artikel f\u00fcgt sich gut in eine briefliche Diskussion, die ich vergangenen Herbst mit einem Frankfurter Ethnologen f\u00fchren durfte. Mit dem Artikel k\u00f6nnte der stockende Gang unserer Argumentationen eine neue interessante Wendung nehmen:<\/em><\/p>\n<p><em>Ich schrieb <\/em><em>am 15.12.24 in einer Email<\/em>: Sie haben gewiss Kilbs Artikel im Feuilleton der FAZ 11.12. \u201eSoviel Blut in einem Ledersack\u201c bemerkt, und dass in \u201ePlanet Afrika\u201c Objekte eine neue dienende Rolle spielen. In einer Ihrer letzten Mails haben Sie mich auf die M\u00f6glichkeit von Museen ohne Objekte hingewiesen, was mich befremdete. Bei Kilb erst wird mir die Idee plausibel, und die Gedanken gehen sogar weiter. Ich will Sie aber nicht aufhalten. \u201eDekan\u201c zu sein, soll \u00e4u\u00dferst zeitraubend sein. Also belasse ich es beim Hinweis und Feiertagsgr\u00fc\u00dfen und \u2013w\u00fcnschen. Wir k\u00f6nnen in der n\u00e4chsten Zeit Gl\u00fcck brauchen\u00a0\u00a0 Herzlich\u00a0\u00a0 Detlev v. Graeve.<\/p>\n<p><em>Kilb beginnt mit einer traurigen Warnung:<\/em> \u201eWenn die Begriffe \u201eAfrika\u201c und \u201eMuseum\u201c zusammentreffen, kommt vermintes Gel\u00e4nde in Sicht\u201c. <em>Meine Gedanken lassen sich trotzdem und trotz verhindertem Gespr\u00e4chspartner nicht anhalten. Ich notiere:<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Verzicht auf &#8222;vintage&#8220;<\/h4>\n<p>\u201ePlanet Afrika\u201c zeigt einen Weg, wie Ausstellungen ohne<em> vintage<\/em>-Objekte auskommen .<\/p>\n<p>Bei ihrem physischen Alter &#8211; ich sollte hinzuf\u00fcgen: und altersgem\u00e4\u00dfen Zustand &#8211; sind sie heute unverf\u00e4lscht nur noch f\u00fcr Kunstausstellungen funktional.<\/p>\n<p>Eine Minderheit der im Westen lagernden oder im Umlauf befindlichen Gesamtmenge besetzt zwar nach einem langen Dr\u00e4ngen selbstbewusst ihre Nische im universalen Kunstmarkt. Sie gelten als \u201eerstklassige\u201c, auktionsf\u00e4hige \u201eMuseumsst\u00fccke\u201c, aber gerade sie sind auch entsprechend \u201evermint\u201c.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">\u00a0Zukunft worin?<\/h4>\n<p>Die \u00fcbrigen verlieren ihre Zukunftsperspektive, etwa wie nutzlos gewordene technische Ger\u00e4te, die nicht mehr nachgefragt werden.<\/p>\n<p>Ihre \u00fcbliche Legitimation aus einem unterstellten traditionellen \u201aersten Leben\u2019 \u00a0ist immer wieder angezweifelt worden. Der Verdacht auf Kopie oder gar F\u00e4lschung (k\u00fcnstliche Alterung) ist nie ganz auszur\u00e4umen gewesen.<\/p>\n<p>Deshalb haben sich die Anforderungen von Museen und wissenschaftlichen Institutionen seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts unglaublich radikalisiert. Am Beginn &#8211; noch um die vorherige Jahrhundertwende &#8211; stand ein wohlwollender Leichtsinn gegen\u00fcber dem Massenangebot, bei dem niemand ernsthaft wissen wollte, woher ein Objekt genau kam. Die Franzosen sprechen sinnigerweise bis heute von \u201e<em>r\u00e9colter<\/em>\u201c, ernten. Die Lieferanten &#8211; also Erntearbeiter &#8211; waren meist weder interessiert, noch vorbereitet oder vor Ort \u00fcberhaupt in der Lage , kulturrelevante Informationen&#8216; zu erwerben.<\/p>\n<p>Heute herrscht dagegen eine ganz unrealistische Erwartung \u00a0an die Ermittlung von \u201eProvenienz\u201c. Das beschert spezialisierten Labors Auftr\u00e4ge und diversen Autorit\u00e4ten\u00a0 &#8211;\u00a0 ob\u00a0 &#8218;vereidigten Gutachtern&#8216;, renommierten Galeristen oder studierten \u201atraditionellen\u2019 afrikanischen W\u00fcrdentr\u00e4gern &#8211; materielle und immaterielle Vorteile verbunden mit politisch-sozialer Aufwertung. Bodenloses Vertrauen gerade ihnen gegen\u00fcber ist zur Bedingung von Kooperation, nat\u00fcrlich &#8218;auf Augenh\u00f6he&#8216;,\u00a0 geworden. Sonst greifen Juristen, Vorgesetzte, Politiker oder Diplomaten ein.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>F\u00fcr eine \u00d6konomie totaler Restitution <\/strong><\/h4>\n<p>W\u00e4re da nicht \u201eRestitution\u201c zu empfehlen, in gro\u00dfem Ma\u00dfstab und an alle, die ihren Anspruch mit einem berechtigten Interesse\u00a0 &#8211; innerhalb weitgefasster identit\u00e4rer Grenzen &#8211; vorbringen? Nur klar definierte Gruppen wie \u00e4ltere wei\u00dfe Liebhaber fallen nat\u00fcrlich aus. Die Angst vor wirtschaftlicher \u00dcbervorteilung und Raub w\u00e4re unbegr\u00fcndet, da der Massen-Markt unter dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Angebot zusammenbr\u00e4che. Und der Rest? Citizen Kanes Prachtschloss &#8218;Xanadu&#8216; hatte einen gro\u00dfen offenen Kamin.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Umschulung<\/strong><\/h4>\n<p>Musste die frischgebackene Ethnologie vor einem Jahrhundert die Legitimation ihrer wissenschaftlichen Disziplin mit der anerkannten Authentizit\u00e4t der gehorteten Exotika untermauern &#8211; und wenn es sich blo\u00df um Tont\u00f6pfe oder Pfeilspitzen handelte &#8211; , so hat sich dieser Konnex inzwischen aufgel\u00f6st, zumal sich in der Ausstellungssph\u00e4re ganz andere T\u00e4tigkeitsfelder aufgetan haben. Zu den Ethnologen stie\u00dfen Museumswissenschaftler, dann Museumsp\u00e4dagogen, Ausstellungsdesigner, massenhaft Kulturerkl\u00e4rer, K\u00fcnstler, Eventmanager und Kinderg\u00e4rtner*innen.\u00a0 Archivare und Konservatoren satteln um &#8211; auf Mechatroniker, Digitalisierer, 3D-Drucker, pop-up-Architekten und KI-Kreative. Na und?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Jetzt haben Sie das Wort!\u00a0 Und warum nutzen Sie es nicht?<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich beschr\u00e4nke mich auf Andreas Kilbs Beobachtungen an \u201ePlanet Afrika\u201c und entdecke eine\u00a0 intelligente Ausstellungsmethode f\u00fcr magere Zeiten &#8211; sie haben l\u00e4ngst begonnen! &#8211;\u00a0 in seiner Doppelrezension aus Berlin. Planet Afrika. James-Simon-Galerie, Museumsinsel Berlin, bis 24. April 2025. Geschichte(n) Tansanias. Humboldt Forum, seit 29. November. 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