{"id":16168,"date":"2024-11-25T19:54:26","date_gmt":"2024-11-25T18:54:26","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16168"},"modified":"2024-12-27T18:35:27","modified_gmt":"2024-12-27T17:35:27","slug":"philosoph-des-ueberlebens-mit-schwung-2010-in-die-arbeit-mit-guldin-und-den-flusser-studies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16168","title":{"rendered":"Vil\u00e9m Flusser &#8211; respektlose Kurzbio (2010)"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: left;\">So schwungvoll begann 2010 meine Arbeit mit Rainer Guldin und den flusser-studies! ( <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=109\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zum Blog-Kapitel) &#8211; Mit Guldins Antwort<\/h4>\n<h4>Ein Fundst\u00fcck,\u00a0 25.11.2024 hochgeladen<\/h4>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Email<\/strong><\/p>\n<p>Flusser war in Brasilien <em>weit ab vom Schuss<\/em> (\u00e4hnlich \u00fcbrigens Adorno in den USA) und hatte nichts Weltbewegendes zu erz\u00e4hlen, wie etwa Ruth Kl\u00fcger (\u201eweiter leben\u201c <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2518\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>), blo\u00df eine intellektuelle Biografie.<\/p>\n<p>Er hatte ein z\u00fcnftiger akademischer Philosoph werden wollen, doch die Emigration riss ihn fort und warf ihn an ein w\u00fcstes Gestade in einem tropischen Wilden Westen, in einer Goldgr\u00e4berzeit. Wollte sich eigentlich auch <em>Robinson Crusoe <\/em>nicht einmal umbringen?<!--more--><\/p>\n<p>Der Verlust <em>der Heimat<\/em> in der Beschleunigungsphase des Zweiten Weltkriegs und des Genozids an den europ\u00e4ischen Juden standen am Anfang seiner Odyssee.Doch wie eng war seine Traumatisierung wirklich mit <em>Auschwitz<\/em> verbunden, das er sp\u00e4ter als Epochengrenze zur \u201e<em>Nachgeschichte\u201c<\/em> stilisiert?<\/p>\n<p>Wann sehnte er sich denn nicht nach Europa zur\u00fcck? &#8211; Er war immer noch kein Zionist und sah sich vielleicht in den USA verloren gehen \u2013 und hoffte in Europa auf die akademischen Karriere, alternativ auch die publizistische. Dies Streben lie\u00df ihn \u00fcber die Jahrzehnte dem\u00fctige Anstrengungen bei renommierten Redaktionen unternehmen und hielt in seinen letzten zwei Jahrzehnten ein rastloses Leben von Vortrag zu Vortrag sowie von Tagung zu Tagung in Gang.<\/p>\n<p>Um wieder Anschluss gewinnen und Verbindungen halten zu der <em>Chim\u00e4re<\/em> \u201eEuropa\u201c, was er von Reisen seit den Sechziger Jahren erkannt haben musste. Es gab erhebliche <em>No Go Areas<\/em> f\u00fcr ihn: Deutschland und Osteuropa, Prag \u2013 also das Zentrum des <em>Heimatkontinents<\/em> \u2013 wollte er nicht betreten.<\/p>\n<p>Von Europas ideologischem Fieber im Kalten Krieg wollte er nichts wissen, das eminent politische Fieber der Sechziger Jahre vor allem in der Jugend ignorierte er geflissentlich, selbst als er zu jener Zeit in westeurop\u00e4ischen Publikationen Glossen und Essays unterbringen wollte. Redaktionen &#8211; nicht nur das Feuilleton der FAZ &#8211; spiegelten ihm sein Auftreten als tropischer <em>Guru<\/em> deutlich zur\u00fcck, obgleich sie auch gegen\u00fcber ihm ihren Sinn f\u00fcr eigenwillige Pers\u00f6nlichkeiten bewiesen haben.<\/p>\n<p>War er deswegen mit Brasilien vielleicht zu ungeduldig und wunderte sich nach seinem Absprung in den siebziger Jahren, dass in Europa niemand auf ihn gewartet hatte: in Frankreich nicht, in Italien? Nur in Deutschland fasste er paradoxerweise Fu\u00df.<\/p>\n<p>Im nachhinein schrieb er \u00fcber Brasilien mystifizierend, geleitet von seinen theoretischen Themen. Sein Leben dort bringen f\u00fcr mich erst Guldins erste Kapitel der Flusser-Biografie \u201ePhilosophieren zwischen den Sprachen\u201c (Fink 2005) in eine durchschaubare Ordnung und auf den Punkt. Die Autobiografie \u201eBodenlos\u201c habe ich als literarisches Kunstwerk, als Avantgarde der Autobiografie, bewundert, doch manche dort versteckte Information habe ich erst nach Guldins Fingerzeig beim Nachbl\u00e4ttern entdeckt und verstanden.<\/p>\n<p>Im Ganzen schien mir sein Leben dort erfolgreich und \u00fcber lange Zeit komfortabel. \u00dcber drei\u00dfig Jahre konnte er sich einen anregenden und f\u00f6rdernden Freundeskreis aufbauen, dem er auch seine komfortable Existenz verdankte. Er bekam Karrierechancen und damit auch die M\u00f6glichkeit, in der Welt herum zu reisen. \u2013 \u00dcber die Milit\u00e4rdiktatur wei\u00df ich im Grunde zu wenig. Sie hat in ihm vermutlich immer wieder das Prager Trauma von 1939-40<em> \u201e<\/em>aufblitzen\u201c (W.Benjamin) lassen, ihm drohte aber erkennbar nur Isolierung und Entfremdung, nicht Haft oder gar Tod, auch keine Stigmatisierung. Er sei \u201elinks\u201c gewesen? Das h\u00e4tte er leicht widerlegen k\u00f6nnen. Es war wohl die allgemeine <em>Stimmung<\/em> in seinen Kreisen ausschlaggebend \u2013 und die Beschr\u00e4nkung seines <em>Engagement<\/em>s auf Provisorien idealisierter <em>Pionierzeiten<\/em>, wie er eines eindr\u00fccklich am Beispiel der Philosophie beschreibt.<\/p>\n<p>Man sollte nicht vergessen, dass er mit der zweiten Flucht sich von der Peripherie direkt in das (nach den USA) zweite Zentrum der perhorreszierten <em>Nachgeschichte<\/em> begab. Was sollte letztlich dort besser sein als in Brasilien? Etwa die direkte Sicht darauf und die M\u00f6glichkeit des Engagements? Als ihm allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte, dass <em>Europa<\/em> unwiederbringlich verloren war (\u201eAuschwitz\u201c) und in den Metropolen \u2013 von der Linken unbemerkt (\u201eHoHoHoChiMinh!\u201c) und unter der Decke gesitteter Umgangsformen \u2013 sich ein technokratischer Totalitarismus entwickelte, als die systemische Barbarei nicht aufgeh\u00f6rt hatte, sich zu steigern, musste er hin! Als Stratege.<\/p>\n<p>Hatte er im Grunde Brasilien doch blo\u00df als ferne Kolonie Europas gesehen, nicht anders als die von ihm absch\u00e4tzig behandelten Portugiesen der Kolonialzeit? Wollte er diesmal dabei sein, nicht wieder weit weg an der Peripherie?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df zu wenig \u00fcber Flussers Kontakte zu Amerika \u2013 im \u201eArchiv\u201c in Berlin fand ich auch keine Quellen dazu, wie \u00fcberhaupt \u00fcber seine Reiset\u00e4tigkeit und Erfahrungen. Rainer Guldin wurde sicher auch in Sao Paulo f\u00fcndig. Eine f\u00fcr mich undurchsichtige Quellenlage!<\/p>\n<p>Er lie\u00df seine Freunde im Stich, die akademische Jugend, seine Sch\u00fcler und die Leser der Zeitungskolumnen. Er verlie\u00df die brasilianische Sprache, die angeblich enge, <em>unentwickelte<\/em> \u2013 wurde endg\u00fcltig polyglott \u2013 ein moderner Prophet. Er wollte von nun an kompromisslos und ganz <em>der Welt<\/em> geh\u00f6ren. Er machte darum \u00fcberall Proselyten \u2013 warum nicht auch in Deutschland? Aus der Bequemlichkeit, auf Literaturangaben und Belege in der Glosse (wo sie auch nicht hingeh\u00f6rte) und im Essay zu verzichten, wurde Methode.<\/p>\n<p>Gab es bei diesem existentiellen Schritt nicht ungeheure Probleme? War er nicht ein ewig Suchender?<\/p>\n<p>Ab wann w\u00fcrde er eigentlich \u00fcber eine griffige<em> Botschaft <\/em>verf\u00fcgen? Und jetzt war auch noch \u201eImmigrant\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr den global engagierten Philosophen war das alles nicht so schwer:<\/p>\n<p>Er war das Abstrahieren von Tagesproblemen und <em>politischen<\/em> Argumentationen gew\u00f6hnt. Ihn interessierte der <em>Marktplatz <\/em>nicht pers\u00f6nlich, den er theoretisch \u2013 als Gegenspieler der Privatheit \u2013 hoch sch\u00e4tzte.<\/p>\n<p><em>Politik<\/em> war <em>historisch <\/em>ohnehin am Ende. Mit Plato, Hegel, Heidegger und Co. war er f\u00fcr die Argumentation in der d\u00fcnnen Luft abstrakter Hochebenen ger\u00fcstet. Rhetorisch verf\u00fcgte er mit der <em>ph\u00e4nomenologischen Methode <\/em>\u00fcber unverbrauchte Kniffe. Seine historische Bildung h\u00e4tte einem Universalhistoriker gen\u00fcgt. Blieb der Spleen mit dem \u00dcbersetzen und R\u00fcck\u00fcbersetzen und die alte Gewohnheit, bei einem Thema immer wieder neu anzusetzen, bis er selbst die \u00dcbersicht verlor.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte daraus jemals ein gro\u00dfes Werk entstehen?<\/p>\n<p>Gesendet: Freitag, 15. Oktober 2010 13:29\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Antwort Rainer Guldins nach drei Tagen:<\/h4>\n<p>Lieber Detlev v. Graeve,<\/p>\n<p>Vielen Dank. Der Text ist sehr interessant. Ein paar Bemerkungen: ich glaube nicht, dass Flussers Leben immer so komfortabel war. Louis Bec hat mir erz\u00e4hlt, die Flussers h\u00e4tten in Robion im Winter gefroren und nur dank einem Freundesnetz existieren k\u00f6nnen. Dass er die 68er nicht verstand, nicht verstehen konnte oder wollte, ist klar. Warum er auf die Fussnoten letztlich verzichtete sowie auf Bibliographie &#8211; in den ersten Texten kann man sie noch finden &#8211; ist nicht so klar. Ein Kokettieren mit dem Antiakademismus vielleicht? Ein grosses Werk hat er, zum Gl\u00fcck nicht hinterlassen, aber spannende und vor allem auch sprachlich hochinteressante Texte.<\/p>\n<p>Wie sind sie \u00fcberhaupt auf Flusser gestossen?\u00a0\u00a0 herzliche Gr\u00fcsse aus Lugano\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Rainer Guldin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So schwungvoll begann 2010 meine Arbeit mit Rainer Guldin und den flusser-studies! ( LINK zum Blog-Kapitel) &#8211; Mit Guldins Antwort Ein Fundst\u00fcck,\u00a0 25.11.2024 hochgeladen Email Flusser war in Brasilien weit ab vom Schuss (\u00e4hnlich \u00fcbrigens Adorno in den USA) und hatte nichts Weltbewegendes zu erz\u00e4hlen, wie etwa Ruth Kl\u00fcger (\u201eweiter leben\u201c LINK), blo\u00df eine intellektuelle [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,10],"tags":[],"class_list":["post-16168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frueher","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16168"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16221,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16168\/revisions\/16221"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}