{"id":1612,"date":"2010-05-31T20:14:27","date_gmt":"2010-05-31T19:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1612"},"modified":"2018-02-27T12:35:51","modified_gmt":"2018-02-27T11:35:51","slug":"ein-staunen-das-niemand-zu-teilen-scheint","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1612","title":{"rendered":"Roland Barth\u00e8s\u2019 Die helle Kammer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eintauchen mit Roland Barth\u00e8s<\/strong><b><i><strong>\u00a0<\/strong><\/i><\/b><strong>in die helle Kammer!<\/strong><\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Stieglitz-Barthes-S.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1620\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Stieglitz-Barthes-S-300x230.jpg\" alt=\"IMG Stieglitz Barthes S\" width=\"300\" height=\"230\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Stieglitz-Barthes-S-300x230.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Stieglitz-Barthes-S-624x478.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Stieglitz-Barthes-S.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0\u00a0 \u00a0<\/b>1980; dt.\u00a0suhrkamp 1985, 2009<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Siehe auch den<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\">R\u00fcckblick, ein halbes Jahr sp\u00e4ter:\u00a0 <\/span><em><strong>Punktum. Roland Barthes hat Recht.<\/strong><\/em> <span style=\"color: #ff0000;\">(<a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1373\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a>)<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Notizen bei der Lekt\u00fcre im Mai und Juni 2010<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><em>Technische Anmerkung: Ich verweigere mich dem doppelten \u201eph\u201c in \u201ePhotographie\u201c auch im Zitat. Schlie\u00dflich handelt es sich um eine \u00dcbersetzung ins Deutsche und um eine Neuausgabe im Jahr 2009. Das Lektorat pflegt eine nostalgische Marotte.\u00a0\u00a0\u00a0 24.5.10<\/em><i><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i><span style=\"text-decoration: underline;\">1\/2\u00a0\u00a0 Das Foto ist nicht klassifizierbar<\/span><\/i><\/p>\n<p>Ein Staunen steht am Beginn. Und <i>Augen, die &#8230; gesehen haben<\/i>, die <i>den Kaiser<\/i> der Kindheit <i>gesehen haben<\/i>\u00a0 \u2013 Sie sind eine Reliquie. Davon in Form eines Abdrucks, eines Lichtabdrucks (Dubois) auf einer Fotografie eine Erfahrung oder eine herausgehobene Gegenwart bewahren k\u00f6nnen! (11)<\/p>\n<p>Dies Staunen verbindet sich bei Roland Barth\u00e8s fr\u00fch mit dem philosophischen Trieb, nach dem <i>Wesen<\/i> dieser Erscheinung zu fragen. Inzwischen mit gro\u00dfer theoretischer Erfahrung ausgestattet, widmet Barthes diesem Staunen eine Untersuchung.<\/p>\n<p><i>Was sich existentiell nie mehr wird wiederholen k\u00f6nnen<\/i>, kann Fotografie <i>endlos reproduzieren<\/i>. (12) Das darin festgehaltene <i>Ereignis weist niemals \u00fcber sich selbst hinaus<\/i>, <i>\u00fcber das so und nicht anders Beschaffene<\/i> (Sanskrit) und <i>erinnert an die Geste des Kindes, das mit dem Finger auf etwas weist und sagt (..) das da!<\/i> <i>Sie ist die Verl\u00e4ngerung dieser Geste<\/i>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Barth\u00e8s an unsere st\u00e4ndige Erfahrung beim <span style=\"text-decoration: underline;\">Zeigen<\/span> von Fotos erinnert, die er mit einem <i>Wechselgesang<\/i>\u00a0\u00a0 mehr oder weniger schwerh\u00f6riger Konkurrenten vergleicht, fallen mir spontan Erinnerungsalbum oder der Familienaltar als wahre Heimat f\u00fcr das Foto ein.<\/p>\n<p><i>Man k\u00f6nnte meinen, die Fotografie habe ihren Referenten &#8211; das Bezugsobjekt &#8211; st\u00e4ndig im Gefolge und beide seien zu der gleichen Unbeweglichkeit verurteilt<\/i>. (13) Die Polaroids hatten ihr Windelpaket. Ebenso unappetitlich ist der von Barth\u00e8s gew\u00e4hlte Vergleich mit einem <i>Verurteilten<\/i>, den man <i>an einen Leichnam kettete<\/i>. Ob der mit <i>permanentem Geschlechtsakt<\/i> von Fischen annehmbarer ist? Fotografie hat etwas Kontaminiertes, Verklebtes, Monstr\u00f6ses. Ob diese Tonlage beabsichtigt ist?<\/p>\n<p>Nicht umsonst bedeutete Labor traditionell auch Reinigungsarbeit bis hin zur Retusche mit dem Pinsel, die dann meist misslang. Auch ist das Farbfoto in der Vorstellung konservativer Fotografen unreiner als das schwarz-wei\u00dfe. Vielleicht steckt im Bestreben, Schnappsch\u00fcsse durch Selbstverpflichtung zur russischen Billigkamera \u201aLomo\u2019\u00a0 zu adeln, diese Abwehr. (Wolfgang Ullrich: Geschichte der Unsch\u00e4rfe, Wagenbach Berlin 2002, 90-98)<\/p>\n<p>Da wird auf die Spitze getrieben, was Barth\u00e8s als Fluch der FOTOGRAFIE (gesperrt= Oberbegriff, k\u00fcnftig F) betrachtet: <i>Diese Zwangsl\u00e4ufigkeit (&#8230;) treibt die F in die Ma\u00dflosigkeit der Dinge, aller Dinge dieser Welt: warum gerade diesen einen Gegenstand, diesen einen Moment w\u00e4hlen&#8230;<\/i><\/p>\n<p>Hier halten wir inne und stellen fest: Was hier als Ungl\u00fcck der F erscheinen mag, ist das Ungl\u00fcck eines Fotografen westlicher Provenienz, der in der Schulzeit eine rationalistische Hintergrundideologie eingesogen hat, zusammen mit den Tr\u00fcmmern vormoderner \u00c4sthetik. Nur deshalb w\u00fcrde sie, die F, <i>gern ebenso m\u00e4chtig, so sicher, so erhaben wie ein Zeichen werden, um so zur W\u00fcrde einer Sprache aufsteigen zu k\u00f6nnen&#8230;<\/i> (14). Jedenfalls wird heute noch jedem neu erkorenen \u201aKlassiker\u2019 der Fotografie das Pr\u00e4dikat \u201aeigene Bildsprache\u2019 verliehen. Barth\u00e8s scheint an der M\u00f6glichkeit davon zu zweifeln. Sie w\u00e4re also erlogen, erk\u00fcnstelt.<\/p>\n<p>Als ich K. von meiner Lekt\u00fcre berichte, fallen mir \u201aklassische\u2019 Fotos\u00a0 ein \u2013 von Kertesz, Cartier-Bresson oder Barbara Klemm: Immer sollen sie <span style=\"text-decoration: underline;\">den<\/span>\u00a0 entscheidenden, bedeutenden Moment erfassen, im Grunde aber den Zufall vergessen lassen, dem auch sie sich verdanken. Verschiedentlich sind bereits solche \u201aKlassiker\u2019 als F\u00e4lschungen, als Inszenierungen enttarnt worden, wie Robert Capas \u201aTreffer\u2019 im Spanischen B\u00fcrgerkrieg\u00a0 oder Doisneaus \u201aKuss\u2019. Barbara Klemm l\u00e4sst uns im Filmfeature an Manipulationen arglos teilnehmen. Das Verfahren professioneller,\u00a0also auch \u201agro\u00dfer\u2019 Reportagefotografen, sehr viele Bilder zu machen und dann guten Laboranten zu \u00fcbergeben, zeigt, dass auch sie mit dem Zufall spielen, nicht mehr.<\/p>\n<p>Das Buch \u201eKontaktabz\u00fcge\u201c thematisiert dies, und \u00fcberzeugt mich in der Auswahl nicht einmal \u00e4sthetisch. Ich h\u00e4tte oft anders entschieden. Vielleicht aber auch wegen unterschiedlicher Verwendung.<\/p>\n<p>Ist es vielleicht so: \u201aDas Kunstfoto\u2019 verdr\u00e4ngt oder leugnet die Verwertung? Man hat davon geh\u00f6rt, dass gro\u00dfe Kunstwerke im Laufe ihrer Rezeptionsgeschichte den unterschiedlichsten Deutungen und Verwendungen offen stehen. Ob die Fotografie\u00a0 \u00fcberhaupt die n\u00f6tige Komplexit\u00e4t daf\u00fcr mitbringt, mehr als Werbegags zu munitionieren?\u00a0 Barth\u00e8s formuliert sehr sinnlich: <i>Fotografien sind Zeichen, die nicht richtig abbinden, die \u201agerinnen\u2019 wie Milch<\/i>. (14)<\/p>\n<p><i>Der Signifikant bleibt haften.<\/i> Und was ist daran schlecht? Dass er haften bleibt, ist der Sinn und Zweck der Fotografie. Altheim (\u201eDie Seele in der Silberschicht\u201c) hat die richtigen Worte daf\u00fcr, positive Worte.<\/p>\n<p>W\u00e4re eine \u201aeigene Bildsprache\u2019 \u00fcberhaupt ein lohnendes Ziel? Vil\u00e9m Flusser hat uns Fotografen ins Stammbuch geschrieben, dass die Technik uns die Bildsprache diktiere. Nat\u00fcrlich ist das zu grob ausgedr\u00fcckt: Wir haben selbstverst\u00e4ndlich die Wahl zwischen unterschiedlichen Produkten, und wir d\u00fcrfen sogar den einen oder anderen Konsum verweigern. Ist es nicht sinnvoller, \u201aSpieler\u2019 zu werden wie Picasso? Das Verbindende zwischen den Epochen seiner \u201aWerke\u2019, ist es mehr als ein Geruch, vielleicht blo\u00df ein Ger\u00fccht? Oder ein paar Marotten, Eigenarten ohne h\u00f6heren Sinn, so wie die Nase der Lollobrigida oder Brigittes Schmollmund?<\/p>\n<p>Das Foto <i>ist allemal unsichtbar: Es ist nicht das Foto, das man sieht.<\/i> (14) Weil man sich daf\u00fcr nicht interessiert &#8211; nur die Wissenschaften tun das. Ihre Fragehorizonte \u2013 f\u00fcr Barth\u00e8s <i>technische<\/i> und <i>soziologische oder historische<\/i> \u2013 sind nur nicht die des <span style=\"text-decoration: underline;\">Menschen<\/span> Barthes. \u201e<i>Irritiert<\/i>\u201c stellt er 1980 fest, <i>dass in keinem von ihnen von eben jenen Fotografien die Rede war, die mich interessieren, jenen, die mir Vergn\u00fcgen bereiten oder mich bewegen. Was\u00a0<\/i><i>gingen mich die Kompositionsregeln der Landschaftsfotografie an oder, im anderen Fall, die FOTOGRAFIE als Familienritual<\/i>? (15)<\/p>\n<p>Bei Vil\u00e9m Flusser h\u00e4tte er Best\u00e4tigung und sogar Erkl\u00e4rung f\u00fcr sein Befremden gefunden, aber in Frankreich mochte\u00a0man den ja nicht, las ihn nicht. Er scheint ein entfernter Bruder zu sein. Denn Barth\u00e8s l\u00e4sst nicht locker, auch wenn ihn <i>die Stimme der Wissenschaft in strengem Ton<\/i> in den Pferch ihrer <i>Sinn-<\/i>Angebote zur\u00fccktreiben will. Sein Lieblingsfoto, das er auch bei der Theorielekt\u00fcre nicht vergessen will und kann, falle blo\u00df <i>unter die Kategorie \u201aAmateurfotografie\u2019, die ein Soziologenteam behandelt hat<\/i> (15), und die ansonsten nicht theorierelevant sei.<\/p>\n<p>Ich glaube, an dieser Stelle habe ich mich zum Kauf des Buches entschieden, weil mir die Renitenz eines \u2013 allerdings damals schon F\u00fcnfundsechzigj\u00e4hrigen \u2013 imponierte. Ein prominenter Wissenschaftler spricht von einer inneren Stimme, die der Wissenschaft die Disziplin aufk\u00fcndigt, verweigert: <i>Bestimmten Fotografien gegen\u00fcber wollte ich mich unbefangen, unkultiviert geben<\/i>, um den Preis, <i>\u2019auf wissenschaftlichem Feld\u2019 allein und mit leeren H\u00e4nden<\/i> dazustehen. (15)<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Satz! Ein Sprengsatz! Eigentlich reif f\u00fcr eine Beerdigung erster Klasse als Pionier und Klassiker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i><span style=\"text-decoration: underline;\">3<\/span><\/i><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0 <i>Das Gef\u00fchl als Ausgangsbasis<\/i><\/span><\/p>\n<p>Der altgediente franz\u00f6sische\u00a0 Intellektuelle will endlich das ewige <i>Unbehagen<\/i> aufarbeiten, <i>hin- und hergerissen zu sein zwischen &#8230; einer Sprache des Ausdrucks und einer der Kritik<\/i>, letztere aufgeteilt in <i>Fachsprachen<\/i>, die ihn allesamt <i>nicht befriedigen konnten<\/i>. (16) Hier steht das Wort <i>befriedigen<\/i> in der Bedeutung von Flusser, dass nur formale Antworten gegeben werden.<\/p>\n<p>B. macht mich auf seine Schriften neugierig, denn er formuliert r\u00fcckblickend folgendes pers\u00f6nliches Forschungsprogramm: <i>War es doch sinnvoller, mein Beharren auf der Einzigartigkeit ein f\u00fcr allemal ins Vern\u00fcnftige zu wenden und den Versuch zu wagen, aus dem \u201aIch-Begriff, unserem \u00e4ltesten Glaubensartikel<\/i>\u2019 (Nietzsche) <i>ein heuristisches Prinzip zu entwickeln&#8230;.bei meinen Untersuchungen von einigen ganz wenigen Fotografien auszugehen, jenen, von denen ich sicher war, dass sie <span style=\"text-decoration: underline;\">f\u00fcr mich<\/span> existierten. &#8230; kam mir die eigenartige Idee: warum sollte nicht etwas wie eine neue Wissenschaft m\u00f6glich sein, die jeweils vom einzelnen Gegenstand ausginge?<\/i> (16)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1621\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick-199x300.jpg\" alt=\"IMG Barthes Blick\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick-199x300.jpg 199w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick-679x1024.jpg 679w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick-624x940.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Blick.jpg 691w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Zigeuner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1622\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Zigeuner-256x300.jpg\" alt=\"IMG Barthes Zigeuner\" width=\"256\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Zigeuner-256x300.jpg 256w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Zigeuner-876x1024.jpg 876w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/IMG-Barthes-Zigeuner-624x728.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen:<\/p>\n<p>Erfindet er die ph\u00e4nomenologische Methode neu?\u00a0 Was f\u00fcr eine <i>Wissenschaft<\/i> wird er in seiner Studie betreiben? Gewinnen die Kunsthochschulen und Technischen Universit\u00e4ten noch eine ungeahnte Bedeutung f\u00fcr die undogmatische Philosophie? Es sieht fast so aus. Jedenfalls sind einige tiefgr\u00fcndige Denker an den Zunftgesetzen der Amtsphilosophen gescheitert. Auch Barth\u00e8s wurde wegen seines geistigen Umherschweifens \u201eEskapismus\u201c vorgeworfen. Ich wei\u00df also: Wo ich mich hin begebe, brauche ich weiter meinen eigenen Kompass!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i><span style=\"text-decoration: underline;\">4\u00a0\u00a0\u00a0 \u201aOperator\u2019, \u201aSpectrum\u2019 und \u201aspectator\u2019 \u00a0&#8211; \u00a0 5 \u00a0 der, welcher fotografiert wird<\/span><\/i><\/p>\n<p>(17) Der Autor \u00e4u\u00dfert sich als absoluter Nichtfotograf und begr\u00fcndet das interessanterweise mit seiner <i>Ungeduld<\/i>. Unvern\u00fcnftige Anspr\u00fcche f\u00fchren selbst zur Ablehnung von <i>Polaroid<\/i>. Bleiben Betrachter und Betrachteter, letzterer zuerst:<i> (zu oft, wie ich finde) wu\u00dfte ich, dass ich fotografiert wurde<\/i>. (18) Diese \u201aBetroffenheit\u2019 will er zur Richtschnur machen. Er schildert so etwas wie eine Sitzung, und verharmlost deshalb Malerei und Zeichnung, eben so wie er erst einmal <i>gro\u00dfe Meister der Portr\u00e4tfotografie<\/i> aus seinen <i>beklommenen<\/i> \u00dcberlegungen ausklammert. Seine gut nachvollziehbare These: Posieren ist eine aktive (Umformung des eigenen K\u00f6rpers) und erzeugt eine <i>Beklommenheit<\/i> gegen\u00fcber einer erfahrungsgem\u00e4\u00df <i>nicht sehr subtilen<\/i> fotografischen Ablichtung.<\/p>\n<p>Das sind nachvollziehbare Gedanken, aber m\u00fcssen ganz sicher altbacken wirken bei einer Jugend, die mit der Allgegenwart von medialer Ablichtung gro\u00df geworden ist und eine Unmenge Energie auf die k\u00f6rperliche Selbstinszenierung verwendet. Man kann sagen, dass eine professionelle Haltung dazu heute die Norm ist, was gleichwohl die Gelegenheiten zu Missvergn\u00fcgen an dem \u201aProdukt\u2019, zu dem man sich macht, nicht verringert, im Gegenteil. Es ist wie bei sich h\u00e4ufenden schlechten Theaterkritiken. Bei Barth\u00e8s\u2019 Schilderung denke ich spontan an \u201ainnere Werte\u201c\u2019 im Zwist mit der \u00e4u\u00dferen Erscheinung, der peinlichen Befragung des Spiegelbildes und an die gute alte Zeit, da man sich getrost in die H\u00e4nde eines Portr\u00e4tfotografen begeben konnte, der einfach wusste, was sich geh\u00f6rte und darum gut war. Leider schreibt er von der <i>Liebe<\/i> (20) blo\u00df im Gegensatz zum <i>Bild<\/i>, statt von der Liebe <span style=\"text-decoration: underline;\">im<\/span> Bild, f\u00fcr die ich zahlreiche Belege zu haben meine, von der er aber nichts wei\u00df. Wird sein Buch mir wirklich n\u00fctzlich sein? Hier fehlt mir etwa die Trennsch\u00e4rfe zur Zeichnung, die einen auch <i>\u201aunvorteilhaft\u2019 aussehen l\u00e4sst<\/i>.\u201c\u00a0 Das essayistische Eis ist sehr d\u00fcnn. Fototheorie?<\/p>\n<p>Historisch bringt B. die gesteigerte Objektivierung und <i>Entprivatisierung <\/i>(23) des Individuums mit dem <i>fotografischen Abbild<\/i> (21) zusammen, ohne dass der Text &#8211; wie bei Flusser &#8211; die ganze Dynamik des Prozesses in den Blick n\u00e4hme. Stattdessen ist er verliebt in das Motiv des Todes, was man zwar inzwischen biografisch mit dem Tod der Mutter 1988 in Verbindung bringt. Ich finde die Vermischung der Sph\u00e4ren nicht gut, weil sie den Gedankengang \u00fcberfrachtet, noch richtiger: aufh\u00fcbscht. .<i>..dies kurze Klicken, welches das Leichentuch der Pose zerreisst<\/i> (24), das liebt er noch am meisten am fotografiert Werden. <i>Vielleicht vernimmt etwas in mir, das sehr alt ist, im fotografischen Apparat noch immer den Klang des Holzes<\/i>\u201c (24) (Uhren-Genealogie!) So etwas Verschmocktes kann sich nur ein Prominenter leisten. Ich sehe schon die Verz\u00fcckung der reiferen weiblichen Fans. Das ist Eskapismus. Nachfrage: Philippe Dubois (\u201eDer fotografische Akt\u201c 1990, dt.1998) hat\u2019s auch mit dem Tod. Mode?\u00a0 &#8211; Der normale Schnappschuss hat sehr wenig davon, daf\u00fcr bietet er zu kleine M\u00fcnze: geschlossene Augen, Schlagschatten, l\u00e4cherlicher Hintergrund, Unsch\u00e4rfe, Hautunreinheiten&#8230;\u00a0 sogar die fehlende Erkennbarkeit!<\/p>\n<p>Interessanter sind die Fotos, die uns treffen, erwischen \u2013 ob wir nun die Situation durch \u201ePosieren\u201c zu kontrollieren meinen oder nicht \u2013 die die ansonsten unaufmerksamen Blicke auf uns richten, die Fotos, die eine Situation konservieren, die wir froh sind, \u00fcberstanden zu haben, wie Momentaufnahmen von Beziehungen. Oder die Beziehungen nach hinreichend langer Zeit f\u00fcr andere so etwas wie begreifbar machen. Das ist auch eine Dimension des Pressefotos! So ist mir j\u00fcngst das Familienfoto mit den Beggendorfer Verwandten 1951 auf dem Feldberg zum Sinnbild der Vorbelastung unserer jungen Patchworkfamilie geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6 \u00a0<i>Der \u201aspectator\u2019: Unordnung der Geschmacksrichtungen<\/i><\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &gt; Bilderflut! &lt; \u00a0(30.5.10) <\/span><\/p>\n<p><i>Fotografien &#8230; kommen aus der Welt zu mir, ohne dass ich danach frage; es sind nur \u201eBilder\u201c, beliebig tauchen sie auf, beliebig verschwinden sie wieder<\/i>. Gerade darin hat sich unsere Wahrnehmung aller Bilder angen\u00e4hert. Manche K\u00fcnstler verbarrikadieren sich hinter antiquierten Techniken oder Handarbeit generell,\u00a0 aber unweigerlich geraten sie aus ihrem \u201akulturellen Biotop\u2019 in die\u00a0 Sph\u00e4re der universellen Reproduzierbarkeit. Nur waren bisher gewisse gesellschaftliche Bereiche davon ausgenommen und der normativen Regelung reserviert. Barthes spricht S.25 von Fotos, <i>die\u00a0 ausgew\u00e4hlt, bewertet, anerkannt, in Bildb\u00e4nden oder Zeitschriften oder Bildb\u00e4nden zusammengetragen worden waren und die damit den Filter der Kultur passiert hatten<\/i>\u201c .<\/p>\n<p>Damit bezeichnet er formale Wege der Anerkennung oder eine Pluralit\u00e4t von Institutionen. \u00dcber das Ergebnis ihrer Selektion f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich l\u00e4sst er den Leser nicht im Unklaren: Manche <i>blieben (mir)<\/i><\/p>\n<p><i>in solchem Ma\u00dfe gleichg\u00fcltig, dass ich angesichts ihrer wie Unkraut vermehrenden Vielzahl ihnen gegen\u00fcber eine Art Abneigung, ja Ver\u00e4rgerung empfand<\/i>\u201c und dann nennt er ber\u00fchmte Namen, diskreterweise nur \u201a\u00e4ltere\u2019.\u00a0 <i>Der Stil eines K\u00fcnstlers<\/i> hilft ihm als konventionelles <i>bequeme(s) Kriterium nicht weiter<\/i>: <i>Ein bestimmtes Foto von Mapplethorpe verleitete mich zu der Annahme, ich h\u00e4tte \u201ameinen\u2019 Fotografen gefunden, doch nein, nicht alles ..<\/i>. In seinem radikal subjektiven Kriterium \u2013 <i>Fotos .., die stillen Jubel in mir ausl\u00f6sten, so als r\u00fchrten sie an eine verschwiegene Mitte \u2013 einen erotischen Punkt oder eine alte Wunde -, die in mir begraben war <\/i>(<i>wie harmlos auch immer das Sujet erscheinen mochte<\/i>) (25) \u2013 ist er ausnehmend aktuell. Es bezeichnet \u00fcbrigens den Konsumentenstandpunkt auf einem Markt der Bilder: <i>Wer von uns h\u00e4tte nicht seine ureigene Skala von Vorlieben, Abneigungen, Unempfindlichkeiten<\/i>? (26)<\/p>\n<p>Was hebt ihn aus der Masse der Konsumenten heraus?<\/p>\n<p><i>Die Lust, meine Stimmungen zu begr\u00fcnden; nicht um sie zu rechtfertigen; weniger noch, um den Ort des Textes mit meiner Individualit\u00e4t zu f\u00fcllen; sondern im Gegenteil, um diese Subjektivit\u00e4t einer Wissenschaft vom Subjekt zur Verf\u00fcgung zu stellen, deren Name mir gleichg\u00fcltig ist, sofern sie nur (was noch offen ist) zu einer Allgemeing\u00fcltigkeit gelangt, die mich weder reduziert, noch erdr\u00fcckt.<\/i> (26)<\/p>\n<p>Sich rechtfertigen zu sollen, w\u00e4re also eine Zumutung. Das Subjekt ist nur bereit, sich \u2013 meinetwegen als Monster &#8211; etwa wie im Arte-Feature: \u201eIch bin ein Psychopath\u201c \u2013 \u201ader Wissenschaft\u2019 zur Verf\u00fcgung zu stellen, unter bestimmten Bedingungen. Doch w\u00e4re das Wissenschaft in der heute aktuellen Bedeutung (die ich nach Flusser und Feyerabend verstehe)?\u00a0 Die <i>reduziert <\/i>das Subjekt schon aus methodischen Zw\u00e4ngen, und <i>erdr\u00fcckt<\/i> es auch, indem sie es ihren Normen, Axiomen und Wertentscheidungen unterwirft. Er will nicht als klinischer Exhibitionist oder\u00a0 eitler Mensch missverstanden werden, ( <i>um &#8230; mit meiner Individualit\u00e4t zu f\u00fcllen<\/i>), Barth\u00e8s hat ein Konzept und Erwartungen. stellt seine Subjektivit\u00e4t gleichwohl in die \u00d6ffentlichkeit, nur gesch\u00fctzt durch seinen Status als prominenter Literat. Normale Wissenschaft in allen ihren Facetten ist nicht gehindert, sich zu bedienen, Bedingung seines Erfolges. Doch als Klassiker der Kunstwissenschaften formuliert er auch, was ich selber sp\u00fcre, zum Beispiel: <i>Die eine Fotografie, die ich von den andern unterscheide und die ich liebe, erzeugt (in mir) eine innerliche Erregung, ein Fest, auch eine Arbeit, der Druck des Unsagbaren, das gesagt werden will.<\/i> (26) Mit Recht kann man Barth\u00e8s einen Avantgardisten, einen Pionier der literarischen Selbstaufkl\u00e4rung nennen. Er dr\u00e4ngt <i>das Unsagbare<\/i> zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zwischenbilanz am 3.Juni:<\/span><\/p>\n<p>Roland Barth\u00e8s ist der sch\u00e4rfer beobachtende und radikaler wertende Ph\u00e4nomenologe als Flusser. Jedenfalls in den 80er Jahren, als Flusser sich f\u00fcr die Rolle der Fotografie im Systemwandel interessierte. Schlie\u00dflich hat der keine Analysen einzelner Fotografien betrieben. Die Zusendung von Fotob\u00e4nden scheint ihm eher l\u00e4stig gewesen zu sein, das war mein Eindruck in der Archivbibliothek. Barthes f\u00e4llt eindeutig nicht auf die technisch-gestalterischen \u201aSpiele der Fotografen\u2019 herein, ist darin auch nicht h\u00f6flich.\u00a0Die in sein Buch gn\u00e4dig aufgenommenen Bilder sind auch nicht ein f\u00fcr allemal \u201ageadelt\u2019, sondern nur f\u00fcr ihn <i>erregend<\/i> (26).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. \u2013 23., zun\u00e4chst<i>\u00a0 Koexistenz von \u201astudium\u2019 und \u201apunctum\u2019\u00a0 <\/i><\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">(52-53 ) <i>\u00a0\u00a0&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0 <\/i><\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">ab 6.Juni <\/span><\/p>\n<p><i>Das Detail<\/i> bewirkt, \u201e<i>dass es eine neue Fotografie ist, die ich betrachte, eine, die in meinen Augen durch einen h\u00f6heren Wert hervorsticht. Dieses \u201aDetail\u2019 ist das punctum, (das mich besticht).<\/i> (52) Beispiele daf\u00fcr zu geben, <i>bedeutet daher in gewisser Weise \u201asich preiszugeben\u2019<\/i>. (53)\u00a0 Darin steckt die Leistung des <i>spectator<\/i>,\u00a0 der das Foto &#8211; mehr oder weniger &#8211; <i>beleben kann<\/i>.<\/p>\n<p>Welche Erfahrungen habe ich mit\u00a0 <i>Details<\/i> in meinen Fotos gemacht? &#8211; Wenn erst andere mich auf Details aufmerksam machten, war das mir immer peinlich, als h\u00e4tte ich sie selber auch wahrnehmen sollen. Dennoch war ich geschmeichelt, dass <span style=\"text-decoration: underline;\">ich<\/span> die <i>Details<\/i> eingefangen hatte. Wenn Fotografie viel mit Zuf\u00e4llen zu tun hat, ist es wenig attraktiv, blo\u00df \u201eoperator\u201c zu sein, man m\u00f6chte so etwas wie das Gl\u00fcck des T\u00fcchtigen darin sehen.<\/p>\n<p>Der <i>spectator<\/i> Barth\u00e8s ist nicht pflegeleicht, sogar schlecht erzogen (60), <i>ein Wilder, ein Kind \u2013 oder ein Verr\u00fcckter; ich lasse alles Wissen, alle Kultur hinter mir, ich verzichte darauf, einen anderen Blick zu beerben.<\/i> (60). Der Undankbare kapriziert sich zum Beispiel auf<i> schmutzige Fingern\u00e4gel <\/i>(55), eigene Erinnerungen, w\u00e4hrend er gesittet <i>als gutwilliges Subjekt unserer Kultur<\/i> (53) h\u00f6flich Fotob\u00e4nde durchbl\u00e4ttert.\u00a0 Nicht nur sind seine Einf\u00e4lle nicht vorhersehbar, willk\u00fcrlich, ja abwegig, er ist unter Umst\u00e4nden sogar <i>ver\u00e4rgert <\/i>(57), <i>wenn bestimmte Details, die mich \u201ebestechen\u201c k\u00f6nnten<\/i>, vom Fotografen <i>mit Absicht plaziert worden sind<\/i> (57). Nach dem Motto: Man bemerkt die Absicht und man ist verstimmt. Er will \u2013 als Ph\u00e4nomenologe der Introspektion \u2013 auch vom Fotografen die absolute Ehrlichkeit oder er lauert auf Bl\u00f6\u00dfen. Er begibt sich auf dieselbe Ebene wie der <i>operator<\/i>, der eine war nur zur rechten Zeit am rechten Ort, er hat zum Beispiel eine Person <i>bet\u00e4ubt und aufgespie\u00dft<\/i> (66), als sie aus ihrem <i>Versteck <\/i>in die Be-Lichtung hervortrat. Der Vergleich f\u00fcr die immer nur <i>partielle Sicht <\/i>wurde von Herv\u00e9 Bazin f\u00fcr die Filmleinwand gezogen, Barthes bezeichnet sie f\u00fcr das\u00a0 Foto als <i>blinden Fleck<\/i>. Nur wo ein solcher sich findet, l\u00e4sst Barth\u00e8s sich von einem Foto verunsichern, <i>bestechen, ber\u00fchren<\/i>. Der Verweis im Foto auf <i>ein Leben, das sich au\u00dferhalb des Bildes abspielt<\/i> (66), vorher und danach, gibt ihm seinen Kick, nicht ein Gegenst\u00fcck zur Schmetterlingssammlung, und sei es noch so gelungen.<\/p>\n<p>Eine Einzelbeobachtung an drei Beispielen (63-69) zu Graden der Abt\u00f6tung: In den beiden ersten F\u00e4llen springt das <i>punctum<\/i> sozusagen aus dem eingefroren wirkenden fotografischen Pr\u00e4parat, das Selbstportr\u00e4t ist hingegen als Ganzes darauf angelegt, den Eindruck einer fl\u00fcchtigen Erscheinung im Bildfeld hervorzurufen, als ein fixiertes banales Spiegelbild. Der Eindruck des au\u00dfer dem Rahmen bleibenden Lebens dominiert.<\/p>\n<p>Das <i>punctum<\/i>, auf das allein es ihm ankommt, <i>offenbart sich zuweilen erst<\/i> mit zeitlichem Abstand (62), direkte Assoziationen vor dem Bild treffen oft nicht den springenden Punkt, <i>so als ob der unmittelbare Anblick die Sprache in die Irre f\u00fchrte.<\/i> (62) Barth\u00e8s f\u00fchlt sich auch \u00fcberfordert, wenn er Fotografien bereits im Moment der Betrachtung kommentieren soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13.6.10 Sechzig Seiten sp\u00e4ter. <\/span><\/p>\n<p>Ich habe Barth\u00e8s \u2013 <i>Ich erschauere wie der Psychotiker bei Winnicot vor der Katastrophe, die bereits stattgefunden hat <\/i>(106)<i>&#8211;<\/i> inzwischen einen \u201ahysterischen Theoretiker\u2019\u00a0 genannt,\u00a0 und er r\u00e4umt ein: <i>Ich h\u00f6re schon die Kritiker: Wie, ein ganzes Buch (obschon ein schmales), um das zu entdecken, was ich schon den ersten Blick gesehen habe? \u2013 Gewiss, &#8230;<\/i> (126) In einer <i>indifferenten Welt<\/i> kann die Fotografie (F) \u201e<i>verr\u00fcckt oder zahm<\/i>\u201c sein (130). <i>Ich habe die Wahl, ihr Schauspiel dem zivilisierten Code der perfekten Trugbilder zu unterwerfen oder aber mich in ihr dem Erwachen der unbeugsamen Realit\u00e4t zu stellen<\/i>, so lautet der letzte Satz des Essays. (130\/1)<\/p>\n<p>Ihre Einebnung und Vulgarisierung heute (1979!) sei damit verbunden, dass <i>die FOTOGRAFIE tyrannisch alle \u00fcbrigen Bilder erdr\u00fcckt<\/i> (129), <i>als ob das \u201afotografische\u2019 Bild, indem es allgegenw\u00e4rtig wird, eine Welt ohne Differenzen\u00a0 (eine indifferente Welt) erzeugte, in der sich nur noch, hie und da, der Schrei der Anarchismen, Marginalismen und Individualismen erheben kann: Schaffen wir die Bilder ab, retten wir das unmittelbare, unvermittelte VERLANGEN!<\/i>\u201c (130)<\/p>\n<p>Ich verstehe durchaus ein paar Dinge: Barth\u00e8s\u2019 Zeitdiagnose \u2013 wenn sie auch nicht \u201aabgeleitet\u2019 ist, vielleicht blo\u00df angelesen, wiedergek\u00e4ut und in poetisch stilisiertem\u00a0 Schrei herausgeschleudert. Ich sp\u00fcre auch die M\u00e4ngel seines Genialismus, der mit Faulheit zu tun hat, sich ungeliebte M\u00fchen spart und die Vers\u00e4umnisse durch Ekstase und ekstatische Selbstentbl\u00f6\u00dfung wettmacht. Ich ahne auch den Boden f\u00fcr den Personenkult einer die Exzentrik eines Propheten konsumierenden Gemeinde, die dem Seher bei der \u00a0\u201aVerdauung\u2019 der Welt zuschaut, aber nicht selber \u201adie Anstrengung des Begriffs auf sich nimmt (Hegel)\u2019 oder (falls Ihnen der Vergleich zu abwegig ist) wenigstens inneh\u00e4lt, um pers\u00f6nliche Lehren daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>Was sagt uns eine Datierung am Schluss: <i>15.April bis 3.Juni 1979<\/i>?\u00a0 Ich versuche mich ja auch in der Methode essayistischen<i> <\/i>\u00a0Schreibens. Die Datierung ist folgerichtig: Wann ich mich an welcher (gedanklichen) Gabelung oder Kreuzung befunden habe\u00a0 &#8211; <i>Nomadisches Denken<\/i>!\u00a0 (vgl. \u201eWohnwagen\u201c\u00a0 Flusser). In einer Publikation wirkt das als unfertig. Ist aber beabsichtigt.<\/p>\n<p>Ich bin beeindruckt von der F\u00fclle ersp\u00fcrter, ja erschn\u00fcffelter Treffer, die sein Fanatismus der Verbalisierung, der Verschriftlichung in diesem schmalen Buch verbuchen kann. Ein alt gewordenes Wunderkind!<\/p>\n<h4><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eintauchen mit Roland Barth\u00e8s\u00a0in die helle Kammer! \u00a0\u00a0 \u00a01980; dt.\u00a0suhrkamp 1985, 2009 &nbsp; &nbsp; Siehe auch den R\u00fcckblick, ein halbes Jahr sp\u00e4ter:\u00a0 Punktum. Roland Barthes hat Recht. 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