{"id":16008,"date":"2024-08-30T01:03:59","date_gmt":"2024-08-29T23:03:59","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16008"},"modified":"2025-05-28T14:28:42","modified_gmt":"2025-05-28T12:28:42","slug":"von-zbigniew-herbert-1924-1998-abgeschrieben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=16008","title":{"rendered":"VON ZBIGNIEW HERBERT ABGESCHRIEBEN"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_16010\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Order_of_White_Eagle_Poland.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16010\" class=\"size-thumbnail wp-image-16010\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Order_of_White_Eagle_Poland-170x150.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16010\" class=\"wp-caption-text\">\u201eOrden des wei\u00dfen Adlers\u201c<em>, das h\u00f6chste Ehrenzeichen der Dritten Republik Polen , der Ersten Republik Polen, des Herzogtums Warschau, Kongresspolens (bis 1831) und der Zweiten Republik Polen (1918\u20131945).<\/em>\u201c 2007 posthum<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Ich h\u00e4tte gern noch mehr von ihm abgeschrieben, aber ich trau\u2019 mich nicht; wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, wo genaues Abschreiben noch als Kulturleistung betrachtet wurde.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Und mir ist unbehaglich. Zbigniew Herbert (1924-1998) &#8211; inzwischen in den Olymp der Kulturschaffenden erhoben &#8211; soll selber als <\/em><em>nationales Kulturerbe der Republik Polen angesehen werden. <\/em><em>Den oben abgebildeten Orden hat Herbert posthum erhalten; seine Witwe nahm ihn vertretungsweise entgegen, \u00fcbrigens erst beim zweiten Anlauf eines polnischen Staatspr\u00e4sidenten.<\/em><\/p>\n<p><em>Nun, was hat das mit meiner Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Herbert zu tun? Nichts.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Gedicht<\/strong><\/span><\/h1>\n<h3><em>\u00dcbersetzung von Klaus Staemmler &#8211;\u00a0 in der FAZ vom 14. Sept. 1995 <\/em><em>als &#8218;poetischer&#8216; Kommentar <\/em><em>ver\u00f6ffentlicht<\/em><\/h3>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Scham<\/span><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Als ich sehr krank war verlie\u00df mich die Scham<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ohne Einspruch enth\u00fcllt ich fremden H\u00e4nden<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00fcberlie\u00df fremden Augen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die armseligen Geheimnisse meines Leibes<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sie drangen alsbald in mich ein und vergr\u00f6\u00dferten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die Erniedrigung<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Mein Professor der Gerichtsmedizin der alte Mancewicz<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Verneigte sich wenn er die Leiche des Selbstm\u00f6rders<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">aus dem Formalinteich holte<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">tief vor ihm als wollte er ihn um Vergebung bitten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und \u00f6ffnete dann mit ge\u00fcbter Hand den herrlichen Brustkorb<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die verstummte Kathedrale des Atems<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">zart fast z\u00e4rtlich<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Darum verstehe ich \u2013 den Toten getreu ihre Asche ehrend \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">den Zorn der Griechenprinzessin ihren verbissenen Widerstand<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie hatte ja recht \u2013 ihr Bruder verdiente ein w\u00fcrdiges Begr\u00e4bnis<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">das Leintuch der Erde sorgsam<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00fcber die Augen geschoben<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Als 1997 und 1998\u00a0 <\/em><em>Kursleiter mit ihren \u201cLeistungskursen Biologie\u201c oder \u201eSport\u201c <\/em><em>an unserer Schule der <\/em><em>zu \u201eK\u00f6rperwelten\u201c pilgerten<\/em><em>, also zu Gunter von Hagens dekorativ pr\u00e4parierten Leichen\u00a0 &#8211;\u00a0<\/em><em> riss mir der kollegiale Geduldsfaden. Ich legte eine \u201ePostwurfsendung\u201c in die Postf\u00e4cher (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=724\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> ). In einem Flugblatt f\u00fcr Sch\u00fcler zitierte ich das Gedicht von Zbigniew Herbert.\u00a0 Ich nutzte es damals auch als Element eines Arbeitsblattes zum \u201eSchutz der Privatsph\u00e4re\u201c. Es ging gegen die &#8222;Volksz\u00e4hlung&#8220; oder &#8222;Mikrozensus&#8220;. Das verwendete Schalenmodell der &#8218;Privatsph\u00e4re&#8216; hatte damals noch einen inneren Kern.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Warum verga\u00df ich sp\u00e4ter den Dichter? Betrachtete ich das Gedicht nur als individuelles Zeugnis\u00a0 ? Erst jetzt stellt ein Zufallsfund die Verbindung zum Autor wieder her, erm\u00f6glicht durch die Lekt\u00fcre eines ebenso vergessenen Interviews \u00fcber &#8222;Literatur und Politik in Polen&#8220; von Helga Hirsch mit Herbert (DIE ZEIT Nr. 33 &#8211; 8.August 1986, s. 33-34).\u00a0 Wenn das kein Motiv f\u00fcr einen Blogbeitrag ist!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><em>Ein weiteres Gedicht, vom Autor kommentiert<\/em><\/strong><\/span><\/h1>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong><em> Aus: Suhrkamp Verlag &#8211; Dichten und Trachten Nr. 29 \u2013 1967 &#8211; S.39-43 (Verlagsprodukt mit Kostproben)<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>Warum Klassiker?<\/strong><\/span><\/h1>\n<p>1<\/p>\n<p>Im vierten buch des Peloponnesischen Krieges<\/p>\n<p>erza\u0308hlt Thukydides unter anderem<\/p>\n<p>die geschichte seines misslungenen feldzugs<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>neben den langen reden der fu\u0308hrer<\/p>\n<p>schlachten belagerungen seuchen<\/p>\n<p>dichten netzen von intrigen<\/p>\n<p>diplomatischen schritten<\/p>\n<p>ist diese episode wie eine nadel<\/p>\n<p>im wald<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die griechische kolonie Amphipolis<\/p>\n<p>fiel in die ha\u0308nde des feindlichen fu\u0308hrers Brasidas<\/p>\n<p>weil Thukydides mit dem entsatz zu spa\u0308t kam<\/p>\n<p>er zahlte der heimatstadt dafu\u0308r<\/p>\n<p>mit lebensla\u0308nglicher verbannung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die exilierten aller zeiten<\/p>\n<p>kennen den preis<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>die genera\u0308le der Ietzten kriege<\/p>\n<p>wenn ihnen a\u0308hnliches zusto\u0308\u00dft<\/p>\n<p>knien vor der geschichte<\/p>\n<p>beteuern ihr heldentum und ihre unschuld<\/p>\n<p>sie klagen die befehlsempfa\u0308nger an<\/p>\n<p>die neidischen kollegen<\/p>\n<p>die ungu\u0308nstigen winde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thukydides sagte nur<\/p>\n<p>er ha\u0308tte 7 schiffe gehabt<\/p>\n<p>es wa\u0308re winter gewesen<\/p>\n<p>er wa\u0308re schnell gesegelt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>wenn ein zerschlagener krug<\/p>\n<p>zum thema der kunst wird<\/p>\n<p>die kleine zerschlagene seele<\/p>\n<p>mit dem gro\u00dfen leid u\u0308ber sich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wird das was nach uns zuru\u0308ckbleibt<\/p>\n<p>wie das weinen des Iiebespaares<\/p>\n<p>in einem kleinen schmutzigen hotel<\/p>\n<p>wenn morgens die tapeten da\u0308mmern<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Herbert:<\/h4>\n<p>Ich habe dieses Gedicht <em>Warum Klassiker<\/em> zo\u0308gernd gewa\u0308hlt. Ich halte es na\u0308mlich nicht fu\u0308r mein bestes, auch nicht fu\u0308r eins, das mein poetisches Programm repra\u0308sentieren ko\u0308nnte. Es hat aber &#8211; wie ich meine &#8211; zwei Vorzu\u0308ge: es ist einfach, trocken und es spricht, ohne Verzierung und Stilisierung, von Dingen, die mir tatsa\u0308chlich am Herzen liegen.<\/p>\n<p>Das Gedicht ist dreigliedrig gebaut. Der erste Teil handelt von einem Ereignis, das ein antiker Autor beschrieben hat. Im zweiten Teil u\u0308bersetze ich dieses Ereignis in die Gegenwart, um eine Spannung herbeizufu\u0308hren, den Unterschied in Haltung und Verhalten aufzudecken. Der dritte Teil schlie\u00dflich entha\u0308lt die Schlussfolgerung und die Moral und u\u0308bertra\u0308gt zugleich das Problem aus dem Bereich der Geschichte in den Bereich der Kunst. Man muss kein gro\u00dfer Kenner der heutigen Literatur sein, um ihren Charakterzug zu bemerken &#8211; den Ausbruch von Verzweiflung und Unglauben. Alle Grundwerte der europa\u0308ischen Kultur sind heute in Frage gestellt. Tausende von Romanen, Theaterstu\u0308cken und Gedichten sprechen vom unabwendbaren Untergang, von der Sinnlosigkeit des Lebens, von der Absurdita\u0308t der menschlichen Existenz.<\/p>\n<p>Es ist nicht meine Absicht, den Pessimismus leichterhand zu verspotten, dort, wo er eine Reaktion auf das Bo\u0308se in dieser Welt ist. Aber ich meine, dass die schwarze Tonart der Gegenwartsliteratur aus der Einstellung der Autoren zur Realita\u0308t kommt. Und diese Einstellung wollte ich im Gedicht angreifen. Die romantische Konzeption vom Dichter, der seine Wunden blo\u00dflegt, der das eigene Unglu\u0308ck besingt, hat heute immer noch, trotz der Wandlung der Stile und des literarischen Geschmacks, viele Anha\u0308nger. Man glaubt, die betonte Selbstbezogenheit, das Manifestieren seines wunden &#8222;Ich\u201c sei des Ku\u0308nstlers heiliges Recht. (41)<\/p>\n<p>Ga\u0308be es eine Schule der Literatur, mu\u0308sste man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegensta\u0308nde u\u0308ben und nicht die der Tr\u00e4ume. Jenseits des Ichs des Ku\u0308nstlers erstreckt sich eine schwere, dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufho\u0308ren zu glauben, da\u00df wir diese Welt ins Wort fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Sehr fru\u0308h, fast zu Beginn meiner literarischen Arbeit, wurde mir klar, dass ich meinen Gegenstand au\u00dferhalb der Literatur zu suchen hatte. Das Schreiben als stilistische U\u0308bung fand ich unfruchtbar. Lyrik als Kunst des Worts langweilte mich. Ich begriff auch, dass ich mich von den Gedichten anderer nicht lange ha\u0308tte erna\u0308hren ko\u0308nnen. Ich musste aus mir und aus der Literatur ausbrechen, mich in der Welt umsehen, andere Wirklichkeiten erobern.<\/p>\n<p>Die Philosophie machte mir Mut, erste wesentliche Fragen, Grundsatzfragen zu stellen: ob die Welt existiert, wie ihr Wesen ist und ob sie erkennbar ist. Wenn man aus dieser Disziplin einen Nutzen fu\u0308r die Lyrik stiften kann, dann nicht dadurch, dass man Systeme beschreibt, sondern dass man den Gedankenprozess offenbart.<\/p>\n<p>Ich wende mich nicht an die Geschichte, um aus ihr eine leichte Lektion der Hoffnung abzuleiten, sondern um meine Erfahrung mit der Erfahrung anderer zu konfrontieren, um fu\u0308r mich etwas zu gewinnen, was ich das universelle Mitleid nennen wu\u0308rde, auch Verantwortungsgefu\u0308hl, Gefu\u0308hl der Verantwortung fu\u0308r den Zustand der menschlichen Gewissen.<\/p>\n<p>Alt ist der Traum des Dichters davon, dass sein Werk zum konkreten Gegenstand werde, wie der Kiesel oder der Baum, dass es, aus der Materie der Sprache gebildet. die einer sta\u0308ndigen Wandlung unterliegt, ein dauerhaftes Leben erlange. Fu\u0308r eine (42) der m\u00f6glichen Methoden halte ich diese: sich selbst zu \u00fcberwinden, die Beziehungen, die das Gedicht mit dem Autor hat, zu verwischen. So verstehe ich die Empfehlung Flaubert&#8217;s: &#8222;Der K\u00fcnstler sollte sich in seinem Schaffen verstecken, \u00e4hnlich wie sich der Sch\u00f6pfer in der Natur versteckt.\u201c<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">*<\/h4>\n<p><em>Man muss kein Dichter sein, um von diesem Kommentar zu profitieren<\/em>, \u201eden Herbert f\u00fcr die letztj\u00e4hrige (1966) Lyrik-Tagung in Berlin schrieb.\u201c (S. 39)<\/p>\n<p><em>Das politische Thema ist das eine &#8211; \u00fcber das seither vergangene halbe Jahrhundert hat es sich durch st\u00e4ndige ohnm\u00e4chtige Emp\u00f6rung zu einer d\u00fcnnen antiken M\u00fcnze abgeschliffen. <\/em><\/p>\n<p><em>Die &#8218;literarischen&#8216; Erfahrungen und Grunds\u00e4tze Herberts scheinen mir wichtiger! Seine Kritik an der &#8222;<\/em>Selbstbezogenheit&#8220; <em>zum Beispiel.<\/em><\/p>\n<p><em>Es werden aber auch individuelle Erfahrungen und Einstellungen formuliert, wo ich mich selber wiederfinde. Ich erinnere mich an das erste Semester in Germanistik, als ich der <\/em>\u201eKunst des Wortes\u201c <em>von Conrad Ferdinand Meyer in verschiedenen Fassungen von \u201eDer r\u00f6mische Brunnen\u201c nachging.\u00a0 Ich langweilte mich derart, dass ich dem Studienfach den R\u00fccken kehrte. Nicht dass ich fremde \u201eLyrik\u201c verachtete \u2013 hatte ich mich doch selber darin versucht \u2013 doch bis auf ein paar magische Verse gab sie mir nichts. Wie Zbigniew Herbert formuliert hat: <\/em>\u201eIch begriff auch, dass ich mich von den Gedichten anderer nicht lange ha\u0308tte erna\u0308hren ko\u0308nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch musste aus mir und aus der Literatur ausbrechen, mich in der Welt umsehen, andere Wirklichkeiten erobern.\u201c <em>Das war auch mein Antrieb, schon als Kind in den f\u00fcnfziger Jahren, damals &#8218;lesend&#8216;.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>\u201ePhilosophie\u201c<em>\u00a0 an der Universit\u00e4t hie\u00df f\u00fcr mich zun\u00e4chst ein <\/em>\u201eSystem\u201c. <em>Unter dem Einfluss kaum \u00e4lterer Vorbilder, \u00fcbrigens k\u00fcnftiger Lehrstuhlinhaber, bedeutete das &#8218;Friedrich Hegel&#8216;. Vierzig Jahre sp\u00e4ter erst verweigerte ich selbstbewusst Schopenhauer die \u201aSchlossf\u00fchrung\u2019 durch sein imposantes System und wollte nur &#8218;die Baustelle&#8216; besuchen.<\/em> (LINK) Ich<em> interessierte mich blo\u00df f\u00fcr<\/em> \u201eden Gedankenprozess\u201c. <em>Wie Herbert formulierte<\/em>: \u201eJenseits des Ichs des Ku\u0308nstlers erstreckt sich eine schwere, dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufho\u0308ren zu glauben, dass wir diese Welt ins Wort fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen ko\u0308nnen.\u201c<\/p>\n<p><em>Nach seinem zweiten Essay i<\/em><em>n<\/em> \u201eOpfer der K\u00f6nige\u201c <em>\u00fcber die Vernichtung der Albigenser <\/em><em>kann ich <\/em><em>heute auf die vielen Details in <a title=\"Emmanuel Le Roy Ladurie\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emmanuel_Le_Roy_Ladurie\">Emmanuel Le Roy Ladurie&#8217;s<\/a> ber\u00fchmter Monografie &#8222;Montaillou &#8211; Ein Dorf vor dem Inquisitor&#8220; (1975) verzichten, die mir einmal sehr wichtig waren <\/em><em>&#8211; zumal das Papier meines Taschenbuchs vergilbt ist und Druckgr\u00f6\u00dfe wie Satzspiegel nicht lesefreundlich sind <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Montaillou_(Buch)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Aus dem Essay &#8222;Das Seelchen&#8220;<\/span><br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<h2>EINE DER TODSU\u0308NDEN DER ZEITGENO\u0308SSISCHEN KULTUR IST, DASS SIE kleinmu\u0308tig einer frontalen Konfrontation mit den ho\u0308chsten Werten aus dem Wege geht.<\/h2>\n<p>Und auch die arrogante U\u0308berzeugung, dass wir auf Vorbilder (sowohl a\u0308sthetische wie auch moralische) verzichten ko\u0308nnen, denn unsere Lage in der Welt ist angeblich au\u00dfergewo\u0308hnlich und mit nichts vergleichbar. Deshalb lehnen wir die Hilfe der Tradition ab, versinken immer tiefer in unsere Einsamkeit, graben in den dunklen Winkeln unserer verlassenen Seele.<\/p>\n<p>Es besteht die falsche Meinung, dass Tradition so etwas wie Erbmasse ist, die man automatisch erha\u0308lt, ohne Anstrengung, deshalb sind diejenigen, die gegen Vererbung und unverdiente Privilegien sind, gegen die Tradition. Allerdings erfordert jeder Kontakt mit der Vergangenheit Mu\u0308he und Arbeit, die au\u00dferdem schwierig und undankbar ist, denn unser kleines ,,Ich&#8220; schreit und wehrt sich dagegen.<\/p>\n<p>Ich habe mir immer gewu\u0308nscht, dass mich der Glauben nicht verla\u0308sst, dass gro\u00dfe Geisteswerke objektiver als wir sind und dass sie uns beurteilen werden. Jemand hat richtig gesagt, dass nicht nur wir Homer lesen, die Fresken Giottos bewundern, Mozarts Musik ho\u0308ren, sondern dass Homer, Giotto und Mozart uns betrachten, uns ho\u0308ren und unsere Selbstgefa\u0308lligkeit und Dummheit wahrnehmen. Arme Utopisten, Debu\u0308tanten in der Geschichte, Brandstifter von Museen, Vernichter der Vergangenheit, die jenen Wahninnigen a\u0308hneln, die Kunstwerke zersto\u0308ren, weil sie ihnen nicht ihren Frieden, ihre Wu\u0308rde und ihre ku\u0308hle Ausstrahlung verzeihen ko\u0308nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eDas Seelchen\u201c <em>Auszug, aus<\/em>: \u201eDas Labyrinth am Meer\u201c<em> \u2013\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>Wieder abgedruckt in \u201e<\/em>HERBERT&#8220;,&#8230;\u00a0 <\/strong><em>einer<\/em> \u201ePublikation der Abteilung f\u00fcr Promotion, Ministerium der Abteilung f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Angelegenheiten der Republik Polen\u201c (ISBN 978-83-89546-75-3) <em>anl\u00e4sslich des vom Parlament ausgerufenen <\/em>\u201eZbigniew-Herbert-Jahrs 2008\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Herbert lebte <\/strong><\/span><\/em><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>lange Jahre <\/strong><\/span><\/em><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>im Grunde <\/strong><\/span><\/em><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>als Emigrant, ein belesener Reiseschriftsteller mit kritischem Blick und mit Vorlieben (und Aversionen), wie man sie von sich selbst kennt. <\/strong><\/span><\/em><\/h2>\n<h2><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><em>Beispiel aus &#8222;<\/em><\/span><\/strong><\/span><\/em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Ein Barbar in einem Garten<\/span><\/strong><\/span><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><em>&#8220; (dt. in edition<\/em> suhrkamp 1965 \u00dcbersetzung Walter Thiel, S.11-12)<\/span><\/strong><\/span><\/em><\/h2>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die Galerie in Chantilly ist dem Louvre ebenbu\u0308rtig, obwohl hier die Stile und Epochen derart durcheinandergemischt sind, da\u00df man sich auf den ersten Blick nicht zurechtfinden kann. Obendrein haben die fu\u0308rstlichen Sammler (wohl aus Zerstreutheit) zwischen Meisterwerken unglaubliche Schinken aus dem 19. Jahrhundert aufgeha\u0308ngt. Ohne diese Bildersammlung jedoch wa\u0308re unsere Kenntnis insbesondere der franzo\u0308sischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts stu\u0308mperhaft und unvollsta\u0308ndig. Erwa\u0308hnen wir nur (&#8230;.) eine der pra\u0308chtigsten illustrierten Handschriften nicht nur der franzo\u0308sischen Kunstgeschichte: <em>Les tr\u00e8s riches heures du Duc de Berry<\/em>. (&#8230;.) Das Anschauen und Verstehen der Miniaturen verlangt spezifische Dispositionen und Fa\u0308higkeiten. Man mu\u00df in eine Welt eintreten, die dicht verschlossen ist, wie eine Glaskugel. Wir befinden uns ein wenig in der Situation Alicens im Wunderland, die mit einem goldenen Schlu\u0308sselchen eine Tu\u0308r o\u0308ffnet und wohl den herrlichsten Garten auf Erden erblickt, der jedoch allzu klein ist, als da\u00df sie ihn betreten ko\u0308nnte. &#8222;Ach, wenn man sich doch nur zusammenschieben ko\u0308nnte wie ein Teleskop&#8220;. Das Anschauen von Miniaturen ist fu\u0308r die, welche sich wie ein Teleskop zusammenzuschieben verstehen.\u00a0 (&#8230;.)<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div id=\"attachment_16037\" style=\"width: 283px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16037\" class=\"wp-image-16037\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11-223x360.jpg\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"440\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11-223x360.jpg 223w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11-558x900.jpg 558w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11-953x1536.jpg 953w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11-624x1006.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sassetta_1450-Herbert-Barbar.p.11.jpg 1256w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16037\" class=\"wp-caption-text\">Sassetta_1450\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mystic_Marriage_of_St._Francis_(Sassetta)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> LINK\u00a0 zu en.wikipedia.org<\/a><\/p><\/div>\n<p>Doch Sassetta, wo ist Sassetta, bin ich dorch seinetwegen hierher gekommen. Welch eine Freude, ,mein&#8216; Bild am richtigen Platz zu finden. Es ist klein und wird von seinen Nachbarn fast erdru\u0308ckt. Es hei\u00dft <em>Verlobung des hl. Franziskus mit der Armut<\/em> und zeigt zwei Mo\u0308nche, die drei schlanken Ma\u0308dchen, einem grauen, einem gru\u0308nen und einem Purpurnen, gegenu\u0308berstehen. Von der Handfla\u0308che des Heiligen zur Handfl\u00e4che der mittleren Gestalt spinnt sich eine subtile Bewegung wie ein zarter Faden. Im linken oberen Bildteil entschweben drei mystische Fra\u0308ulein in den Himmel, natu\u0308rlich und ohne gewaltsame Gesten; lediglich die nach hinten gebogenen Fu\u00dfsohlen erza\u0308hlen vom Flug. Auf der rechten Seite des Bildes steht ein wei\u00dfes steinernes Schlo\u00df &#8211; u\u0308beraus leicht, ein Schmetterling vermo\u0308chte es zu entf\u00fchren. Die Landschaft ist toskanisch &#8211; graugru\u0308n, denn eben naht der Abend. Baumkronen stehen einzeln im Gela\u0308nde, wie Notenko\u0308pfe. Der Himmel senkt sich herab in Streifen wie bei o\u0308stlichen Malern &#8211; ganz oben herrscht ku\u0308hles Blau, aber u\u0308ber der Linie sanft modulierter Ho\u0308hen spru\u0308ht Mondhelle, Iicht, gewichtlos und ohne Grenzen. (&#8230;.)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Scha\u0308tzt man ein Werk danach ein, ob und wie es die Kunst ,vorwa\u0308rts sto\u0308\u00dft., so wirkt dies BiId Sassettas skandalo\u0308s anachronistisch und bezeugt die Blindheit des K\u00fcnstlers fu\u0308r das, was &gt;neu&lt; ist. Er lebte in der Mitte des Quattrocento und dabei malte er, als schriebe man das dreizehnte Jahrhundert. Den Ko\u0308rper baute er aus Pflanzenfasern auf, nicht aus Fleisch und Knochen, wie es sich in der Epoche Masaccios und Donatellos geho\u0308ren wu\u0308rde. Seine Mi\u00dfachtung der Gesetze der Schwerkraft war absolut, und der empfindsame Linearismus seines Stils bewirkte, da\u00df er den Byzantinern na\u0308her ru\u0308ckte als irgendein Maler Venedigs oder Florenz&#8216;. &#8211; Es fa\u0308llt schwer, sich von Sassetta loszurei\u00dfen, dessen Bilder die Anschauung nicht revolutionieren, sondern einen unwiderstehlichen Zauber verstro\u0308men. Glu\u0308cklicherweise unterscheidet sich die Kunstgeschichte von einem Handbuch der Geometrie; es ist Platz in ihr auch f\u00fcr Zauberer &#8211; solche wie Sano di Petro aus Siena, Baldovinetti aus Florenz (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alesso_Baldovinetti\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) oder Carpaccio aus Venedig. (&#8230;.)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\"><em>K\u00fcrzlich begegnete mir eine verwandte &#8218;byzantinische&#8216; Malerei aus dem Alten Russland.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Stand: 28.5.25<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[193,23,263],"tags":[],"class_list":["post-16008","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wie-gehts-uns-denn-heute","category-schoenschrift","category-vr-polen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16008"}],"version-history":[{"count":25,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16008\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16315,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16008\/revisions\/16315"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}