{"id":15920,"date":"2024-08-18T23:14:28","date_gmt":"2024-08-18T21:14:28","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=15920"},"modified":"2024-09-04T21:36:22","modified_gmt":"2024-09-04T19:36:22","slug":"czeslaw-milosz-erzaehlt-die-geschichte-der-baltischen-voelker-im-20-jahrhundert-stand-1952","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=15920","title":{"rendered":"\u00a0Czeslaw Milosz erz\u00e4hlt die Geschichte der baltischen V\u00f6lker im 20. Jh."},"content":{"rendered":"<p><em><strong>1952<\/strong> &#8211; Unerkl\u00e4rter Kriegszustand &#8211; Nat\u00fcrlich wurde die \u201einternationale Zeitschrift\u201c\u00a0 DER MONAT vom CIA mitfinanziert, so wie \u201eEncounter\u201c und \u201e\u00c9preuves\u201c . Nat\u00fcrlich \u201adienten\u2019 Milosz und sein Essay im Kalten Krieg auf amerikanischer Seite und wurden von ihren gebildeten Lesern im Westen entsprechend ein\u00e4ugig gelesen, aber deren Bild von den baltischen <\/em><em>V\u00f6lkern konnte ein paar Retouchen brauchen. &#8211; Wir Deutschen des Jahres 2024 tun auch gut daran, uns diese Erfahrungen zu vergegenw\u00e4rtigen, nicht allein, um die Haltung der baltischen V\u00f6lker und der Polen besser zu verstehen, sondern vor allem um uns vor Augen zu f\u00fchren, dass die\u00a0 Hassfigur &#8222;Putin&#8220; ein in der langen Zarenzeit entwickeltes repressives System verk\u00f6rpert, das im zwanzigsten Jahrhundert als &#8218;Bolschewismus&#8216; den Staatsterror perfektioniert hat, noch vor dem Maoismus in China.<br \/>\n<\/em><!--more--><\/p>\n<p><em>Dieser Tage ver\u00f6ffentlicht die NZZ die Erfahrungen einer polnischen Intellektuellen im &#8218;Gulag&#8216; 1944 bis 1954, deren Buch erst jetzt auf Deutsch erschienen ist.<\/em> (Barbara Skarga: Nach der Befreiung. Aufzeichnungen aus dem Gulag 1944\u20131956. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2024. Rezension von Gabriele Lesser in: NZZ vom 18.08.2024. Sie betont: &#8222;Seit dem U\u0308berfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sind Skargas Erinnerungen wieder hochaktuell. Sie zeigen auf, was den Ukrainerinnen und Ukrainern \u00abnach der Befreiung vom Faschismus\u00bb drohen wu\u0308rde.&#8220; <em>Die Rezension zeichnet auch die abenteuerliche Publikationsgeschichte seit 1985 nach.<\/em><\/p>\n<p><em>Manches hat sich seit den F\u00fcnfziger Jahren in Russland ge\u00e4ndert &#8211; geschichtsphilophischer Optimismus und Elan sind verschwunden &#8211; aber nicht Propaganda und Staatsterror gegen\u00fcber Bev\u00f6lkerungsgruppen, deren Status realistisch als &#8222;Menschenmaterial&#8220; zu bezeichnen w\u00e4re. Die Ukrainer beurteilte Milosz damals als fortgeschritten kolonisiert <\/em>( 461),<\/p>\n<p><strong>Biografie<\/strong>\u00a0\u00a0 (1911 &#8211; 2004):<em> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Czes%C5%82aw_Mi%C5%82osz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a> (de.wikipedia) \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Gv 21.8.2024<\/strong><\/em><\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201e Czeslaw Milosz Die baltischen V\u00f6lker\u201c<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Der Monat<\/em> Heft 41, Februar 1952\u00a0\u00a0 <\/strong><em>S.451 &#8211; 466\u00a0 (Ab S.456 nur ausgew\u00e4hlte Abs\u00e4tze!)<br \/>\n<\/em><\/h4>\n<p><strong>(&#8230;.) 452 <\/strong>Die baltischen L\u00e4nder &#8211; Estland, Lettland und Litauen &#8211; liegen bekanntlich am Rande des gro\u00dfen kontinentalen Massivs, deshalb man auch von den ,,Randstaaten&#8220; spricht. Ein Meerbusen trennt sie von Finnland, die Ostsee (das ,,Baltische Meer&#8220;) von Schweden. Ihre Einwohner sind keine Slawen. Die estnische Sprache ist mit dem Finnischen verwandt. Die wiederum untereinander verwandten Sprachen der Litauer und Letten sind f\u00fcr die Gelehrten bis heute ein R\u00e4tsel: kein Mensch wei\u00df, woher diese St\u00e4mme kommen und wann sie sich an den Unterl\u00e4ufen des Njemen und der Dwina niedergelassen haben. Man wei\u00df nur, dass die ausgerotteten Pruzzen eine \u00e4hnliche Sprache gesprochen haben. Von diesen drei V\u00f6lkern ist es in der Vergangenheit nur den Litauern gelungen, einen gro\u00dfen Staat zu schaffen, der bis zum Dnjepr reichte, und ihn einige Jahrhunderte lang zu behaupten. Der d\u00fcnn besiedelte Raum der drei L\u00e4nder erlebte vom Augenblick der Christianisierung an eine starke Kolonisation, haupts\u00e4chlich durch deutsche und polnische Siedler, deren Folge die Zweisprachigkeit seiner <strong>453<\/strong> Bev\u00f6lkerung war: die eigentlichen Herren des Landes &#8211; d. h. die Grundbesitzer &#8211; sprachen deutsch (in Estland und Lettland) und polnisch (in Litauen), w\u00e4hrend das einfache Volk seiner eigenen uralten Sprache und Kultur treu blieb. Nach dem ersten Weltkrieg h\u00f6rten die drei L\u00e4nder auf, Provinzen des russischen Reiches zu sein (die sie im Laufe der vorhergehenden Jahrhunderte geworden waren), und erlangten ihre staatliche Unabh\u00e4ngigkeit. Eine radikale Agrarreform beseitigte die Vorherrschaft der Grundbesitzer. Die Nationalsprachen wurden zu offiziellen Landessprachen, und Literatur und Schulwesen kn\u00fcpften an die heimischen Traditionen an.<\/p>\n<p>Im Jahre 1939 z\u00e4hlte die Bev\u00f6lkerung der drei L\u00e4nder zusammen ungef\u00e4hr sechs Millionen, d. h. etwas mehr als die Bev\u00f6lkerung Chiles, etwas weniger als die Bev\u00f6lkerung Schwedens. Es waren Agrarl\u00e4nder, deren wirtschaftliche Stabilit\u00e4t auf einem gut organisierten Export von Schinken, Eiern, Butter, Getreide und Gefl\u00fcgel nach Westeuropa beruhte. In dieser wie auch in anderer Hinsicht hatten sie \u00c4hnlichkeit mit D\u00e4nemark: wer den b\u00e4uerlichen Lebensstil kennt, kann sich leicht ein Bild vom Leben in diesen drei L\u00e4ndern machen. Ein gut entwickeltes Genossenschaftswesen erleichterte dem Landwirt den Verkauf seiner Produkte. Der Lebensstandard war, nach dem Aussehen der Bewohner, ihren H\u00e4usern, ihrer Ern\u00e4hrung zu schlie\u00dfen, h\u00f6her als in anderen Staaten Osteuropas, ausgenommen vielleicht der Tschechoslowakei. Die Esten und Letten waren in der \u00fcberwiegenden Mehrheit protestantisch, die Litauer katholisch.<\/p>\n<p>Das Schicksal der drei L\u00e4nder entschied sich bei den Verhandlungen zwischen Molotow und Ribbentrop im August 1939. Im Herbst des gleichen Jahres schon verlangte Molotow milit\u00e4rische Basen auf dem Territorium der Randstaaten. Die einzelnen Regierungen beeilten sich, diesem Wunsche zu entsprechen; die Presse von Tallinn, Riga und Kowno widmete damals der festen, unverbr\u00fcchlichen Freundschaft mit dem m\u00e4chtigen und wohlwollenden Nachbarn im Osten zahlreiche Artikel. Im Juni 1940 \u00fcberschritt die Rote Armee unter dem Vorwand, die Regierungen der drei L\u00e4nder gew\u00e4hrten f\u00fcr die in den Basen stationierten Sowjetsoldaten nicht gen\u00fcgend Sicherheit, die Grenzen Lettlands, Litauens und Estlands. Die NKWD \u00fcbernahm die Macht, der bisherige Staatsapparat h\u00f6rte auf zu bestehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ich hier berichte<\/strong>, stammt nicht aus B\u00fcchern oder Aktenpublikationen. F\u00fcr mich waren das erste Licht, das ich in meinem Leben erblickt habe, der erste Du{t von Erde, der erste Baum &#8211; das Licht, der Duft, der Baum jener Landstriche, denn dort bin ich geboren worden, in einer polnisch sprechenden Familie Litauens, an den Ufern eines Flusses, der einen litauischen Namen tr\u00e4gt. Die Ereignisse der letzten Jahre kenne ich nicht nur aus trockenen Zeitungsmeldungen, sie sind f\u00fcr mich so lebendig wie das, was in den Gesichtern wohlvertrauter Menschen geschrieben steht.<\/p>\n<p>Die Invasion der Spanier muss fu\u0308r die Azteken ein erschreckendes Erlebnis gewesen sein. Die Sitten der Eroberer, ihre religio\u0308sen Riten waren unbegreiflich, die Wege ihres Denkens dunkel und unerforschlich. Der Einfall der Roten Armee war fu\u0308r die Esten, Letten und Litauer keine geringere Erschu\u0308tterung. Die a\u0308lteren Leute erinnerten sich zwar noch an die nicht gerade rosigen Zeiten der Zarenherrschaft, dies aber hatte damit nichts mehr zu tun, es war hundertmal schlimmer. Wa\u0308hrend der Jahre, die seit dem Sturz des Zarentums vergangen waren, hatte sich Russland von Europa abgewandt und eine Europa fremde und unbekannte Gesellschaftsordnung errichtet. Die Gedanken und Reaktionen der Eroberer waren fu\u0308r die Eroberten ebenso fremdartig, wie die katholische Theologie und der kastilische Ehrbegriff es fu\u0308r die Azteken gewesen sein mu\u0308ssen.<\/p>\n<p>Nach der Invasion wurden unverzu\u0308glich Parlamentswahlen angeordnet. Diese Wahlen glichen aber in keiner Weise dem bisher unter diesem Namen bekannten Vorgang. Es gab nur eine Kandidatenliste, die von der Regierung au{gestellt worden war. Warum\u00a0 <strong>454<\/strong>\u00a0 die St\u00e4dte und Do\u0308rfer trotzdem mit einer wahren Flut von Propagandaschriften und Broschu\u0308ren u\u0308berschwemmt wurden, warum die Lautsprecher Tag und Nacht von Propagandareden erdro\u0308hnten, warum Lastwagen, mit den Portra\u0308ts der Fu\u0308hrer dekoriert, durch die Stra\u00dfen fuhren, wozu in aller Welt die Versammlungen dienten, wenn es doch nur eine Liste und keine Wahl gab, das verstanden die Einheimischen nicht. Am Wahltag aber kamen sie in Scharen zur Urne. Man musste hin: nach der Stimmabgabe erhielt man auf seinem Ausweis einen Stempel. Wenn der Stempel fehlte, lag klar zutage, dass der Inhaber des Ausweises ein Volksfeind war, der seinen schlechten Willen bekundet hatte, indem er nicht zur Abstimmung gegangen war. Einige versuchten zwar in ihrer Naivita\u0308t, zerrissene oder beschmutzte Stimmzettel abzugeben, damit ihr Votum ungu\u0308ltig sei. Auch diese aber wurden als gu\u0308ltig anerkannt und den Ja-Stimmen zugerechnet. Das Ergebnis war u\u0308berwa\u0308ltigend. Und der erste Akt der so gewa\u0308hlten Parlamente bestand in der formellen Bitte, dem Bund der Sowjetrepubliken angeschlossen zu werden. Dieser Bitte wurde entsprochen.<\/p>\n<p>Einer der neugewa\u0308hlten Abgeordneten im litauischen Parlament war ein Freund aus meiner fru\u0308hen Jugend. Wir hatten zusammen im Kanu viele Kilometer auf verschiedenen Flu\u0308ssen Europas zuru\u0308ckgelegt, waren auf schwindelnden Pfaden durch die Berge gewandert, hatten gemeinsam in den Ta\u0308lern des Schwarzwaldes und von den Burgen des Rheinlandes die aufgehende Sonne begru\u0308\u00dft. Einige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg war er Stalinist geworden. Obwohl er aus Warschau stammte und sich zu Beginn des Krieges mehr oder weniger zufa\u0308llig auf litauischem Boden aufhielt, wurde er als Kandidat aufgestellt (denn bei der verschwindend kleinen Zahl von Kommunisten war natu\u0308rlich jeder willkommen); und da die Kandidatur ja der Wahl praktisch gleichkam, wurde er Abgeordneter. Es musste fu\u0308r ihn ein recht sonderbares Gefu\u0308hl sein, fu\u0308r die Einverleibung eines Staates, mit dem er durch nichts verbunden war, in einen anderen Staat zu stimmen, den er nur aus der Propagandaliteratur und den offiziellen Statistiken kannte. Eine solche Kandidatur war ein Novum; indessen sollte man sich in Osteuropa bald daran gewo\u0308hnen, durch ausla\u0308ndische Abgeordnete vertreten zu werden, die notfalls einfach ihren Namen a\u0308nderten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So also wurden die Bewohner der Randstaaten zu Sowjetbu\u0308rgern<\/strong>. Vom Standpunkt der neuen Herren stellten sie, deren Lebensstandard den der u\u0308brigen Sowjetmenschen weit in den Schatten stellte, ein geradezu skandalo\u0308ses \u00dcberbleibsel aus vergangenen Zeiten dar. Sie mussten also erst einmal umerzogen werden. Die Gefa\u0308ngnisse f\u00fcllten sich, und bald setzten die Massendeportationen gewisser Kategorien der Bevo\u0308lkerung ein. Sie kamen in die Arbeitslager, Bergwerke und Kolchosen im Inneren der Sowjetunion, vorwiegend in der Polargegend. Im Jahre 1941 fiel das Baltikum in deutsche Hand, worauf nun wiederum die Ausrottung der den Nazis unerwu\u0308nschten Bevo\u0308lkerungsteile begann, d. h. aller Juden, ohne Ru\u0308cksicht auf ihre Klassenzugeho\u0308rigkeit, ihr Alter oder Geschlecht. Gleichzeitig verbrachte man Tausende von zwangsweise angeworbenen Arbeitskra\u0308ften ins Reich. Erst im Jahre 1944 wurden die Baltischen Staaten von der Roten Armee zuru\u0308ck erobert, sodass der Kreml daran gehen konnte, sie den anderen Gebieten der Sowjetunion endgu\u0308ltig anzugleichen,<\/p>\n<p>Die wichtigste Voraussetzung hierfu\u0308r war, die bisherige landwirtschaftliche Struktur zu zersto\u0308ren. Eine Kollektivierung stie\u00df jedoch auf ernstliche Hindernisse. Die Methode der ,,Vertiefung des Klassenkampfes auf dem Lande&#8220;, d. h. der Ausnu\u0308tzung des Gegensatzes zwischen armen und reichen Bauern, zeitigte nur magere Ergebnisse. Durch die gro\u00dfen Waffenbesta\u0308nde aus der Zeit des Krieges, durch ihre Erfahrungen aus dem Partisanenkrieg ermutigt, leisteten die Bauern tatkra\u0308ftigen Widerstand. Wurden sie von der Verschleppung nach Sibirien bedroht, so flohen sie in die W\u00e4lder und bildeten dort bewaffnete Einheiten. Daraufhin umzingelten Strafexpeditionen die Do\u0308rfer und machten alle Zuru\u0308ckgebliebenen nieder; doch das sta\u0308rkte <strong>455<\/strong> nur die Entschlossenheit der Widersta\u0308ndler, und zuweilen schlossen sich ganze Do\u0308rfer den Partisanen an. Die feindselige Einstellung der Bevo\u0308lkerung veranlasste die Okkupanten zu radikalen Gegenma\u00dfnahmen, d. h. zu Massenhinrichtungen und Deportationen. Jene Jahre, in denen Westeuropa sich eines zwar ungewissen und von Augenblicken der Panik unterbrochenen Friedens zu erfreuen begann, waren f\u00fcr die baltischen Vo\u0308lker keine Friedensjahre. Do\u0308rfer, deren Bewohner geflohen, niedergemetzelt oder deportiert worden waren, standen leer und ausgeplu\u0308ndert, der Wind pfiff durch die eingeschlagenen Fenster und aufgebrochenen Tu\u0308ren. ,,Die Hitler kommen und gehen, aber die Vo\u0308lker bleiben&#8220;, hatte Stalin gesagt, als er seines Sieges u\u0308ber Deutschland sicher war. Auf die kleineren Vo\u0308lker angewandt, mu\u0308sste der Satz indessen etwas abgea\u0308ndert werden: ,,Die Vo\u0308lker kommen und gehen, aber die La\u0308nder bleiben.&#8220; \u2013 <strong>\u201eEs wird ein Litauen geben, aber keine Litauer&#8220;<\/strong>, erkla\u0308rte mir einmal ein hoher Wu\u0308rdentra\u0308ger der Zentrale.<\/p>\n<p>Welche Menschenverluste diese La\u0308nder erlitten haben, bis ihre o\u0308konomische Struktur vollkommen gleichgeschaltet war, d. h. bis zum Jahre 1950, das wei\u00df ich nicht, und vermutlich gibt es u\u0308berhaupt keine genaue Statistik. Einen Hinweis ko\u0308nnte unter Umsta\u0308nden die Zahl der Umsiedler geben, die aus dem Inneren der Sowjetunion in die baltischen Staaten abkommandiert wurden, um die deportierten Einwohner zu ersetzen. Doch ist diese Aktion noch nicht abgeschlossen. Die Do\u0308rfer werden mit Kolchosenarbeitern bevo\u0308lkert, die St\u00e4dte mit Verwaltungspersonal und dessen Familien. In den Sta\u0308dten ho\u0308rt man mehr Russisch als Estnisch, Lettisch oder Litauisch. Unter den Parteifunktiona\u0308ren herrschen russische Namen vor, und wenn sie einen einheimisch klingenden Namen tragen, dann ist dieser ha\u0308ufig nur angenommen. Die ganze Bevo\u0308lkerung der Sowjetunion soll gieichsam durch den Wolf gedreht werden: nur wenn die einzelnen Nationalita\u0308ten sich ,,im russischen Meer&#8220; auflo\u0308sen, ist das gro\u00dfe Ziel zu erreichen: <u>eine<\/u> Kultur und eine Universalsprache. Ostpreu\u00dfen ist mit kernrussischen Siedlern besetzt worden; Ko\u0308nigsberg, wo Kant geboren wurde und sein ganzes Leben verbracht hat, ist in Kaliningrad umbenannt worden und unterscheidet sich heute kaum mehr von Sta\u0308dten wie Tula oder Kuibyschew. Auf den der estnischen Ku\u0308ste vorgelagerten Inseln gibt es keine estnischen Fischer mehr. Der Kessel, in dem die baltischen Vo\u0308lker bei kleinem Feuer verkocht werden, muss hermetisch verschlossen bleiben, wenn das fertige Gericht dem Gaumen Stalins munden soll. In Schulen und Universita\u0308ten bedient man sich natu\u0308rlich noch der einheimischen Sprachen, Auch in den Bu\u0308chern. Nicht die vo\u0308llige Vernichtung der einzelnen Nationalita\u0308ten ist ja das Ziel, sondern die Vernichtung des KIassenfeindes. Wenn die Jugend in litauischer, lettischer oder estnischer Sprache gelernt hat, was sie als gute patriotische Jugend der Sowjetunion zu tun hat und wie sie alles scha\u0308tzen mu\u00df, was aus Moskau kommt, dann wird sich die russische Sprache von selbst durchsetzen, und die neue Phase eines ho\u0308heren Bewusstseins wird beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ist da ein Anlass zur Entru\u0308stung?<\/strong> Die baltischen La\u0308nder bildeten eine kleine Welt fu\u0308r sich, wie wir sie etwa aus den la\u0308ndlichen Idyllen Brueghels kennen: volle Humpen in derben Ha\u0308nden, breite, lachende, erhitzte Gesichter, ba\u0308renhaft plumpe Gutmu\u0308tigkeit; Bauerntugenden wie Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Gescha\u0308ftstu\u0308chtigkeit neben Bauernsu\u0308nden wie Habsucht, Geiz und sta\u0308ndiger Sorge um die Zukunft. Ein Proletariat gab es kaum, die Industrie war schwach entwickelt, fu\u0308r die niedrige Bevo\u0308lkerungszahl reichte das Land, das durch die Bodenreform unter die Bauern verteilt worden war. Warum aber sollte es so bleiben? Der unverzeihliche Anachronismus eines solchen Kulakentums musste ausgemerzt, der Lebensstandard auf den der u\u0308brigen Sowjetunion herabgesetzt werden. Was die drastischen Methoden betrifft, die man anwandte &#8211; schlie\u00dflich muss jeder einmal sterben, nicht wahr? Stellen wir uns einfach vor, ein gro\u00dfer Prozentsatz der Bevo\u0308lkerung sei durch die Pest und nicht durch Strafexpeditionen dahingerafft worden. <strong>456\u00a0<\/strong> Sobald wir die historische Notwendigkeit als eine Art Pest betrachten, ho\u0308ren wir auf, u\u0308ber das Schicksal der Opfer Tra\u0308nen zu vergie\u00dfen. Eine Epidemie oder ein Erdbeben rufen im allgemeinen keine Entru\u0308stung her-vor. Man nimmt von solchen Katastrophen Notiz, legt die Zeitung beiseite und widmet sich in Ruhe wieder seinem Fru\u0308hstu\u0308ck. Empo\u0308ren kann man sich nur gegen eine Person, und hier war ja keine Person im Spiel. Die Beteiligten erledigten ihre Aufgabe in der vollen \u00dcberzeugung, eine historische Pflicht zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und dennoch schnitt mir der Brief, den ich in Ha\u0308nden hielt, ins Herz<\/strong>. Er stammte von einer Familie, die man im Ma\u0308rz 1949 aus einem der baltischen Staaten nach Sibirien deportiert hatte, und war an Verwandte in Polen adressiert. Die Familie bestand aus Mutter und zwei To\u0308chtern. Der Brief beschrieb in knappen und trockenen Vorten die Arbeit, die sie in einer Kolchose hinter dem Ural zu leisten hatten. Die letzten Buchstaben der einzelnen Zellen waren ein wenig sta\u0308rker nachgezogen, und wenn man sie von oben nach unten las, ergaben sie die Worte: ,<strong>,Sklaven auf immer.&#8220;<\/strong> Es war ein Zufall, dass dieser an einen anderen gerichtete Brief in meine Ha\u0308nde geraten war.\u00a0 (&#8230;..) Es ist denkbar, da\u00df sich weder die Mutter noch die To\u0308chter durch besondere Vorzu\u0308ge auszeichnen. Die Mutter ging vielleicht des Sonntags mit einem dicken Gesangbuch zur Kirche, um daheim doch eine Teufelin von krankhaftem Geiz zu sein. Die To\u0308chter mo\u0308gen nur Putz und Flitter und den Tanz am Samstagabend auf der Dorfwiese im Kopf gehabt haben. Vermutlich hatten sie kein einziges vernu\u0308nftiges Buch gelesen, vermutlich waren ihnen die Namen Plato und Hegel, Marx und Darwin fremd. Sie wurden deportiert, weil sie Kulakinnen waren; ihr Hof hatte etwa 30 Hektar umfasst. Der Nutzen, den die Menschheit aus ihrem geruh- samen Dasein zog, war, abgesehen von den Butter- und Ka\u0308semengen, die sie produzierten, a\u0308u\u00dferst gering. Es erhebt sich nun die Frage, ob man drei solche Existenzen im Namen ho\u0308herer Ziele vernichten du\u0308rfe. <strong>(&#8230;.)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Terror und die Dichter<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>(&#8230;.)\u00a0<\/strong> <strong>458\u00a0 <\/strong>Die Wirklichkeit ist der Pru\u0308fstein, aller Literatur. <strong>(&#8230;.).<\/strong> Ich kenne einen Dichter <strong>459 <\/strong>, der sich nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt und dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges in einer von der Roten Armee besetzten Stadt befand. Er lebte in gro\u00dfer Furcht, denn in der Stadt wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen, und fast ta\u0308glich verschwand jemand von seinen Freunden und Bekannten von der Biidflache. In seiner Panik setzte er sich an den Schreibtisch und produzierte freundliche Gedichte, in denen die Segnungen des Friedens und des Sozialismus geleiert wurden. Ich entsinne mich noch eines Poems, in dem er die ,,glu\u0308cklichen, reichen Kolchosen&#8220; der <strong>Sowjetukraine<\/strong> pries. Einige Monate spa\u0308ter begru\u0308\u00dfte dann die Bevo\u0308lkerung dieser,,glu\u0308cklichen, reichen Kolchosen&#8220; die Deutschen als Befreier. Da\u00df sie sich damit in einem grausamen Irrtum befanden, ist wieder eine andere Geschichte. Die Doppelzu\u0308ngigkeit, (&#8230;. ) muss jeder ansta\u0308ndigen Literatur den Todessto\u00df versetzen.\u00a0 <strong>(&#8230;.)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Nationalit\u00e4tenfrage\u00a0 (&#8230;.) <\/strong><strong> 461 <\/strong>Weil aber\u00a0 das russische Volk die Revolution vollzogen und die erste sozialistische Kultur geschaffen hat, kann man den Nationalismus auch als anti-russische Ideologie bezeichnen. Kleinere antirussische Volksgruppen lassen sich in ihrer Gesamtheit liquidieren (wie z. B. die <strong>Krim-Tataren<\/strong>); handelt es sich jedoch um gro\u0308\u00dfere Vo\u0308lker, dann wird der Kamp{ gegen den Nationalismus in Etappen gefu\u0308hrt werden mu\u0308ssen. In der <strong>Ukraine<\/strong> sind schon bedeutende Erfolge festzustellen. Die Bevo\u0308lkerung der gro\u0308\u00dferen Sta\u0308dte spricht mehr russisch als ukrainisch und liest russische Zeitungen. Immer mehr ukrainische Schriftsteller lassen sich in Moskau nieder und schreiben russisch. Die ukrainischen Dichter und Kritiker, die eine selbsta\u0308ndige ukrainische Literatur begru\u0308nden wollten, Ieben nicht mehr. Tot sind auch die Schauspieler, die ein nationales Theater hatten aufrechterhalten wollen und die sich etwas zu hohe Ziele gesteckt hatten, als sie mit dem russischen Theater in Wettbewerb treten wollten. In den baltischen Staaten lassen sich die Dinge, nachdem die Koliektivierung durchgefu\u0308hrt und die Verwaltung mit Russen besetzt worden ist, nicht minder gut an. Was die Volksdemokratien betrifft, so m\u00fcssen sie im Lichte fr\u00fcherer Erfahrungen mit etwas gr\u00f6\u00dferer Geduld behandelt werden.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>(&#8230;.) Die Vo\u0308lker Mittel- und Osteuropas waren nationalistisch bis zum Wahnwitz.<\/strong> <strong><br \/>\n<\/strong><strong>462<\/strong> Sie ha\u0308tten sich gegenseitig hingemetzelt, nur um dem Nachbarn ein Stu\u0308ck Boden zu entrei\u00dfen. Heute sehen sie ihre Unvernunft ein (was sie aber nicht hindern wu\u0308rde,einander wieder an die Kehle zu springen, sobald die feste Hand der Zentrale fehlte). Unter der Obhut der Zentrale sind sie zu gegenseitigen Konzessionen bereit: die Polen haben ihre o\u0308stlichen Territorien abgetreten, die Deutschen haben die Oder-Nei\u00dfe-Linie akzeptiert, die Tschechen und Ungarn erheben keinen Anspruch mehr auf die Karpato-Ukraine. In der Sowjetunion selbst spielt das Problem der Minderheiten eine immer untergeordnetere Rolle: sie alle beziehen ihr Wirtschafts- und Kulturprogramm aus der Zentrale, und der einzige Unterschied, der sie noch trennt, ist die Sprache. Man kann dem gro\u00dfen Plan die Folgerichtigkeit nicht absprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die baltische Trago\u0308die als Probefall<\/strong><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><strong>463<\/strong> Die Einverleibung der Randstaaten in die Sowjetunion mu\u00df den Bewohnern von Chile oder Mexiko als ein bedeutungsloser Zwischenfall erscheinen. Anders aber den vielen Millionen von Menschen in den Volksdemokratien. Seit Jahren schon gibt ihnen diese immerhin ungewo\u0308hnliche Handlungsweise des gro\u00dfen Nachbarn zu denken, die <strong>bisher nur in der<\/strong> <strong>Kolonialpolitik ihre Parallelen<\/strong> hat. Wenn die gro\u00dfe Sowjetunion eine Fo\u0308deration ist und eine beliebige Zahl von Republiken aufsaugen kann, dann mu\u00df die Reihe eires Tages auch an andere La\u0308nder kommen. Wenn das, was dort nach der Annexion geschah, das Kommende vorweg- nimmt, dann sind auch hier Massendeportationen und die Neubesiedlung von Sta\u0308dten und Do\u0308rfern mit Einwanderern aus dem Inneren des eurasischen Kontinents zu gewa\u0308rtigen. Eine solche Aussicht stellt sich dem Bewusstsein der Bedrohten, deren Staaten von der Propaganda so gern als souvera\u0308n bezeichnet werden, wie eine Art Ju\u0308ngstes Gericht dar. So ist die Einverleibung der baltischen Staaten zu einem nicht zu unterscha\u0308tzenden psychologischen Faktor geworden: bei seiner ta\u0308glichen Gewissenserforschung wa\u0308gt der Bewohner eines der bedrohten La\u0308nder seine Worte und Taten nicht so sehr nach ihrem augenblicklichen Nutzen ab, als danach, wie sie ihm in der Zukunft angerechnet werden ko\u0308nnten. <strong>(&#8230;.)<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>464\u00a0 <em>Der Literat Czeslaw Milosz erinnert sich an eine Bahnhofsszene 1939<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich besa\u00df alle Faustpfa\u0308nder eines neuen Glu\u0308cks. Ich hatte am Wiederaufbau Warschaus mitarbeiten ko\u0308nnen, im Einklang mit den Gesetzen der Geschichte, mit dem Blick in eine ferne Zukunft. Ich ha\u0308tte Shakespeare u\u0308bersetzen ko\u0308nnen &#8211; welche Lust, den Widerstand der Sprache zu brechen und ebenso bu\u0308ndige Formulierungen zu finden wie die des Originalsl Ich ha\u0308tte vielleicht nach marxistischer Methode die englische Geschichte des 16. Jahrhunderts erforscht. Bald wa\u0308re ich sicher Universita\u0308tsprofessor geworden. Von Zeit zu Zeit ha\u0308tte ich Gedichte vero\u0308ffentlicht, die von meiner Loyalita\u0308t gegenu\u0308ber der Revolution und ihren Scho\u0308pfern Zeugnis ablegten. Dialektischen Studien mich widmend und im Kreise der Philosophen weilend, ha\u0308tte ich auf die Bemu\u0308hungen der Literaten, Musiker und Maler hinabschauen ko\u0308nnen, durch ein ho\u0308heres Wissen gewappnet, dass die von ihnen geschaffene Kunst schlecht sei. Ich ha\u0308tte Bach geho\u0308rt und Swift oder Flaubert gelesen.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dennoch habe ich meinen Freund entta\u0308uschen mu\u0308ssen. Was mich dazu bewegt hat, kann,ich selbst nicht genau definieren. (&#8230;). Ich glaube, meine Motive reichen weit in die Vergangenheit zuru\u0308ck, bis zu einem Ereignis, das ich hier kurz erza\u0308hlen mo\u0308chte.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Auf meinen lrrfahrten zu Beginn des zweiten Weltkrieges kam ich, wenn auch nur fu\u0308r kurze Zeit, in die Sowjetunion. Einmal wartete ich auf dem Bahnhof einer gro\u00dfen Stadt in der <strong>Ukraine<\/strong> auf den Zug. Es war ein riesiges Geba\u0308ude. Die Wa\u0308nde waren mit Portra\u0308ts und Transparenten von unsa\u0308glicher Ha\u0308\u00dflichkeit bedeckt. Eine dichtgedra\u0308ngte Menge in Pelzen, Uniformen, mit Ohrenschu\u0308tzern und wollenen Kopftu\u0308chern f\u00fcllte die Bahnhofshallen bis in den letzten Winkel. Der mit Fliesen ausgelegte Boden hatte sich unter den vielen tausend Stiefeln in einen einzigen Morast von schmutzigem tauenden Schnee verwandelt. Auf der Marmortreppe lagerten schlafende Elendsgestalten. Nackte Beine sahen unter den Lumpen hervor. <strong>465 <\/strong> U\u0308ber ihnen bru\u0308llten Lautsprecher Propagandalosungen. Als ich an diesen Menschen voru\u0308berging, blieb ich plo\u0308tzlich stehen. Etwas hatte mich angeru\u0308hrt. Dort an der Wand hatte sich eine Bauernfamilie niedergelassen: ein Mann, seine Frau und zwei Kinder. Sie sa\u00dfen auf Ko\u0308rben und Bu\u0308ndeln. Die Frau stillte das ju\u0308ngere Kind, der Mann &#8211; er hatte ein dunkles, von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht und einen gro\u00dfen schwarzen Schnauzbart &#8211; schenkte eben aus einer&#8216; Teekanne einen Becher voll und reichte ihn dem a\u0308lteren Sohn. Sie sprachen mit geda\u0308mpften Stimmen, auf polnisch. Ich schaute ihnen lange zu und fu\u0308hlte plo\u0308tzlich, da\u00df mir Tra\u0308nen u\u0308ber die Wangen rannen. Wie seltsam, da\u00df ich mitten in der Menge gerade auf sie aufmerksam geworden war! Was mich so heftig ergriffen hatte, war die Art, in der sie sich so vo\u0308llig von ihrer Umgebung unterschieden. Es war eine menschliche Familie, eine Insel inmitten der dem gewo\u0308hnlichen kleinen Mensch-Sein so ga\u0308nzlich entfremdeten Masse. Die Art, wie die Hand den Tee einschenkte, wie sie aufmerksam und zart dem Kind den Becher reichte, die besorgten Worte, die Besonderheit, die ganz perso\u0308nliche private Isoliertheit dieser Menschen in der Menge &#8211; das hatte mich erschu\u0308ttert. Und ich verstand fu\u0308r eine Sekunde, was mir sofort wieder entschwand.\u00a0\u00a0\u00a0 Diese polnischen Bauern waren sicherlich alles andere als ,,kultiviert&#8220;. Vielleicht konnte das Paar, das ich gesehen hatte, nicht einmal lesen und schreiben.\u00a0 (&#8230;.)<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 10\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><strong>466 <\/strong>Jetzt bin ich heimatlos. Eine wohlverdiente Strafe. Aber vielleicht bin ich geboren, damit durch meinen Mund jene ,,Sklaven auf immer&#8220; sprechen? Warum sollte ich mich allzu sehr schonen, warum sollte ich um den Preis, in den Anthologien des Staatsverlages einen Platz zu erhalten, auf das verzichten, was vielleicht die einzige Berufung des Dichters ist? Mein Freund akzeptiert die nackte Gewalt, der er verschiedene Namen beilegt. Wir haben uns getrennt. Es ku\u0308mmert mich nicht, ob ich mich auf seiten der ku\u0308nftigen Sieger oder Besiegten befinde. <strong>(&#8230;.)<\/strong><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em><strong>Milosz bittet stellvertretend <\/strong><strong>als osteurop\u00e4ischer Dichter <\/strong><\/em><strong><em>Pablo Neruda in Lateinamerika ironisch um Nachsicht<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Mag der gro\u00dfe Dichter Lateinamerikas Pablo Neruda getrost fu\u0308r sein Volk ka\u0308mpfen. Es wa\u0308re aber schlimm um ihn besteilt. wenn er alle Stimmen, die ihn aus Mittel- und Osteuropa erreichen, fu\u0308r Manifestationen eines u\u0308berholten Nationalismus und fu\u0308r das Wehgeschrei einer grollenden Reaktion halten wollte. Augen, die gesehen haben, du\u0308rfen sich nicht verschlie\u00dfen; Ha\u0308nde, die beru\u0308hrt haben, du\u0308rfen nicht vergessen, wenn sie zur Feder greifen. Mo\u0308ge Neruda einigen Schriftstellern Mittel- und, Osteuropas verzeihen, wenn sie sich Fragen widmen, die mit seinen eigenen Anliegen scheinbar so wenig zu tun haben; denn da er ja an die Notwendigkeit glaubt, sollte ihm das Schicksal der auf dem Wege der Notwendigkeit so weit fortgeschrittenen Vo\u0308lker nicht vo\u0308llig gleichgu\u0308ltig bleiben. (&#8230;.)<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"column\"><em><strong>Bonus<\/strong>: die Faksimiles<\/em> <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/der-Seiten-451-55.pdf\">der Seiten 451-55<\/a> , <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/die-Seiten-456-465-als-.pdf-.pdf\"> der Seiten 456 &#8211; 465 <\/a> und <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Seite-466-als.pdf\">Seite 466 <\/a>\u00a0als pdf<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1952 &#8211; Unerkl\u00e4rter Kriegszustand &#8211; Nat\u00fcrlich wurde die \u201einternationale Zeitschrift\u201c\u00a0 DER MONAT vom CIA mitfinanziert, so wie \u201eEncounter\u201c und \u201e\u00c9preuves\u201c . Nat\u00fcrlich \u201adienten\u2019 Milosz und sein Essay im Kalten Krieg auf amerikanischer Seite und wurden von ihren gebildeten Lesern im Westen entsprechend ein\u00e4ugig gelesen, aber deren Bild von den baltischen V\u00f6lkern konnte ein paar Retouchen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,6,263],"tags":[],"class_list":["post-15920","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gaeste","category-frueher","category-vr-polen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15920"}],"version-history":[{"count":18,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16033,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15920\/revisions\/16033"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}