{"id":15819,"date":"2024-04-28T17:43:11","date_gmt":"2024-04-28T15:43:11","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=15819"},"modified":"2024-10-23T00:07:51","modified_gmt":"2024-10-22T22:07:51","slug":"josef-franz-thiel-anekdoten-beim-spaziergang-an-der-nidda-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=15819","title":{"rendered":"Josef Franz Thiel. Anekdoten beim Spaziergang an der Nidda erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p>Hochgeladen am 28. April 2024<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>9.1.18 Josef Franz Thiel. Anekdoten beim Spaziergang an der Nidda erz\u00e4hlt<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Wir wurden von der Wintersonne an die Nidda gelockt. Im Grund war ich in der Absicht zu Joseph Franz Thiel in die Heddernheimer Kirchstra\u00dfe 30 gekommen. Wir machten eine Bachrunde in beh\u00e4bigem Tempo von einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke zur n\u00e4chsten und kehrten \u00fcber das Gartengrundst\u00fcck ins Haus zur\u00fcck. Was Thiel diesmal erz\u00e4hlte, habe ich sp\u00e4ter protokolliert. <\/em><!--more--><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>Das Buch \u201e <em>Jahre im Kongo &#8211; Missionar und Ethnologe bei den Bayansi<\/em>\u201c <\/u><\/p>\n<p>2001 sandte er ein Buchexemplar (Lembeck Verlag, Frankfurt am Main 2001) an <em>Anthropos<\/em> f\u00fcr eine Besprechung, forderte von Chefredakteur und zugleich Studienfreund: Sie k\u00f6nnen es zerrei\u00dfen wie Sie wollen, wenn mir eine Stellungnahme erlaubt w\u00e4re, ich habe noch einiges im K\u00f6cher. Man verzichtete.\u201c Macht hier eine k\u00e4mpferische Miene. Fand viel Zustimmung von Missionaren zu seinem Buch, \u00fcber das offiziell geschwiegen wurde. Ein entlaufener Priester, ein Grenzg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Heute sind Chefredakteur <u>und<\/u>\u00a0 Direktor Polen. Thiel war noch nicht in Polen. Ich erz\u00e4hle von meinen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Gegen die Aufforderung des Philosophisch-Theologischen Instituts St.Augustin, das Thema \u201aMissiologie\u2019 f\u00fcr ein Reihenwerk zu bearbeiten, machte er selber einen Einwand: er sei Ethnologe und Missionar, kein Missiologe. Der Vorschlag traf schon anderswo auf Ablehnung. Argument: er sei kein Theologe. Dabei hatte er sieben Jahre Theologie studiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Papst Franziskus<\/u><\/p>\n<p>Papst Franziskus h\u00e4tte man nur deshalb noch nicht abserviert, obwohl er gegen die \u00fcberm\u00e4chtige Kurie k\u00e4mpfe, weil er Jesuit sei, die mit 2500 gebildeten Mitglieder sehr stark seien. Nur die Besten m\u00fcssten den 4. Eid, den auf den Papst, schw\u00f6ren, Franziskus sei einer von ihnen, die in St. Georgen auch. Ratzinger hat Thiel entt\u00e4uscht, war fr\u00fcher ein liberaler Professor, habe vor Kurie kapituliert; ich f\u00fcge zu: wenigstens als erster zur\u00fcckgetreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Pater Hochegger, <\/u><\/p>\n<p>Der Freund seit seiner Jugend, hatte die Schwarzen in Bandundu viel schreiben lassen, \u00fcber hundert Werke ver\u00f6ffentlicht, aber vor allem philologisch gepfuscht, Sch\u00fcler \u201a\u00fcbersetzen\u2019, paraphrasieren lassen. Seine Sprachkenntnisse waren auch nicht so gut. Fritz Kramer findet Hochegger wichtig und interessant, trotz Thiels Einwands unwissenschaftlicher Methoden. Nach seinem Tod hat niemand Thiel informiert, Hochegger habe im Anthropos keinen Nachruf bekommen, obwohl er Vereinsmitglied gewesen war; jetzt will Thiel einen Artikel \u00fcber schreiben, und droht bereits vorsorglich, ihn anderswo zu ver\u00f6ffentlichen. Hochegger starb \u00fcber Nacht, erschien morgens nicht wie immer zur Fr\u00fchmesse, ein w\u00fcnschenwerter Tod, aber f\u00fcr Katholiken der Schlimmste, ohne Sakramente ins Fegefeuer zu gehen. Ich vergleiche katholischen Umgang mit dem Verstorbenen im Fegefeuer mit der afrikanischen Angst vor R\u00fcckkehr. (Er lacht, als ich in lutherischer Manier einen solchen Gott f\u00fcr hinterh\u00e4ltig bezeichne: dem Sterbenden erst die Sakramente verweigern und ihn dann in die H\u00f6lle schicken.) In Afrika ist es das Ideal, nach einem langen Leben im Kreis der Familie zu sterben. Ein pl\u00f6tzlicher Tod sei das Schlimmste. (Auch daher der Verdacht der Zauberei!)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Einwurzeln des Christentums<\/u><\/p>\n<p>\u201eWas war denn Brot und Wein zu Zeiten Jesu? In jedem Haus vorhanden\u201c. Fr\u00fcher h\u00e4tten Missionare Trommeln zerbrochen, Thiel lie\u00df Trommeln zur Messe in die Kirche. Sp\u00e4ter sang man keine europ\u00e4ischen Kirchenlieder mehr. Er sieht durchaus eine gro\u00dfe Zukunft f\u00fcr das Christentum in Afrika.<\/p>\n<p>Das leitete ein, was er alles Skandal\u00f6se gemacht habe: Sollte einmal in einem Dorf, wohin er mit Nonnen kam, eine Messe halten, aber die Messjungen waren anderswo in der Schule. Sein Vorschlag an die italienische Oberin, eine ihrer jungen Nonnen, eine Soeur &#8230;, solle ihm assistieren. Sie protestierte, der Papst habe so etwas ausdr\u00fccklich verboten. Da stellte er rechts und links eine barbusige Dorfsch\u00f6nheit (untermalt gestisch) auf, die ihm die Handreichungen leistete. Zetern der Oberin nach der Messe.<\/p>\n<p>Widerstand gegen Anpassung kam vor allem von afrikanischen Priestern: \u201eKeine afrikanische Kirche zweiter Klasse, alles wie in Europa!\u201c So h\u00e4tten auch die afrikanischen Kardin\u00e4le bei der letzten Synode gegen Erlaubnis der Heirat f\u00fcr Priester in Afrika gesprochen, obwohl jeder wusste, dass man Nebenfrauen hatte. Afrikaner und Afrikanerinnen glaubten Thiel erst nicht, dass er nicht irgendwo Kinder hatte und hatten dann kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr. Als er sp\u00e4ter \u201azwei\u2019 sagte, war alles gut.<\/p>\n<p>Sein Bischof pflegte zu sagen: \u201eWir sind im Busch, kein Papst erf\u00e4hrt etwas, wir k\u00f6nnen machen was wir wollen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Perspektiven Afrikas <\/u><\/p>\n<p>Er will sie offensichtlich nicht zu Ende denken oder ausformulieren, sie ergeben sich von selbst.<\/p>\n<p>Immer mehr Kinder: Dank <em>Nestl\u00e9<\/em> keine zweij\u00e4hrige Pause mehr zwischen den Geburten, und dann die Tropenmedizin, fr\u00fcher sind 50 % der Menschen gestorben. Der alte <em>Chief<\/em>, hielt sich st\u00e4ndig zwanzig fruchtbare Frauen, schickte die alten zu ihren Familien.<\/p>\n<p>Wer reich sei, zahle mehr f\u00fcr eine Frau, damit er die S\u00f6hne auf jeden Fall behalten k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Brautgeld h\u00e4tte auch sein Gutes gehabt. Wenn ein Mann seine Frau vernachl\u00e4ssigte, sei sie zu ihrer Familie gegangen und die Alten w\u00e4ren anger\u00fcckt: Bussgeld eine Ziege.<\/p>\n<p>In seinem Urteil \u00fcber die Alten differenziert er, er hat auch erlebt, dass einer die Jungen wegen des Schulbesuchs f\u00fcr kl\u00fcger hielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Dringende W\u00fcnsche aus Bandundu, der Provinzhauptstadt<\/u><\/p>\n<p>Der schwarze Bischof von Bandundu, den er noch als Knaben gekannt hat. Hat fr\u00fcher gebettelt, er m\u00f6ge ein Buch \u00fcber die Yansi schreiben, damit nicht alles verloren ginge, wollte aber auch das Material, die Tonb\u00e4nder bei Frobenius (sollten digitalisiert werden), nun wolle er Thiels <em>Yansi<\/em>-Literatur, schlie\u00dflich die ganze Bibliothek. Sei zuletzt etwas missgestimmt gewesen. Aber das Ansinnen mache keinen Sinn. In Afrika kommen die Sachen unweigerlich weg, einem Verwandten k\u00f6nne man nichts verweigern. Er habe damals seine ganze Bibliothek dagelassen. Alles weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Zeithorizont des Buches<\/u><\/p>\n<p>Bis 1961-71. Die Informanten seien oft alt gewesen. Und das Ged\u00e4chtnis der Alten! Drei\u00dfig Jahre zuvor hatte einer nachgewiesen die identische Liste von <em>Chiefs<\/em> aus dem Ged\u00e4chtnis zitiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_9620\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9620\" class=\"size-medium wp-image-9620\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18-360x285.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"285\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18-360x285.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18-900x713.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18-624x494.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Thiel.Jahre-im-Kongo.Foto18.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9620\" class=\"wp-caption-text\">&#8218;Jahre im Kongo&#8216; Foto18<\/p><\/div>\n<p>Hochegger beklagte sich, er habe keine geistige Dimension im Denken der <em>Yansi<\/em> gefunden. Er sei aber zu distanziert gewesen, habe sich also nicht so zu den Leuten gesetzt wie Thiel. Er selbst habe hunderte von Erz\u00e4hlungen aufgenommen. Dar\u00fcber kommen wir wieder auf <em>Antoinette Boukibi<\/em> zu sprechen (Hochegger hat sie noch gesund erlebt), ein Gl\u00fccksfall, den er in der Monografie noch einmal aufgreife und interpretiere. (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7938\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a> zum Zitat im Beitrag \u201eDie Macht einer \u201aPolio\u2019-Puppe\u201c Abschnitt \u201e18.August 2017\u201c und \u201e2.Nov. \u2013 \u201eDas Lied der Antoinette Bukibi\u201cauf S.100\/101)<\/p>\n<p>1968 in Paris rauchte er noch vierzig Gauloises am Tag. Durch den Generalstreik fehlte der Nachschub. Er fuhr mit anderen Studenten nach Belgien. Er schildert mir de Gaulles Kalk\u00fcl. Ich frage, wie mitgliederstark damals die Gewerkschaften \u00fcberhaupt gewesen seien. Er: &#8222;Kommunisten&#8220;.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre habe ich Thiel einige Male in seinem Haus besucht, mit einer Frage, um etwas zu zeigen, um mich eine Stunde gut zu unterhalten.<\/p>\n<div id=\"attachment_15820\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15820\" class=\"size-large wp-image-15820\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053-675x900.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"833\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Bei-Thiel-2017IMG_3053.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15820\" class=\"wp-caption-text\">Thiels (oder wessen) Portr\u00e4t auf seinem Arbeitstisch 2017 (ausnahmsweise);\u00a0 dahinter Beispiel seiner Studien in seiner &#8220; filipowarisch Schprooch&#8220; IMG_3053<\/p><\/div>\n<p>IST DAS ETWA ALLES? NEIN:<\/p>\n<p>Aus meiner Notiz vom Telefonat 12.6. 2018, als er mich auf die zweite Julih\u00e4lfte vertr\u00f6stete.<\/p>\n<p>Thiel empfahl mir noch &#8222;Zwielichtiges Afrika&#8220; seines Doktorvaters Balandier. Als ich ihm einen Aufsatz Till F\u00f6rsters in Englisch oder Franz\u00f6sisch (oder in meiner Kurzfassung auf Deutsch) anbot, notierte ich seine Position so: &#8222;Den Amerikanern nicht den <u>Triumph <\/u>lassen! Der Heimvorteil der Muttersprachler in Diskussionen! Liebedienern! Es ist schwaches Englisch, wenn man die Sprache nicht bis in die Tiefe versteht. &#8211; Franz\u00f6sisch (ist) Kultursprache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hochgeladen am 28. April 2024 9.1.18 Josef Franz Thiel. Anekdoten beim Spaziergang an der Nidda erz\u00e4hlt \u00a0Wir wurden von der Wintersonne an die Nidda gelockt. Im Grund war ich in der Absicht zu Joseph Franz Thiel in die Heddernheimer Kirchstra\u00dfe 30 gekommen. 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