{"id":1554,"date":"2011-07-30T00:00:22","date_gmt":"2011-07-29T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1554"},"modified":"2021-10-19T21:57:55","modified_gmt":"2021-10-19T19:57:55","slug":"bericht-1985-2-ferkessedougou-und-assita","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1554","title":{"rendered":"BERICHT 1985 (2)  Die Geisterseherin von Ferk\u00e9"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><!--more--><\/strong><\/span><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>ZWEITER TEIL : \u00a0FERK\u00c9SS\u00c9DOUGOU UND ASSITA NAPON <\/strong><\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.0102.Piste_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1601\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.0102.Piste_-300x202.jpg\" alt=\"C.I.0102.Piste\" width=\"560\" height=\"377\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.0102.Piste_-300x202.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.0102.Piste_-624x420.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.0102.Piste_.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><\/strong><\/span><\/h2>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>F\u00e4lliger Nachtrag zur Landschaft<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wir durchfahren die ganze Zeit eine Art gr\u00fcne Mondlandschaft: auf ganz d\u00fcnner Humusschicht ein Dickicht. Wir sind nicht einmal 450 Meter \u00fcber Meeresh\u00f6he, doch die Piste ist h\u00e4ufig nackter Fels. Was bedeuten dagegen in Deutschland dreihundert Kilometer Landschaft!<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>\u00a0Jean Ren\u00e9, Gendarmerie de Ferk\u00e9<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn3\"><b>[3]<\/b><\/a><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Gestern erhob er routiniert meine pers\u00f6nlichen Daten, vergewisserte sich sogar des Geburtsjahres, sodass ich mein Alter lieber von 40 auf 41 (\u201e1944\u201c) korrigierte. Er ist ein runder, eher zarter Typ, die Arschbacken prall in den Khaki-Diensthosen. ( Zu aufwendig, um es fotografisch festzuhalten?). Ich nehme an, er ist Baule, oder ist das mein Vorurteil? Von Zeit zu Zeit fletscht er die Z\u00e4hne und inszeniert ein autorit\u00e4res Gebr\u00fcll vor einem versch\u00fcchterten LKW-Fahrer, der um seine Papiere bangt. Dem\u00a0<i>aventurier<\/i>\u00a0gegen\u00fcber scheint er ratlos zu sein.\u00a0 Die schneidig vorgetragenen Fragen zu Sinn und Zweck meiner Reise und zu Zahl und Namen der bereisten L\u00e4nder sollen das wohl kaschieren. Ob ich bewaffnet sei. &#8211;\u00a0\u00a0Dir\u00a0\u00a0w\u00fcrde ich das gerade anvertrauen! &#8211;\u00a0 Gestern lie\u00df er mich umsonst bis 9 warten. Ich h\u00e4tte lieber eine Stunde geschlafen. Heute habe ich Zeit, ihn im B\u00fcro aufzusuchen. Ich m\u00f6chte ein Fahrrad ausleihen (?). Er ist \u00fcbrigens der gleiche cholerische Typ wie sein Onkel, mit dem ich an der\u00a0<i>buvette\u00a0<\/i>in Gespr\u00e4ch kam, ideal f\u00fcr Nervogastrol und Valium.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Das Hotel Koffikro (B.P. 160,T. 880097 ) in Ferk\u00e9ssedougo\u00a0<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn4\"><b>[4]<\/b><\/a><b><\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Es ist auch eine Familie, nur dass die wache Zeit bis tief in die Nacht reicht. Um Mitternacht wird die Vordert\u00fcr geschlossen. Um drei geht endg\u00fcltig das Licht in Pforte und Innenhof aus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Man h\u00f6rt noch einmal das Personal Worte wechseln. Ab sechs beginnt das Klopfen an verschiedenen T\u00fcren. G\u00e4ste werden geweckt. Eben kommt ein Lackierer, er geht aber in die Nr.7.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.-I.-5.2.FAssita-005.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1568\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.-I.-5.2.FAssita-005-300x202.jpg\" alt=\"C.-I. 5.2.FAssita 005\" width=\"632\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.-I.-5.2.FAssita-005-300x202.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.-I.-5.2.FAssita-005-624x420.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.-I.-5.2.FAssita-005.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Napon Assita<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn5\"><b>[5]<\/b><\/a><b>\u00a0 &#8211; die Geisterseherin<i><\/i><\/b><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ferk\u00e9, den 24.7.85 &#8211; Gegen 10 beginnt ein Starkregen mit der Wucht eines D-Zugs, trommelt auf das Blechdach. An der\u00a0<i>r\u00e9ception\u00a0<\/i>vor der Zimmert\u00fcr lachen und reden drei Hotelhuren, auch \u00fcber mich &#8230; \u201ezu m\u00fcde? Dass ich nicht lache..\u201c. Die eine war mir schon aufs Klo gefolgt, r\u00fcttelte wie zuf\u00e4llig an meiner T\u00fcr und fragte von nebenan, die Sch\u00e4rfe ihrer hohen Stimme etwas abgemildert.: \u201e&#8230;tu es mari\u00e9? ..Je peux dormir avec Vous&#8230;je peux te masser un peu..\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Da ich nicht einschlafen kann, gehe ich noch einmal hinaus. Zwei Frauen stehen mit dem Pf\u00f6rtner am Tresen. Ich\u00a0 sehe nach dem Regen und setze mich in den ramponierten Sessel. Auf seiner Sitzfl\u00e4che fehlen die L\u00e4ngsbretter. Ich kn\u00fcpfe mit d\u00fcnneren der beiden Frauen ein Gespr\u00e4ch an. Die andere junge Frau sieht zwar weich und traurig aus, passt aber nun wirklich nicht in mein Bett. Assitas wiederholtes kurzes Lachen erinnert mich an Assana in Bouna. Das Vergessen unserer Namen ( \u201eAssita&#8230; A..I..A\u201c, \u201eDetlev\u201c) ger\u00e4t zum Scherzspiel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie ist eine\u00a0<i>Bourkinabaise<\/i>, liebt den Reggae \u00fcber alles und hat im Leben so sehr gelitten, dass sie selber Texte schreibt. Auch \u00fcber ihr\u00a0<i>Gewerbe<\/i>\u00a0hat sie ein Lied verfasst. Sie will sich als S\u00e4ngerin mit einer\u00a0<i>formation<\/i>\u00a0in Abidjan durchsetzen. Ich traue ihr das nicht wirklich zu, doch Anfang August will sie hinfahren. Ihre Schwester wohnt in Vridi. Deren B.P. kann sie mir nicht sagen. Sie ist ihr mit Gep\u00e4ck gestohlen worden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Norden sei nichts los, ob ich San Pedro kenne? Sie ist dort gewesen, als sie nach Liberia zu reisen versuchte und ohne Pass an der Grenze angehalten wurde. F\u00fcr das gute St\u00fcck muss erst noch ihr\u00a0<i>Vieux<\/i>, ihr Vater in Bourkina auf der Polizei erscheinen. Eine Frau bekommt doch nicht so mir einfach einen Pass, um damit herumzuziehen!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Donnerstags macht sie nicht diesen Hoteljob, da sieht sie keinen\u00a0<i>garcon<\/i>, da kommen zu Hause die\u00a0<i>g\u00e9nies<\/i>, die Geister zu Besuch, dann schreibt sie.\u00a0<i>\u201eJ\u2019ai des g\u00e9nies\u201c.\u00a0<\/i>Sie m\u00f6chte meinen Seelilien-Anh\u00e4nger haben, den ich am Hals trage. Dass es mein Fetisch sei, h\u00e4lt sie davon nicht ab. Nach einigem Wortgepl\u00e4nkel trenne ich mich von ihm.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0Als wir Adressen in Abidjan austauschen, fragt sie mich mehrfach, ob ich ihr auch keine falsche gebe. Ich habe mir Hoffnung gemacht, dass sie \u00fcber Nacht bleibt, doch das geht jetzt nicht mehr. Sie will aber auch kein Geld. Ich begleite sie zur Hauptstra\u00dfe. In der Dunkelheit trete ich immer wieder in Pf\u00fctzen. Sie lacht dar\u00fcber. Was soll\u2019s, ich trage ja Plastiksandalen. Wenn ich sie ein paarmal wie zuf\u00e4llig kurz ber\u00fchre, scheint sie das nicht zu bemerken. Wir verabreden uns f\u00fcr Freitagabend im Hotel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Um zwei Nachts erwache ich, vielleicht von juckenden Schnakenstichen, sogar auf Backe und Fu\u00dfsohlen. Die Luft ist stickig, Grillen sind zu h\u00f6ren. Ich denke \u00fcber Frauen nach. Nat\u00fcrlich &#8230;. aber einer wie der Bauersfrau aus Say\u00e9 auf dem Camion mit Schmollmund und straff sitzendem\u00a0<i>Bob-Marley-Memorial<\/i>-Shirt? Nach einer halben Stunde Pickeldr\u00fccken und Br\u00fcten \u00fcber der Karte regnet es wieder. Liegt es daran, dass ich dreihundert Kilometer nach Westen gefahren bin?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ferk\u00e9, den 25.7.85 &#8211; Am Morgen Dauerregen, bei 25 Grad. Die Piste von gestern m\u00f6chte ich heute nicht befahren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Bei weit offen stehender Zimmert\u00fcr und \u201e<i>Franco<\/i>\u201c im Kassettenrecorder bringe ich die Tageb\u00fccher auf Vordermann. Ich muss so viele Menschen auseinander halten: In vierzehn Tagen habe ich bereits zwanzig Bekanntschaften gemacht, darunter immerhin drei Frauen. Hemd und Slip trocknen auf der Leine. Um zw\u00f6lf habe ich immer noch nicht gefr\u00fchst\u00fcckt. Der Regen h\u00f6rt auf.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Societ\u00e9 Generale des Banques<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn7\"><b>[7]<\/b><\/a><b><\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nachmittags in der Filiale der \u201eSociet\u00e9 Generale des Banques\u201c. Ich treffe den Chef gerade dabei, wie er Kinderkleidchen beim Schneider bestellt, Hemden und Anz\u00fcge f\u00fcr Einj\u00e4hrige und Vierj\u00e4hrige. Er w\u00e4hlt die Stoffe dazu aufgrund kleiner Fetzen: \u201e..<i>Cool<\/i>&#8230;\u201c. Er will an gl\u00e4nzender Baumwolle mit raschem Blick\u00a0<i>Seide\u00a0<\/i>\u00a0erkannt haben. Es werden H\u00e4ufchen gebildet. Dann geht der Schneider ab, ein intelligenter Mann, verbindlich, aber misstrauisch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Sekret\u00e4rin ist unter Vierzig, hat glatte Haut, gegl\u00e4ttete Haare\u00a0 und erscheint mir wie ein \u00fcppiges Standbild, das dazu bestimmt ist, Kleider zu tragen. Duftet nach Zimt. Maik\u00e4fer-\u00c4sthetik. Ich denke dabei an diese dicken, braunen Fl\u00fcgeldecken.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<b>Ca va?\u201c\u00a0 \u2013\u00a0 \u201eCa va un peu!\u201c\u00a0\u00a0<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn9\"><b>[9]<\/b><\/a><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-8859\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301-900x589.jpg\" alt=\"C.I. Dia 0118 Ferke\u0301\" width=\"625\" height=\"409\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301-900x589.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301-360x236.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301-624x409.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0118-Ferke\u0301.jpg 999w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein Markt unter alten B\u00e4umen. Der erste farbenfrohe Eindruck von Ferk\u00e9 kehrt wieder, eine Art Fata Morgana \u00fcber einer blutarmen afrikanischen Kleinstadt. Das zaubert das Baumdach franz\u00f6sischer Kolonial- und Eisenbahnpioniere. Der Bahnhof selber ist ein neu-europ\u00e4ischer Betonkasten mit Rissen und Faulstellen. Die hingelagerten Wartenden auf der Schienenseite wecken die Vision von Bettlern auf Eschborn-S\u00fcd. Der aus Kaolack kommende Zug nach Bourkina soll sechs Stunden Versp\u00e4tung haben. Kein Bedarf an dieser Erfahrung! Zwischen den H\u00fctten liegt wie eine Insel die Ehrfurcht gebietende katholische Kirche.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein kleiner Bulle im Khaki sieht mich und beginnt das l\u00e4stige Verh\u00f6r: Woher? Wohin? Allein? &#8211; Ich habe keine Lust darauf und sage, dass mir das nicht passt. &#8211; Es sei doch nur zu meinem Schutz. Wenn etwas vorkomme, m\u00fcsse er wissen, wie er mich zu behandeln habe. Er will mir nicht glauben, dass man in jedem Land \u00fcberfallen werden kann. Ich soll kein schlechtes Bild von seinem Land mitnehmen. In Gruppen w\u00fcrden sie gut reisen. Die Gruppe, das sei Sicherheit,\u00a0<i>s\u00e9curit\u00e9<\/i>. Touristen m\u00fcsse man eben\u00a0so\u00a0behandeln. Er deutet gestisch ein rohes Ei an.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Auf seine anf\u00e4ngliche Frage, was mir an der C\u00f4te d\u2019Ivoire gefiele, habe ich eher bissig die freundlichen Leute, die\u00a0<i>gens accueillants<\/i>\u00a0genannt, doch es ist wahr: Da ist der Sch\u00fcler auf seinem Rad heute Mittag, der sich beklagt, zu wenig Deutsch, seine zweite Fremdsprache, anwenden zu k\u00f6nnen und am Hotel sagt:\u00a0<i>\u00a0\u201eJe vais Vous quitter.\u201c<\/i>\u00a0Die \u00fcberm\u00fctige Sch\u00f6ne, die \u2013 begleitet von zwei Freundinnen \u2013 die Stra\u00dfe mit ausgebreiteten Armen sperrt. Oder der Verk\u00e4ufer mit nacktem Oberk\u00f6rper im Kramladen, der teure holl\u00e4ndische Wachsdrucktuche\u00a0 (11 m zu 29.000 CFA\/200 DM?) anbietet und die gesuchten\u00a0<i>ampoules\u00a0<\/i>f\u00fcr meine\u00a0<i>torche\u00a0<\/i>(Taschenlampe) hat. Oder der Schneider in der Bank, oder der Buchh\u00e4ndler und vor allem Assita. Wir sind hier in\u00a0<i>shanty town<\/i>\u00a0und es gibt keinen vern\u00fcnftigen Grund \u2013 auch f\u00fcr mich nicht \u2013 als\u00a0<i>Kleiner Prinz<\/i>\u00a0herumzustolzieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Mir geht\u2019s mau: Erm\u00fcdung, Anflug von Erk\u00e4ltung \u2013 Aspirin, Stringiet, M\u00fcsli, Kaffee. Nichts ist los. Ich habe bis Sonntag gemietet. Ich bin einfach da. Heute Abend ins Kino: \u201e<i>Les Salopards\u201c.<\/i>\u00a0Nicht in den Karatefilm um 18.oo. Morgen Assita. Samstag Chorgesang und anschlie\u00dfend\u00a0<i>Bal.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Gibt es hier wenigstens ein akzeptables afrikanisches Lokal? Gestern Abend schwamm das R\u00fchrei im Fett. Jetzt tunke ich den verkochten Reis in Fertigbratenso\u00dfe. Das Fleisch ist z\u00e4h.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b><i>Librairie du Commerce\u00a0<\/i><\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn10\"><b><i>[10]<\/i><\/b><\/a><b><\/b><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Schild der Buchhandlung: \u201e<i>Librairie du Commerce \u2013 Repr\u00e9sentant de l\u2019Imprimerie de la Cath\u00e9drale de Bouak\u00e9; B.P. 180\u00a0 Tel.:88.01.84\u00a0 Ferkessedougou \u201e<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Regal Schulb\u00fccher. Belletristik, kunstvoll \u00fcber einen St\u00e4nder verteilt, weniger als zehn Titel&#8230; darunter verstaubte und abgegriffene Exemplare von Sembene Ousmane \u201eLe Mandat\u201c. Auf meine Frage nach\u00a0<i>reduction\u00a0<\/i>\u00a0wird mir 800 CFA (statt 1.025) angeboten. Ich akzeptiere. Das Buch muss ich hier lesen. Eine Wand des Raums, an der jetzt Hemden h\u00e4ngen, soll einmal voll von \u201e<i>romans, toutes les s\u00e9ries\u201c\u00a0<\/i>gewesen sein, aber man habe blo\u00df ein Buch im Vierteljahr verkauft, meist an Touristen wie mich. Nur Schulb\u00fccher werden gekauft. Auch wer Geld hat, liest kein Buch. &#8211; ja? \u2013 Fernsehen und Kneipe. Ich erz\u00e4hle ein wenig von Sembene Ousmanes Filmen, die hier nicht gezeigt worden sind, aber in Europa bekannt sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Heute, am Samstag den 27. ist der Laden den ganzen Tag \u00fcber geschlossen.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Ausriss aus der Fraternit\u00e9 Matin vom\u00a0 8.5.85, S.3<\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Auf dem Klo lese ich in einem Zeitungsausriss.\u00a0 Anl\u00e4sslich des\u00a0<i>F\u00eate des M\u00e8res<\/i>\u00a0<i>le 2 juin<\/i>\u00a0wird f\u00fcr Schmuck geworben:\u00a0<i>\u201eOffrez-lui l\u2019impossible\u201c\u00a0<\/i>, Schenke ihr das Unm\u00f6gliche!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Eine aktuelle Nachricht: Wegen einer vermuteten Veruntreuung wird ein junger Mann von seinem Chef stundenlang gefoltert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich hantiere wieder mit der Plastiksch\u00fcssel. Eine Kalebasse ist auf dem Markt nicht zu kriegen. Zwar gro\u00dfe Strohh\u00fcte, auch Wandbeh\u00e4nge, K\u00f6rbe, Untersetzer \u2013 und eben Blech. Vielleicht verdienen Marlene (\u201eTon und T\u00f6ne\u201c) und Thomas doch mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihren Abgesang auf die T\u00f6pferei.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Im Kino l\u00e4uft<\/b>\u00a0<b><i>\u201eUne Bande de Salopards\u201c<\/i><\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn11\"><b><i>[11]<\/i><\/b><\/a><b><i><\/i><\/b><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Den Kleinen, dem ich ein Ticket spendiere, h\u00e4tte ich wenigstens einmal n\u00e4her ansehen k\u00f6nnen. Es ist ihr Sport, die n\u00f6tigen 100 CFA zu erbetteln. Da stehen sie nun dicht gedr\u00e4ngt im Dritten Rang \u2013 ich z\u00e4hle f\u00fcnfzig K\u00f6pfe. An der Kasse habe ich komischerweise meine 300 CFA noch einmal zwei zu eins geteilt und wieder den Jugendschutzgedanken beiseite geschoben, aber diesmal eher schamhaft. wir sind im zweiten Rang neun Besucher und hinten im ersten vier, eine Frau und drei M\u00e4nner. Melancholische Musik der Bembeya-Band kommt aus einem Lautsprecher, wie sie auf Sportpl\u00e4tzen montiert sind. Bei jedem Abbruch der Musik schreien die Kinder, und nachher bei jeder kleinen Panne. Das Kino lebt von diesen Kindern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Film ist eine italienische Produktion, wenn ich mich recht erinnere, unter der Regie von einem Castellani. Ich habe mir unter dem Titel noch notiert: \u201eDas dreckige Dutzend\u201c(?) und \u201eEin dreckiger Haufen\u201c. Eine solche Truppe begeht erfolgreich Sabotage an deutschen Eisenbahnz\u00fcgen auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Die Nazis\u00a0 &#8211; hier Waffen-SS \u2013 treten auf als barbarischer Volksstamm mit auff\u00e4lligen Emblemen: Hakenkreuz, Eichenlaub, Hirschgeweih, Lanzen, Hitlergru\u00df, F\u00fchrerbildnis. &#8211;\u00a0 Mich erinnern sie an die drei oder vier pechschwarz geschminkten, sonst fast nackten Spiegelfritzen, die momentan durch Ferk\u00e9 laufen, etwa um fotografiert zu werden? Aber von wem? &#8211; Auch die Seite der Alliierten hat ihre Zeichen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wir sehen offenbar eine Exportversion. Denn die nackte wei\u00dfe Frau ist nur f\u00fcr Momente zwischen den B\u00fcschen zu sehen. Ein Kuss wird von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden verhindert. Vor ihrem Gretchenblick und angesichts l\u00e4ngerer Zwiesprache fordern die Kleinen vorn lautstark Handfestes. Daf\u00fcr k\u00f6nnen sie Brutalit\u00e4t am laufenden Band genie\u00dfen. Die B\u00f6sen sterben auf tausend witzige Arten \u2013 zum Beispiel \u201eHimmelfahrt\u201c &#8211; immer schlagartig wie Moskitos, wenn man sie trifft. Sterbeszenen bekommen nur die eigenen Leute. Die kleinen Jungs haben auch Spass an der Verarschung von Uniformen und besonders an der Akrobatik der Stuntmen. Angesichts der Beifallsst\u00fcrme wird mir unbehaglich. Wird mich in den dunklen Gassen das gerade auf der Leinwand aufgefrischte Image als Wei\u00dfer sch\u00fctzen oder sollte ich mich lieber vor der\u00a0 aufgekratzten Menge h\u00fcten?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Von den\u00a0<i>besseren Pl\u00e4tzen\u00a0<\/i>aus sind die Dialoge nicht zu verstehen. Man raucht stattdessen. Vielleicht gibt das den Ausschlag: Ich gehe ein paar Minuten fr\u00fcher, bleibe aber nicht lange im Hotel. Denn der Klang eines Fanfarenchors lockt mich zum Stadion, wo er in voller Lautst\u00e4rke \u00fcbt. Nach dem Kriegsfilm st\u00f6\u00dft mich Marschmusik ab. Die dunkle Stadt ist voller Schatten. Ich notiere eine \u201egroteske Parade\u201c von drei kleinen M\u00e4dchen. Jungs machen in der Gruppe Feuerchen.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b><\/b><b>Unkorrekte Schimpfrede\u00a0<\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>Die Neger<\/i>\u00a0lassen ihre angemieteten\u00a0<i>climatiseurs<\/i>\u00a0laufen, bei gerade einmal 25 o C. Daran schlie\u00dft sich eine im Grunde \u00fcberfl\u00fcssige Frage: Gibt es eigentlich noch d\u00fcmmere und gierigere Konsumenten?\u00a0 Die Privilegierten eines ganzen Kontinents schlurfen selbstgef\u00e4llig vor sich hin, lassen Gestank und Abfall hinter sich. Frauen, Kinder, Bauern und entwurzelte Tagel\u00f6hner arbeiten. Dazu der Chor dieser wei\u00dfen Lobredner in der \u201e<i>Fraternit\u00e9 Matin\u201c\u00a0<\/i>oder<i>\u00a0\u201eFraternit\u00e9 Hebdo\u201c<\/i>, im Fernsehen und auf Kongressen! &#8211; Kra m\u00f6chte ich sagen: Die neue Generation von Fett\u00e4rschen wird auch nicht mehr so alt werden wie die mit Stolz vorgezeigten Dorf\u00e4ltesten!\u00a0 Auf die Idealisten, die eine Mutter und Kind-Station in Gang halten, habe ich aber auch keine Lust. \u2013 Wiederkommen? Will ich wirklich Verbindung halten?<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Der Zynismus des\u00a0 1000 CFA-Geldscheins<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn12\"><b>[12]<\/b><\/a><b><\/b><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Vorderseite zeigt den Bergbau,\u00a0<i>\u00a0l\u2019extraction des mati\u00e8res premi\u00e8res \u2013<\/i>\u00a0eine europ\u00e4ische Dom\u00e4ne, was die allegorische schwarze Dame in der rechten Ecke nicht verh\u00fcllen kann. Auf der afrikanischen Seite steht die Schnitzerei von Touristenmasken\u00a0 f\u00fcr das\u00a0<i>produktive Gewerbe.<\/i><\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><b>\u00a0<\/b><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Fusswanderung<\/b>\u00a0am 26.7.<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Von Ferk\u00e9\u00a0 nach dem Dorf sind es etwa sechzehn Kilometer. Ich mache mich wohlgemut auf, begegne auf dem Weg eigenartigen Gestalten, wovon ich noch erz\u00e4hlen werde. Die l\u00e4ngere Wegstrecke nimmt mich Sahogo Seydou aus Lasologo auf dem Moped mit, spontan, obwohl er schon Eier und andere Eink\u00e4ufe transportiert. Er besorgt mir auch eine Kalebasse und nimmt mich sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck in die Stadt. Ich notiere einen \u201eAnsatz zu grauen Haaren\u201c.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ich treffe Sikongo Lyaka, einen jungen B\u00e4cker und bin entsetzt dar\u00fcber, dass sie auf dem afrikanischen Dorf\u00a0 importiertes Mehl verarbeiten. Er bittet mich, seine Eltern zu fotografieren. Es wird eine ganz klassische Szene: Der Alte sitzt wie ausged\u00f6rrt in einem niedrigen Liegestuhl, daneben zugewandt und gottergeben seine Frau. Dar\u00fcber der sympathische Sohn. Im Hintergrund eine selbst im Hinterland selten gewordene\u00a0runde\u00a0Lehmh\u00fctte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-8861\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater-900x582.jpg\" alt=\"C.I. Dia 0137SenufoVater\" width=\"625\" height=\"404\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater-900x582.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater-360x233.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater-624x404.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0137SenufoVater.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Eine andere H\u00fctte darf ich betreten. Der junge Soro Tirmin l\u00e4dt mich ein. Er ist der erste Sch\u00fcler auf dem\u00a0<i>College\u00a0<\/i>in seiner Familie von Pflanzern und &#8211; wie er sagt &#8211; lasten \u201ealle Hoffnungen\u201c auf ihm. Das Innere seiner rechteckigen H\u00fctte ist mit Illustrierten-Seiten tapeziert. Wir machen ein Gruppenfoto mit Selbstausl\u00f6ser.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-8862\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf-900x580.jpg\" alt=\"C.I. Dia 0136SenufoDorf\" width=\"625\" height=\"403\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf-900x580.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf-360x232.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf-624x402.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/C.I.-Dia-0136SenufoDorf.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<\/div>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b><i>Le Refuge &#8211;\u00a0<\/i><\/b><b>die Zuflucht mit drei Sternen ***<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn14\"><b>[14]<\/b><\/a><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich m\u00f6chte zwar afrikanisch, aber gut essen. Zur Wahl stehen\u00a0<i>Oasis, Le Refuge<\/i>\u00a0und\u00a0<i>Paillotte.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Am Eingang zur\u00a0<i>Oase<\/i>\u00a0steht in Gro\u00dfbuchstaben \u201c<i>changement complet de personnel \u2013 prix nouveaux conjonctur\u00e9s\u201c,<\/i>\u00a0das hei\u00dft v\u00f6llig neues Personal und herabgesetzte Preise. Im Hotel\u00a0<i>Strohh\u00fctte<\/i>\u00a0erwartet mich<i>\u201cla tradition \u2013 le village en ville<\/i>\u201c. Mir ist aber\u00a0<i>die Zuflucht<\/i>\u00a0empfohlen worden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich frage nach Preisen und Qualit\u00e4ten, werde in die K\u00fcche gef\u00fchrt und w\u00e4hle meinen Fisch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Hof sind bereits drei Tische besetzt. Ich setze mich zu einem Paar, das vor einer gro\u00dfen Flasche Bier auf das Essen wartet. Im Transistorradio laufen gerade Nachrichten. Zwei M\u00e4nner am Nachbartisch interessieren sich f\u00fcr mich, den Fremden, namentlich der\u00a0<i>professeur au CFP<\/i><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn15\"><i>[15]<\/i><\/a>\u00a0Tour\u00e9 Simongo. Sie wollen, dass ich den Maniok mit den Fingern knete. Das habe ich bisher nicht einmal bei Afrikanern gesehen. Die Sitzgruppen sind zum Essen denkbar ungeeignet. Und es gibt keinen Teller f\u00fcr die Fischgr\u00e4ten, trotz Tischdecke. Ich notiere ins Notizbuch, dass mich das aufregt, schreibe: \u201efest verankerte Dummheit\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein gro\u00dfes Bier, 66 cl! Nach dem langen Hinweg in der Mittagshitze brauche ich wohl etwas\u00a0<i>Polsterung<\/i>. Man erreicht normalerweise ein Restaurant 1.Klasse ja auch nicht zu Fu\u00df, sondern im Auto, man fragt nicht ein respektables altes Ehepaar nach dem\u00a0<i>Le Refuge \u2013\u00a0<\/i>das es dann auch nicht kennt. Dann muss man auch nicht vorbei an Schrottverwertern, an dem schreienden S\u00e4ugling mit der kahlen Stelle am Kopf und so fort. Es herrscht dr\u00fcckende Hitze. Das steht im Notizbuch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Am n\u00e4chsten Tisch sitzt ein schwarzer Schnauzbart, etwa vierzig, zusammen mit zwei M\u00e4dchen &#8211; gestr\u00e4hltes Haar, die eine vielleicht sechzehn, h\u00fcbsch beide. Eine Sektflasche steht auf dem Tisch. Man stochert lustlos im Essen und wippt mehr tr\u00e4ge als nerv\u00f6s mit den Beinen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die J\u00fcngere tr\u00e4gt einen raffiniert durchbrochenen Hosenanzug, die etwas \u00c4ltere unter dem blauen T-Shirt einen BH mit Stil und spitze Br\u00fcste. Die M\u00f6se ist gewiss noch eng, und so kr\u00e4ftig wie ihr Mund. Der Mann ist einer vom nerv\u00f6sen Typ, er nimmt Witterung auf. F\u00fchlt er sich gest\u00f6rt? Schlie\u00dflich sitze ich ihnen zugewandt und mache Notizen. Sie brechen wortlos auf.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Tischnachbarn unterhalten sich jetzt nett. Vorhin habe ich die Frau f\u00fcr eine\u00a0<i>geschlagene<\/i>\u00a0Frau (<i>\u201equi a\u00a0souffert\u00a0aussi\u201c<\/i>)\u00a0 gehalten, wie eine\u00a0<i>bourquinabaise<\/i><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn16\"><i>[16]<\/i><\/a>, von der Assita erz\u00e4hlt hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Eben hat mich der Mann noch durch sein Lutschen, Schmatzen und Kauen an den Fischgr\u00e4ten eigentlich mehr erstaunt als bel\u00e4stigt, jetzt fordert er mich auf, die eben angez\u00fcndete Zigarette auszumachen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Warum antworte ich, ich h\u00e4tte vorhin in der K\u00fcche nichts dazu getan,\u00a0vor\u00a0ihnen bedient zu werden?\u00a0 (Muss ich dieses Fass aufmachen?))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Er darauf: Es sei alles in Ordnung, ich h\u00e4tte das Restaurant vor ihnen betreten. Ich sollte blo\u00df nicht glauben, es gebe zwei Klassen G\u00e4ste. Europ\u00e4er w\u00fcrden nicht besser behandelt. Er wiederholt das mehrfach.\u00a0Die beiden anderen G\u00e4ste im Lokal setzen sich zu mir. Einer steckt sich eine Zigarette an, vor der letzten Gr\u00e4te. Wir drei setzen uns dann einfach weg, statt weiter zu streiten. Auch das wird noch zum Streitpunkt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich frage nun Simongo nach den exotischen Spiegeltr\u00e4gern, die mir auf dem Weg zum Dorf Lafokpo begegnet sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Das waren\u00a0<i>Poro<\/i>-Absolventen<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn17\">[17]<\/a>, erfahre ich, die ein Recht auf Wegzoll besa\u00dfen. Einen hatte ich w\u00fctend auf Deutsch angeschnauzt, als er mich davon mit Hinweis auf seine Machete \u00fcberzeugen wollte. Es seien nicht nur vier, sondern um die hundert unterwegs in und um Ferk\u00e9, erkl\u00e4rt mir Simongo. Und er l\u00e4sst sich \u00fcber den erzieherischen Wert des\u00a0<i>Poro<\/i>\u00a0aus. Man habe schlielich keine Allgemeine Wehrpflicht. Wenn die Jungen sechs oder auch nur zwei, drei Monate<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn18\">[18]<\/a>\u00a0im Heiligen Hain gewesen seien, k\u00e4men sie als\u00a0<i>vrais hommes<\/i>, ganze M\u00e4nner zur\u00fcck:\u00a0<i>ils apprennent l\u00e0-bas \u00e0 se plier<\/i>\u00a0, sich zu\u00a0<i>kr\u00fcmmen,\u00a0<\/i>sie lernten dort die\u00a0 verborgene Seite,\u00a0<i>le c\u00f4t\u00e9 cach\u00e9<\/i>, der afrikanischen Realit\u00e4t kennen. Die traditionelle Macht\u00a0 in Afrika sei\u00a0<i>un pouvoir cach\u00e9<\/i>, eine verborgene Macht. Genervt von dem Zynismus oder der Naivit\u00e4t, wende ich vorsichtig ein: gerade die Verbindung von traditionellem\u00a0<i>pouvoir cach\u00e9<\/i>\u00a0mit modernem\u00a0<i>pouvoir public<\/i>\u00a0mache die afrikanische Wirklichkeit f\u00fcr Europ\u00e4er undurchschaubar. Bin ich etwa selber naiv?\u00a0 Wo lebe ich? \u201eUndurchschaubar\u201c &#8211; Das mag noch f\u00fcr Rucksacktouristen gelten, doch sicher nicht f\u00fcr die Neo-Kolonialisten \u00fcberall in den Ex-Kolonien. Ich schlage die Einladung zum Fest am Abend\u00a0<i>jusqu\u2019\u00e0 l\u2019aube\u00a0<\/i>aus und bitte Simongo um seine Postadresse, nur um ihn einfacher loszuwerden. Er erkl\u00e4rt mir auch gleich, er habe ein offenes Haus, schon viele, aber nur afrikanische Ausl\u00e4nder zu Besuch gehabt, usw., vier Wochen totale Ferien usw.\u00a0<b><\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Mein Notizbuch zitiert einen in der C.I. erschienen Artikel, auf dem Klo gefunden, mit dem Satz: \u201eWissenschaftliche Untersuchungen st\u00fctzen eigentlich nicht die Idee, dass Disziplin die beste Tugend eines Kindes und Jugendlichen sei.\u201c Solche Einsichten haben hier keine Chance.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcbrigens bin ich fast sicher, dass das doppelbelichtete Foto Simongo und mich zeigt. Doppelt belichtet ist es, weil ich verbotenerweise den\u00a0<i>Heiligen Hain<\/i>\u00a0von Poundiou ins Visier nahm.<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Ein langer Nachmittag<\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn19\"><b>[19]<\/b><\/a><b><\/b><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie ist nicht sch\u00f6n. Zwar hat sie sich verh\u00f6rt. Ich habe nie gesagt, dass sie eine Tonne sei. Doch es stimmt. Und wurmt sie, nicht nur, weil \u201eich mich nicht kleiden kann wie ich will\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich wecke ihre W\u00fcnsche, locke sie aus ihrer Reserve, doch das macht uns nicht gl\u00fccklich. Kein zweites Mal heute! Diese Frau lastet mit ihrem Tiefgang schwer auf mir. Sie erz\u00e4hlt viel und ich will es ja auch wissen, aber von Zeit zu Zeit wehre ich einfach ab, in aller Freundschaft. Andererseits kam mir heute im \u201eRefuge\u201c in den Sinn, was ich alles nicht erfahren w\u00fcrde in weiblicher Begleitung, in einem Land, wo Menschen die einzige Attraktion sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Schamgef\u00fchl.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn20\">[20]<\/a><b>\u00a0<\/b>Assita sagt mir , sie kenne keine\u00a0<i>honte<\/i>, das k\u00f6nne sie sich gar nicht leisten, wenn sie vorankommen (\u201e<i>avancer\u201c<\/i>) wolle. Sie akzeptiert, dass ich das \u201eetwas differenzierter sehen\u201c will.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn21\">[21]<\/a>\u00a0Ich denke schon, ihr Schamgef\u00fchl ist stark, aber es steht jetzt nicht zwischen uns. Angst vor den Wei\u00dfen habe sie nicht. Der Alte an der Rezeption habe sie gestern Abend gefragt, ob sie nicht Angst habe, mit dem Wei\u00dfen ins Bett zu gehen?\u00a0Er\u00a0f\u00fcrchte die Wei\u00dfen. Sie nicht. Schlie\u00dflich begegneten ihr jeden Donnerstag- und Freitagabend wundersch\u00f6ne Wei\u00dfe. Deren Besuch sei keine Strafe und mache ihr gar nichts aus. Ich sage, sie wisse ja, dass es auch h\u00e4ssliche Wei\u00dfe gebe (\u201eblancs vilains\u201c). Assita erinnert sich an einen Epileptiker. Ich informiere sie ein wenig \u00fcber Epilepsie.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; \u201eWarum\u00a0 hast du eine so vorspringende Nase? fragt sie unvermittelt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; \u201e<i>Histoire naturelle\u201c\u00a0<\/i>im Sinne von \u201eEvolution\u201c.<i><\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; \u201eDie chinesische Nase ist ganz mies. Und au\u00dferdem sehen die Chinesen alle gleich\u00a0\u00a0 aus.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; Eine Milliarde Chinesen k\u00f6nnen gar nicht gleich aussehen. Sie sind sogar sehr verschieden. Ich wei\u00df es, ich habe sie schlie\u00dflich gesehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wir kommen noch einmal auf den Hoteldiener zur\u00fcck. Assita nennt ihn ein \u201e<i>monstre vilain\u201c.\u00a0<\/i>Er habe keine Frau, aber eine Tochter, \u00e4lter als sie. Ich entgegne, dass er dann doch auch ein wenig gelitten hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211;\u00a0 \u201eEr hat sich zu viel mit \u201eProstituierten\u201c herumgetrieben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211;\u00a0 Vielleicht ist er schon immer\u00a0<i>\u201evilain\u201c\u00a0<\/i>gewesen; ich halte ihn jedenfalls f\u00fcr einen netten Kerl.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Irgendwie kehrt die Unterhaltung zu den Geistern zur\u00fcck. Assita behauptet, sie habe seit ihrer Geburt das zweite Gesicht, deshalb habe sie auch \u201ediese Tinte verabreicht\u201c bekommen. \u201eIch habe einer anderen Frau den Tod ihres Kindes vorhergesagt, und der ist dann sehr rasch eingetreten.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; Wie hat die Frau darauf reagiert?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; Die Frau hat durch einen\u00a0<i>charlatan\u00a0<\/i>gewusst, dass eins der Kinder aus meiner Familie hellseherische F\u00e4higkeiten besitzt. Jetzt wusste sie eben, dass ich dieses Kind war. Meinem Vater habe ich einen Unfall vorhergesagt. Der Alte hat sofort ein Huhn geopfert. Vor kurzem erfuhr ich, dass er bei einem Unfall drei Rippen gebrochen hat. Es h\u00e4tte schlimmer kommen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211;\u00a0 Sag, belasten\u00a0 dich diese F\u00e4higkeiten nicht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211; Man kann doch etwas gegen das drohende Unheil tun. Ich kann auch mit Kr\u00e4utern umgehen. Man hat mir noch mehr beibringen wollen, zum Beispiel eine alte Heilerin, eine<i>\u00a0gu\u00e9risseuse<\/i>, eine sehr starke Frau (<i>tr\u00e8s dure,<\/i>\u00a0auf R\u00fcckfrage<i>\u00a0forte<\/i>).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie will aber nicht. Sie habe viele F\u00e4higkeiten. Sie sei als S\u00e4ngerin nicht nur hier in der Stadt aufgetreten, f\u00fcr zehntausend CFA, daher w\u00fcrden sie viele Leute kennen. Sie habe auch Tanzunterricht gegeben, aber man habe ihr nichts bezahlt. Sie lebe hier in Ferk\u00e9 seit zwei Jahren, bei einer Gro\u00dfmutter, die aber eben die Mutter ihres Vaters sei, ihre Mitarbeit nicht anerkenne und sich nicht f\u00fcr sie verantwortlich f\u00fchle.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Inzwischen ist der ganze Nachmittag vor\u00fcber. Was hatte ich mir eigentlich vorgenommen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit halb f\u00fcnf liegen wir wieder auf dem Bett. Assita muss mir wieder viel erz\u00e4hlen \u2013 und fragen. Ich erkl\u00e4re viel mit \u201enach 1945\u201c oder\u00a0 \u201ein den letzten zwanzig Jahren\u201c, biete ihr ein \u201emehr\u00a0 oder weniger\u201c, \u201eschw\u00e4cher oder st\u00e4rker\u201c. Sie h\u00e4tte krasse, wenigstens deutlichere Unterschiede\u00a0 zwischen\u00a0<i>Afrika\u00a0<\/i>und\u00a0<i>Europa<\/i>\u00a0erwartet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie fragt nach dem Ph\u00e4nomen telepathischer Gedanken\u00fcbertragung, \u00fcber das sich Europ\u00e4er in B\u00fcchern verbreiteten. Ich ziehe mich auf folgende Argumentation zur\u00fcck: Nicht die individuelle Erfahrung solcher Ph\u00e4nomene sei \u201efalsch\u201c, aber &#8211; nach meiner Kenntnis &#8211; die \u201ewissenschaftlichen\u201c Beweise gef\u00e4lscht. Oft solle ein Doktortitel Autorit\u00e4t f\u00fcr ganz andere Dinge verleihen. Kommerzialisierung. Deswegen auch \u00dcberschreitung der eigenen Kompetenz, was einem traditionellen\u00a0<i>griot<\/i>\u00a0sicher nicht einfiele. Jedenfalls sei die europ\u00e4ische Zivilisation der ung\u00fcnstigste Hintergrund f\u00fcr Telepathie. &#8211; Ein paar Tage sp\u00e4ter wird Mah\u00e9 in Bingerville hinzuf\u00fcgen, dass Kommerzialisierung und Vertrauensverlust inzwischen die letzten D\u00f6rfer im Hinterland erreicht haben.\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn22\">[22]<\/a>\u00a0&#8211; Rascher Gedanke: \u00dcber welches Thema breite ich mich in Afrika eigentlich nicht aus?\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn23\">[23]<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nassita sagt: Es gibt Afrikaner, die sind z\u00e4rtlich, aber f\u00fcrchten die Frauen, weil sie keine sexuellen Erfahrungen haben. Andere haben sexuelle Erfahrungen, aber Angst vor der Z\u00e4rtlichkeit der Frauen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich sage, es sei so anders bei uns auch nicht, vielleicht auch eine Frage der Generation.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich frage nach Verh\u00fctung. Sie erhalte eine Monatsspritze, nach der sie f\u00fcnf Tage nicht beischlafen d\u00fcrfe. Dazu gehe sie zum Arzt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Gedanken schweifen ab, zur\u00fcck zu unserer Besch\u00e4ftigung mit ihren Liedern. Die stellte sie gerne vor, ja mit Passion. \u201eHundertmal\u201c solle ich die aufgenommene Kassette h\u00f6ren, wenn ich an sie denke. In ein Schulheft hat sie \u00fcber f\u00fcnfzig Titel aufgeschrieben, die Melodien stehen im Kopf, ebenso die angedeutete Instrumentierung. Eine halbe Stunde Tonband habe ich demn\u00e4chst zu transkribieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Es ist bereits dunkel, als ich mit Assita die Hauptstra\u00dfe entlanggehe. Sie will noch nicht nach Hause, ich h\u00f6chstens noch zu einem irgendwo angek\u00fcndigten Konzert des Kirchenchors, von dem sie nichts wei\u00df, und das dann auch nicht stattfindet. Ich m\u00f6chte sie auch nicht irgendwo antreffen und eifers\u00fcchtig machen, diese\u00a0<i>sorci\u00e8re<\/i>. Sie selber geht \u00fcbrigens noch auf den\u00a0<i>Bal<\/i>\u00a0auf der anderen Seite der Bahnlinie oder in einen dieser Clubs arbeiten?\u00a0 Am Sonntagmorgen jedenfalls erscheint sie p\u00fcnktlich wie immer, ja \u00fcberp\u00fcnktlich.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>\u00a0<\/b><b>\u00a0<\/b><\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Wenn Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlt \u2013 Oder:\u00a0<i>La Grande Peur en Afrique<\/i><\/b><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn25\"><b>[25]<\/b><\/a><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Vom\u00a0 Buch \u00fcber die\u00a0<i>Gbato-Senufo<\/i>\u00a0und den\u00a0<i>Poro<\/i>\u00a0kommen wir rasch zu allen m\u00f6glichen\u00a0<i>malfaiteurs<\/i>, \u00dcbelt\u00e4tern wie\u00a0<i>die Initiierten, die Masken, die Bambara, die J\u00e4ger<\/i>\u00a0und\u00a0<i>die geheimen Pl\u00e4tze<\/i>, etwa\u00a0 zwischen zwei Schlangenb\u00e4umen, zweigeschlechtlich, die dem uneingeweihten Fremden gef\u00e4hrlich werden.\u00a0<i>Die Initiierten<\/i>\u00a0k\u00f6nnen sich zum Verschwinden bringen (Dislokation) mit Hilfe des Amuletts in einem kleinen S\u00e4ckchen, indem sie sich in Raubv\u00f6gel verwandeln. Die J\u00e4ger k\u00f6nnen sich in einen Baum verwandeln und gleichzeitig Pfeile abschie\u00dfen. Assita f\u00fcrchtet die Masken, hat sich bereits in Bourkina bewusst von Maskenauftritten ferngehalten. Man k\u00f6nne ja aus Versehen auf Stroh aus deren Kleidung treten, und schon werde man krank. Gefahren lauern auf den Afrikaner auf Schritt und Tritt, den Europ\u00e4er bedrohen sie nur in den seltensten F\u00e4llen \u2013 was ich an mir selbst feststelle \u2013 der sei eben\u00a0<i>innocent.<\/i>\u00a0Besonders gef\u00e4hrdet seien in Europa lebende Afrikaner, die das bei der R\u00fcckkehr in ihre Heimat vergessen, sie k\u00f6nnten hier leicht zu Tode kommen. Es gebe einfach\u00a0zu viele\u00a0<i>mal<\/i>, \u00dcbel in Afrika. \u00dcberall treibe man aus Missgunst und Egoismus schwarze Magie, schon wenn ein Mensch sich einen geringen Vorteil davon verspreche. &#8211; In ihrem Hof verschweigt Assita ihre k\u00fcnstlerische Arbeit, aus Angst, umgebracht zu werden. Der Afrikaner sei nicht offen (<i>clair<\/i>), nur nach au\u00dfen hin gastfreundlich und sozial, aber darunter \u00fcberlege er,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">wie er dir etwas nehmen oder dir schaden k\u00f6nne. In Europa empfange man nur G\u00e4ste, die man eingeladen habe, das sei ehrlich. In Afrika sei das anders: Man bel\u00fcge und betr\u00fcge einander, selbst unter Verwandten. Darum k\u00e4me Afrika nicht voran wie Europa. Ich frage, wie alt diese Furcht in Afrika sei. \u2013 Sehr alt!\u00a0 &#8211;\u00a0 Die Frage bleibt stehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Assita sieht unser Menschsein (<i>humanit\u00e9)<\/i>\u00a0als<i>\u00a0Band zwischen uns: Nous avons le m\u00eame souffle. C\u2019est la peau qui nous s\u00e9pare, et la mentalit\u00e9.<\/i>\u00a0 Wir haben den gleichen Atem. Die Haut und die Mentalit\u00e4t trennen uns.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Sie hasst die\u00a0<i>f\u00e9tiches<\/i>, Waffen, die jedermann skrupellos f\u00fcr seine kleinen Ziele einsetzt , um sich durchzuschlagen. Sie ist sei durch die lokalen Traditionen besonders bedroht, von denen sie als Fremde aus Bourkina ausgeschlossen sei. Warum h\u00f6re ich keine moralische Verurteilung der\u00a0<i>malfaiteurs<\/i>, der\u00a0<i>sorciers<\/i>\u00a0von ihr? Um die Bestrafung von Unrecht ist es schlecht bestellt: Manchmal l\u00e4gen die\u00a0<i>sorciers<\/i>\u00a0ja<i>\u00a0<\/i>miteinander im Streit, aber oft \u2013 wenn zwei sich tr\u00e4fen, verb\u00fcndeten sie sich,\u00a0<i>pour bouffer da la viande humaine.<\/i>\u00a0Ich denke, sie meint es im buchst\u00e4blichen Sinn.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn26\"><i>[26]<\/i><\/a>\u00a0Assita findet nichts dabei, dass die lieblose Gro\u00dfmutter ihr von den Gefahren der Hexerei erz\u00e4hlt hat: \u201eIch sollte eben aufpassen!\u201c (<i>afin que je prenne garde<\/i>)<i>.<\/i>\u00a0Bei den farbig geschilderten Hexenk\u00fcnsten kann ich nicht immer ernst bleiben. Doch das ist nicht nur ihre Sicht: Zu viele Leute warnen mich st\u00e4ndig vor Banditen und B\u00f6sewichtern, verrammeln nachts die T\u00fcr, erz\u00e4hlen und h\u00f6ren Schauergeschichten! Das Kinoprogramm passt auch mit der allgegenw\u00e4rtigen Gefahr f\u00fcr den Karate- oder\u00a0 Kriegshelden. Er wittert sie, seine Waffe trifft selbstt\u00e4tig das Ziel. Er ist unverwundbar, frei von Angst und verschlagen, ob er nun strahlend daherkommt oder \u201eh\u00e4sslich\u201c ist wie der Chinese.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich spreche die bei uns grassierenden ungreifbaren<i>\u00a0<\/i>\u00c4ngsten und das\u00a0<i>B\u00f6se<\/i>\u00a0im Menschen an, wie wir es in Europa erfahren. Assita hat noch nichts von der fabrikm\u00e4\u00dfigen Vernichtung der Juden geh\u00f6rt, aber die Gro\u00dfmutter hat Ihr von Kolonialverbrechen erz\u00e4hlt. \u201e<i>Camp de concentration\u201c<\/i>\u00a0ist ihr ein Begriff. Sie m\u00f6chte von alledem nichts wissen und \u201egl\u00fccklich werden\u201c. Wie viel lieber h\u00f6re ich so einen Satz als die offizielle L\u00fcge: Afrika sei\u00a0<i>en voie de d\u00e9veloppement.<\/i>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich muss unbedingt deutsche M\u00e4rchen studieren! Und dann Bruno Bettelheims Deutungen wahrscheinlich\u00a0 umschreiben. Ich notiere schon jetzt vertraute Motive: \u201edie b\u00f6se Stiefmutter\u201c\u00a0 etwa, dann die hohe M\u00fcttersterblichkeit, Missgunst allenthalben, das Herumhacken auf dem Schw\u00e4chsten, \u201eD\u00fcmmsten\u201c, Warnungen, wenn man sich bewegen, kindlich herumtollen will. Gefahren \u00fcberall au\u00dferhalb des Dorfes, Unberechenbarkeit der Gastgeber: Gespenster, Geister (<i>g\u00e9nies<\/i>), Drachen, menschenfressende Einsiedler, schlie\u00dflich Gifte, Narkotika, Zaubertr\u00e4nke, die Verwandlung in Pflanzen und Tiere.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Bilanz: Und sie lebten gl\u00fccklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Assitas Lied<\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>\u00a0<\/b>Weil die Mutter mich geschlagen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Und der Vater maltr\u00e4tiert,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">werd\u2019 ich ihre Namen nennen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Den von Simon auch,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">weil er mich betrogen hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>Das ist alles. Soll ich es singen?<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>\u00a0<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn\u2019s dir einmal gut geht,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Provozier\u2019n dich Nachbarn.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Egoisten,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">K\u00f6nnen sie es nicht mit anseh\u2019n,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">H\u00e4tten\u2019s selber gern, dein Gl\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Und von diesen Leuten red\u2019 ich hier.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Neujahrsgl\u00fcck&#8230;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>M\u00f6chtest du, dass ich das singe?<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Das kleine M\u00e4dchen Alimo<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Ist \u00fcberhaupt nicht froh.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Hat ihr Vater doch vier Frau\u2019n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Ist der Hof doch voller Kinder<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Jede bringt\u2019s davon auf sieben<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch wenn Alimo was ausfrisst,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">wenn die Mutter bloss nerv\u00f6s ist<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn sie sie zuhaus\u2019 allein l\u00e4sst,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Gibt es Pr\u00fcgel, gibt es Fl\u00fcche.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>Meine Frage: Warum?<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>&#8211; Die Kleine ist verhext&#8230;<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>&#8211; Du kennst dies Kind vielleicht?<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">&#8211;\u00a0<i>Ja.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Psst, sei still.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Es gibt hier Leute:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcbelt\u00e4ter, Kriminelle<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Geh\u2019n umher.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Bringen dir Unheil,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn sie dich sehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Halt\u2019 still,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">So sieht dich keiner<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Und dann &#8211; vielleicht &#8211;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Verschwinden sie.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eMein Liebster,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Warum glaubst du den L\u00fcgnern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Und schl\u00e4gst mich?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Siehst du nicht,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">dass sie uns trennen wollen?\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Umsonst &#8211;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Er folgt Ger\u00fcchtemachern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">Selber tr\u00e4gt er deren L\u00fcgen weiter.<\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/Image-C.-I.-5.2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1569\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/Image-C.-I.-5.2-300x203.jpg\" alt=\"Image C.-I. 5.2\" width=\"618\" height=\"419\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/Image-C.-I.-5.2-300x203.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/Image-C.-I.-5.2-624x423.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/1985\/07\/Image-C.-I.-5.2.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 618px) 100vw, 618px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Kommst du wirklich nach Abidjan?<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn27\">[27]<\/a><\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Morgen reise ich ab. Ich sp\u00fcre Distanz und sie sp\u00fcrt sie auch. Ich habe immer ein wenig Angst vor Menschen, die zu sehr gelitten haben. Ich versuche &#8211; nach schlechten Erfahrungen, andere sehen das anders &#8211; zuerst auf mein Wohlergehen zu schauen. Sie nimmt gelassen die dreitausend CFA, die sie schon beim Eintreten liegen sieht, findet meine Gardine gut. Wir machen Portr\u00e4ts. Ich fotografiere schlie\u00dflich nur ein Lied aus ihrem Heft.<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn28\">[28]<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eKommst du wirklich nach Abidjan?\u201c\u00a0 fragt sie beim Abschied.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Irgendwann gestern erschrecke ich, weil ich auf der Stra\u00dfe glaube, dem<i>\u00a0Issa<\/i>\u00a0aus Bouna (beziehungsweise Abidjan) hier zu begegnen. Er ist so etwas wie ein Mephisto. Sein Doppelg\u00e4nger in Ferk\u00e9 sieht mich begreiflicherweise auch sehr interessiert an.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Aggressives Betteln und &#8230;<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftn29\">[29]<\/a><\/b><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein scheel blickender Knilch an der Getr\u00e4nkebude soll wirkliche der letzte sein, der mich unehrlich und ohne sichtbare Not herumkriegt, und seien es blo\u00df lumpige 80 Pfennig! \u201eBurning Spear live\u201c-Reggae\u00a0 spielt im Hintergrund. Ich predige, ich sei kein \u201eFreund\u201c, ich w\u00fcrde ihn ja gar nicht kennen: \u201e<i>Je te connais pas. Pourquoi donc? Je ne crois pas que nous sommes des amis. Au contraire: tu ne m\u2019acceptes pas ici.\u201c\u00a0<\/i>Oder sage ich den letzten Satz an den Wirt gerichtet, wie das Notizbuch als Alternative angibt?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich will aber die andere Begegnung nicht vergessen, den kleinen Sch\u00fcler am Bahnhof. Seine Schubkarre habe\u00a0ich\u00a0mir ausgesucht. Sie geh\u00f6rt ihm gar nicht. Er gibt das Geld seinem Freund. Ich lade beide zum\u00a0<i>caf\u00e9 complet<\/i>\u00a0ein. Mutig bem\u00fcht er sich um eine Korrespondenzdresse, schreibt mir seine\u00a0 Postadresse auf: Siss\u00e9 Lamine, B.P.6783 Boundiali R.C.I.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>\u00a0<\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><b>Erz\u00e4hlblockade vor dem H\u00f6hepunkt der Reise, dem Aufenthalt in einem afrikanischen Dorf<\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><i>Ich unterbreche hier den Reisebericht, bis auch diese Blockade wegger\u00e4umt ist. \u00a0 \u00a017. Dezember 2013<\/i><\/span><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a01-55\u00a0 25.7., 12.40 \u00a0 \u00a0\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0 1-50\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0(Typoskript \u00dcberarbeitung, Notizb\u00fcchlein 1,56-57) <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0am n\u00e4chsten Tag darf ich mir eine gelochte franz\u00f6sische Kolonialm\u00fcnze aussuchen, die sie von ihrer Gro\u00dfmutter hat.\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a01-60 \u00a0 \u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a01-59 Nachtr\u00e4ge \u00a0 \u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a01-61-63 \u201eWie geht\u2019s? \u2013 \u201eSo l\u00e0-l\u00e0\u201c \u00a0\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0 1-64 Ferk\u00e9, den 26.7.85 \u00a0 \u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a>\u00a0 1-67 Ferk\u00e9, den 27.7.85 \u00a0\u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a>\u00a0\u00a0von den Franzosen gedruckt = 7DM (1985), entspricht unserem 50 \u20ac-Schein 1-69\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a>\u00a0Doch ich m\u00f6chte im nachhinein nichts durcheinander bringen. Was ist mit dem jungen B\u00e4cker, der einen Sack Mehl aus Ferk\u00e9 aufs Dorf bringt und von dem ich annehme, dass er mich gebeten hat, ihn und seine Eltern zu fotografieren. Wem habe ich das Foto geschickt?\u00a0 Oder gab ich ihm vor Ort ein Polaroid? \u00a0 vgl. 1-70\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 [14] Ferk\u00e9, den 27.7.85 (Typoskript \u00dcberarbeitung, Notizb\u00fcchlein 1,71-72,)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a>\u00a0College de Formation Professionnelle ( Fach: Automechaniker)\u00a0\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a>\u00a0Frau aus Burkina Faso, in Bobo Diulasso verheiratet mit einem<i>\u00a0marchand<\/i>, Kinder, eigenes Auto&#8230;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a>\u00a0traditionelles Buschlager zur Initiation der jeweiligen Altersgruppen.\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a>\u00a0Vgl. auch K.-H. Kriegs Brosch\u00fcre \u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref19\">[19]<\/a>\u00a0nach Typoskript Ferke Sa.27.7.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref20\">[20]<\/a>\u00a0 \u00a01-73 Am 18.9. wird sie mir einen Brief schreiben, indem sie mir mitteilt, f\u00fcr 300.000 CFA kriege sie eine Tonaufnahme ihrer Songs und nennt mir die Adresse ihres Hotels in N\u2019bouci bei Abidjan, wo sie es verdienen will. Ich k\u00f6nnte es ihr aber auch schicken.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref21\">[21]<\/a>\u00a0\u00a0Warum ich die 200 DM nicht spendierte? Nicht allein aus\u00a0 Geiz. Ich gab ihr \u00fcberhaupt keine Chance, ohne Stimme, Auftreten, Sch\u00f6nheit. Ich sah die gerissenen Typen vor mir. Ich hatte schon vor Ort mit ihr ein Demoband aufgenommen.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref22\">[22]<\/a>\u00a0 Dies ist \u00fcbrigens 2004 das Hauptthema von Toby Green in \u201eMeeting the Invisible Man\u201c. Daran scheitert sein Projekt.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref23\">[23]<\/a>\u00a0\u00a0Man k\u00f6nnte darin den alten missionarischen und kolonialistischen D\u00fcnkel. Dabei ist es doch blo\u00df ene Lehrerunart.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref25\">[25]<\/a>\u00a02-32-36\u00a0 Text\u00a0 Sonntag 28.7 ins gro\u00dfe Buch\u00a0 Heute 9\/2010 denke ich, dass die Alte den Massakult 1952\u00a0 noch mit getragen hat, dann aber feststellen musste, dass das alte \u00dcbel der schwarzen Magie zur\u00fcckkehrte. ( Hans Himmelheber: Fetisch der Rechtschaffenheit Tribus NF 4\/5 1954+1955 (PsIV19a))<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref26\">[26]<\/a>\u00a0\u00dcbersetzung:\u00a0 \u201eum Menschenfleisch zu fressen\u201c\u00a0\u00a0 <a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref27\">[27]<\/a>\u00a01-76\u00a0 Notiz 28.7. \u00a0 \u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref28\">[28]<\/a>\u00a02-32 \u00a0 \u00a0 \u00a0<a style=\"color: #000000;\" title=\"\" href=\"#_ftnref29\">[29]<\/a>\u00a01 -77\/78<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,243],"tags":[],"class_list":["post-1554","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reisebilder","category-cote-divoire-elfenbeinkueste-kamerun"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1554"}],"version-history":[{"count":21,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8879,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1554\/revisions\/8879"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}