{"id":155,"date":"2012-03-18T00:00:48","date_gmt":"2012-03-17T23:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=155"},"modified":"2020-05-22T13:16:09","modified_gmt":"2020-05-22T11:16:09","slug":"objekt-atlas-feldforschung-im-museum-kritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=155","title":{"rendered":"Objekt Atlas \u2013 Feldforschung im Museum. Man\u00f6verkritik"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00a0<\/b><b>Die Zeichen der Zeit\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Vor Weihnachten lag \u201eDie Geschichte der Welt in 100 Objekten\u201c von Neil McGregor (British Museum\/BBC) in den Buchhandlungen. Die Aneignung von Kultur(en) durch das Publikum der Museen tritt immer mehr in den Vordergrund. Das MAK Frankfurt zeigt eine neue Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr den Sammler &#8211; nicht erst bei den \u201eChinesischen Dingen<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Mit der Museumsp\u00e4dagogik, mit den Kindern, hat es vor Jahren begonnen. Jetzt treten im Weltkulturenmuseum-\u201eLabor\u201c K\u00fcnstler in Aktion, die Gourmets u.s.w. folgen.<!--more--><\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-418\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer-300x224.jpg\" alt=\"P1170880MdW-Meer\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer-300x224.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170880MdW-Meer.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/b><\/p>\n<p>K\u00f6nnen die ausgew\u00e4hlten deutschen K\u00fcnstler als Avantgarde im klassischen Sinn funktionieren? Eine Avantgarde orientiert die Truppe oder \u00f6ffnet ihr Wege! Daf\u00fcr ist sie qualifiziert. Ich habe mir die ausgew\u00e4hlten K\u00fcnstler daraufhin angesehen, beziehe mich aber der Einfachheit halber hier auf die Informationen im Begleitheft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b><b>Feldforschung im \u201eSupermarkt\u201c?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Feldforschung <\/i>wurde immer vorbereitet, mental und technisch-organisatorisch, manchmal sogar generalstabsm\u00e4\u00dfig. Sie war arbeitsteilig und verlangte klare Qualifikationen. In ihren Texten verdrehen Chaimowitz und Th. Bayerle die\u00a0 Definition von<i> Feldforschung <\/i>zur Selbsterforschung, andere Teilnehmer verzichten ganz auf die Festlegung. Nur O. Nkanga zeigt ein reelles Konzept, wenn sie sozusagen beim <i>R\u00e4uber <\/i>afrikanischer Traditionen Erkundigungen einholt.\u00a0Mir scheinen die K\u00fcnstler ins Museum hereingeschneit zu sein, um sich \u00fcberraschen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die Haltung von Kindern auf dem Rummelplatz und von Konsumenten in der Shopping Mall. Simon Popper zieht explizit den Vergleich mit einem \u201e<i>Supermarkt<\/i>\u201c. Der Mangel, hier fast nichts kaufen zu k\u00f6nnen, scheint ihm nicht so wesentlich zu sein. Der Besuch in den Magazinen des Museums w\u00e4re dann ein <i>Factory Outlet. <\/i>Und er \u00e4u\u00dfert sich \u00fcber <i><span style=\"text-decoration: underline;\">das<\/span><\/i> <i>Museumsobjekt<\/i> so: \u201e<i>Sein Leben beginnt eigentlich erst mit diesem auf das Museum bezogenen Datum und nicht mit dem Datum seiner urspr\u00fcnglichen Herstellung.\u201c<\/i> (28) Mich befremdet der Ausdruck <i>Herstellung<\/i>, aber das ist bei einem Supermarkt in Ordnung. Freilich blendet er gleich die ganze Lieferkette aus, was heute nicht einmal der avancierte Konsument \u00f6ffentlich macht.<\/p>\n<p>Eine andere Frage: Worin soll die Bedeutung eines solchen Objekts aus dem Nichts bestehen, und worin der Unterschied zu Artefakten, die extra f\u00fcr Ausstellungen produziert werden wie seine eigenen? &#8211;\u00a0 Im Ernst, im Museum beginnt f\u00fcr das Objekt ein zweites, vielleicht sogar ein drittes Leben!<\/p>\n<p><b>Techniken &#8211; Sich drehen und wenden und die Objekte zoomen<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Die Avantgarde sollte ihr Gegen\u00fcber kennen oder \u00fcber Mittel verf\u00fcgen, sie auszukundschaften. Auf Augenh\u00f6he zu sein, ist eigentlich selbstverst\u00e4ndlich. Drei der Teilnehmer <span style=\"text-decoration: underline;\">lassen<\/span> herstellen. Die beiden K\u00fcnstlerinnen lassen ihre akademischen Assistenten die Objekte sogar halten, um sie zu filmen.<\/p>\n<p>Gibt es eine gr\u00f6\u00dfere Fremdheit zu den z\u00fcnftigen Handwerkern und handwerklich geschickten Bauern Afrikas? Mit welchen K\u00fcnstlern des traditionellen Afrika etwa wollen sie sich auf Augenh\u00f6he treffen? Beweisen sie etwa, dass sie widerst\u00e4ndige Materialien bearbeiten k\u00f6nnen wie Steinbildhauer und Holzschnitzer, T\u00f6pfer, Flechter oder \u00e4tzende Grafiker?<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1160162indio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1160162indio-300x224.jpg\" alt=\"P1160162indio\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><\/b><\/p>\n<p>W\u00e4ren solche K\u00fcnstler &#8211; wir haben eine Menge davon in Deutschland &#8211; nicht passendere Kandidaten f\u00fcr den Dialog, f\u00fcr das Experiment?\u00a0Oder sind etwa die Teilnehmer nur Probanden in diesem Labor gewesen? In diesem Fall vermisse ich aber die wertende Instanz &#8211; \u00f6ffentlich wie bei einem Wettbewerb!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><\/b><b>K\u00f6nnen als Laien\u00a0 auftretende K\u00fcnstler einen ganzen F\u00e4cher von Fachleuten ersetzen?<\/b><\/p>\n<p>Erweisen sie sich als scharfsinnige Experten \u00e4sthetischer Traditionen \u2013 westlicher oder fremder? Zeichnendes Studieren ist ein gutes Mittel zum Kennenlernen.\u00a0Simon Popper \u201e<i>malte die Objekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln, was uns hilft, ein eigenes Verh\u00e4ltnis zu den Besonderheiten und der Sch\u00f6nheit dessen zu entwickeln, was wir vor Augen haben<\/i>.\u201c (28) Was hei\u00dft hier <i>helfen<\/i>? Brauchen wir unseren Kopf nicht mehr selber zu bewegen? Und was sollen <i>Besonderheiten und Sch\u00f6nheit<\/i> bedeuten bezogen auf Perspektive und Proportionen? Ich kann seiner Serie von Gouachen keine eindeutige Antwort darauf entnehmen.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1160304Ibedji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1160304Ibedji-300x224.jpg\" alt=\"P1160304Ibedji\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><\/p>\n<p>Beispiele, die f\u00fcr vieles stehen: Hat man ihm nicht gesagt, dass zu den <i>Besonderheiten und Sch\u00f6nheit<\/i> der Ibedji eine ebenso klare wie radikale Proportionalit\u00e4t des K\u00f6rpers geh\u00f6rt? Sie w\u00e4re grotesk zu nennen, wenn sie nicht monumental w\u00e4re. Aus ihr spricht eine nicht blo\u00df physische Kraft. Simon Popper verfehlt sie. Weitere deutlich sichtbare Besonderheiten sind die puppenhafte Gr\u00f6\u00dfe und die milit\u00e4rische Haltung der <i>Ibedji<\/i>, die er wieder und wieder abmalt, oder der eigenartige Kopfputz, der h\u00f6her ist als der Gesichtssch\u00e4del der Figur. Auch die gro\u00dfen F\u00fc\u00dfe hat Simon vernachl\u00e4ssigt, hat sie, wie es gerade kam, verkleinert. F\u00fcr mich ergeben seine zeichnerischen Finger\u00fcbungen blo\u00df eine nette Wanddekoration.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/b><b>Hat man den Ethnologen immer gut zugeh\u00f6rt?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lese z.B. auf S.29 eine v\u00f6llig neue Legende \u00fcber die Ibedji. Ist das eine wissenschaftliche Auffassung, die mir bisher entging?<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/P1160216AntjesText.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/P1160216AntjesText-300x224.jpg\" alt=\"P1160216AntjesText\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Marc\u00a0Chaimowicz breitet sich \u00fcber die angebliche \u201eAnonymit\u00e4t\u201c afrikanischer und europ\u00e4ischer Handwerker aus. Sie arbeiteten aber nicht anonym. Und wir? Wir kennen zwar die Namen der K\u00fcnstler nicht, aber wir haben ihre Werke vor Augen und in H\u00e4nden. Ist das nicht mehr, als wir hoffen durften? Dinge, die ausstrahlen oder als Werkzeug beweisen, dass sie gelungen sind. Die anonyme Herkunft \u2013 dem Raub, dem Handelsweg oder Unterlassungen der Forscher geschuldet \u2013 bietet nur das banalste Geheimnis und ist nicht gerade geeignet, den Respekt vor der kreativen Leistung zu f\u00f6rdern. Anonymit\u00e4t ist in unserer Gesellschaft ein mit Entwertung und Vernachl\u00e4ssigung verbundener Begriff: Industrieg\u00fcter sind austauschbar. Anonymisierte Daten sind vogelfrei. Vorg\u00e4nge, die nach Aktenlage entschieden werden, etwa Asylantr\u00e4ge vor deutschen Beh\u00f6rden, sind menschenunw\u00fcrdig. Auch der Schutz der Anonymit\u00e4t ist ambivalent und kennt viele unr\u00fchmliche F\u00e4lle.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-419\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar-300x224.jpg\" alt=\"P1170881Dakar\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar-300x224.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/P1170881Dakar.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr das Ungen\u00fcgen der Laien geben uns \u201e<i>Dinge, die sich \u00fcberschneidende Funktionen haben<\/i>\u201c<b> <\/b>(26). Viele traditionelle Werkzeuge auch im vorindustriellen Europa hatten solche Qualit\u00e4ten. Entsprechend mehr Geschicklichkeit und Einfallsreichtum entwickelte man bei der Handhabung. Die Beispiele von Otobong Nkanga sind nicht einmal besonders gut, weil sie nur die Verwendung in verschiedenen Sph\u00e4ren im Blick haben.<\/p>\n<p>Es macht die funktionale Dummheit des Designs aus, wenn heute f\u00fcr jede Verrichtung ein anderes Werkzeug oder immer h\u00e4ufiger eine ihm \u00e4u\u00dferliche Zusatzfunktion angeboten wird. Man addiert unflexible primitive Funktionen und steigert damit vor allem die Fehlerquellen. Der Philosoph Vilem Flusser hat 1990 mit Recht konstatiert, dass wir von \u201edummem Zeug umgeben seien und er f\u00e4hrt fort: \u201eNoch nie wurde ein solcher Aufwand an Intelligenz, Disziplin und Phantasie zur Erfindung und Erzeugung von so dummem Zeug verwendet.\u201c \u201e Das uns umgebende Zeug programmiert uns zur Abh\u00e4ngigkeit von ihm und zwar im doppelten Sinn. Wir sind programmiert, ohne das dumme Zeug nicht leben zu k\u00f6nnen, und wir sind programmiert, die Dummheit dieses Zeugs nicht wahrzunehmen.\u201c (\u201eNachgeschichten \u2013 Essays, Vortr\u00e4ge, Glossen\u201c, 1990, S.139f.)<\/p>\n<p>In dieser Richtung m\u00f6chte ich die reflexive Seite der \u201eFeldforschung im Museum\u201c vor allem verstanden wissen, nicht beschr\u00e4nkt auf die eigene Befindlichkeit, angebliche Wurzeln (Roots) oder eine g\u00f6nnerhafte Attit\u00fcde wie von Thomas Bayerle zu traditionellen Fischreusen (S.16) demonstriert: <i>\u201eHier sind fr\u00fchere Erfindungen in einer neuen Denke wieder da. In diesen Reusen steckt ein Haufen Intelligenz\u201c. <\/i>Allerdings! Und vorsichtshalber die R\u00fcckfrage: Haben wenigstens <span style=\"text-decoration: underline;\">Sie<\/span> Ihre primitive \u201e<i>Falle f\u00fcr dumme Autos<\/i>\u201c selber geflochten? \u00a0 \u00a0 18.M\u00e4rz 2012<\/p>\n<p>Keine Experimente ohne Misserfolge<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Viele Einreichungen werden als \u201eFrankfurter chinesische Dinge\u201c momentan gezeigt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Die Zeichen der Zeit\u00a0 Vor Weihnachten lag \u201eDie Geschichte der Welt in 100 Objekten\u201c von Neil McGregor (British Museum\/BBC) in den Buchhandlungen. Die Aneignung von Kultur(en) durch das Publikum der Museen tritt immer mehr in den Vordergrund. Das MAK Frankfurt zeigt eine neue Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr den Sammler &#8211; nicht erst bei den \u201eChinesischen Dingen[1]. 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