{"id":1524,"date":"2013-03-07T11:40:22","date_gmt":"2013-03-07T10:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1524"},"modified":"2020-05-21T11:45:29","modified_gmt":"2020-05-21T09:45:29","slug":"menschenrechte-in-china-ja-sagt-harro-v-senger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1524","title":{"rendered":"Menschenrechte in China? Ja, sagt Harro v. Senger."},"content":{"rendered":"<p>An einer \u00f6ffentliche Veranstaltung des\u00a0Exzellenzclusters \u201eNormative Ordnungen\u201c an der Frankfurter Universit\u00e4t sollte er zusammen mit Prof. Heiner Roetz kontrovers\u00a0\u00fcber Menschenrechte diskutieren.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000;\">Aktualisierende Anmerkung ( <\/span><span style=\"color: #ff0000;\">6.1.2019) <\/span><span style=\"color: #ff0000;\">am Schluss <\/span><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/20120213_menschenrechte_in_china.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1527\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/20120213_menschenrechte_in_china-212x300.jpg\" alt=\"20120213_menschenrechte_in_china\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/20120213_menschenrechte_in_china-212x300.jpg 212w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/20120213_menschenrechte_in_china.jpg 558w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Goethe-Universit\u00e4t-\u2014-Was-ist-mit-den-Menschenrechten-in-China.pdf\">Goethe-Universit\u00e4t \u2014 Was ist mit den Menschenrechten in China<\/a><\/p>\n<p>Das Impulsreferat v. Sengers war ein beschleunigter und dennoch zeitraubender\u00a0 Powerpoint-Durchlauf einer Ausarbeitung, die bereits im Netz stand. Hier sind Original <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Menschenrechte.pdf\">Menschenrechte<\/a> und meine Zusammenfassung in pdf:\u00a0<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/HARRO-VON-SENGER-Ausz\u00fcge-dvg.pdf\">HARRO VON SENGER-Ausz\u00fcge dvg<\/a>.<\/p>\n<p>Meinem Eindruck nach vermieden die Kontrahenten, die sich seit langem kennen, die direkte sachliche Kontroverse, sodass ich mich bereits zum Zwischenruf gedr\u00e4ngt f\u00fchlte.<\/p>\n<p>In einem regul\u00e4ren Beitrag und zwei Wochen sp\u00e4ter in einem Brief an\u00a0v. Senger\u00a0formulierte ich\u00a0am 7.3.2013\u00a0meine Einw\u00e4nde:<\/p>\n<p>(&#8230;.) Ich hatte in der Veranstaltung den Eindruck gewonnen, dass Sie auch als Sinologe im Kern Jurist bleiben und den Stil der wissenschaftlichen Expertise bevorzugen. (&#8230;) Ich sp\u00fcrte bei Ihnen eine an Unempfindlichkeit grenzende Geduld des Diplomaten, der sein Gegen\u00fcber unter keinen Umst\u00e4nden unterbricht. So habe ich es schwer ertragen, wie Sie die Folge der <i>Hauptwiderspr\u00fcche <\/i>mit ihren <i>Hauptaufgaben <\/i>und die Konsequenzen f\u00fcr <i>Menschenrechte<\/i> im weitesten Sinne vortrugen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Konzept, elementare Rechte des Einzelnen in das Belieben der Parteif\u00fchrung zu stellen, die sie nach der politischen Opportunit\u00e4t periodisch entsprechend der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit gew\u00e4hrt oder entzieht (<i>1949-1978<\/i>), ist so krass und menschenverachtend, dass das Thema \u201eMenschenrechte in China\u201c bereits und gerade auf der Ebene der Ideologie erledigt ist. Nur auf diplomatischem Parkett muss der <i>Dialog<\/i> wohl weiter gehen.<\/p>\n<p>Das muss meines Erachtens bei einem solchen Anlass laut ausgesprochen werden.<\/p>\n<p>In ihrer Praxis hat die KP noch die wenigen Schranken der Tradition und Religion niedergerissen, zu denen Heiner Roetz wohl zur\u00fcckstrebt. H\u00e4tte nicht dieser Traditionsbruch, der sich als S\u00e4kularisierungprozess noch heute fortsetzt, ein Streitthema werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich will auch meinen ersten Eindruck, dass in Ihren Gedankeng\u00e4ngen <i>China <\/i>weit weg sei, pr\u00e4zisieren. Ihre wissenschaftlichen Problemstellungen, soweit mir bekannt, sind denkbar weit weg von denen des Lebens der Menschen.<\/p>\n<p>Sie scheinen wie angewachsen an der Seite derer zu stehen, die Normen setzen und Sprachregelungen durchsetzen, wie es in China seit der Kanonisierung einer Handvoll Klassiker vor zweitausend Jahren ebenso wie bei Parteidokumenten der Fall ist &#8211; und nat\u00fcrlich auch bei den Dokumenten im v\u00f6lkerrechtlichen Kontext.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Veranstaltung war ich befremdet, wie ausschlie\u00dflich Sie sich auf dieser Ebene bewegten. Ich f\u00fchlte mich Jahrzehnte zur\u00fcckversetzt oder &#8211; metaphorisch \u2013 <span style=\"text-decoration: underline;\">hinter<\/span> die Mauern der Verbotenen Stadt.<\/p>\n<p>Ich selber war 1973 als Gast in China und habe nach 1977 kleinlaute Bekenntnisse prominenter Freunde Chinas gelesen. Ich bezweifle, dass Sie, selbst als Gaststudent, damals wirklich von Mitstudenten oder gar Lehrern ins Vertrauen gezogen wurden. Auf jeden Fall war die Sprache zugleich reglementiert und doppelb\u00f6dig. Haben Sie sp\u00e4ter in Ihrer akademischen T\u00e4tigkeit auch einmal die Ebene der Eliten &#8211; auch der kommunistischen Machtelite &#8211; verlassen? (&#8230;.) Mit freundlichem Gru\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachwort.<\/p>\n<p>Herr von Senger ist weithin bekannt f\u00fcr seine Herausgabe der \u201e<i>Strategeme \u2013 Anleitung zum \u00dcberleben<\/i>\u201c (1988; dtv 30549, 1996).<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick sind die \u201e<i>Strategeme<\/i>\u201c, die ich seit zehn Jahren besitze \u2013 und vergessen hatte \u2013\u00a0kurzweilig zu lesen. Doch was hat er eigentlich darin versammelt? Geschichten einer \u201e<i>Strategem<\/i>\u201c- Ratgeber-Literatur, die f\u00fcr Positions- und Machtk\u00e4mpfe ausgelegt werden. In der Volksrepublik sammelte v.Senger entsprechende Redeweisen aus der Parteipresse &#8211; \u201ebei den Menschen\u201c? Nein, in den jeweiligen erzieherischen Kontexten. Weiter geht auch seine Deutung nicht. Konventionell ist der Untertitel: \u201eChinesische Weisheit aus drei Jahrtausenden\u201c \u2013 Also \u201echinesisch\u201c? Wessen Allgemeingut? \u201eWeisheit\u201c? \u2013 Man kann Weisheit doch wohl von Schlitzohrigkeit unterscheiden. v. Senger pr\u00e4sentiert sich \u00a0als ausgebuffter Diplomat und moderner Machiavell. Und das Regime in Peking sch\u00e4tzt ihn. &#8211; Mehr \u00fcber seine B\u00fccher unter: http:\/\/www.36strategeme.de\/buecher.htm.webloc.<\/p>\n<p>Ich ziehe pers\u00f6nlich eine handliche \u00dcbersetzung des uralten Originals vor: Sunzi &#8211; Die Kunst des Krieges, etwa in der \u00dcbersetzung von James Clavell bei Droemer, 1999. Da bleibt gen\u00fcgend Luft zum Nachdenken.<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1>Meine Begegnung mit von Senger \u2013 aus dem Abstand. 6.1.19<\/h1>\n<p>Das Wichtigste noch einmal zusammengefasst:<\/p>\n<p>(\u2026.) <em>So habe ich es schwer ertragen, wie Sie die Folge der Hauptwiderspr\u00fcche mit ihren Hauptaufgaben und die Konsequenzen f\u00fcr Menschenrechte im weitesten Sinne vortrugen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Konzept, elementare Rechte des Einzelnen in das Belieben der Parteif\u00fchrung zu stellen, die sie nach der politischen Opportunit\u00e4t periodisch entsprechend der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit gew\u00e4hrt oder entzieht (1949-1978), ist so krass und menschenverachtend, dass das Thema \u201eMenschenrechte in China\u201c bereits und gerade auf der Ebene der Ideologie erledigt ist. Nur auf diplomatischem Parkett muss der Dialog wohl weiter gehen. (&#8230;) In ihrer Praxis hat die KP noch die wenigen Schranken der Tradition und Religion niedergerissen, zu denen Heiner Roetz wohl zur\u00fcckstrebt. H\u00e4tte nicht dieser Traditionsbruch, der sich als S\u00e4kularisierungprozess noch heute fortsetzt, ein Streitthema werden k\u00f6nnen?<\/em> (&#8230;)<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">*<\/h3>\n<p>F\u00fcr meinen Text muss ich mich nicht sch\u00e4men, h\u00f6chstens, dass ich nicht dann geschwiegen habe, als v.Senger mir anschlie\u00dfend einen seiner Texte im Gro\u00dfbrief schickte. Das war nicht fein von mir.<\/p>\n<p>Sein pdf-Artikel, der seine Grundlage bildete, versuchte die Debatte \u00fcber Menschenrechte in China durch relativierende Vergleiche (UN, GG \u201eEinschr\u00e4nkbarkeit\u201c,&#8230;) zu \u201aversachlichen\u2019. Doch bereits in der Anwendung eines westlichen Werte-Konzepts voller Widerspr\u00fcche\u00a0 auf China liegt das Problem. Die Zur\u00fcckweisung seitens chinesischer Intellektueller nach 2000 vereinfacht die Situation. (Holbig\/Gilley GIGA no.127, 2010, p. 16f.) Das Regime w\u00fcnscht und braucht nicht mehr die &#8218;Entwicklungshilfe&#8216; unserer Werteordnung . Auf internationaler und supranationaler Ebene sind f\u00fcr uns allein h\u00f6chstens Formelkompromisse zu erhoffen, solange die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse das \u00fcberhaupt hergeben. Wunscherf\u00fcllung auf der Basis westlicher Utopien betrachtet die Gegenseite bereits als Entgegenkommen und das l\u00e4sst sie sich teuer bezahlen. Die in unserer \u00d6ffentlichkeit fortw\u00e4hrend gen\u00e4hrten Illusionen sind schon ein Teil des Preises.<\/p>\n<p>In der Anwendung der \u201eMenschenrechte\u201c auf China liegt das Problem auch f\u00fcr von Senger. Ich nehme an, als durch Gew\u00f6hnung abgestumpfter Diplomat, als formalistischer Jurist und als Bestsellerautor auf der Suche nach provokativen \u00dcberschriften war v.Senger blind f\u00fcr die Grenz\u00fcberschreitung. Statt von Lippenbekenntnissen wie Verfassungstexten auszugehen und das Recht wie ein Winkeladvokat zu beugen, h\u00e4tte er direkt\u00a0 Maos revolution\u00e4re Maximen zur Basis der Analyse nehmen sollen. Dann zwanzig Jahre \u00dcbergangsphase mit Deng ber\u00fccksichtigen,\u00a0 darin 1989 bewerten, und danach neu ansetzen. Doch da war er bereits ein alter Gelehrter, der sein wissenschaftiches Programm abspult. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harro_von_Senger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> Wikipedia).<\/p>\n<p>Sein Auftritt in Frankfurt mit dem blassen Roetz fand anfang 2013 statt. Nach der Lekt\u00fcre der Politologen Holbig\/Gilley (2010) wei\u00df ich, die Veranstaltung war bereits unzeitgem\u00e4\u00df, die Frontlinie mit Roetz schief. Hatte ein noch unerfahrenes &#8222;Exzellenzcluster Normative Ordnungen&#8220; das etwa nicht bemerkt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ich heute Holbig\/Gilley lese, mache ich mir in jedem Moment klar, dass es dem Regime um so etwas Allgemeines und Machiavellistisches wie Anerkennung und Gehorsam (\u201eLegitimation\u201c) bei den Regierten geht und dies in der politikwissenschaftlich kontrollierten \u201epost-revolution\u00e4ren\u201c Situation, unter bewusster Ausblendung der f\u00fcr v.Senger immer noch zentralen historischen Phase. Vergessen wir nicht: Chinas Bev\u00f6lkerung ist jung, erlebte selbst das Krisenjahr \u201e1989\u201c meist nur als Kind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einer \u00f6ffentliche Veranstaltung des\u00a0Exzellenzclusters \u201eNormative Ordnungen\u201c an der Frankfurter Universit\u00e4t sollte er zusammen mit Prof. Heiner Roetz kontrovers\u00a0\u00fcber Menschenrechte diskutieren.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aktualisierende Anmerkung ( 6.1.2019) am Schluss<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[223],"tags":[],"class_list":["post-1524","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-der-westen-und-china"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1524","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1524"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1524\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11527,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1524\/revisions\/11527"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1524"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1524"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1524"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}