{"id":1515,"date":"2011-09-25T19:11:40","date_gmt":"2011-09-25T18:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1515"},"modified":"2015-08-09T13:35:28","modified_gmt":"2015-08-09T12:35:28","slug":"vom-gast-zum-gastarbeiter-text-und-interpretation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1515","title":{"rendered":"\u201eVom Gast zum Gastarbeiter\u201c \u2013 Text und Interpretation"},"content":{"rendered":"<p><b><!--more--><\/b><b>Text \u00a0<\/b>&#8211; \u00a0mit K\u00fcrzungen ()<\/p>\n<p><i>Einem \u201aGast\u2019, der in weiten Abst\u00e4nden und aus weiter Entfernung Europa besucht, f\u00e4llt nicht nur die Institution des Gastarbeiters auf, sondern auch dies seltsame Wort, das man in deutschsprachigen L\u00e4ndern gepr\u00e4gt hat. Selbstredend, sprachliche Vernebelungen und Besch\u00f6nigungen sind \u00fcberall an der Tagesordnung. Aber diese ist doch bezeichnend f\u00fcr unsere allgemeine Lage. Sie spricht auf den Begriff des \u201aGastes\u2019 an, also auf einen in allen primitiven Kulturen geheiligten, und auf den des \u201aArbeiters\u2019, also auf einen im neunzehnten Jahrhundert gefeierten Begriff, um etwa beunruhigte Gewissen zur Ruhe kommen zu lassen. Vielleicht weist sie dabei auf eine grundlegende Entwicklung unserer Kultur vom Gast zum Gastarbeiter<\/i> (&#8230;)\u201c.<i>Der Gast ist konstante Gestalt aller Mythen, und Gastfreundschaft Teil aller Riten. Das ist auch so zu erkl\u00e4ren: Der Primitive lebt in wenig zahlreicher und relativ isolierter Gesellschaft (in St\u00e4mmen oder D\u00f6rfern). Die Mitglieder seiner Gesellschaft stehen ihm sehr nahe in einem Sinn, den die moderne Gesellschaft verw\u00e4ssert. (Das ist mit ein Grund unserer Schwierigkeit, den Begriff des \u201aN\u00e4chsten\u2019 im biblischen Sinn zu verstehen.) Wenn in dieser Gesellschaft ein Fremder erscheint, dann erscheint er () ungew\u00f6hnlich, \u00fcberraschend, verd\u00e4chtig, kurz \u201aanders\u2019. Alle erw\u00e4hnten Eigenschaften sind aber typische Eigenschaften der Gottheit.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Gastfreundschaft ist Teil jenes Rituals, das versucht, die Gottheit, das \u201aAndere\u2019 g\u00fcnstig zu stimmen. () Darum hei\u00dft es bei vielen V\u00f6lkern \u201eein Gast im Haus, Gott im Haus,() darum opfert man dem Gast in manchen Kulturen nicht nur Salz und Brot, sondern die eigene Frau f\u00fcr eine Nacht.() Die Formlosigkeit, mit der wir G\u00e4ste empfangen, beweist unseren Abstand vom mythischen Urgrund und die Formen, die wir trotzdem bewahren, beweisen die Z\u00e4higkeit der Riten. ()<\/i><\/p>\n<p><i>Technisch kann selbstverst\u00e4ndlich der Gastarbeiter nicht mit einem Sklaven gleichgesetzt werden (). Er geht einen Vertrag frei ein, der Vertrag wird vom Gastfreund gehalten, und nach Ablauf des Vertrages ist er frei, mit seinen Ersparnissen heimzukehren. Allerdings ist dazu einiges zu sagen. Erstens gibt der Vertrag dem Gast kein genaues Bild von der Gastfreundschaft, die ihn erwartet. Zwar verb\u00fcrgt er einen Lohn, der das Vielfache von dem ist, was das eigene Heimatland bietet. Aber er verschweigt, dass die Wohnverh\u00e4ltnisse, durch Vorurteile begrenzt und durch Spekulation hochgetrieben, einen gro\u00dfen Teil dieses Lohns verschlingen. Dass die Lebenskosten des Gastlands ein Vielfaches dessen sind, was sich der Gast vorstellt. () Und dass, selbst wenn unter Aufopferung von einigen Lebensjahren doch etwas erspart wird, diese Ersparnis auf kosten einer Entfremdung des Zur\u00fcckgekehrten in der Heimat erkauft ist. () <\/i><\/p>\n<p><i>Zweitens ist dazu zu sagen, dass der Gastarbeiter ein seltsamer Fall von Gast ist, also \u201aanders\u2019 in einem seltsamen Sinn des Wortes. Sein blo\u00dfes Dasein im gastfreundlichen Land, sein Aussehen, seine von der Umgebung abstechende Armseligkeit, seine eine fremde Kultur bekundenden Gesten und Taten, drohen das wohlgef\u00fcgte, aber immer bedrohte Gewebe der ihn umgebenden Gesellschaft zu zerrei\u00dfen. Und darum wird er selbstverst\u00e4ndlicher Blitzableiter etwa verdr\u00e4ngter Aggressionen (die sich dabei ja oft auf objektive Tatsachen st\u00fctzen k\u00f6nnen), und dies wird durch die zahlreichen Bem\u00fchungen Wohlmeinender um ein \u201amenschenw\u00fcrdiges\u2019 Verh\u00e4ltnis zu ihm unterstrichen.() Und der Gastarbeiter ist die Verwandlung des Gastes zum Werkzeug, dessen ich mich zeitweise bediene und dessen Werk, dank seiner Verg\u00e4nglichkeit, so gering ist, dass f\u00fcr eine weitreichende Sorge kein Platz ist.<\/i><\/p>\n<p><i>So gesehen, kann das Problem des Gastarbeiters nicht durch Ma\u00dfnahmen \u201aad hoc\u2019 , sondern nur durch radikale Umgestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen einer L\u00f6sung n\u00e4her gebracht werden. Denn eins scheint ja sicher zu sein: der Reichtum Westeuropas (diese einmalige Erscheinung unserer Geschichte) ist vom hier angeschnittenen Problem irgendwie in Frage gestellt, und zwar nicht nur wirtschaftlich ( das w\u00e4re sicher zu l\u00f6sen), sondern auch moralisch. Und die Art, wie diese moralische seite des Problems gel\u00f6st wird, ist zukunftstr\u00e4chtig.<\/i><\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><i> <\/i><i>( Von der Freiheit des Migranten, Bollmann 1994,51-54)<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><b>Interpretation <\/b><\/p>\n<p>Dieser Text aus den siebziger Jahren wurde erst von Stefan Bollmann aus Flussers Nachlass ver\u00f6ffentlicht wegen seines thematischen Bezuges zum \u201eMigranten\u201c.<\/p>\n<p>Flusser f\u00e4llt in Westdeutschland &#8211; als Besucher oder R\u00fcckkehrer aus Brasilien &#8211; ein speziell verlogener Euphemismus auf, der \u201eGastarbeiter\u201c. Er zerlegt das Wortunget\u00fcm in seine zwei Bestandteile. Er stellt beide ihrem traditionellem Pathos vor, um seiner Betrachtung dann doch den Unterschied zwischen Sklaverei und Lohnarbeit zugrunde zu legen. Es geht um ein menschliches \u201eWerkzeug\u201c f\u00fcr die industrielle Produktion. Flusser steigert die Verlogenheit des Euphemismus in satirischer Absicht durch eigene Ableitungen: \u201eFreundschaftsvertrag\u201c, \u201eGastfreund\u201c So weit w\u00e4re das eine geistreiche Glosse, mit moralischem Appell, da sie die missliche Situation des Gastarbeiters nachzeichnet. Sie bietet auch einen allgemein gehaltenen L\u00f6sungsansatz, wie wir ihn aus dem modernen Feuilleton kennen.<\/p>\n<p>Flusser hat den Text vielleicht sp\u00e4ter als Steinbruch benutzt. So findet sich das Motiv der \u201eBedrohung\u201c der Einheimischen durch die Anwesenheit des \u201eGastes\u201c in Essays zur Migration, besonders in \u201eExil und Kreativit\u00e4t\u201c ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Anders als das Ph\u00e4nomen \u201eWohnwagen\u201c hatte das Ph\u00e4nomen \u201eGastarbeiter\u201c keine Zukunftsperspektive. Es war eine Lebensl\u00fcge reicher und selbstgerechter L\u00e4nder und musste auch aus \u201ezukunftstr\u00e4chtigen\u201c , aber keineswegs moralischen Gr\u00fcnden, wie es Flusser vorschlug, aufgegeben werden. Dann wurde das Wort zum \u201aUnwort\u2019<i>.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Ein Relikt der Gastarbeiterzeit<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Ich besitze einen Gartenzwerg aus dem Schrebergarten meiner Wohnungsnachbarn. Das Ehepaar lie\u00df ihn zur\u00fcck, als sie mit Eintritt des Rentenalters in ihre spanische Heimat &#8211; mit eigenem Haus und l\u00e4ndlichem Garten \u2013 zur\u00fcckkehrte. Der Schrebergarten mit Gartenzwergen &#8211; Man hat sogar ihre Farbe aufgefrischt \u2013 war immer ein ein zweideutiges Zeichen: Er konnte als Zeichen der Anpassung gelesen werden. Denn der Zwerg hat die deutsche Zipfelm\u00fctze auf dem Kopf und h\u00e4lt ein Buch, in Deutschland ein Gegenstand mit hohem Ansehen. Der Garten mochte der Familie aber auch den verlassenen Garten in der Heimat ersetzen. Die \u00fcber Jahre unn\u00f6tig beengte Wohnsituation der Familie, spanische K\u00fcchenger\u00fcche und das spanische Gezwitscher dreier Generationen h\u00e4tten einem aufmerksameren Beobachter als mir in die andere Richtung weisen k\u00f6nnen. Zwei erwachsene S\u00f6hne blieben, als Deutsche \u201amit Migrationshintergrund\u2019, wie man heute sagt. \u2013 Eine in allen Hochkulturen vorkommende, unspektakul\u00e4re Geschichte.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[101],"tags":[],"class_list":["post-1515","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser-essays"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1515"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3493,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1515\/revisions\/3493"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}