{"id":14967,"date":"2023-07-01T22:04:10","date_gmt":"2023-07-01T20:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14967"},"modified":"2024-02-14T20:18:00","modified_gmt":"2024-02-14T19:18:00","slug":"animose-atmosphaeren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=14967","title":{"rendered":"Animose Atmosph\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><span style=\"color: #333333;\">Berlin, den 18.05.2023<\/span><strong><br \/>\n<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Das Jahr war bisher ein gutes Jahr f\u00fcr mich. Ich habe sehr nette Menschen gefunden, mit denen ich Studium und Freizeit in Berlin gestalten und genie\u00dfen kann. Ich besuche Ausstellungen \u2013 zuletzt etwa \u201e<a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?client=firefox-b-e&amp;q=Retrotopia.+Design+for+Socialist+Spaces\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Retrotopia. Design for Socialist Spaces<\/a>\u201c\u00a0 , \u201c<a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/gropiusbau\/programm\/2023\/indigo-waves-and-other-stories\/ausstellungstexte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Indigo Waves and Other Stories<\/a>: Re-Navigating the Afrasian Sea and Notions of Diaspora\u201d \u2013 und gehe zu politischen und historischen Vortr\u00e4gen und F\u00fchrungen. In meinem Theorie-Lesekreis, welchen wir im November gegr\u00fcndet haben, neigt sich der erste Sammelband dem Ende zu und wir freuen uns alle auf eine Fortsetzung in Form einer Theorie-Monografie. Es ist an der Zeit, dickere Bretter zu bohren. Und sonst erkunde ich weiterhin den riesigen Spielplatz unserer Hauptstadt mit all ihren Ecken und Facetten. Am liebsten genie\u00dfe ich aber aktuell den zwar noch unbest\u00e4ndigen, aber immerhin endlich beginnenden Sommer in und auf den Berliner Parks und Pl\u00e4tzen und schaue den kleinen H\u00e4schen in unserem Innenhof beim Wachsen zu.<\/p>\n<p>Die Seminarauswahl hat sich im Sommersemester als \u00e4u\u00dferst interessant erwiesen: Ich habe es in den Seminaren \u201e<a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/author\/heidlberger-bruno-320031176\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritische Theorie des Autoritarismus in &#8218;postfaktischen&#8216; Zeiten<\/a>\u201c sowie \u201eDas politische Denken Hannah Arendts\u201c mit zwei Alt-68ern als Dozenten zu tun, was den Vorteil hat, dass diese unabh\u00e4ngig von den Zw\u00e4ngen der Wissenschafts\u00f6konomie walten k\u00f6nnen und es ihnen dementsprechend m\u00f6glich ist, sehr viel mehr Zeit f\u00fcr die Seminargestaltung sowie die Betreuung von uns aufzuwenden. Die Didaktik liegt ihnen ebenfalls, da sie nicht vom Institut zur Lehre gezwungen werden, sondern es als ihre Berufung begreifen, der jungen Generation etwas von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung mitzugeben.<\/p>\n<p>Insbesondere einem Dozenten \u2013 der aussieht wie ein Hundertj\u00e4hriger und sich so langsam bewegt wie eine Schildkr\u00f6te, aber daf\u00fcr mental so fit ist wie ein Mittdrei\u00dfiger \u2013 gelingt es eine ungemein fruchtbare Diskussionsatmosph\u00e4re zu schaffen und sich so ein Gro\u00dfteil des Seminares tats\u00e4chlich an der Theorie-Exegese beteiligt.<\/p>\n<p>Im krassen Gegensatz hierzu steht die Atmosph\u00e4re in meinen anderen beiden Seminaren bei einer ebenfalls sehr sympathischen Dozentin, die Ankn\u00fcpfungspunkte zwischen feministischer und materialistischer Theorie sucht. Sowohl in &#8222;\u201eStaat, Macht und Geschlecht \u2013 materialistische und queer-feministische Staatstheorien\u201c und \u201e<a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/vv\/de\/lv\/801005?m=206794&amp;pc=126925&amp;sm=682860\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deconstructing Eurocentrism: Decolonial Perspectives on Gender, Knowledge, and Power<\/a>\u201c\u00a0 wurde dem Seminarbetrieb eine \u201eWarnung\u201c vorausgeschickt. Es gelte auf jeden Fall darauf zu achten, niemanden aufgrund von \u00c4u\u00dferlichkeiten spezifische Pronomen zuzuschreiben bzw. ein Geschlecht anzunehmen und niemanden zu beleidigen. Aber auch nachsichtig zu sein, wenn jemand einen Fehler macht.<\/p>\n<p>Eine mitstudierende Person musste dies unmittelbar kommentieren und klarstellen, dass es Grenzen gebe und sie nicht ruhig bleiben m\u00fcsse und werde, wenn jemand sie falsch adressiere oder beleidige. Ich f\u00fchlte mich daraufhin extrem unwohl wollte am liebsten sofort das Seminar verlassen. Ich kann mir schon keine Namen merken, wie soll ich dann noch die richtigen Pronomen f\u00fcr jede Person behalten, nachdem alle 60 von uns diese ge\u00e4u\u00dfert hatten? W\u00fcrde ich mich \u00fcberhaupt trauen, etwas zu sagen, bei meiner umgehend innerlich aufsteigenden Angst, etwas falsch zu machen?<\/p>\n<p>Ich unterhielt mich daraufhin mit einer Kommilitonin und Freundin, welche sich als non-binary identifiziert, sich also keinem Geschlecht zuordnet und eigentlich genau die \u201eZielgruppe\u201c darstellt, welche die Anfangsklarstellung \u201esch\u00fctzen\u201c und f\u00fcr welche sie eine \u201esichere Atmosph\u00e4re\u201c schaffen soll. Sie best\u00e4tigte mir daraufhin direkt, dass es ihr exakt wie mir ging: Kein F\u00fcnkchen Wohlf\u00fchlen, sondern tiefgreifende Verunsicherung und ein Fluchtinstinkt \/ Fluchtimpuls. Bis jetzt kommt es in den Seminaren kaum zu wirklichen Diskussionen. Stattdessen posaunen die meiste Zeit selbsternannte Expertinnen ihre geistigen Erg\u00fcsse zu den aktuellen Seminarthemen heraus. Die Seminartexte spielen dabei oft nur eine Rolle insofern sie ein vages Thema zur Verf\u00fcgung stellen, zu welchem die eigene Vielbelesenheit \u2013 im Gegensatz zur Unwissenheit der anderen \u2013 ihre Darstellung finden kann. Selbstreferentielle Inseln in einem animosen Meer der Unsicherheit. Der Dozentin ist zwar ihr Unbehagen bei dem Woche f\u00fcr Woche stattfindenden Trauerspiel anzusehen, doch traut sie sich nicht zu intervenieren. Und ich als einer der wenigen hetero-cis M\u00e4nner im Seminar traue mich auch nicht, meine doch so privilegierte Stimme zur Kritik zu erheben.<\/p>\n<p>In meinen anderen beiden Seminaren wurde kein vergleichbarer Disclaimer an den Anfang gestellt. Es wurde stattdessen davon ausgegangen, dass wir erwachsene Menschen sind, welche einen h\u00f6flichen Umgang miteinander zu pflegen imstande sind. Auf magische Weise entwickelte sich daraufhin ab der ersten Sitzung eine wohlwollende Atmosph\u00e4re, in der sich selbst unsicher wirkenden Menschen trauen, ihre Stimme zu erheben, Fragen zu stellen und sich produktiv einzubringen.<\/p>\n<p>Obwohl es sehr schade ist, dass die Diskussionen in zwei meiner Seminare so unbefriedigend verlaufen, tr\u00f6stet mich doch, dass ich das Ausgebliebene stets mit meinen Kommilitoninnen nachholen kann. derart unbefriedigend verlaufen, tr\u00f6stet mich doch, dass ich das Ausgebliebene stets mit meinen Kommilitoninnen* nachholen kann. Und das m\u00f6chte ich, denn die Texte sind teilweise durchaus interessant! Ich musste beim Lesen so manches Mal an dich denken und habe mich gefragt, wie deine (vermutlich) kritische Position wohl auss\u00e4he. Anbei sende ich dir einen der besseren Texte von einer russischen Theoretikerin, vielleicht juckt es dich ja in den Fingern, mal reinzulesen. Lass dich vom Titel nicht verunsichern, es geht kaum um Sexualit\u00e4t. Stattdessen bietet die Autorin einen \u00dcberblick \u00fcber die grundlegenden Perspektiven der dekolonialen Option aka der dekolonialen <em>Nicht<\/em>-Theorie an.<\/p>\n<p>Ich empfinde die dekoloniale Perspektive als unheimlich befruchtend. Wie oft haben wir \u00fcber die verstaubten Elfenbeint\u00fcrme der westlichen (Politischen) Theorie gesprochen. Endlich etwas grundlegend anderes! Ich kann den frischen Wind teils f\u00f6rmlich durch die Bl\u00e4tter rauschen h\u00f6ren. Es gibt eine Praxisperspektive, es liegt ein anderes Naturverh\u00e4ltnis zugrunde, (Kultur-)Geschichte spielt eine gro\u00dfe Rolle, v\u00f6llig andersartige Anthropologien werden pr\u00e4sentiert uvm. Aber lass uns das lieber mal pers\u00f6nlich besprechen \u2013 vielleicht ja sogar auf der Basis einer gemeinsamen Leseerfahrung.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p>J.M.\u00a0\u00a0 (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=13711\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unser Korrespondent in Berlin)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Berlin, den 18.05.2023 Das Jahr war bisher ein gutes Jahr f\u00fcr mich. Ich habe sehr nette Menschen gefunden, mit denen ich Studium und Freizeit in Berlin gestalten und genie\u00dfen kann. Ich besuche Ausstellungen \u2013 zuletzt etwa \u201eRetrotopia. 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