{"id":1486,"date":"2012-03-04T12:12:34","date_gmt":"2012-03-04T11:12:34","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1486"},"modified":"2013-12-14T12:57:30","modified_gmt":"2013-12-14T11:57:30","slug":"zukunftsvisionen-ohne-schrift-fs-12","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1486","title":{"rendered":"Zukunftsvisionen ohne Schrift (FS 12)"},"content":{"rendered":"<p>Hallo\u00a0 Annika Berressem! Ich bin ein Nachbar von Ihnen in den Flusser-Studies 12 und\u00a0 m\u00f6chte nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen, Ihnen mitzuteilen, was mir bei der Lekt\u00fcre von \u201eZukunftsvision ohne Schrift\u201c <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/berressem-zukunftsvision-fs12.pdf\">berressem-zukunftsvision fs12<\/a> durch den Kopf gegangen ist. Es wird zu wenig diskutiert, auch in dieser Publikation. \u00a0 \u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Ich fand es sehr sympathisch, dass Sie Flusser einem <i>Praxistest<\/i> unterworfen haben. Gut, dass Sie ausgehen von der Beobachtung, dass das Alphabet nicht ausgedient hat, aber der Charakter der Texte sich wandeln muss. Doch \u201eknackig-pr\u00e4gnant\u201c greift nur einen Aspekt f\u00fcr den \u201ePrintjournalismus\u201c heraus. Ebenso wichtig ist das hier unterbetonte \u201e\u00fcbersichtlich\u201c in seiner vollen Bedeutung. \u00dcbersicht und Orientierung werden sogar heute dringlicher vom Qualit\u00e4tsjournalismus verlangt, im besten Fall auch Sachkompetenz. Das lese ich z.B. immer wieder in der FAZ (Feuilleton). Kompetenz kann auch m\u00fcndlich Verbreitung finden, sollte dann aber zum Nachh\u00f6ren und Archivieren geeignet sein. Die \u00d6ffentlich-Rechtlichen bauen schon vor! Was ist eigentlich an \u201eInternetnachrichten\u201c so Besonderes?<\/p>\n<p>Auch von der Individualisierung der Erwartungen muss man reden! Wir d\u00fcrfen unsere ganz eigenen Fragen stellen, auch wenn die sich im nachhinein doch nur als typisch herausstellen sollten.<\/p>\n<p>\u201eDas fernsehtr\u00e4ge Auge\u201c?\u00a0\u00a0 Tr\u00e4gheit, auch geistige Bequemlichkeit,\u00a0 ist nichts Neues!<\/p>\n<p>Gut\u00a0 finde ich auch das alltagsbasierte Setting \u201eUniversit\u00e4t\u201c f\u00fcr Ihr Gedankenexperiment.<\/p>\n<p>Wenn Sie schreiben: \u201ef\u00fcr die Nachbereitung bleibt die Schrift unumg\u00e4nglich\u201c und: sie \u201evereinfacht es, neue Informationen zu verarbeiten und zu speichern\u201c, scheint mir der Knackpunkt bei der \u201eVerarbeitung\u201c zu liegen, wenn sie noch etwas mit begrifflichem Aufnehmen und Wiedergeben zu tun hat, nicht blo\u00df mit einer Verkn\u00fcpfung von der Art: \u201e Wenn folgendes Bild auftaucht, wenn sich die und die Ecke darin sich verf\u00e4rbt, wenn die und die Muster erscheinen, dann&#8230;.\u201c \u2013 Das w\u00e4re auch \u201averarbeiten\u2019. Und ist das nicht bereits f\u00fcr viele Qualifikationen Teil der Ausbildung und der st\u00e4ndigen Fortbildung?<\/p>\n<p>Dann sind wir bei \u201aMelvi\u2019 im Jahr 2040. Reizvoll: Wie Sie das schildern, soll sie ein \u201eStudium\u201c absolvieren unter Bedingungen des Technototalitarismus, von Samjatin (\u201aWir\u2019 1922) \u00fcber Huxley zu Orwell literarisch beschrieben \u2013 aber technisch aktualisiert!<\/p>\n<p>Bei Melvi kann man wohl von einem funktionalen Analphabetismus sprechen, der ihr erlaubt, Piktogramme zu \u201alesen\u2019, sofern sie die nicht lieber gleich einscannt. \u201ePer Fingerabdruck unterschreiben\u201c \u2013 das hatten wir doch schon. Und was dann der Minicomputer verwaltet, macht eine ganze vom Apparat konditionierte Existenz aus.<\/p>\n<p>Was wird wohl \u201ediskutiert\u201c beim \u201erealen Treffen\u201c \u2013 wenn alle aus denselben Informations-quellen sch\u00f6pfen? \u201eDie Universit\u00e4tsbibliothek\u201c besteht aus Dateien, die selbstredend st\u00e4ndig im Hintergrund aktualisiert, manipuliert werden.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren mussten die ostdeutschen Kommunisten zu diesem Zweck noch \u201aGiftschr\u00e4nke\u2019 mit eingeschr\u00e4nkter Zugangsberechtigung organisieren und gro\u00dfe Mengen nicht mehr opportune B\u00fccher loswerden, etwa, weil die Parole der <i>Wiedervereinigung <\/i>Deutschlands aufgegeben worden war. Sie exportierten sie auch in den Westen, wo ich ihnen im Antiquariat begegnete.<\/p>\n<p>\u201eWikipedia\u201c ist 2040 nat\u00fcrlich nur noch eine Fassade. Keiner wei\u00df mehr, was sie einmal war.<\/p>\n<p>Was soll Melvi mit Nahrungsmitteln anstellen? Ich w\u00fcrde sie einfach in die Kantine schicken. Und warum sollte sie denn \u201ezu Hause\u201c arbeiten? Was gibt es denn da Besonderes? Da ist sie ja isoliert. Die phantasierte Luxusuniversit\u00e4t wird doch wohl etwas Bequemlichkeit bieten.<\/p>\n<p>Dann weisen Sie auf die unterschiedlichen Qualit\u00e4ten menschlicher Sinne hin. \u201e\u00dcberblick\u201c hei\u00dft nicht umsonst so! Auf den Gesichtssinn wird man zugunsten des Geh\u00f6rs nicht verzichten. Aber was sollen \u201eRandnotizen\u201c?\u00a0 Wenn Melvi nicht weiter wei\u00df, aktiviert siedie Hilfsfunktion oder verlangt ein weiteres Beispiel. Der Apparat ist nat\u00fcrlich interaktiv und wiederholt ohne Probleme, bis die Information \u201averstanden\u2019 ist.\u00a0 Jeder derartige Prozess wird vom \u201aintelligenten\u2019 System zu seiner Vervollkommnung verwendet werden. Flusser hat das \u201aFeedback\u2019 an der Weiterentwicklung etwa von Fotokameras illustriert<\/p>\n<p>Ein wenig Lesen und Schreiben neben anderen neuen Techniken muss Melvi an der Uni aber lernen, nicht blo\u00df, damit sie das System f\u00fcr sich nutzen kann. Sie will oder soll ja in der Kompetenz-Hierarchie aufsteigen.<\/p>\n<p>Mit Recht weisen Sie auf die \u00dcberkomplexit\u00e4t (\u201eunvorstellbar\u201c) zivilisatorischer Entwicklungen hin.<\/p>\n<p>Dazu einen Vergleich aus der nahen Vergangenheit:\u00a0 Die chinesischen Revolution\u00e4re um Mao beabsichtigten lange, die chinesische Zeichenschrift nicht blo\u00df zu vereinfachen, sondern zugunsten des lateinischen Alphabets abzuschaffen. Es gelang nicht &#8211;\u00a0 wegen der v\u00f6lligen Verk\u00fcmmerung der konsonantischen Endungen im Chinesisch und wegen regionaler Dialekte, aber heute reagiert das elektronische W\u00f6rterbuch \u201eWenquxin\u201c bereits <i>intelligent <\/i>\u00a0(wie Google: \u201aMeinten Sie&#8230;?\u2019) auf die Anfragen in Lautschrift. Und das ist nur der Anfang.<\/p>\n<p>Am Ende h\u00e4tte ich mir aber gew\u00fcnscht von einer freien Arbeit und einer Publikation in den Flusser-Studies, dass Sie erkennen lassen, dass ein solches Szenario f\u00fcr Flusser auch ein Schreckensszenario war (wenn er nicht gerade \u201ahigh\u2019 war). Oder doch, was Sie selbst davon halten. Vielleicht teilen Sie es mir ja mit.\u00a0 Mit freundlichem Gru\u00df&#8230;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 4.3.2012<\/p>\n<p><em>Eine Antwort habe ich zu meiner Entt\u00e4uschung von der Studentin nie bekommen. \u00a014.12.13<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo\u00a0 Annika Berressem! Ich bin ein Nachbar von Ihnen in den Flusser-Studies 12 und\u00a0 m\u00f6chte nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen, Ihnen mitzuteilen, was mir bei der Lekt\u00fcre von \u201eZukunftsvision ohne Schrift\u201c berressem-zukunftsvision fs12 durch den Kopf gegangen ist. 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