{"id":1475,"date":"1998-08-13T14:14:22","date_gmt":"1998-08-13T13:14:22","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1475"},"modified":"2016-10-05T20:55:35","modified_gmt":"2016-10-05T19:55:35","slug":"homo-ludens-lektuere-1998","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1475","title":{"rendered":"Huizinga &#8218;Homo Ludens&#8216;-Lekt\u00fcre 1998"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0Notizen<\/em><em>\u00a0mit Blick auf das altgriechische Verst\u00e4ndnis von &#8218;Spiel&#8216; als &#8218;Agon&#8216;<\/em><em style=\"font-style: italic;\">\u00a0&#8211; Seitenangaben nach der Ausgabe von\u00a0<\/em><em style=\"font-style: italic;\">1956<\/em><em style=\"font-style: italic;\">\u00a0als rde Band 21.<\/em><em>\u00a0<!--more-->(Unterrichtsvorbereitung \u00a0f\u00fcr Geschichte 11. Klasse)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>1<\/b>.<\/p>\n<p>Homo ludens &#8211; Johan Huizinga hat 1938 ein radikales,\u00a0 ein geniales Konzept!\u00a0Ich h\u00e4tte nicht gedacht, wie viel sich hinter\u00a0 \u201eSpiel\u201c, \u201eludus\u201c\u00a0 verbirgt!\u00a0 \u201eHomo faber\u201c &#8211; wie harmlos, \u201ehomo oeconomicus\u201c &#8211; wie vordergr\u00fcndig, \u201eHomo politicus\u201c &#8211;\u00a0 wie missverst\u00e4ndlich!<\/p>\n<p>Der Mensch spielt, aber um Kopf und Kragen, und in den unterschiedlichsten Systemen,\u00a0und\u00a0 &#8211;\u00a0 wie die ber\u00fcchtigten G\u00f6tter mit den armen Sterblichen!<\/p>\n<p><i>\u201eAgon\u201c &#8211;<\/i> Wettstreit, Konkurrenz usw. &#8211; steht als unleugbarer \u201eewiger\u201c Antrieb so au\u00dfer\u00a0Zweifel, dass sich die Aufmerksamkeit sofort auf einen entsprechenden \u201eGegenspieler\u201c\u00a0richtet, an dem sich das Schicksal der Gruppen und Systeme entscheidet.<\/p>\n<p><b>2<\/b>.<\/p>\n<p>Mein Interesse gilt dem \u201eeurop\u00e4ischen Sonderweg\u201c und seinen angeblichen \u201eWurzeln\u201c in der griechisch-r\u00f6mischen \u201eAntike\u201c. Erste Bilanz aus dem 6.Kapitel (\u201eSpiel und Wissen\u201c, S.105ff.):<\/p>\n<p>Der \u201eagonale\u201c Charakter des altgriechischen\u00a0 Philosophiebetriebs war <span style=\"text-decoration: underline;\">keine<\/span> speziell griechische Eigenart, im Gegenteil:\u00a0Fragen nach der Entstehung der \u201eWelt\u201c(\u201ekosmogonische\u201c)\u00a0 sind\u00a0 als \u201eprim\u00e4re Besch\u00e4ftigung des menschlichen Geistes\u201c\u00a0 wie bei allen Kindern, so auch in allen Traditionen der Menschheit zu finden. So scheinen \u201eheiliger Wettstreit\u201c oder das \u201eHalsr\u00e4tsel\u201c* zum Kulturerbe der Menschheit zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>*Fragen mit dem Zweck, den Gegen\u00fcber in eine Zwangslage zu \u201ebannen\u201c, aus der ihn erst die \u201eL\u00f6sung\u201c buchst\u00e4blich befreit, die aber nur aus der Kenntnis gewisser Spielregeln und eines\u00a0 &#8211; verabredeten &#8211; Spielfeldes zu\u00a0 gewinnen ist (S.111), an das \u201eSatori\u201c des Zen erinnernd.<\/p>\n<p><b>3<\/b>.<\/p>\n<p>Ein Gang in die Stadtb\u00fccherei belehrt mich dar\u00fcber,\u00a0 dass Huizinga in seiner scheinbar respektlosen Vorstellung der Weltstars der griechischen Philosophie eine Gratwanderung\u00a0 macht,\u00a0 mit der unbeirrbaren Geradlinigkeit einer R\u00f6merstra\u00dfe durch unwegsames Gel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Er selber entschuldigt seine dringliche Eile im Vorwort von 1938.\u00a0Auch mein Unterricht soll\u00a0 eher Land vermessen, Schneisen schlagen und Wege bahnen als sogenannte Ergebnisse vermitteln. Falsche Erwartungen in meine Kompetenz muss ich aufkl\u00e4ren. Positionen vertrete ich mit beschr\u00e4nkter Haftung in Raum und Zeit.<\/p>\n<p><b>4<\/b>.<\/p>\n<p>Huizinga hat mir wieder den Blick ge\u00f6ffnet f\u00fcr eine\u00a0 kreative und selbstbewusste kleine Nation der Hellenen an der Peripherie der Gro\u00dfm\u00e4chte ihrer Zeit. Wie zog ich fr\u00fcher \u00fcber S\u00e4tze wie \u201eWir Hellenen sind frei, die Barbaren sind Sklaven\u201c her! Der kollektive D\u00fcnkel der Griechen, viele Beweise von Neidkultur und sozialer Unempfindlichkeit hielten mich auf Distanz; der historische Ruhm von Athen\u00a0schien unverdient&#8230; \u201eEin Strohfeuer leuchtet durch die Jahrtausende\u201c (Althistoriker Christian Meier) &#8211; grotesk!\u00a0Sicher hat\u00a0 meine Besch\u00e4ftigung mit den Japanern\u00a0den Meinungsumschwung vorbereitet!\u00a0 Doch auch die\u00a0 Kenntnis moderner Kleinstaaten wie Israel, der Schweiz oder D\u00e4nemark war n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>&#8211; Faktisch hie\u00df im 5. Jahrhundert die Bewahrung der Freiheit in den Perserkriegen, dass die\u00a0Griechen des Kernlandes <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> kolonisiert wurden: Sie konnten ihre archaische Kultur in Freiheit zivilisieren im geistigen Raum ihrer Muttersprache. Sie konnten &#8211; ob in Sparta oder in Athen &#8211;\u00a0 sehr eigenartige Probleml\u00f6sungen ausprobieren und diskutieren, recht fr\u00fch mit\u00a0 den M\u00f6glichkeiten einer\u00a0 entwickelten st\u00e4dtischen \u00d6ffentlichkeit. Das ausgepr\u00e4gte Selbstbewusstsein gr\u00fcndete auf der milit\u00e4rischen Selbstbehauptung\u00a0als politischer David gegen\u00fcber dem Perserreich (500-480 v.Chr.), aber auch auf wirtschaftlichem Erfolg (wozu auch die \u201eKolonisation\u201c geh\u00f6rt)\u00a0 und der unbestreitbaren Emanzipation\u00a0 von den ehemaligen Vorbildern\u00a0 in Syrien, Persien, \u00c4gypten. Sp\u00e4testens mit Alexander wirkte der \u201eHellenismus\u201c sogar auf diese zur\u00fcck.<\/p>\n<p><b>5<\/b>.<\/p>\n<p>In dieser experimentellen Situation (verglichen mit den Bedingungen b\u00fcrokratischer Herrschaft) gab es ein paar speziell wirksame Faktoren:<\/p>\n<p><b>a<\/b><\/p>\n<p>Vor allem mit der Aufl\u00f6sung der gentilen und aristokratischen Ordnung\u00a0 war\u00a0 \u201eisonomia\u201c &#8211;\u00a0 d.h. Kommunikation unter den Bedingungen der Gleichheit unter den B\u00fcrgern &#8211; immer allgemeiner akzeptiert.\u00a0Das \u201eStrohfeuer\u201c hat wohl als Impuls in den \u00fcbersichtlichen \u00d6ffentlichkeiten ausgereicht, angesichts der engen Verbindung der Philosophen mit ihrem Gemeinwesen. Wenn Athen auch kein Philosophenstaat wurde, so doch ein Kleinstaat politisierter Intellektueller. Und im schlimmsten Fall bot sich bei den kleinstaatlichen Rivalit\u00e4ten immer ein passendes Exil.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrlicher war der \u201eWortkampf\u201c im h\u00f6fischen Milieu: Huizinga nennt einen mittelalterlichen Fall f\u00fcr b\u00f6se Folgen offenen Redestreits, ich erinnere mich an die Folgen der Diskussion unter Makedonen um \u201eproskynese\u201c (h\u00f6fischer Kniefall) vor den Ohren Alexanders des Gro\u00dfen!<\/p>\n<p><b>b<\/b> Huizinga S.38ff<\/p>\n<p>S.67ff\u00a0 Tugend aret\u00e9 war immer mit Wettstreit um die Anerkennung als Besten \u00e1ristos verbunden.<\/p>\n<p>S.68 best\u00e4ndiger Kampf um \u201eEhre\u201c, best\u00e4ndiges \u00dcben in der \u201eTugend\u201c von der homerischen Gefolgschaft an bis zur athenischen Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>&#8211; Das bedeutete auch eine Zivilisierung der archaischen Gro\u00dffamilien durch ihre Einbindung als wirtschaftlich autarke Familien (oikos, domus) in die Gemeinde (polis).<\/p>\n<p>Weitere Einzelheiten f\u00fcr die Tradition von Wettk\u00e4mpfen auf allen Bereichen, die von den Griechen nach \u201eStaat, Krieg, Recht\u201c oder nach \u201eKraft, Weisheit, Reichtum\u201c klassifiziert wurden:<\/p>\n<p>S.72\u00a0 Tradition festlicher und zeremonieller Schimpfwettstreite<\/p>\n<p>S.76\u00a0\u00a0 Initiationspr\u00fcfungen f\u00fcr Jugendliche in Sparta<\/p>\n<p>S.77\u00a0 Trinkwettbewerbe in Symposien, vom Chorenfest her, manchmal mit Todesfolge<\/p>\n<p>&#8211; F\u00fcr mich wirft das ein neues Licht auf die Kultur der Exzesse, f\u00fcr die griechischen\u00a0 M\u00e4nner (soweit Adlige, St\u00e4dter, freie B\u00fcrger) ber\u00fcchtigt waren.\u00a0&#8218;Auch auf den Wunsch mitzuspielen bei den &#8222;Banausen&#8220;, Handwerkern und Bauern. (vgl. die Diskussion um das Denkmal f\u00fcr die &#8222;Tyrannent\u00f6ter&#8220; in Athen)<\/p>\n<p>S.79f.\u00a0 Auch der\u00a0 Streit vor Gericht wurde als <i>agon<\/i> verstanden.<\/p>\n<p>S.144\u00a0 Philosophie erschien als \u201eFrucht der freien Zeit\u201c, also der Spielsph\u00e4re.<\/p>\n<p>S.142ff\u00a0 Sophisten wirkten als Schauredner in der Tradition R\u00e4tsel l\u00f6sender Priester.<\/p>\n<p>S.148\u00a0 Zur Form des philosophischen Dialogs: Der Wortkampf war f\u00fcr die Griechen eine angemessene literarische Form zur Wiedergabe und Beurteilung einer heiklen Frage\u00a0&#8211; zB \u00a0zwischen den Spartanern Archidamos und Sthenelaides zur Frage des Krieges gegen Athen 432 v.Chr.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0 Zum Bild der Hellenen geh\u00f6rt unbedingt die Wertsch\u00e4tzung des Auftritts und Vortrags, also der pers\u00f6nlichen Aura im\u00a0 musischen Bereich gegen\u00fcber den bildenden K\u00fcnsten, worin ihnen das abgewertete handwerkliche Element\u00a0 zu stark hervortritt! Damit wird die moderne moralisierende Abwertung der Rennwagenbesitzer und Berufssportler in den Olympischen Spielen und an der Konkurrenz der \u201eSchatzh\u00e4user\u201c, eher Schauh\u00e4user der einzelnen St\u00e4dte in\u00a0 Delphi\u00a0 altgriechischer Lebensart nicht gerecht.<\/p>\n<p><b>6.<\/b><\/p>\n<p>S. 147\u00a0 Huizinga l\u00e4\u00dft Sokrates und Plato bewu\u00dft in dieser Sph\u00e4re agieren.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0 Anders als Paul Feyerabend, mit dem er die Parteinahme f\u00fcr die Kreativen teilt, sucht er <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> an Plato den Ursprung aller \u00dcbel der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte festzumachen und einen geraden Strich zur Diktatur der modernen Experten zu ziehen!<\/p>\n<p><b>7.<\/b><\/p>\n<p>Die Hellenen sind nicht schuld an ihrem zweifelhaften Bildungserfolg im R\u00f6mischen Imperium und an der\u00a0 Transformation in Byzantinismus einerseits, in\u00a0 extrem verarmte Schulweisheit christianisierter germanischer Kolonialv\u00f6lker andererseits.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Text kontrolliert am 12.12.2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Notizen\u00a0mit Blick auf das altgriechische Verst\u00e4ndnis von &#8218;Spiel&#8216; als &#8218;Agon&#8216;\u00a0&#8211; Seitenangaben nach der Ausgabe von\u00a01956\u00a0als rde Band 21.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,21],"tags":[],"class_list":["post-1475","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_tagung","category-philosophen-suchen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1475"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5674,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475\/revisions\/5674"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1475"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1475"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1475"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}